Washington vibriert, und Bob Woodward entpuppt sich wieder einmal als Meister des Timings. Während deutlich wird, dass Karl Rove, des Präsidenten brillant-berüchtigter Stratege, Reporter mit vertraulichen Informationen beliefert hat, publiziert der Übervater des investigativen Journalismus seine Erinnerungen an Deep Throat, die legendärste aller anonymen Quellen. In dem eben erschienenen Buch «The Secret Man – The Story of Watergate’s Deep Throat» erweist Woodward Mark Felt, seinem Informanten in der Watergate-Affäre, eine späte Ehre.
Natürlich ist der Fall Rove weniger brisant als Watergate. Beim Verrat der verdeckten Identität einer CIA-Agentin scheint es vor allem um die Diskreditierung ihres Mannes gegangen zu sein, der als Diplomat die Bush-Regierung kritisierte. Doch wie Woodward in seinem Buch nahe legt, sind die Motive von Informanten selten ehrenwert und verstricken sich auch Journalisten oft im Netz von Enthüllungsdrang, Eigeninteressen, kleinen Vertrauensbrüchen. Den Befund bezieht er selbst auf die Aufdeckung des Watergate-Skandals, dessen Verfilmung ihn und seinen Kollegen Carl Bernstein zu journalistischen Halbgöttern machte.
Ohne die Enthüllungen, die zum Rücktritt von Präsident Richard Nixon führten, hätte Woodward seine steile Karriere nicht gemacht. Er hat selbst in der Regierung von George W. Bush ein Dutzend Quellen, schliesslich ist er der Mann, der das Geheimnis von Deep Throat wahrte, bis dessen Familie es lüftete. Doch bei der Lektüre von «The Secret Man» lernt man einen Woodward kennen, den seine klandestine Beziehung zum Watergate-Informanten bis heute belastet, ja verfolgt. Immer wieder wälzte er die Frage des Motivs der damaligen Nummer zwei des FBI, die ihm nächtens in der Tiefgarage Informationen lieferte. Er zeichnet Mark Felt widersprüchlich: einerseits als FBI-Mann der alten Schule, der Nixons Gängelungsversuche abwehren wollte, andererseits als autoritären Hüter des Gesetzes, der den zivilen Ungehorsam der sechziger Jahre als Bedrohung ansah. Oder war Felt gar nur ein manipulativer Karrierebürokrat, der endlich ins FBI-Chefbüro einziehen wollte?
Doch Woodward ist seinem Informanten auch dankbar. Er hat sogar ein schlechtes Gewissen. Die Enthüllungslawine um Watergate riss nämlich am Ende auch Mark Felt mit. Dieser wurde Ende der siebziger Jahre in einer anderen Untersuchung gegen das FBI verurteilt, Woodward aber kam zu Ruhm, Ehre und lukrativen Buchverträgen. Für den Watergate-Bestseller «All the President’s Men» ritzte er zudem die Abmachung mit Felt, der insistiert hatte, dass in der Berichterstattung nicht mal die Existenz einer anonymen Quelle vorkommen dürfe. Woodward stand vor dem klassischen Dilemma: den Wunsch buchstabengetreu respektieren oder die Geschichte so erzählen, wie sie sich abgespielt hatte. «Ich dachte nie daran, die Details seiner Rolle auszulassen», schreibt er nun. Doch als er seine Quelle nach der Publikation des Buches anrief, hängte Deep Throat kommentarlos den Hörer auf. Er hatte nicht einmal gewusst, dass er bei der Washington Post nach einem Pornofilm benannt worden war.
Für einmal ist ein Buch Woodwards keine Enthüllungsgeschichte, sondern eine Art Geständnis. Er, der Deep Throats Identität erst nach dessen Tod offenbaren wollte, schrieb den ersten Entwurf bereits vor drei Jahren, nachdem er einen Mark Felt wieder getroffen hatte, der unter Demenz litt. 19 Jahre lang hatte sich der Journalist nicht getraut, Felt anzurufen – ob aus Angst vor dessen Reaktion oder aus Scham, da bleibt Woodward nebulös. Als er es doch tat, konnte sich dieser der Ereignisse nicht mehr genau entsinnen.
Mit seinen Erinnerungen an Deep Throat hält Woodward aber auch ein Plädoyer. Für den Schutz anonymer Quellen, und zwar unabhängig vom Motiv, das heute in Washington rund um den Fall Rove so zu reden gibt. Watergate kam nicht ins Rollen, weil sich zwei Helden trafen. Sondern Mark Felt und Bob Woodward nutzten für einen Moment die Vorteile ihrer Bekanntschaft – was, wie so häufig im Medienalltag, zum Scoop führte. Sie handelten eigennützig; trotzdem zweifelt heute niemand daran, dass sie das Richtige taten.













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