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27.04.2005, Ausgabe 17/05

Bin Laden hat die «schmutzige Bombe»

Mehr als schmutzige Fantasie

Recherchen der Weltwoche in Afghanistan und Pakistan zeigen: Osama Bin Laden reichert sein Arsenal des Schreckens mit radioaktivem Material an. Alle Spuren weisen darauf hin, dass al-Qaida die Dirty Bomb hat. Ein nuklearer Anschlag ist keine Frage des Ob, sondern des Wann und Wo.

Von Urs Gehriger

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Der Morgen des 11. Oktober 2001 begann für den Präsidenten wie immer. Um sieben Uhr sass ihm CIA-Chef George Tenet gegenüber, der das tägliche Geheimdienst-Briefing verlas. Je länger Tenet sprach, desto nervöser zuckten die Schultern von George W. Bush. Im Vergleich zu dem, was ihm der CIA-Chef erzählte, erschienen ihm die Terroranschläge auf Washington und New York wie der Prolog zur Hölle. Ein CIA-Agent mit Decknamen Dragonfire hatte gemeldet, Al-Qaida-Terroristen seien im Besitz einer 10-Kilotonnen-Atombombe, wahrscheinlich gestohlen aus einem russischen Arsenal. Gemäss Dragonfire befand sich die Atombombe bereits auf amerikanischem Boden, in New York City.

Die CIA hatte keine zweite Quelle, die Dragonfires Warnung stützte, aber auch keine Meldung, die das Gegenteil bewiesen hätte. Man beschloss, den Fall geheim zu halten, die Bürger von New York sollten nicht in Panik versetzt werden. Nicht einmal Bürgermeister Rudolph Giuliani wurde informiert. Vizepräsident Dick Cheney wurde aus Washington evakuiert, aus Angst, al-Qaida habe auch in der Hauptstadt eine Atombombe versteckt. Falls die Terroristen tatsächlich zu einem nuklearen Enthauptungsschlag gegen die US-Regierung ausholen sollten, würde Cheney von einem «unbekannten Ort» die «Kontinuität der Regierung» garantieren.

Die Terrorexperten des Weissen Hauses gingen eine Checkliste durch: Hat das russische Arsenal eine grosse Zahl von 10-Kilotonnen-Atombomben? Ja. Hat Russland Kontrolle über all seine Atomwaffen? Nein. Ist al-Qaida in der Lage, eine oder mehrere dieser Bomben zu stehlen? Grundsätzlich ja. Schliesslich: Ist es möglich, eine Atomwaffe an den Grenzkontrollen vorbei in die USA zu schmuggeln? Die zuständigen Experten nickten. 18 Millionen Container gelangen pro Jahr in die USA, nur drei Prozent werden von den Zollbeamten kontrolliert. In einem Anflug von Galgenhumor meinte ein Experte, die Terroristen hätten die Bombe möglicherweise in einem der Marihuanaballen versteckt, die regelmässig in Amerikas Grossstädte geschmuggelt werden.

Dragonfires Information erwies sich als falsch. Aber kaum ein Experte konnte in den nächsten Wochen wieder ruhig schlafen. Der Fall führte den Behörden vor Augen, dass Amerika gegen das schrecklichste Angriffsszenario, einen atomaren Terroranschlag, nicht gefeit war. In den Monaten nach 9/11 glaubte niemand, dass die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon eine isolierte Aktion gewesen waren. Die Geheimdienste befassten sich intensiv mit der Suche nach dem «zweiten Schuh», den Fragen, wann und wo al-Qaida ein zweites Mal zuschlagen würde und von welcher Art das nächste Attentat sein könnte.

Zuoberst auf der Liste der Horrorszenarien standen die grossen drei: Angriffe mit Atom-, Bio- und Chemiewaffen. Wahrscheinlicher allerdings als ein Anschlag mit einer dieser Massenvernichtungswaffen war eine vierte Gefahr: eine «schmutzige Bombe» – eine sogenannte dirty bomb.

Wie ein Schreckgespenst geistert der Begriff seit einigen Jahren durch die Medien. Als kleine Schwester der Atombombe wird die wenig bekannte Terroristenwaffe bisweilen bezeichnet – fälschlicherweise. Im Unterschied zur A-Bombe löst die Dirty Bomb bei der Explosion keine atomare Kettenreaktion aus. Sie ist keine Massenvernichtungs-, sondern eine Massenpanikwaffe. Die Wirkung zielt auf Angst und Schrecken der Menschen und auf langfristige Verseuchung. Die Zahl der Todesopfer hingegen ist relativ gering.

Für eine Handvoll Cäsium

Mit wenig Material, wenig Aufwand und ohne Spezialkenntnisse könnten Terroristen eine Dirty Bomb anfertigen. Anleitungen dazu finden sich im Internet. Fünf Kilo Sprengstoff, gemischt mit einer Handvoll radioaktivem Cäsium – und das Unglück nähme seinen Lauf. Nur wenige Menschen würden von der Detonation direkt getötet, viele aber radioaktiv verseucht. Die eigentliche von den Terroristen beabsichtigte Wirkung aber stellt sich erst später ein: Massenpanik, allgegenwärtige Bedrohung, ökonomische Schäden von unabsehbarer Tragweite.

«Ich warne davor, Nuklearterrorismus als Science-Fiction abzutun», sagte im März Uno-Generalsekretär Kofi Annan und setzte den Kampf wider den Nuklearhandel zuoberst auf seinen Fünf-Punkte-Plan gegen den Terrorismus. Diese Warnung kontrastiert mit der Wahrnehmung in der Bevölkerung. Dreieinhalb Jahre nach den Anschlägen vom 11.September wähnen sich die Menschen in Sicherheit. Oft haben Behörden Warnungen ausgestossen, passiert ist (fast) nichts. Wenn al-Qaida zuschlug, waren ihre Attentate relativ klein und fast um den ganzen Erdball verteilt.

War 9/11 tatsächlich eine einmalige Katastrophe? Hat al-Qaida auf eine Strategie der «Nadelstiche» umgeschwenkt?

Um die Lage einzuschätzen, lohnt es sich, sich in die Denkweise der führenden Terroristen einzulesen. Tausende Artikel, Analysen und Bücher sind über Osama Bin Laden geschrieben worden, doch wenigen ist es gelungen, in den engen Kreis der Qaida-Macht vorzustossen. Die Weltwoche hatte jüngst Gelegenheit, mit einem ehemaligen Weggefährten Bin Ladens zu sprechen. In einer afghanischen Schneiderei in Karatschi erzählte Mullah Habib, ehemaliger Chef des militärischen Nachrichtendienstes der Taliban, wie er Zeuge eines denkwürdigen Treffens wurde.

Kandahar, Anfang September 1998. Im Hauptquartier Bin Ladens versammelt sich eine erlauchte Runde um den Mittagstisch. Neben dem Terrorchef sitzen sein Stellvertreter, der Ägypter Ayman al-Zawahiri, und Mohammed Atif, Militärchef von al-Qaida. Zu ihnen gesellt sich Talibanführer Mullah Omar. Blanke Wut beherrscht diesen Mann. Ausdrücklich hatte er Bin Laden verboten, ohne seine Erlaubnis mit Journalisten zu sprechen. Dieser jedoch hat Omars Warnung in den Wind geschlagen und im afghanischen Hochgebirge vor einer handverlesenen Gruppe Journalisten ein Medienspektakel inszeniert. «Du oder ich», droht Omar darauf dem Terrorchef. «Afghanistan hat nicht Platz für zwei Führer.»

Bin Laden, der in Afghanistan das Gastrecht der Taliban geniesst, entschuldigt sich und verspricht Besserung. Bei Bohnen, Fleischsuppe, Hammel und Melonen (Bin Ladens Lieblingsspeise) beruhigt sich Omars Gemüt allmählich. Gesprächsthema sind die Cruise-Missiles, die US-Präsident Bill Clinton als Vergeltung für die Anschläge in Ostafrika auf Bin Ladens Terrorcamp in Khost abfeuerte, ohne den Terrorchef zu treffen. Omar zeigt Bewunderung für die Technologie der Amerikaner und äussert den Wunsch, solch moderne Waffen im Arsenal der Taliban zu wissen. Da unterbricht ihn Terrorstratege Mohammed Atif. «Wir planen einen Schlag gegen die Juden und deren Vasallen», sagt er. «So Gott uns beisteht, werden wir bald gefährliche Waffen haben, die den Ungläubigen eine Lektion erteilen werden.»

Es sei das erste Mal gewesen, dass er von einem «grossen Waffenprojekt» der Qaida gehört habe, sagte Mullah Habib. Nach dem Essen sei die Tafelgesellschaft in Atifs rotem Pick-up nach Kandahar gefahren, erzählte er weiter. Dabei habe der Militärstratege seine Idee vertieft, wie er mit Juden und Amerikanern «fertig werden» wolle: «Der einzige Weg sind biologische, chemische und nukleare Waffen.» So Gott wolle, werde man bald über diese Mittel verfügen. Zawahiri ergänzte, man habe bereits ein kleines Waffenlabor installiert und mit der Arbeit begonnen. Omar zeigte sich nicht sonderbar interessiert. «Ich bin sehr ungebildet in diesen Belangen und habe keine Ahnung von solcher Waffentechnologie», sagte er. «Macht weiter – Gott möge eure Anstrengungen mit Erfolg belohnen.»

Bin Laden wird oft als verbissener Waffennarr beschrieben. Mehr als drei Millonen Dollar soll er seit 1996 für den Kauf einer atomaren Kofferbombe aus Sowjetbeständen ausgegeben haben, behaupten westliche Geheimdienste. 1998 habe er eine taktische Nuklearwaffe aus den islamischen Republiken Zentralasiens erworben, melden russische Agenten. Geschätzter Preis: dreissig Millionen Dollar und zwei Tonnen Heroin im Wert von siebzig Millionen Dollar. Erwiesen ist bloss ein Geschäft: Anfang der Neunziger veranlasste er im Sudan den Kauf eines Zylinders mit waffenfähigem Uran – der Zylinder stellte sich als Fälschung heraus, wie die 9/11-Kommission in ihrem Abschlussbericht letztes Jahr festhielt. Bin Laden war übers Ohr gehauen worden.

Wie weit ist das Nuklearprogramm von al-Qaida fortgeschritten? Der pakistanische Journalist und Bin-Laden-Biograf Hamid Mir hatte die Gelegenheit, diese Frage dem Terrorchef persönlich zu stellen. Wenige Wochen nach dem 11. September 2001 meldete sich Bin Laden erstmals seit den Anschlägen aus seinem Versteck. In einer mehrstündigen Autofahrt mit verbundenen Augen wurde Mir zu Bin Laden geführt, der Folgendes zu sagen hatte:

«Ich habe gestern die Rede des amerikanischen Präsidenten Bush gehört. Er beunruhigte die Europäer, indem er ihnen erzählte, Osama wolle sie mit Massenvernichtungswaffen angreifen. Ich möchte feststellen, dass wir, sollte Amerika chemische oder nukleare Waffen gegen uns einsetzen, womöglich mit Chemie- und Kernwaffen zurückschlagen. Wir besitzen diese Waffen zur Abschreckung.»

Bluffte Bin Laden? Ein Mann, der womöglich die Antwort kennt, ist Sultan Bashiruddin Mahmud, pakistanischer Experte für Anreicherung von Uran und Plutonium. Im August 2001 war er zusammen mit seinem Kollegen Abdul Majeed zu Gast in Bin Ladens Hauptquartier. Drei Tage lang liessen sich Bin Laden und sein Stellvertreter Zawahiri von den Wissenschaftlern über Atomwaffen informieren.

Die Qaida-Führung hatte Mahmud ausgewählt wegen seiner fachlichen Fähigkeiten, Überzeugung und Kontakte. Er war nicht nur eine Schlüsselfigur des pakistanischen Nuklearprogramms mit engem Kontakt zu Abdul Qadeer Khan, dem «Vater der islamischen Atombombe». Er war auch aktives Mitglied einer der radikalsten Gruppen, der Harakat ul-Mudschaheddin, ein Islamist, dessen religiöser Fanatismus in seinen Beruf wucherte. Gemäss seiner Überzeugung gehört Pakistans Atombombe der gesamten islamischen Welt, sprich: der Umma, der Gemeinschaft aller Gläubigen. Eine Ansicht, die er mit einer weiteren schillernden Persönlichkeit Pakistans teilte, seinem Freund, dem Ex-Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, Hamid Gul.

Gul, Khan und Bin Laden: Zwischen ihnen herrscht ein Spannungsfeld von Machthunger, atomarem Know-how und terroristischer Gewalt. Und mittendrin bewegt sich Mahmud als Bote, Vermittler und Helfer.

Im Gegensatz zu Mahmud, der unter Hausarrest steht, steht Hamid Gul westlichen Journalisten Red und Antwort. Der smarte Rentner logiert in einer militärischen Sicherheitszone in einem gehobenen Quartier von Rawalpindi, Pakistan, und präsentiert sich als grosszügiger Gastgeber und Mann der feinen Sitten. Gul empfängt mich inmitten von Blumensträuchern im Garten seiner Villa. Bei englischem Tee und Spritzgebäck lehrt er mich ein wenig das Gruseln: «Keine Bombe ist eine gute Bombe!», sagt er in charmantem Ton, um gleich einen Satz nachzuschieben, der wie ein Gruss aus der Hölle klingt: «Aber es gibt auch den Willen zu überleben. Wer überleben will, der folgt dem Gesetz der Notwendigkeit.»

«Generalleutnant Gul, welche Geheimnisse hat Mahmud Bin Laden verraten?»

«Aber nein! Sie sind auf der falschen Fährte. Mahmuds Reisen nach Afghanistan, seine Treffen dort haben nichts mit seiner früheren Tätigkeit zu tun. Er wollte einfach zur Entwicklung dieses armen Landes beitragen. Er wollte Mühlen bauen.»

«Mühlen? Hat er deswegen drei Tage mit Bin Laden konferiert?»

«Ja, Mühlen, eine wunderbare Idee, ein ehrenwerter Beitrag zum Aufbau des geschundenen Landes, und ich half ihm dabei.»

«Indem Sie ihre Kontakte zu al-Qaida spielen liessen?»

«Ich glaube, es hat gar keine Treffen zwischen Mahmud und Bin Laden gegeben. Das ist amerikanisches Geschwätz. Mahmud wurde drei Jahre lang verhört, nichts kam raus. Er ist unschuldig.»

Der alte Geheimdienstchef, der seine Informationen angeblich der Presse entnimmt, gibt den Unwissenden. Er gilt als einer der Ziehväter der Taliban. Doch diese Rolle unterschlägt er im Gespräch galant. Ebenso seine Funktion als Berater der islamistischen Opposition Pakistans, die in zwei von vier Gliedstaaten an der Macht ist. Gul beherrscht die Kunst, um den Brei zu reden, meisterhaft.

«Eine letzte Frage: Hat Bin Laden eine Atombombe oder eine ‹schmutzige Bombe›?»

«Nein, nein, Bin Laden braucht keine Bombe. Und wenn er seine Hände nach einer Atomwaffe ausstrecken sollte, schauen die Leute in die falsche Richtung. Nicht Pakistan, sondern Russland und die Ukraine muss man ins Visier nehmen. Dort sind neun Kilogramm hochangereichertes Plutonium spurlos verschwunden, vielleicht noch viel mehr. Man muss es bloss mit einem Zündmechanismus versehen.»

Am 23. Oktober 2001 wurde Bashiruddin Mahmud verhaftet und vom ISI, im Beisein von CIA-Agenten, verhört. Mahmud behauptete, Bin Laden nie getroffen zu haben, fiel aber bei Tests mit dem Lügendetektor stets durch. Sein Gedächtnis verbesserte sich erst, als sein Sohn den Behörden erzählte, dass Bin Laden sich bei Mahmud erkundigt habe, «wie man eine Atombombe und solche Dinge baut». Nun begann Mahmud zu sprechen: Besonders Atomwaffen hätten Bin Laden fasziniert, gab er zu Protokoll. Bin Ladens Mitarbeiter hätten ihm Nuklearmaterial präsentiert, das sie angeblich von der Islamistischen Bewegung Usbekistans bekommen hatten. Damit könne man eine «schmutzige Bombe» bauen, habe er al-Qaida aufgeklärt, für eine Atombombe hingegen reiche es nicht. Bin Ladens Stellvertreter Zawahiri ersuchte darum Mahmuds Hilfe bei der Rekrutierung pakistanischer Wissenschaftler, die al-Qaida mit waffenfähigem Uranium und Rat beim Bau einer Atombombe beistehen würden.

Dazu ist es nicht mehr gekommen. Zwei Monate nach Mahmuds letzter Reise nach Afghanistan marschierten die Amerikaner am Hindukusch ein. Die abschliessende CIA-Akte im Fall Mahmud, die US-Präsident Bush vorgelegt wurde, kommt zum Schluss, dass der Wissenschaftler, der vorgab, hungernden Menschen in Afghanistan beizustehen, in Wahrheit al-Qaida mit einer Blaupause für den Bau einer Atombombe belieferte.

Glaubt man Mahmuds Aussagen, hat al-Qaida nie eine Atombombe besessen, geschweige denn eine selber gebaut. Weit undurchsichtiger verhält es sich mit der Dirty Bomb. In den späten neunziger Jahren schmuggelten Afghanen und Pakistaner grosse Mengen nuklearen Materials aus den Staaten der Ex-Sowjetunion. Robert Puffer, ein US-Antiquitätenhändler, der sich auf dem pakistanischen Schwarzmarkt auskennt, berichtete, wie er vor einigen Jahren in Peschawar in eine Lagerhalle geführt wurde, wo unter dem Boden Dutzende Kanister mit nuklearem Schmuggelgut gelagert waren. «Diese Afghanen hatten keine Ahnung von Radioaktivität», erzählte er Time. «Sie trugen Material, von dem sie behaupteten, es sei Yellow Cake (pulverförmiges Uran), in Streichholzschachteln in ihrer Brusttasche.» US-Experten in der Region waren allerdings wenig beeindruckt von dem, was die Schmuggler im Angebot führten. Das meiste sei radioaktiver Abfall gewesen, der aus Spitälern und Industriegütern gestohlen worden war.

Doch nicht jeder agierte so dilettantisch. Dokumente, die die US-Armee und Journalisten Ende 2001 bei der Durchsuchung der verlassenen Regierungsgebäude, Terrorcamps und Höhlen gefunden haben, belegen, dass al-Qaida intensiv an einer «schmutzigen Bombe» laborierte. Neben verschiedenen Manuals, die zum Teil aus dem Internet heruntergeladen worden waren, fanden sich auch Anleitungen, wie eine «schmutzige Bombe» möglichst effektiv eingesetzt werden kann. Der britische Geheimdienst zog aus den Dokumenten den Schluss, dass Bin Laden 1999 beschlossen hatte, eine Dirty Bomb zu bauen. Die Taliban beschafften ihm radioaktive Isotope, die vor allem in einem Speziallabor im westafghanischen Herat bearbeitet wurden.

«Wir verteidigten eine Bombe»

Die BBC legte die vom britischen Geheimdienst veröffentlichten Dokumente unabhängigen Experten zur Begutachtung vor. «Sie sind glaubwürdig», so Mustafa Alani vom Royal United Service Institute. «Dies ist der Beweis, dass al-Qaida grossen Effort zur Sammlung von Daten und nuklearem Material aufgewendet hat.» Die britische Armee und der Geheimdienst MI5 gingen in ihrer Analyse noch weiter: al-Qaida sei im Besitz einer kleinen «schmutzigen Bombe». Wo sie sich befindet, wusste der MI5 nicht. Möglicherweise sei sie in den Händen eines flüchtigen Waffenexperten aus dem Herat-Camp.

Ist al-Qaida im Besitz einer Dirty Bomb? Wenn ja, wo könnte sie sein? Eine Spur führt in die autonomen Stammesgebiete Westpakistans, genauer nach Südwaziristan, wo die pakistanische Armee letztes Jahr auf Druck der USA Jagd auf Qaida-Mitglieder machte. Im März lieferten sich Qaida-Kämpfer und Pakistani eine mehrtägige Schlacht um ein Haus. Pakistans Präsident Perves Muscharraf sagte auf CNN, man habe in dem Anwesen ein High-Value-Target im Visier – ein Begriff, der für hochrangige Mitglieder des Terrornetzwerks verwendet wird. Dem widersprach jedoch Nek Mohammed, ein Qaida-Sympathisant und Volksheld in der Grenzzone. Weder Osama noch ein anderer Führer habe sich je in dem Haus aufgehalten, sagte er nach der Schlacht gegenüber einem führenden Stammesmitglied, mit dem die Weltwoche vor einem Monat sprach. «Es war kein Mensch, sondern eine Bombe, die wir dort verteidigten.» Wie Nek Mohammed präzisierte, habe es sich dabei um eine Dirty Bomb gehandelt.

Eine zweiter Hinweis auf mögliche Standorte von schmutzigen Al-Qaida-Bomben stammt von einem anderen hohen Qaida-Mitglied: Abdul Rahman al-Kadr, ein gebürtiger Ägypter und Financier von Bin Ladens Netzwerk. Im September 2003 erzählte er Mullah Habib, dem erwähnten Ex-Nachrichtenchef der Taliban, während eines Gesprächs in Karatschi von zwei Dirty Bombs. Beide stammten aus den Beständen der Qaida und seien nach der US-Invasion 2001 ausser Land gebracht worden. Die eine sei von Mudschaheddin aus Zentralrussland nach Georgien gebracht worden. Die andere sei von Verbündeten Abu Mussa al-Zarkawis, der im Irak durch grausame Attentate und Enthauptungen Schlagzeilen macht, in die Türkei verschoben worden. Beide Aussagen konnten nicht weiter verifiziert werden. Sowohl Nek Mohammed als auch Rahman al-Kadr wurden im Zuge der pakistanischen Offensive umgebracht.

Im Grunde ist der Transfer einer «schmutzigen Bombe» zu einem möglichen Anschlagsziel in Europa oder den USA relativ einfach zu organisieren. Selbst Grenzbehörden bestätigen, dass die Einfuhr in Cargo-Containern keine ernsthafte Hürde für Atomschmuggler sei. Doch sind diese Mühen überhaupt nötig? Terroristen sind nicht auf nukleares Material aus Afghanistan oder Pakistan angewiesen. Fast hundert Fälle von illegalem Handel mit nuklearem und anderem radioaktivem Material hat die Internationale Atom- und Energieagentur allein letztes Jahr gezählt. Dutzende von Schmuggelrouten zwischen Asien und Europa sind während des letzten Jahrzehnts entdeckt worden, besonders beliebt ist der Weg über den Kaukasus, Schwarzes Meer und Europas Südostflanke. Ausserdem gäbe es die Möglichkeit, nukleares Material für eine «schmutzige Bombe» am möglichen Einsatzziel, in Europa oder den USA, zu kaufen. Cobalt-60, Strontium-90, Cäsium-137 und Iridium-192 gibt es in Radiotherapiemaschinen und thermoelektrischen Generatoren.

Erstaunlich scheint bei alledem die Tatsache, dass die Welt bisher von einem Anschlag verschont geblieben ist. Weshalb?

«Radioaktive Substanzen sind auf Grund ihrer starken Strahlung leicht erfassbar», versucht Rudolf Adam, Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, zu erklären. Ausserdem sei jeder Umgang mit radioaktiven Sub- stanzen für potenzielle Attentäter mit hohem gesundheitlichem Risiko verbunden. Zumindest Letzteres ist ein schwaches Argument. Bedenken vor Gesundheitsschäden sind wohl das Letzte, was einen Selbstmordattentäter von der Tat abhalten könnte.

Die meisten Experten sind ratlos. «Ich kann es mir nicht erklären», sagt Matthew Bunn, Nuklearexperte in Harvard. Thomas Friedman, Kolumnist der New York Times, hat unlängst die Meinung vertreten, im Westen herrsche bloss die Ruhe vor dem Sturm. Die Islamisten hätten im Irak ein neues Schlachtfeld gefunden; sobald sich dort die Lage beruhige, werde ihr Fokus wieder auf Europa und Amerika fallen. Möglich ist auch die Erklärung, dass grosse Anschläge eine sehr lange Vorbereitungszeit in Anspruch nehmen. Ausserdem hat der Krieg gegen den Terror die Führungsriege der Qaida dezimiert; lokale Gruppen sind wahrscheinlich nicht in der Lage, die logistischen Hürden eines Mega-Attentats zu planen.

Im Vergleich zu den Anschlägen von 9/11 wäre ein Anschlag mit einer Dirty Bomb ein Kinderspiel. Einzelne scheinen es versucht zu haben. Im Juni 2002 setzten die US-Behörden Jose Padilla fest, ein früheres Bandenmitglied aus Brooklyn, der versucht haben soll, im Auftrage der Qaida einen Anschlag mit einer «schmutzigen Bombe» auszuführen. Letzten September verhaftete die britische Polizei vier Männer, die angeblich planten, eine Dirty Bomb in der Londoner U-Bahn zu zünden. Schlüsse aus diesen Beispielen können nicht gezogen werden. Keiner der Fälle ist bislang aufgeklärt.

Fragt man Fachleute nach der Wahrscheinlichkeit einer Dirty-Bomb-Attacke, erhält man stets die gleiche Antwort: «Es ist keine Frage des Ob, sondern des Wann und Wo.»

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 17/05
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