Sie ist eines der grossen Mysterien des organisierten Verbrechens: die Beziehung zwischen Osama Bin Laden und Abu Musab al-Zarqawi. Die zwei Titanen des islamistischen Terrors könnten unterschiedlicher nicht sein: der eine aus reichem saudischem Haus, ein strategisches Talent mit erhabener Ausstrahlung und der sanften Stimme eines Weisen; der andere der Sohn einer jordanischen Flüchtlingsfamilie, ungebildet, impulsiv, mit dem Hang zur rohen Gewalt.
Zarqawi war für die meisten Experten ein unbeschriebenes Blatt, als er nach der US-Invasion im Irak 2003 als Anführer des Aufstandes in Erscheinung trat. Mit Enthauptungen und Attentaten auf US-Soldaten und Zivilisten schuf er sich innert Monaten den Ruf eines neuen Topterroristen. Gerüchte von einem erbitterten Zweikampf zwischen ihm und Osama Bin Laden wurden laut. Man spekulierte, ob Zarqawi als eine Art moderner Jakobiner den Terrorfürsten Bin Laden beerben und die islamistische Revolution in eine noch blutigere Richtung führen würde.
Lezten Oktober folgte dann die Überraschung: Zarqawi ordnete sich Bin Laden unter und führte seine Bewegung, Tawhid wal-Dschihad, unter das Dach von al-Qaida. Im Dezember schliesslich liess Bin Laden die Welt wissen: «Zarqawi ist al-Qaidas Prinz im Irak.» Recherchen des afghanischen Journalisten Sami Yousafzai, Sonderkorrespondent von Newsweek und Informant der Weltwoche, bringen erstmals Licht in die Genese der Liaison dangereuse zwischen dem ungleichen Paar. Interviews mit Taliban-Kadern und gutinformierten Dschihadis belegen, dass kaum jemand mehr überrascht war von der Stärke des irakischen Widerstandes als Osama Bin Laden.
Der Al-Qaida-Chef kannte Abu Musab al-Zarqawi aus dessen Zeit in Afghanistan. Zarqawi unterhielt Ende der Neunziger ein Terrorcamp in Herat, Afghanistan. Der Jordanier hatte eine von al-Qaida unabhängige Agenda, bildete mehrheitlich eigene Landsleute aus, die das haschemitische Königreich stürzen und Anschläge gegen Juden vorbereiten sollten. Zarqawi war berüchtigt als Querschläger. Er hetzte gegen die lokalen Schiiten, legte sich mit den arabischen Dschihad-Nomaden an und zerstritt sich mit den Taliban.
Das «Chamäleon» reist in den Irak
Als sich der Widerstand im Sommer 2003 im ganzen Irak ausbreitete, wollte Bin Laden nicht länger zuschauen, wie der Emporkömmling ihm den Rang ablief. Er schickte im Spätsommer zwei seiner engsten Vertrauten in den Irak, um den Widerstand auszukundschaften und zu sehen, wie al-Qaida die Führung an sich reissen könnte. «Der Widerstand entfaltete sich schneller und anders, als wir erwartet hatten, so waren wir nicht vorbereitet, ihn zu unterstützen und zu lenken», sagt Abdul Hadi al-Iraqi, einer der beiden Irak-Emissäre Bin Ladens. «Der Scheich schickte mich, um zu sehen, wie wir helfen könnten.»* Abdul Hadi al-Iraqi reiste auf dem Landweg von Afghanistan in den Irak. Im Gegensatz zum zweiten Emissär, Bin Ladens Militärchef Saif al-Adel, der im Iran verhaftet wurde, erreichte al-Iraqi sein Ziel. Er wird als Chamäleon beschrieben: Perfekt passt er sich der jeweiligen Umgebung an, spricht Arabisch, Urdu, Paschtu, Kurdisch und Persisch. Geboren 1960 im Kurdengebiet des Iraks, stieg er in Saddam Husseins Armee in den Rang eines Majors auf, bevor er sich in den späten achtziger Jahren dem Dschihad in Afghanistan anschloss.
Zarqawi war entsetzt, als er von Bin Ladens Absicht erfuhr, al-Iraqi als Al-Qaida-Führer im Irak zu installieren. «Ich bin bereits hier!», sagte er zu al-Iraqi. «Warum schickt der Scheich jemand anders?» Damit schien die Avance fürs Erste gescheitert. Bin Laden indessen war sich der Bedeutung des Iraks als neuer Front im Kampf gegen die «amerikanischen Kreuzritter» bewusst und drängte zur Tat. «Amerikanisches Blut zu vergiessen, ist einfach im Irak», liess er im November 2003 der Taliban-Führung ausrichten. Viele Al-Qaida-Kämpfer seien bereit, in den Irak zu reisen. «Ich gebe den Durstigen die Möglichkeit, [im Irak] einen grossen Schluck zu trinken.»**
Für die Taliban war Bin Ladens Botschaft ein Rückschlag. Er habe veranlasst, die monatliche Unterstützung des afghanischen Widerstands von drei Millionen Dollar um die Hälfte zu kürzen, liess Bin Laden die Taliban wissen. Die freiwerdenden Ressourcen sollten künftig den Mudschaheddin im Irak zufliessen. Gemäss Angaben von führenden Taliban arbeiteten Ende 2003 mehr als 1000 Al-Qaida-Kämpfer, Militärausbildner und Berater mit dem afghanischen Widerstand zusammen. Mindestens ein Drittel dieser Extremisten sollten nun in den Nahen Osten verlegt werden.
Dass die beiden Terrorchefs in Kontakt getreten waren, blieb der Öffentlichkeit verborgen. Bis im Januar 2004 ein 17-seitiger Brief, den die CIA 2004 angeblich im Kurdengebiet abgefangen hatte, für Aufsehen sorgte. Das Dokument, kopiert auf einer CD, war an Bin Laden adressiert. Als Autor, der sich im Brief als Drahtzieher von 25 Terroranschlägen bezeichnet, wurde Zarqawi identifiziert. «Wir sehen uns nicht in der Lage, mit euch zu konkurrieren», steht in dem Dokument. «Wenn ihr mit uns einig seid, werden wir eure Soldaten sein und unter eurem Banner kämpfen.» Die Botschaft ist kein Kniefall, mehr ein Angebot zur Allianz unter gleichen Partnern. «Seht ihr die Dinge anders, lasst es uns wissen», heisst es. «Meinungsverschiedenheiten werden unsere Freundschaft nicht verderben.»
Erstaunlich ist der im Dokument geäusserte Hass gegen die Schiiten. «Sie sind die lauernde Giftschlange, der hinterhältige Skorpion, der spionierende Feind», schreibt der Autor. Er fordert die Sunniten gar zum Bruderkrieg gegen die Schiiten auf – ein Postulat, das Bin Ladens Strategie einer weltweiten Umma, einer Einheit der Muslime, konterkarierte.
Treuegelöbnis für Bin Laden
In den folgenden Monaten gab es kein Zeichen, dass Bin Laden den Brief beantwortet hätte. Im Irak begann das bisher grausamste Kapitel des islamistischen Terrorismus. Am 11. Mai wurde vor laufender Kamera der jüdische Amerikaner Nicholas Berg geköpft, ein Video des Mordes unter dem Titel «Scheich Abu Musab al-Zarqawi enthauptet einen ungläubigen Amerikaner» ins Internet gestellt. Weitere Gräueltaten folgten. Terrorexperten glaubten, Zarqawi habe ein eigenes Netzwerk aufgebaut, das unabhängig von, teils in Konkurrenz zu al-Qaida arbeitete. Umso überraschender war die Botschaft, die Zarqawi am 17. Oktober 2004 auf einer islamistischen Website aufschalten liess: «Es wird die Menschen des Islam, besonders diejenigen in den Frontlinien, mit grosser Freude erfüllen, dass Abu Musab al-Zarqawi (Gott möge ihn beschützen) und seine Gruppe Mudschaheddin-Kommandant Scheich Osama Bin Laden die Treue aussprechen.»
In seiner Botschaft schreibt Zarqawi weiter: «Während der letzten acht Monate wurden zahlreiche Botschaften zwischen Abu Musab (al-Zarqawi) und der Al-Qaida-Bruderschaft ausgetauscht.» Dank Gottes Hilfe sei der Kontakt nicht abgebrochen. Schliesslich hätten die «überaus generösen Brüder von al-Qaida» die Strategie von Zarqawis Gruppe verstanden, «und ihre Herzen erwärmten sich für [unsere] Methoden und die gesamte Mission.»
Bin Ladens Emissär Abdul Hadi al-Iraqi beschreibt die Annäherung als langwierig und schwierig. Von Beginn weg sei klar gewesen, dass al-Qaida im Irak nicht an Zarqawi vorbeikommen würde. Zarqawi hatte «ein furchterregendes Gesicht», erinnert sich al-Iraqi. Aber er habe sofort begriffen, dass er derjenige war, den al-Qaida brauchte. «Es ist der beste Mann, um die ausländischen und irakischen Aufständischen zu führen», berichtete al-Iraqi Bin Laden. «Er verdient unsere Unterstützung.»
Dreimal kehrte al-Iraqi in den Irak zurück, bis der Deal endlich stand. Noch kurz vor seiner letzten Reise zitierte eine arabische Tageszeitung in London Zarqawi mit den Worten: «Ich habe keine Treue zum Scheich geschworen, und ich arbeite nicht unter dem Dach seiner Organisation.» Nach dem vierten Treffen war das Eis gebrochen. «Ich bin ein loyaler Soldat und bereit, mich für den Scheich, unseren Führer, zu opfern», sagte Zarqawi zu al-Iraqi. Seither firmiert Zarqawis Gruppe unter dem Namen «al-Qaida im Land der zwei Ströme». Am 27. Dezember 2004 gab Bin Laden offiziell seinen Segen zum Pakt: Auf einem Tonband, das vom Fernsehsender Al-Dschasira veröffentlicht wurde, nannte er erstmals Zarqawis Namen, lobte dessen Bluttaten und bezeichnete ihn als «Prinzen von al-Qaida im Irak».
Zarqawis Treueschwur sei ein Zeichen der Schwäche, sagt ein führender US-Anti-Terror-Experte. Die Belagerung seiner Hochburg Falludscha durch US-Soldaten habe Zarqawi in die Enge getrieben und ihn zum Bündnis mit Bin Laden genötigt. Arabische Analysten sind der Auffassung, eine wachsende Präsenz von Al-Qaida-Kämpfern im Irak habe Zarqawi gezwungen, seine Organisation unter Bin Ladens Schirmherrschaft zu stellen.
Irak-Experte Juan Cole hingegen interpretiert das Bündnis als kapitalen Fehler Bin Ladens. «Wenn er politisch clever wäre, hätte er sich auf die Seite des irakischen Nationalismus geschlagen», sagt der Professor von der University of Michigan. Weil Bin Laden für eine kleine Minderheit von extremistischen Sunniten Partei ergreife, die mehr Iraker töte als Amerikaner, schädige er sein Image als Rächer der Muslime.
Bin Ladens Emissär Abdul Hadi al-Iraqi ist stolz auf seine Mission: «Ich bin die Person, die das Schweigen gebrochen und die Schwierigkeiten zwischen Zarqawi und der Al-Qaida-Führung gelöst hat.» Die Spenden für al-Qaida waren stark gesunken, nachdem viele Kader getötet oder eingesperrt worden waren.
Nun haben Privatgelder wieder zu fliessen begonnen. Bin Laden sei zuversichtlicher als früher, erzählt al-Iraqi. Als er den Qaida-Chef im November besuchte, sei die Zahl der Checkpoints um dessen Versteck reduziert worden. «Der Scheich hat eine neue Mentalität», so al-Iraqi, «und er schaut gesünder aus.»
*Abdul Hadi al-Iraqi erzählte die Geschichte seiner Mission letzten Dezember einem hochrangigen Taliban-Funktionär namens Zabihullah. Dieser fungiert als Liaisonoffizier zwischen den Taliban und al-Qaida.
Die im Text wiedergegebenen Zitate stützen sich auf die Aussagen Zabihullahs.
**Das Geheimtreffen zwischen drei führenden Qaida-Repräsentanten mit Taliban-Kommandanten fand Mitte November 2003 in Afghanistan statt. Die Informationen über die Zusammenkunft stammen von Sharafullah, einem Talib, der beim Treffen als Dolmetscher zugegen war und der bis 2001 als Übersetzer zwischen Taliban-Chef Mullah Omar und Osama Bin Laden arbeitete.
13.04.2005, Ausgabe 15/05
Al-Qaida
Pakt der Sprengköpfe
Bin Laden suchte eine Rolle im irakischen Aufstand, Zarqawi brauchte Rückendeckung von aussen: Wie die Liaison der Terrortitanen zustande kam.

Kommentare