In unserer Kultur existiert eine gewisse Tendenz, das Aufkommen des privaten Eigentums als einen Verstoss gegen die natürliche Weltordnung abzuwerten. Viele Religionen teilen den Glauben, dass die vollkommene Hingabe an Gott nur durch die Loslösung von irdischen Besitztümern erreicht werden kann. Mit der Devise «Eigentum ist Diebstahl» hat die Studentenbewegung ihre Vorbehalte formuliert. Doch jetzt zwingen uns Verhaltensforscher, Psychologen und Ökonomen mit neuen Daten und Theorien zum Umdenken. Danach haben wir mit vielen Tieren einen angeborenen Besitzinstinkt gemeinsam, der uns ein Bauchgefühl für den Umgang mit Mein und Dein vermittelt.
Unsere Mitgeschöpfe setzen für gewöhnlich mehr Nachkommen auf die Welt, als mit den vorhandenen Ressourcen am Leben gehalten werden können. Die Methoden, um die knappen Güter zu verteilen, entwickelten sich stetig fort. Auf der untersten Stufe reissen sich die Stärkeren noch gewaltsam die Ressourcen der Schwächeren unter den Nagel, erläutert der Ökonom Herbert Gintis von der University of Massachusetts in Amherst. So machen sich Einsiedlerkrebse ohne Rücksicht auf Verluste die Schneckenhäuser streitig, die sie benötigen, um ihren verletzlichen Unterleib zu panzern.
Die Ersten werden die Ersten bleiben
Viele Tiere, die in organisierten Gruppen leben, bilden stabile Hierarchien, die solche kräftezehrenden Rangeleien unnötig machen. Ist die Hackordnung erst einmal ausgehandelt, fügen sich die Unterlegenen kampflos den Besitzansprüchen des dominanten Obersten. Auf der höchsten Stufe tritt das Prinzip Dominanz allmählich hinter das Prinzip Eigentum zurück. «Das Individuum, das zuerst da war, behält die Ressource, und der Nachzügler ‹respektiert› die Kontrolle des Eigentümers», schrieb der vorausschauende Zürcher Ethologe Hans Kummer schon zu Beginn der neunziger Jahre.
Wie sehr der Respekt für fremden Besitz das Recht des Stärkeren in die Schranken weist, hat der Verhaltensforscher Frans de Waal vom Primaten-Forschungszentrum der Emory-Universität in Atlanta, Georgia, bei den Schimpansen untersucht. Wenn einer der wilden Jäger eines der heiss begehrten Colobus-Äffchen erbeutet hat, zerlegt er es und teilt nach Gutdünken Happen an die bettelnde Meute aus. Selbst das dominante Alpha-Tier geht leer aus, wenn es nichts zum Jagderfolg beigetragen hat. «Es wurde noch nie beobachtet, dass ein Schimpanse einem anderen den Fang mit Gewalt entrissen hätte.»
Aber selbst bei so einfach gestrickten Kreaturen wie Schmetterlingen funktioniert die Devise «Wer zuerst kommt, mahlt zuerst». Die Gattung «Waldbrettspiel» ist unheimlich auf die spärlichen sonnenbestrahlten Lichtungen im Wald erpicht. So ein Plätzchen wird in Sekunden mit Beschlag belegt, schildert der Evolutionspsychologe Jeffrey Stake von der University of Indiana. Dem Inhaber gelingt es problemlos, körperlich überlegene Rivalen zu vertreiben, selbst wenn sie nur Sekunden später eingetrudelt sind. Als man zwei Schmetterlingen vortäuschte, sie seien beide Nummer eins, zog sich die Konfrontation endlos hin.
Auch die Kohlmeise verteidigt erfolgreich ihr Territorium, wenn sie es vor der Konkurrenz akquirieren kann. In einer Studie nahmen Forscher eine «Zwangsräumung» vor und brachten den ursprünglichen Besitzer nach drei oder zehn Stunden in sein – mittlerweile belegtes – Revier zurück. Nach drei Stunden Abwesenheit konnte der Vogel seinen Besitz spielend zurückerobern, nach zehn Stunden gewann der Eindringling oft die Oberhand. Ähnlich sah es bei einer Studie an Wildpferden in Arizona aus: Die Tiere, die sich um die überaus kostbaren Wasserlöcher versammelt hatten, schotteten die Ressource mit Bravour gegen die Nachzügler ab.
Die Liste der Arten, bei denen Erstbesitz über Stärke geht, wird laut Stake ständig grösser und deckt das ganze Spektrum der Fauna ab; dazu gehören Libellen, Wüstenameisen, Spinnen und Paviane. «Die Tiere folgen offenbar einem genetischen Besitzinstinkt, der ihnen diktiert, sich durchzusetzen, wenn sie als Erster Anspruch erheben können, und klein beizugeben, wenn ihnen jemand zuvorgekommen ist.»
Erst vor wenigen Jahren konnten Ökonomen aufzeigen, dass der gleiche Mechanismus in der menschlichen Psyche verankert ist, erklärt der Wiener Wirtschaftswissenschaftler Erich M. Kirchler. Das Phänomen heisst «Endowment-Effekt» oder «Besitzeffekt» und besagt, «dass ein Gut, nachdem es eine Person in Besitz genommen hat, unmittelbar wertvoller wird und die Rückgabe relativ schmerzhafter ist». In einem Experiment bekam ein Teil der Probanden einen dekorierten Krug im Wert von sechs Dollar geschenkt. Sofort darauf sollten sowohl die Besitzer als auch die Nichtbesitzer den Wert des Objekts taxieren. Allein der symbolische Schenkungsakt hatte zur Folge, dass das Objekt dem Eigentümer plötzlich doppelt so viel wert war wie den anderen.
Unser Vorfahr, ein Buchführer
«Diese Aufwertung des Status quo basiert wahrscheinlich auf einer genetischen Anlage, die in unserer evolutionären Vergangenheit vorteilhaft gewesen ist», meint der Ökonom Peter Hammerstein von der Humboldt-Universität Berlin. «Dieser Instinkt hat zur Folge, dass der Erstinhaber bereit ist, viel mehr in den Erhalt seines Besitzes zu investieren, als Eindringlinge aufbieten wollen, um dem Eigentümer das Gut abzuluchsen.» Tiere und Menschen mit schlecht justiertem Besitzinstinkt hätten sich schon in der Urzeit in Teufels Küche gebracht: Entweder hätten sie versucht, sich einer Sache zu bemächtigen, die der andere mit Zähnen und Klauen bewacht; oder sie hätten ihren eigenen Besitz nicht genügend geachtet, und man hätte sie bei der ersten Gelegenheit beraubt. «Die meisten von uns», folgert Stake, «dürften daher von Vorfahren abstammen, die genau Buch darüber geführt haben, wer sich als Erster etwas angeeignet hat.»
Der Endowment-Effekt widerspricht übrigens der klassischen Wirtschaftslehre, die den Menschen strenges rationales Kalkül zuschreibt. Ein und dasselbe Gut müsste eigentlich für Inhaber und Nichtinhaber den gleichen Wert besitzen. Menschen, die sich eine Sache aneignen, stellen aber offenbar sofort eine – irrationale – Bindung zu der Sache her. Diese Entdeckung ist ein Triumph der neuen wissenschaftlichen Disziplin «Behavioral Finance», die die vernunftwidrigen Aspekte unseres Wirtschaftsverhaltens zum Thema hat.
Ohne Endowment-Effekt und Besitzinstinkt würden vermutlich die wenigsten Geschöpfe in der belebten Welt überhaupt irgendetwas auf die Beine stellen, spekuliert Hammer- stein. Warum sollten sich Vogeleltern überhaupt die Mühe machen, ein Nest zu bauen, wenn sich der erste hergelaufene Eindringling an ihrer Investition vergreift? Allerdings hat Respekt für Besitz auch im Tierreich Grenzen. Affen, die irgendwelche Leckereien frei mit sich herumtrugen, blieben unbehelligt. Wenn ihre Habe aber mit einer längeren Schnur am Boden befestigt war, konfiszierten die überlegenen Tiere sie ungeniert. Paviane respektieren nur die Güter anderer Männchen. Die weiblichen Tiere, denen die scharfen, kraftvollen Zähne fehlen, wurden in der Hälfte der Fälle «geschröpft».
Der wichtigste Akt, seine Besitzansprüche zu dokumentieren, besteht in der Natur darin, das Objekt zu berühren, hebt Jeffrey Stake hervor. So löst etwa bei den Schmetterlingen erst der unmittelbare Körperkontakt die Bindung an das sonnige Fleckchen aus. Im Gehirn von Affen kommen bereits spezielle Nervenzellen vor, die nur dann anspringen, wenn das Tier nach einem Stück Nahrung greift. Aber die gleichen «Spiegelneuronen» feuern auch bei den Artgenossen, die ihren Kumpan lediglich greifen sehen. Jeffrey Stake: «Die Tatsache, dass es Neuronen gibt, die durch Greifen und die Beobachtung des Greifens angeworfen werden, legt nahe, dass Nervenzellen existieren, die fürs Besitzen und für die Beobachtung des Besitzens empfänglich sind.»
Zum Eigentum gehört auch das Recht, seine Siebensachen gegen andere Güter einzutauschen. Aber auch das Tauschprinzip reicht viel weiter in die Natur zurück, als Karl Marx wahrhaben wollte, gibt der Anthropologe Professor Eckart Voland von der Universität Giessen zu bedenken. Die ersten Indizien stammen von Schimpansen, die täglich frisches Laub im Freigehege erhielten. Manche Affen liessen andere an ihren Ästen zehren, andere wimmelten alle Betteleien unwirsch ab. Ergebnis der Analyse: Nach dem Motto «Wie du mir, so ich dir» teilten die Tiere nur mit jenen, die ihnen bei früherer Gelegenheit etwas abgegeben hatten. Die Schimpansen waren auch eher bereit, etwas herauszurücken, wenn der «Bettler» ihnen zuvor mit Fellpflege dienstbar gewesen war.
Tausche Futter, biete Sex
Frans de Waal hat 7000 Interaktionen von Schimpansen ausgewertet, die gerade mit Leckereien bedacht worden waren. Fazit: Die klugen Bananenfresser unterhalten eine regelrechte «Dienstleistungsökonomie» und tauschen Futter gegen Fellpflege, Sex, Unterstützung bei Konflikten und andere Gefälligkeiten ein. Das stellt hohe geistige Anforderungen: Wie viel Lausen kann man für ein Stück Futter verlangen, wie viele sexuelle Gegenleistungen ist eine Session Körperpflege wert? Dazu kommt, dass die Rückzahlung oft erst in der ungewissen Zukunft winkt. Seit langem wird gerätselt, warum der Urmensch seine hohe Intelligenz entwickelte. Vielleicht, weil die komplexen Tauschnetzwerke so viel Hirnmasse verlangten?
Tauschnetzwerke oder «biologische Märk- te» kommen aber auch bei einfacheren Tieren vor. In Korallenriffen suchen viele Fische – auch grosse Raubfische – regelmässig sogenannte «Putzerstationen» auf. Dort wird ihre Haut durch den kleinen Putzerlippfisch von Parasiten befreit. Obwohl die kleinen Saubermacher ihren Dienst in der Mundhöhle verrichten, werden sie von ihren Kunden nicht verspeist. Die Grossen erlangen bei dem Deal Hy- giene, die Kleinen werden satt.
Anders als Menschen respektieren Tiere fremde Habe nur, solange der Besitzer sie nutzt. So unternehmen Schimpansen Expeditionen, um an Granitsteine zu kommen, die sie als Nussknacker einsetzen. Wenn sie satt sind, lassen sie das wertvolle Werkzeug achtlos am Boden liegen. Im Gegensatz zum Menschen hängen sie ihre Seele nicht an «totes» Eigentum.
Rolf Degen lebt als freier Wissenschaftsjournalist in Bonn.
27.04.2005, Ausgabe 17/05
Essay
Das kapitalistische Schwein
Geht’s um Eigentum, sind Tiere auch nur Menschen: Was sie haben, geben sie lieber nicht mehr her. Über die Natur des Besitzdenkens.
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