Kaufzwang

Die Beine

Kann ein Mann distanziert über Mariah Carey schreiben, nachdem sie ihm ihre Schenkel gezeigt hat? Nicht unser Kolumnist.

Von Mark van Huisseling

«Können Sie sich frei bewegen in New York?» – «Wissen Sie, was? Ich leb in Tribeca, das ist so eine Art... Robert De Niro hat es bekannt gemacht. Aber, ähm, es ist nicht so was wie mein liebster Platz zum Rumlaufen.» – «Welches ist denn Ihr liebster Platz zum Rumlaufen?» – «Eigentlich sind die New Yorker ziemlich abgestumpft. Wenn du dich an schicken Orten aufhältst, ist es okay, und die meisten Leute belästigen dich nicht. Aber wenn ich auf dem Times Square bin, zurechtgemacht als ich selber – ja, dann gibt es viele Leute um mich rum irgendwie.» – «Haben Sie noch Bezug zur Aussenwelt? Wissen Sie, wie viel ein Frappuccino kostet bei ‹Starbucks› oder eine Ausgabe der New York Post?» – «Nein, solches Zeugs weiss ich nicht, haha, davon bin ich weit weg. Was wirklich bizarr ist: Ich wuchs auf ohne Geld. Dann lebte ich in New York, allein, mit siebzehn, und hatte einen Dollar am Tag. Und ich wusste nicht, was Dinge kosten, weil ich kein Geld hatte. So kam ich von diesem Extrem zu meinem ersten Scheck von der Plattenfirma. Und dann hatte ich Leute, die diesen Aspekt meines Lebens regelten. Heute ist es wie ein Spass-Ausflug, in ein Geschäft zu gehen und normal zu sein. Ich denk, mein Punkt ist: Ich ging von gar nichts zu haben zu, hauptsächlich, keinen Zugang zu haben, Dinge zu kaufen. Es passierte über Nacht, als ich sehr jung war.»

Als ich in die Parallelwelt auf dem Planeten Mariah darf – also in ihre dunkle Suite im «Hyatt» in Köln – bürstet eine Frau grad ihr Haar. (Sie hat Haarverlängerungen, vermutlich.) Sie bietet Platz an auf dem Sofa, bei sich. Als ich mich auf einen Stuhl daneben setze, legt sie ihre Beine hoch auf das Sofa. Ich denke, das tut sie für mich. Also ich mein, weil ich ein Mann bin und es schwierig ist, über eine Frau mit guten Beinen schlecht zu schreiben. (Wenn sie sie einem ins Gesicht streckt, jedenfalls.) Sie trägt ein kurzes braunes Kleid mit tiefem Ausschnitt, gelbe Sandaletten und hat falsche Wimpern angeklebt. Eine Frau bringt ein Glas Rotwein. «Mein feierliches Glas Rotwein – in einem Champagnerglas.» – «Sie verdienen es – Ihr Tag war hart», sage ich. (Diese Beine, dieser Ausschnitt. Ich mag, nebenbei, keine Witze über ihren gemachten Busen.) – «Ah, mir tut leid, dass ihr Guys so lange warten müsst.» (Heut gibt sie dreizehn Journalisten aus Dänemark, Schweden, Österreich und der Schweiz Interviews.) Mein Plan-Slot war um 15.10 Uhr, jetzt ist es 19.40. (Das nur als Nachricht, denn Journalisten, die wehklagen, fallen einem auf die Nerven – man wartet in einem Zimmer mit Buffet und Bar als ihr Gast, immerhin.) «Ah, Sweetie, würd’s dir was ausmachen, dieses Glas zu tauschen gegen Champagner?», sagt sie zu der Frau. (Sie soll ein Gefolge haben von dreissig Leuten, jemand soll nur für ihre Getränke sorgen und jemand nur ihr Handtuch halten – den hab ich aber nicht gesehen.)

«Ich versuch, Dinge zu planen»

«Sie sind auf Oliven-Diät?» – «Oliven-Diät?» – «Hab ich gelesen.» – «Wissen Sie, was? Das ist für Tage, an denen ich arbeite, Sachen mache fürs TV. Dann hab ich keine Chance, in ein Sandwich zu beissen und meine Zähne zu ruinieren und mein Make-up.» – «Es ist also keine wissenschaftliche Diät?» – «Nein, es ist wahrscheinlich gegen alles, was Ernährungsberater sagen.» (Wahrscheinlich, sie ist nämlich voller geworden in den vergangenen Monaten.) «Planen Sie viel in Ihrem Leben?» – «Hmm. Also ich glaub, alles passiert aus einem Grund. Und wir alle sind auf einer Reise, Gott hat uns geschickt. Ich versuch, Dinge zu planen. Aber am Ende des Tages – was passieren muss, muss passieren. Planen Sie denn, oder passiert alles für Sie?» – «Ich möcht weniger planen – planen ist für die Armen, sagt Bob Evans, der Filmproduzent.» – «Hahaha, Bob Evans ist ein Original. Ja, man kann planen, aber, wie ich sagte, was sein muss, wird sein.» – «Im Grossen, vielleicht. Aber ich mein, ich kann doch nicht sagen: ‹Ich stell den Wecker nicht – weil wenn es sein soll, erwisch ich den Flieger zum Interview.›» – «Aber mehr als eine Person voller Pläne bin ich eine Person voller Gebete.» – «Und voller Eifer.» («The real diva, so successful – yet still so eager», reimt ein Rapper auf ihrer Hitsingle.) «Weshalb sind Sie so eifrig?» – «Ich möcht die nächste Ebene erreichen.» – «Welche Ebene?» (Sie ist bereits heute die am besten verkaufende Sängerin der Welt.) – «Einfach weiter wachsen als Künstler.» – «Haben Sie das von älteren Männern gelernt?» (Ihr Ex-Mann war Anfang vierzig, sie achtzehn, als er sie heiratete.) «Er ist ein sehr intelligenter Mann. Aber ich glaub, er hätt was lernen können von mir.»

Mariah Careys aktuelles Album: The Emancipation of Mimi. Island Def Jam, Universal
Ihr Lieblingsrestaurant: Cafeteria, 119 Seventh Avenue, New York, Telefon +1 212 414 1717

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