Zu Fuss (4 Stunden)

Glatte Vorzeit

Von Thomas Widmer

Wenn wir in Thusis, noch auf dem Perron, gegen Süden schauen, sehen wir exakt in der Verlängerung der Bahngeleise einen dramatischen Einzelfelsen. Da hinauf wollen wir! Und also laufen wir die Dorfstrasse hoch bis zum Kreisel und überlassen uns dort dem Wegweiser «Hohen Rätien», der beim Restaurant «Beverin» die Strasse links hinabführt, über den Rhein und unter der Autobahn hindurch. Hier beginnt der Steilpfad zur Burg, die eine eigene Kolumne verdiente: heidnischer Kultplatz, frühchristliche Taufstätte, mittelalterliche Trutzburg. Ritter Cuno, den letzten Burgherrn, wollte das Volk lynchen; er sprang samt seinem Ross in die Tiefe.

Die Anlage von Hohen Rätien, von der aus man auch prächtig den Einschnitt der Viamala-Schlucht ein paar Kilometer weiter erahnt, ist aber nicht unser Hauptziel. Zurück beim Eintrittskreuz, visieren wir den Aussichtspunkt Crap Carschenna an. Bald sind da am Weg Schilder zu den «Felszeichnungen»; ihnen gilt die Wanderung. Sie liegen nah Crap Carschenna halb im Wald, halb auf einer kleinen Lichtung, über die – eine gute Hilfe beim Fein-Scouting – eine Starkstromleitung führt. Auf der Lichtung steht im Übrigen auch eine Infotafel.

Hier entdeckte 1965 ein Forstingenieur unter Moos und Humus Wundersames: prähistorische Gravuren. Insgesamt elf Felsrücken aus Schiefer, glatt geschliffene Relikte der Gletscherzeit, wurden freigelegt, in die der «Homo Vorzeit» irgendwann zwischen 1800 und 600 vor Christus Sonnenkreise eingemeisselt hatte, Kreuze, Strichmännchen auf Strichpferden. Eine eindrückliche Sache, auch wenn viele der Gravuren stark verwittert sind, es packen den Durchschnittszyniker der Gegenwart spirituelle Gefühle. In Anbetracht der Würde und Weite des Platzes, von dem man in Erhabenheit auf den 400 Meter tiefer das Domleschg mächtig durchströmenden Hinterrhein blickt, sei mir – nur dieses eine Mal, ich versprech’s – ein abgedroschener Begriff erlaubt: Dies ist nun wirklich ein Kraftort.

Rückkehr: Nach Hohen Rätien und in einer Schleife via Burg Ehrenfels nach Thusis. In den vier Stunden sind die Besichtigungen mitgerechnet.
Vorsicht: In dem felsigen Gelände müssen Kinder
beaufsichtigt werden.
Literatur: P.E. Müller: Eine Landschaft der Symbole. Die Felsbilder von Carschenna. Terra Grischuna, 2004. 94 S., Fr. 32.–
E. Good/P. Hänni: Magisches Graubünden. Wanderungen zu Orten der Kraft. AT-Verlag, 2005. 237 S., Fr. 38.–
Download: Wanderkarte als PDF

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