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13.07.2005, Ausgabe 28/05

Terrorfürst

«Dschihad ist eine religiöse Pflicht»

Abu Mohammed al-Makdisi ist Vordenker der Islamisten in Europa. Kurz vor seiner Verhaftung gab er dieses Interview.

Von Marwan Shehadeh

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Der Jordanier Abu Mohammed al-Makdisi ist derzeit einer der einflussreichsten Ideologen radikaler Islamisten. Sein Denken beeinflusst weltweit die Dschihad-Bewegung. Er ist in Personalunion Chefideologe radikaler Islamisten und militanter Kämpfer gegen den Westen.

Sein berühmtester Schüler ist Landsmann Abu Musab al-Sarkawi, dessen Anhänger heute im Irak mit Selbstmordattentaten den Kampf gegen die amerikanischen Truppen anführen. Al-Makdisi beeinflusste auch Omar Machmud Abu Omar, der besser unter seinem nom de guerre Abu Katada bekannt ist und in London politisches Asyl erhielt, wo er zum heiligen Krieg aufruft (siehe auch Interview mit Petter Nesser).
Zusammen mit al-Sarkawi gründete al-Makdisi in Jordanien in den neunziger Jahren eine Geheimorganisation, die dem heiligen Krieg verpflichtet ist. Der jordanische Geheimdienst kam ihnen aber auf die Schliche und stellte in zahlreichen Verstecken Waffen sowie Explosionsmaterialien sicher. Dafür sassen Makdisi und Sarkawi ab 1995 während vier Jahren im Gefängnis. Die Gefangenschaft nutzten die beiden, um neue Aktivisten zu rekrutieren. Makdisi schrieb in der Zelle auch Essays und verfasste mehrere Dutzend Fatwas.

Im Rahmen einer Amnestie liessen die jordanischen Behörden al-Makdisi und Sarkawi vor sechs Jahren frei. Sarkawi ging zunächst nach Afghanistan, später in den Irak. Makdisi wurde voriges Jahr wieder der Prozess gemacht. Die Anklageschrift warf ihm Anschläge gegen US-Ziele in Jordanien vor. Erst Ende Juni kam Makdisi wieder frei – allerdings nur, um wenige Tage später wieder verhaftet zu werden, weil er angeblich Terrorgruppen ausserhalb Jordaniens kontaktiert habe.

Der jordanische Journalist Marwan Shehadeh konnte wenige Stunden vor Makdisis Verhaftung ein Interview mit dem Terroristen führen. Al-Makdisi hat sich – entgegen anderslautenden Agenturmeldungen – nie von seinem Schüler Sarkawi distanziert.

Interview: Marwan Shehadeh
Was sagen Sie zu westlichen Vorwürfen, Sie wiegelten Terroristen auf?

Was diese Leute als «Terrorismus» bezeichnen, ist in unserer Religion Dschihad. Allah sagt: «Und rüstet für sie, so viel ihr an Kriegsmacht und Schlachtrossen [aufzubringen] vermögt, um damit Gottes und eure Feinde einzuschüchtern.» Dschihad ist auch eine religiöse Pflicht, obwohl die Feinde unserer Religion alles daransetzen, dies zu verunglimpfen. Den Islam und die Muslime mit Terrorismus in Verbindung zu bringen, ist das Ergebnis einer amerikanischen Kampagne, die von arabischen und islamischen Regimen übernommen wurde. Die religiöse Pflicht des Dschihad im Islam ist eine der reinsten und wichtigsten Bestimmungen. Es gibt Vorschriften für die Kriegszeit, für den Kampf und die Kapitulation. Sie unterscheiden sich von allen anderen Gesetzen. Unsere Religion verbietet uns, Aggressionen zu begehen, Unrecht zu tun, Frauen, Kinder oder Alte zu töten. Ja, es dürfen nicht einmal Bäume herausgerissen werden. Ziel unseres Verhaltens und unserer Taten ist es, Gott dem Allmächtigen zu gefallen und die Menschen aus der Dunkelheit zu befreien, sie zum Licht zu führen, denn wir streben nach dem Wohl der Menschen, um sie vor dem Zorn Gottes des Allmächtigen zu bewahren.

Videos zeigen, wie Unschuldige geköpft werden. Ist das der wahre Dschihad?
Solche Bilder werden von den Feinden des Islam ausgenutzt, um die Leute vom Dschihad fernzuhalten und die Mudschaheddin als Mörder darzustellen, die nicht zwischen Zivilisten und Soldaten unterscheiden. Doch das stimmt nicht. In meiner Schrift «Über die Früchte des Dschihad» habe ich darauf hingewiesen, dass die Mudschaheddin die Leute gemäss ihren geistigen Fähigkeiten ansprechen müssen. Sie müssen auch berücksichtigen, was in dieser Phase des islamischen Dschihad notwendig ist. Abgesehen davon haben die Mudschaheddin ihre eigenen Einschätzungen, denen ihre Beobachtungen und die aktuellen Erfordernisse zugrunde liegen. Wir als Aussenstehende können vielleicht nicht beurteilen, ob es notwendig ist, dass sie Terror gegenüber den Besatzungssoldaten ausüben.

Sie sind der Mentor von Musab al-Sarkawi. Wann trafen sie ihn zuletzt?
1999, nach unserer Entlassung und bevor er nach Afghanistan aufbrach. Zu der Zeit hatten er und einige Brüder aus seiner Gruppe schon beschlossen, mit ihren Familien unter dem Taliban-Regime zu leben. Später hat er öfter mit mir telefoniert, von Pakistan und Afghanistan aus. Er übermittelte mir Grüsse von Osama Bin Laden. Bei einem dieser Telefonate berichtete er mir, dass er Bin Laden gebeten habe, meine Bücher und Schriften als Unterrichtsmaterial für Mitglieder von al-Qaida zu verwenden. Bin Laden hat dies abgelehnt, weil er zu jener Zeit keinen Konflikt mit dem saudischen Regime haben wollte.

Viele junge Leute, die an die Idee des Dschihad glauben, orientieren sich an Ihren Schriften. Würden Sie anerkennen, dass Sie eine gewisse Verantwortung tragen?
Ich verurteile die Mudschaheddin nicht, aber ich kritisiere einige ihrer Irrtümer, vor allem eindeutig falsche Handlungen. Der Islam ist eine Religion, die respektiert werden muss, die religiösen Vorschriften sind streng zu beachten. Die dschihadistische da’wa (Ruf) muss geschützt werden vor irrigen Handlungen, die künftigen Generationen vielleicht als Orientierung dienen. Diese Mission ist eine der Aufgaben, die ich zu erfüllen habe.

Was sind die Ergebnisse von al-Sarkawis «Handlungen» im Irak?
Im Kampf gegen die Besatzungsmächte in Afghanistan, Bosnien, Tschetschenien haben wir festgestellt, dass eine der Segnungen des Dschihad darin bestand, die Jugend zu mobilisieren und eine religiöse Wiedererweckung herbeizuführen. Dies ist eines der wichtigsten Resultate in diesen Ländern, ganz gleich, ob die grossen Ziele dort verwirklicht wurden oder nicht. Die Erfahrungen in Afghanistan zeigen aber, dass eine militärische Besatzungsmacht, wie stark sie auch sein mag, den Willen der Gläubigen nicht brechen kann. Auf dieser Grundlage kann der irakische Widerstand, so Gott will, den Besatzer vertreiben, zum Wohl des irakischen Volkes und im Interesse einer religiösen Wiedererweckung. Das wird Auswirkungen auf alle anderen arabischen und islamischen Staaten haben, vorausgesetzt, die Widerstandsbewegung entscheidet sich für die besten Optionen und vermeidet umstrittene Aktionen, die die Menschen von der islamischen da’wa fernhalten und vielen unschuldigen Irakern das Leben kosten.

Sie gelten als einer der Theoretiker der Salafija Dschihadija – einer extrem militanten Gruppe, die gegen andere Muslime den Vorwurf der Ungläubigkeit [takfir] erhebt.
Verschiedene Regierungen haben behauptet, wir seien eine militante oder terroristische Gruppe. Mit solchen Beschuldigungen soll verhindert werden, dass die Menschen unserer da’wa folgen. Kernpunkt unserer Theorie ist der Begriff der «Herrschaft». Die Regierungen üben ihre Herrschaft in einer Weise aus, die eine Anwendung der wahren religiösen Vorschriften unmöglich macht, sie verunglimpfen uns und unsere Auffassungen unter dem Vorwand, dass wir ganze Gesellschaften als Ungläubige bezeichnen. Solche Beschuldigungen entbehren jeder Grundlage. Im Gegenteil, wir warnen in unseren Schriften davor, anderen Muslimen Ungläubigkeit vorzuwerfen. Heute wird die Herrschaft, statt sie bei Allah dem Allmächtigen zu belassen, an andere Institutionen übertragen, und es gibt den Trend, positive Gesetze zu erlassen, während gleichzeitig die Gesetze Allahs aufgehoben werden.

Kann man denn überhaupt ganzen Gesellschaften Ungläubigkeit vorwerfen?
Ganzen islamischen Gesellschaften Ungläubigkeit vorzuwerfen, ist mir fremd. In unseren Schriften wird ja auch ganz eindeutig vor solchen Irrtümern gewarnt. In meiner Schrift «Warnung vor dem Takfir» äussere ich mich dazu sehr klar, und es ist eines der Bücher, dessen Lektüre ich jungen Leuten ganz besonders ans Herz lege. Ich empfehle meinen Brüdern im irakischen Widerstand, sich an die Gebote Allahs des Allmächtigen zu halten und Irrwege zu vermeiden.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 28/05
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