-A  A  A+
08.06.2005, Ausgabe 23/05

Beda M. Stadler, provokativer Ketzer

Eines hilft bestimmt: Recht haben

Globuli führen bloss zu Zahnschäden, schon eher nützen sexistische Witze: Willkommen bei Beda M. Stadler, dem provokativsten Ketzer gegen jede Form von bio, alternativ und gentechfrei. Für die Weltwoche quälte sich Immunologie-Professor Gnadenlos durch eine Lektion Qi Gong.

Von Simon Brunner

Anzeige

Die Meridiane sind geöffnet, die Energie kann jetzt frei aus dem Raum in den Körper fliessen. Professor Beda M. Stadler streckt die Arme in die Höhe und lässt sie mit einem scharfen «Puahh» abfallen. Dann versucht er, das Zwerchfell innerlich anzuheben.

Der Direktor des Instituts für Immunologie an der Universität Bern besucht eine Probelektion in Qi Gong, einer chinesischen Meditationsform zur Kultivierung von Körper und Geist. Ein Student führt die erste wissenschaftliche Studie zu ihrer Wirksamkeit durch. Stadler schwitzt und strahlt: «Es wirkt!»

Üblicherweise ist der Professor auf einer ganz anderen Mission. Stadler kämpft für Wissenschaft, für Ratio, für Moderne. In über fünfzig öffentlichen Podiumsdiskussionen pro Jahr klärt er auf. Die Lieblingsthemen: Gentechnologie (pro), Biogemüse (contra), Impfen (pro), alternative Medizin (contra). Eine der Schlachten ist eben gewonnen: Bundesrat Pascal Couchepin strich verschiedene Alternativmethoden aus der Grundversicherung der Krankenkasse: Homöopathie, Neuraltherapie, Pflanzenheilkunde, anthroposophische und chinesische Medizin: «Die Erkenntnis hat über den Voodoo gewonnen», sagt Beda M. Stadler.

Couchepins Entscheid ist auch ein Sieg von Stadler: Er hat die Diskussion mit einem Aufsatz in der NZZ am Sonntag lanciert. Titel: «Die geistige Verunreinigung in der Alternativmedizin», Inhalt: «Das meiste, was sich unter diesem Begriff tummelt, kann man in Bausch und Bogen verdammen.» Die Reaktion der Leser war heftig, die Zeitung hatte noch selten so viele Briefe auf einen Artikel bekommen. Die anderen Medien sprangen auf den Zug auf, als wäre die Diskussion um die Komplementärmedizin noch nie geführt worden: SF DRS («Zischtigsclub», «Arena», «10 vor 10»), Schweizer Illustrierte (mit der fünfteiligen Serie «Sanfte Medizin»), Blick, DRS 1, NZZ. Die angeheizte Situation veranlasste Bundesrat Couchepin, seinen Entscheid um einen Monat vorzuziehen.

Frauenfürze zünden

Während Beda M. Stadler an einer Diskussion im Radiostudio teilnahm, lockerte jemand die Schrauben am Vorderrad seines Autos, Morddrohungen kriegt er hin und wieder. Rhetorisch ist der 55-Jährige kaum zu schlagen, keiner emotionalisiert Fakten so gekonnt zu provokativen Aussagen wie er: «Ich bezahle jedem 1000 Franken, der mir eine Gefahr der Gentechnik aufzeigen kann», «Biogemüse ist weder sicherer, besser noch gesünder als herkömmliches», «Die homöopathischen Chügeli führen einzig dazu, dass Kinder Zahnschäden kriegen wegen dem vielen Zucker».

Nach der Qi-Gong-Lektion präsentiert mir der zweifache Familienvater (Nina, 25, Balletttänzerin und Choreografin; Kornel, 20, Kunststudent) seinen neuen Wagen, einen Cadillac Seville 32v. Er hat ihn als Occasion billig erstanden. «Meine erste Schallplatte war von Elvis, bis heute liebe ich den King» (der besass über 100 Cadillacs). Der Professor lebt mit seiner Familie in Bern in einer grossen Dachwohnung, im Erdgeschoss hat es eine Kapelle. «Ich wollte schon immer oberhalb von Gott wohnen.» Er macht gern solche Sprüche – und schaut mich dann schelmisch an, wie ein Bub, der eben ein paar Frauenfürze gezündet hat und sich über erschrockene Passanten freut.

Prinz «M für Martin» Eisenherz

Stadler nimmt sich viel Zeit für seine Mission. In die Ferien geht er nur der Frau zuliebe, er ist Stiftungsrat, Leiter, Mitglied, wissenschaftlicher Beirat und Aufsichtsrat zahlloser Journale, Stiftungen und Förderungsanstalten. Wenn er sich als faulen Menschen bezeichnet, der mindestens sieben Stunden Schlaf brauche, ist das die typische Koketterie von Workaholics.

Die Fans lieben den Mann, der sich mehr wie ein französischer Filmer denn wie ein Naturwissenschaftler gibt: dunkle Mähne, klein, übergewichtig, Timberlands ohne Socken und alte Jeans. Die Gegner kriegen seinetwegen Allergien. Nach dem Auftritt in der «Arena» fühlte sich ein Mitglied des Uni-Stabs dermassen in seinen Gefühlen verletzt, dass es sich in einem Rundmail an die Professoren wandte: «Das Kommunikationsverhalten der Uni Bern hat einen historischen Tiefpunkt erreicht.» Der Berner Regie- rungsrat wird regelmässig bestürmt, man solle Stadler von der Uni jagen.

Die Liste der Leute, die nicht mehr mit ihm auf ein Podium gehen, ist lang, der prominenteste Name: Simonetta Sommaruga. «Er hat für andere Meinungen nur Verachtung übrig. Ein Diskurs ist nicht möglich.» Die SP-Ständerätin trat als Konsumentenschützerin öfters mit ihm auf. «Er brachte immer Studentinnen mit. Die haben bei seinen Voten geklatscht und bei mir gelacht.» Sommaruga, die nicht als diskussionsscheu bekannt ist, sagt: «Mit Blocher jederzeit, mit Stadler nie mehr.»

Der Professor ist im Wallis aufgewachsen, er spricht mit einem seltsamen Akzent, einem Mischmasch aus Sankt-Galler- und Walliserdeutsch. Die Eltern waren nach Visp emigrierte Ostschweizer, die für die Lonza arbeiteten. Er besuchte das jesuitische Kollegium Spiritus Sanctus in Brig. «Ich war Messdiener und musste oft die Sechs-Uhr-Messe vorbereiten.» Schon damals habe er die Religion verachtet und die Wissenschaft geliebt, schon damals fand er Gefallen an der Rolle des Alphatiers: «Wie Prinz Eisenherz einhundert Ritter führen konnte, fand ich grossartig.» Und schon damals hatte er ein grosses Sendungsbewusstsein. «Er war ein ganz lieber Junge, solange er nicht disputierte», sagt seine Mutter.

Für Stadler, wie auch für sein grösstes Vorbild, Charles Darwin, war eine religiöse Karriere vorgesehen (Darwin: Pfarrer, Stadler: Missionar). Beide entschieden sich gegen den Willen der Eltern und für die Tätigkeit, die von der Religion am weitesten entfernt ist: die Biologie. Stadler ist einer der wichtigsten Immunologen der Schweiz. Er hat das Interleukin-3 gefunden, das entscheidend ist für die Immunabwehr bei Krebspatienten, und er hat wichtige Impulse geliefert für die Entwicklung einer neuen, revolutionären Anti-Allergie-Therapie.

Beda «M für Martin» Stadler entspricht dem Typ «lockerer Professor». In einem Mail schreibt er auch mal ein ;-), und auf der Ducati Monster seines Sohnes prescht er gern durchs Seeland. Am Institut ist er mit allen per du, und im Gespräch wählt er immer die starken Ausdrücke: Bier «säuft» man, unangenehme Sachen «scheissen einen an», und Frauen am Steuer sind «Hühner». In der Freizeit malt er, bildet Skulpturen und schreibt Bücher (ein Kochbuch und einen Thriller). Natürlich war er früher in der SP und an Anti-AKW-Demos, selbstverständlich spricht er mit dem Sohn offen über Kiffen und Sprayen, klar war er für Schengen und ist für den EU-Beitritt.

Busladungen voller Studenten

Warum reagieren die Gegner auf den Professor wie Milch auf Zitronensaft? Die Liste der Vorwürfe ist lang und substanziell: «Stadler putzt die Studenten im Unterricht und an den Prüfungen herunter und ist frauenfeindlich» (ehemalige Studentinnen), «Er verweigert sich wissenschaftlichen Studien, die seine Meinung nicht bestätigen» (Prof. Peter Heusser, Uni Bern, und Dr. med. André Thurneysen), «Er pachtet die Wissenschaftlichkeit für sich» (Simonetta Sommaruga), «Er ist von der Pharmaindustrie bezahlt. Für die Gentech-Demo hat er sich Busse sponsern lassen, mit denen er die Studenten nach Zürich gekarrt hat; die Industrie bezahlt seine Studien, und er ist in verschiedenen Gen-Gremien vertreten. Ausserdem missachtet er die Volksmeinung, die will nämlich die Homöopathie» (Jacqueline Bachmann, Geschäftsführerin Stiftung für Konsumentenschutz), «Er mischt sich in Dinge ein, von denen er keine Ahnung hat: Er ist Immunologe und hat im Leben noch nie einen Patienten untersucht. Wie will er über die alternative Medizin urteilen?» (sämtliche Befragten).

Nach der Fahrt im Cadillac Interviewtermin im Büro des strittigen Professors. Stadler raucht ununterbrochen, Marlboro rot, an der Wand hängt ein gespraytes Bild des Sohns und ein Aquarell der Tochter. Noch vor der ersten Frage sagt er: «Ich habe noch nicht herausgefunden: Machen Sie mich jetzt fertig, oder werden Sie mich loben?»

Herr Stadler, warum ist in Ihrer Welt alles schwarz oder weiss?
Ich will polarisieren, nur dadurch werden die Positionen klar. Es ist mir wichtig, zu wissen, wer wo steht.

Gehen Sie in Diskussionen überhaupt auf Gegenargumente ein?
Immer! Um mich zu überzeugen, braucht es aber handfeste Beweise. Schmetterlinge im Bauch reichen nicht.

Es gibt zwei renommierte Studien, die zeigen, dass die Homöopathie wirkt. Eine ist im British Journal of Medicine, eine im Lancet erschienen.
Ich habe beide gelesen. In der einen steht: «Es wurde zu wenig Evidenz gefunden, um zu schliessen, dass die Homöopathie in irgendeiner klinischen Bedingung effektiv ist.» Die zweite endet mit: «Wir können keine definitive Schlussfolgerung ziehen, da die methodologische Qualität zu tief ist.» Es gibt aber Hunderte von Studien, die beweisen, dass die Homöopathie nicht wirkt. Sie wirkt einfach nicht!

Sie haben noch nie einen Patienten behandelt. Ist es möglich, dass Sie gar nicht wissen, was ihm hilft?
Jaaaahh (gurrt gemütlich). Ich liebe dieses Argument. Mir geht es doch gar nicht um die Patienten, sondern darum, dass mit diesen Formen der alternativen Medizin die Grundfesten der Wissenschaft lächerlich gemacht werden . Mir geht es um die Life-Sciences im Allgemeinen. Die schwarzen Katzen, Horoskope oder homöopathischen Chügeli sind nur Details. Irgendwo muss man anfangen, es ist ein Religionskrieg.

Die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) hatte sich für den teilweisen Verbleib der Komplementärmedizin in der Grundversicherung ausgesprochen. Warum?
Die Ärzte sind in ein Verhältnis der Abhängigkeit vom Patienten geraten, die tun einfach, was er verlangt – selbst wenn sie es schlecht finden. Viele Kollegen sagen mir hinter vorgehaltener Hand, sie seien froh, dass ich Klartext über die Homöopathie rede.

Sie stehen für die Wissenschaft ein, aber Sie publizieren nur noch in Publikumszeitungen. Ihr wissenschaftlicher Output liegt weit unter einem Drittel dessen, was Ihr Kollege Zinkernagel in Fachpublikationen veröffentlicht.
Ich bin Kolumnist der Berner Zeitung und der NZZ am Sonntag. Diese Tätigkeit nehme ich sehr ernst, weil ich glaube, Öffentlichkeitsarbeit ist Teil meines Auftrags als Dozent. Es ist natürlich verlockend, im Elfenbeinturm zu bleiben und nur an internationalen Kongressen rumzuhängen, sich die Fünf-Sterne-Hotels und die feinen Restaurants bezahlen zu lassen. Ich habe das lange genug gemacht. Die Studenten schreiben einem dann die Arbeiten, man muss nur noch seinen Namen hinten dransetzen. Doch ob Sie es glauben oder nicht: Im Uni-internen wissenschaftlichen Rating bin ich nach wie vor vorn dabei.

Sie stehen der Pharmaindustrie nahe. Kann man da noch unabhängig sein?
Das ist nicht mein Problem, sondern das der Schweizer Forschung im Allgemeinen: Achtzig Prozent davon bezahlt die Pharma, dem Nationalfonds wurde das Budget seit zehn Jahren nicht mehr erhöht. Ich möchte aber betonen, dass ich in keinem Verwaltungsrat sitze, ich wäre sowieso ein schlechter Lobbyist. Eine andere Meinung als meine kann ich nicht vertreten.

Sie spannen Studenten für Ihre Zwecke ein, indem Sie Busfahrten an Gentech-Demos organisieren...
...ja, hoffentlich mache ich das! Ein Student, der keine politische Meinung hat, ist an der Uni am falschen Ort.

Das Gerücht geht um, Sie seien frauenfeindlich.
Ich habe viel mehr Studentinnen als Studenten, so schlimm kann es nicht sein.

Kein Wunder, es gibt mehr Studentinnen als Studenten in der Medizin.
Ein Professor ist dazu verpflichtet, Infotainment zu bieten, statt nur das Skript herunterzulesen. Ich polarisiere in jeder Vorlesung – je länger, je mehr. Da ich ein grosser Witzerzähler bin, gibt es alle fünf Minuten eine Pointe zu hören, ab und zu sogar einen sexistischen Witz. Dann sind alle wieder am Ball, besonders die Frauen. Immunologie ist ein hochkomplexes Fach, aber Sie können weit herumfragen: In meinen Vorlesungen schläft niemand ein. Und wenn die eine oder andere zartbesaitete Studentin in ihren Gefühlen verletzt wird, ist das nur gut – später wird sie von den Patienten noch viel stärker angegriffen.

Ist Wissenschaft ein demokratischer Prozess?
Nein. In der Wissenschaft gibt es keine Demokratie, es gibt nur eine Wahrheit. Wenn mein Student beweist, dass Qi Gong das Immunsystem stärkt, ist das eine Niederlage für mich, aber ich werde es sofort als richtig anerkennen. Zum Glück hat sich Couchepin gegen die alternative Medizin entschieden. Das ist ein Bekenntnis zur Moderne.

Die Mehrheit der Bevölkerung will die Homöopathie. Sind diese Leute alle dumm?
Nein, sicher nicht. Aber unaufgeklärt.

Zur Debatte stehen jetzt die Psychotherapie und die Rehabilitation. Sollen die ebenfalls aus der Grundversicherung gestrichen werden?
Es ist sehr gut, dass nun auch die Schulmedizin durchleuchtet wird. Es gibt viele Therapieformen, die nicht wirken. Diese beiden Kandidaten gehören in den Grenzbereich, und ich bin gespannt, ob sie den Grundsätzen der «Evidence Based Medicine» standhalten.

Was sollte noch überprüft werden?
Da gibt es eine lange Liste: Es wird operiert bei Patienten, die schnarchen. Die Rheumatologie verschreibt gern eine Bädertherapie. Asthmapatienten werden in Höhenkliniken geschickt. In der Labormedizin wird getestet, obwohl die Diagnose schon steht, nur damit man sich gegen mögliche Schadenersatzklagen absichert...

...Ihre Liste der Verdächtigen scheint endlos zu sein.
Ja. Aber mein wirklich radikaler Vorschlag ist: Nehmt die ganze ambulante Medizin aus der Grundversicherung. Wenn jemand mit einer Grippe zum Doktor kommt, muss er den Untersuch selber bezahlen, ausser der Arzt verweist ihn an ein Spital weiter, das etwas Schweres diagnostiziert. So würden die Kosten für die Krankenkassen im Nu sinken.

Mit dem Entscheid Couchepins hat Beda M. Stadler eine Schlacht gewonnen, aber das Feld ist weit und sein Kampfwille gross: Wieder provoziert er auf Podien, wieder ätzt er in Kolumnen, wieder piesakt er im Fernsehen. Denn am nächsten Dienstag entscheidet der Nationalrat über das fünfjährige Gentech-Moratorium. Die Kommission empfiehlt ein Ja, Stadler diktiert ein: NEIN!

Der Professor macht die letzten Qi-Gong-Übungen, etwas ausser Atem. «Es wirkt!», sagt er. Der Student, der die Studie leitet, antwortet: «Ich glaube dir kein Wort.» Stadler: «Es wirkt wie Joggen, Tanzen oder Wellness, da fühle ich mich auch prima.» Student: «Qi Gong stärkt das Immunsystem.» Stadler: «Blödsinn! Wo sind die Zahlen?»

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 23/05
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Registrierung

Schnellzugriff  

    Meist ...

    kommentiertgelesen

    zu den Top 20
    meist kommentiert

    Weitere Autoren

    alle Autoren

    Stöbern

    Ausgaben