Essay

Der Panikkonzern

Gefährlicher als gentechnisch veränderte Lebensmittel sind die Ängste, die Greenpeace manipuliert. Ein Vorschlag zur Entwarnung.

Von Christian Schwägerl

Die Verteufelung der Gentechnik gehört zu den grössten Marketingerfolgen unserer Zeit. Sobald das Kürzel «Gen» auf einem Lebensmittel auftaucht, gehen bei den Verbrauchern die Alarmglocken los, egal ob in der Schweiz, in Deutschland oder in Grossbritannien. Die Angst ist gross, etwas Ungesundes oder Umweltschädliches zu konsumieren. Die Vorstellung, seinen Kindern absichtlich gentechnisch veränderte Lebensmittel aufzutischen, kommt den meisten Menschen völlig abwegig vor. Bei vielen Bauern und fast allen Lebensmittelherstellern sitzt die Angst vor der Angst der Verbraucher so tief, dass sie es vorziehen, auf die Technologie und ihre Produkte ganz zu verzichten.

Die Verteufelung geht inzwischen so weit, dass «gentechnikfreie» Lebensmittel automatisch für gesund erachtet werden. So hat sich die deutsche Agrarpolitikerin Ulrike Höfken kürzlich darüber aufgeregt, dass Kontrolleure Spuren von Sojaeiweiss, das aus gentechnisch veränderten Pflanzen stammte, in Dönerfleisch gefunden haben. «Was hat Soja im Dönerfleisch zu suchen?» Diese Frage formulierte die Politikerin in einer Pressemitteilung. Eigentlich sind Sojabohnen und Tofu als vegetarische Eiweissquellen Ikonen grüner Alternativkultur. Zudem ist der Döner nicht für seine gesundheitsfördernde Wirkung bekannt. Das hatte Höfken als Fachfrau sicher nicht vergessen. Doch ihre Gentechnik-Phobie war grösser.

Schrotgewehr vs. Präzisionswaffe

Als Hauptproduzent der weitverbreiteten Angst vor der Gentechnik im Essen darf Greenpeace gelten. Greenpeace ist einerseits eine Umweltorganisation mit legendenreicher Geschichte, andererseits ein multinationales Unternehmen mit Vertretungen in vierzig Ländern und gut eingeführten Markenprodukten. Was im Spektrum der weltweiten Umweltprobleme von Greenpeace aufgegriffen und durch Aktionen in die Öffentlichkeit gebracht wird, entscheidet kein Rat aus Ökologen, sondern eine Gruppe von Menschen mit vorzüglichen Marketingerfahrungen.

So wie es Nike geschafft hat, dass in den Gehirnen Bilder schneller, schöner Körper aufblitzen, wenn nur der Name fällt; so wie BMW sich mit einer Aura von Stärke und Solidität umgibt; und so wie Starbucks zu einem Sinnbild modernisierter Kaffeehauskultur geworden ist – so hat auch die Umweltorganisation eine dominante Botschaft, ein Image. Der Schutz der Urwälder und Wale ist in den Hintergrund getreten. Heute wird die Treue der Kunden, also der Spender und Sympathisanten, hauptsächlich kultiviert, indem Greenpeace ihnen weismacht, sie vor den Gefahren der Gentechnik zu retten. Die Organisation verkauft die Angst vor der Technologie und die Erlösung von ihr in einem Kombipaket.

Dabei hätte alles anders kommen können. Denn wer Pflanzen-Gentechniker in ihren Labors besucht, könnte auf den Gedanken kommen, sie arbeiteten im Auftrag von Umweltschützern oder Grünen. Dass dauernd neue Pflanzensorten entwickelt werden müssen, die Schädlingen, Anbaubedingungen und ökonomischen Zwängen gewachsen sind, wird von niemandem bestritten.

ETH-Forscher Ingo Potrykus, der den für Entwicklungsländer geeigneten Vitamin-A-reichen «Goldenen Reis» konzipiert hat, zeigt gern Karten, auf denen zu sehen ist, wie sich die klassische und die molekularbiologische Pflanzenzucht unterscheiden. Auch wenn es viele Verbraucher wohl nicht wahrhaben wollen, arbeitet die konventionelle Pflanzenzucht, deren Produkte später auch in «Bio-Läden» landen, mit sehr rabiaten Methoden. Um neue Eigenschaften zu erzeugen, etwa die Resistenz gegenüber Schadinsekten, werden Pflanzen radioaktiv bestrahlt oder aggressiven Chemikalien ausgesetzt. Die Nachkömmlinge der Pflanzen aus diesen Zufallsversuchen werden angebaut und darauf getestet, ob sie nun resistent sind oder vielleicht produktiver. Durch die Strahlung und die Chemikalien wird das Erbgut der Pflanzen massiv gestört. Man könnte auch von einem gentechnischen Eingriff sprechen – nur eben mit dem Schrotgewehr. Was genau mit den Genen und dem Stoffwechsel passiert, den sie steuern, bleibt offen und unerforscht.

Dagegen wird das Erbgut, kommt die Gentechnik im engeren Sinn zum Einsatz, weniger angetastet. Sie erlaubt zunehmend präzise Eingriffe in das Erbgut, die im Voraus geplant werden und deren Auswirkungen im Stoffwechsel daher besser überprüfbar sind – wenn auch noch nicht vollständig. Was jene Gentechniker machen, die Greenpeace verteufelt, ist: Pflanzenzucht betreiben mit einer Präzisionswaffe. Es gibt wohl kaum neue Pflanzensorten, deren Eigenschaften besser untersucht sind als die von gentechnisch veränderten. Der Gesetzgeber schreibt für sie Prüfungen vor, denen konventionell gezüchtete Sorten nicht unterzogen werden. Dadurch wurden negative Folgen für die Gesundheit bisher vollständig vermieden.

Diese Strenge ist nicht nur für die Vertrauensbildung wichtig, sondern auch, weil Gentechnik natürlich nicht automatisch gut sein kann. Die Konsequenz allerdings, mit der Greenpeace jedwede Gentechnik verurteilt, obwohl die Technologie inzwischen auch zu ökologischen Zwecken eingesetzt wird, ist nur dadurch zu erklären, dass man um die Absatzzahlen einer so simplen wie radikalen Nein-Botschaft besorgt ist. Eine differenziertere Botschaft wäre um ein Vielfaches schwieriger zu verkaufen.

Ein Hoch auf die Designer-Pappel

Einige Gentechnik-Projekte, die durchaus von Greenpeace konzipiert sein könnten, hätten die Strategen sich zu einem früheren Zeitpunkt anders entschieden, sehen so aus: An der Universität Freiburg im Breisgau entwickeln Forscher Designer-Pappeln, mit denen sich chemisch verseuchte Industriegebiete in Ostdeutschland und Russland reinigen lassen. Die Bäume saugen die Schadstoffe aus dem Boden und machen sie so entsorgungsfähig. Von mehreren Forschergruppen wird der Stoffwechsel von Pflanzen so beeinflusst, dass sie Wasserstoff oder energieoptimierte Biomasse und damit Alternativen zum Erdöl produzieren.

An anderen Instituten verschieben Forscher bei Getreiden kleine Stücke des Erbguts, damit die Pflanzen sich besser gegen eindringende Pilze wehren können. Das verhindert die Entstehung krebserregender Pilzsporen, die in die Nahrungskette gelängen. Biologische Wirkstoffe werden untersucht, die mit wachsender Präzision nur den Fressfeinden von Kulturpflanzen schaden sollen. Mit Hilfe der Gentechnik kann ihre Bauanleitung in das Erbgut der Pflanzen integriert werden.

Im Zeichen des globalen Umweltschutzes steht das Vorhaben, wertvolle gesundheitsfördernde Fettsäuren statt aus Fischen künftig aus Pflanzen zu gewinnen. Zudem wollen Forscher den heimischen Raps als alternative Proteinquelle zum Soja erschliessen. Damit könnten die Überfischung der Weltmeere und die Abholzung der Regenwälder für den Sojaanbau gebremst werden – einst ein Hauptanliegen von Greenpeace.

Mehrere Institute nutzen die gentechnische Pflanzenzucht dazu, die Landwirtschaft auf den Klimawandel vorzubereiten. Ihre Suche gilt Erbanlagen von alten Pflanzensorten oder anderen Spezies, die Dürre, Nässe oder Salzanreicherung überstehen helfen. Die Zeit dafür, Kulturpflanzen auf Treibhausbedingungen zu trimmen, ist möglicherweise knapp.

«Grüne Gentechnik» ist kein Allheilmittel, aber auch kein Widerspruch per se zu einer ökologischen Landwirtschaft. Es gibt fragwürdige Produkte, etwa die Entwicklung pestizidresistenter Kulturpflanzen, die es erlauben, die restliche Ackerflora komplett wegzuspritzen. Das ist eine Gefahr für die Biodiversität. Doch gentechnisch veränderte Pflanzen sind nicht an sich eine Umweltgefahr, auch dann nicht, wenn sie wie andere Pflanzen ihr Erbgut per Pollen verbreiten. Deshalb ist auch die staatlich verordnete Kennzeichnungspflicht in ihrer heutigen Form fragwürdig. Sie enthält eigentlich keine Information, sondern befördert nur pauschale Ängste. Über Qualität und Umweltfreundlichkeit eines Lebensmittels sagt der Hinweis auf «Gentechnik» so viel aus wie die Formulierung «angetrieben mit Benzin» über Komfort und Öko-Effizienz von Autos. Wenn eine Kennzeichnung sinnvoll sein soll, müsste sie viel detaillierter schildern, welche Form von Gentechnik genau eingesetzt wurde. Der Verbraucher müsste dann aber informiert genug sein, die Differenzen zu kennen.

Aber sicherlich werden wir alle abhängig von bösen, multinationalen Konzernen, wenn die Gentechnik durchgesetzt wird? Die Gefahr einer Monopolisierung besteht am ehesten, wenn Greenpeace und die europäischen Grünen weitermachen wie bisher. Paradoxerweise befördern ausgerechnet sie jene Konzentration von Wissen und Macht in der Hand der grössten Agrarkonzerne, die sie anprangern. Für global arbeitende Unternehmen ist es nämlich vergleichsweise leicht, ausserhalb von Europa ihre neuen Pflanzen zu erproben, in Lateinamerika oder Nordamerika. Die staatlich besoldeten Gentechniker sowie die mittelständisch geprägten Pflanzenzüchter, wie es sie in vielen europäischen Ländern gibt, können aber nicht oder nur schwer ausweichen.

Nur staatlich geförderte Forschung kann gewährleisten, dass die leistungsfähigsten und umweltfreundlichsten Pflanzensorten der Zukunft nicht durch Patente und Heere von Firmenanwälten monopolisiert werden, sondern breit zugänglich sind. Fliesst mehr Geld in die universitäre Gentechnik, kann das Wissen der Forscher als Teil einer modernen Entwicklungspolitik mit den wissbegierigen Wissenschaftlern an asiatischen und afrikanischen Universitäten und mit Kleinbauern geteilt werden. Um sich auf eine differenzierte Diskussion einzulassen, müssten die Greenpeace-Aktivisten aber die albernen Genmaiskostüme und Horrorfratzen einpacken, mit denen sie bei ihren Happenings nicht nur die Kinder erschrecken, sondern auch Werbung generieren, die gekauft Millionen Euro kosten würde. Dass das schwer ist, versteht sich.

Wer aber vom mündigen Verbraucher spricht, sollte das Konzept zu Ende denken: Die «Bio»-Qualität von Lebensmitteln sollte in Zukunft anhand von Geschmack, Qualität und Öko-Effizienz bestimmt werden und nicht anhand der eingesetzten Technologie. Noch sprechen die Logik der Angstökonomie und ihr phänomenaler Erfolg aber dagegen, dass es dazu kommt. Doch wer weiss, vielleicht steht einmal auf Öko-Ware: «Molekularbiologisch veredelt».

Christian Schwägerl, der diesen Beitrag für die Weltwoche geschrieben hat, ist Biologe und arbeitet als Feuilleton- und Wissenschaftskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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