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09.03.2005, Ausgabe 10/05

Türkei

Rufmord am Bosporus

Vorbei die Zeiten, da den USA türkischer Honig ums Maul geschmiert wurde. Die Hasstiraden auf den Nato-Partner sind bizarr bis geschmacklos.

Von Robert L. Pollock

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Vor einigen Jahren besuchte ich in Istanbul eine Ausstellung von Werken, die in der Zeit des letzten Militärputsches (1980) entstanden waren. Das Augenmerk der Künstler schien sich indes mehr auf die Ungerechtigkeiten des globalen kapitalistischen Systems zu richten als auf das Schicksal der türkischen Demokratie. Diese Werke als linke Karikaturen zu bezeichnen (viele zeigten fette Kapitalisten und ausgemergelte Arbeiter), wäre untertrieben gewesen. Ein scharfsinniger türkischer Kritiker schrieb dazu: «Dies beweist, dass türkische Künstler bereit waren, sich in einer Weise zu erniedrigen, wie es sowjetische Künstler nicht einmal auf dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors getan hätten.»

Diese Ausstellung kam mir neulich in den Sinn, als in den USA über die Frage «Warum ist uns die Türkei verloren gegangen?» nachgedacht wurde. Die fünfzigjährige besondere Beziehung zwischen alten Nato-Verbündeten, die schon in Korea gemeinsam gegen kommunistische Expansionsbestrebun- gen kämpften, muss sich ja seit langem der ideologischen Feindschaft und intellektuellen Dekadenz eines Grossteils der Istanbuler Elite erwehren. Bei den Wahlen im Jahr 2002 manövrierten sich die immer korrupteren etablierten Parteien, die für eine enge türkisch-amerikanische Partnerschaft gestanden hatten, ins Abseits und hinterliessen ein Vakuum, das von dem subtilen, aber heimtückischen Islamismus der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) gefüllt wurde. Es ist diese Melange aus alter linker Ideologie und neuem Islamismus (weit mehr als irgendwelche Verstimmungen wegen türkischer Kritik am Irak-Krieg), die den Niedergang der Beziehungen erklärt.

Und was für einen Niedergang! Als ich Pentagon-Staatssekretär Doug Feith Anfang Februar zu einer kurzen Visite nach Ankara begleitete, fand ich eine vergiftete Atmosphäre vor – fast alle Politiker und fast alle Medien predigen einen Amerika- und Judenhass, der weit über das hinausgeht, was man in den meisten staatlich kontrollierten Organen der arabischen Welt findet. Wenn ich zögere, von einer Art Nazipropaganda zu sprechen, dann deshalb, weil vermutlich sogar Goebbels sie als zu ordinär abgelehnt hätte.

Nehmen wir nur die islamistische Zeitung Yeni Safak, die der Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan nahe steht. Am 9. Januar wurde dort in einem Artikel behauptet, US-Soldaten würden so viele irakische Leichen in den Euphrat werfen, dass einige Mullahs den Anwohnern den Verzehr von Flussfischen verboten hätten. Wiederholt behauptete das Blatt, US-Streitkräfte hätten in Falludscha chemische Waffen eingesetzt. Ein Kommentator erklärte, US-Soldaten hätten Frauen und Kinder dort vergewaltigt und deren Leichen den Strassenhunden zum Frass überlassen. Zu den «Sensationen» des Blattes gehörte die Meldung, im Irak kämpften auch tausend israelische Soldaten und US-Soldaten trieben schwunghaften Handel mit den Organen von toten Irakern.

In der säkularen Presse sieht es nicht viel besser aus. Die angesehene Hürriyet behauptete, israelische Sonderkommandos hätten türkische Ordnungskräfte in Mossul ermordet, und die USA wurden beschuldigt, unter dem Vorwand der humanitären Hilfe die Besetzung Indonesiens zu betreiben. Im Herbst vergangenen Jahres warf ein Kommentator der Zeitung Sabah dem US-Botschafter in der Türkei, Eric Edelman, vor, seine Haltung orientiere sich an seiner «ethnischen Herkunft» (Edelman ist Jude). Tatsächlich ist Edelman ein Diplomat, der seiner Aufgabe, die Interessen und das Bild Amerikas zu ver- teidigen, besonders pflichtbewusst nachkommt. Das geistige Klima, in dem er sich bewegt, ist so grotesk, dass er es für angebracht hielt, ein Gespräch mit Wissenschaftlern vom U.S. Geological Survey zu organisieren, die darauf hinwiesen, dass der Tsunami nicht durch geheime US-Atomversuche ausgelöst worden war.

Die wohl bizarrste antiamerikanische Story, die gegenwärtig in aller Munde ist, ist die Achter-Planet-Theorie, derzufolge die USA von einem bevorstehenden Meteoriteneinschlag in Nordamerika wüssten. Dies erkläre ihr Bestreben, sich den Nahen Osten zu unterwerfen.

Das alles klingt verrückt. Doch bei wichtigen Empfängen in Ankara erzählt man sich allen Ernstes solche Geschichten. Gemeinsamer Nenner ist stets die Annahme, dass praktisch alles, was die USA unternehmen – sogar die Flutkatastrophenhilfe –, auf üblen Motiven beruht, und meist wird unterstellt, dass es im jüdischen Interesse geschieht. Zu diesen Verleumdungen schweigen türkische Politiker. Parlamentarier haben den USA sogar «Völkermord» im Irak vorgeworfen, während Ministerpräsident Erdogan (von dem wir einst gehofft hatten, er werde der muslimischen Welt in der demokratischen Sache mit gutem Beispiel vorangehen) zu den wenigen Regierungschefs gehörte, die die Legitimität der ira- kischen Wahlen in Zweifel stellten. Darauf angesprochen, behaupten türkische Politiker gern, sie könnten es sich nicht leisten, sich «gegen die öffentliche Meinung zu stellen».

Insofern ist es ziemlich heuchlerisch, wenn Ministerpräsident Erdogan bei Condoleezza Rice gegen eine Folge der TV-Serie «West Wing» protestiert, in der die Türkei wenig schmeichelhaft porträtiert wird – als von rückschrittlichen, populistischen Kräften regiert, die die Rechte der Frau bedrohen (ein einigermassen zutreffendes Porträt, finde ich).

Früher hätte es in der Türkei eine Oppositionspartei gegeben, die stark genug gewesen wäre, eine solche Regierung zur Vernunft zu bringen. Heute ist die einzige Opposition die Republikanische Volkspartei CHP, die einstige Partei Atatürks. Auf dem letzten Parteitag warf der Parteichef seinem wichtigsten Herausforderer vor, ein Handlanger der CIA zu sein. Das soll nicht heissen, dass es in Regierung und Staatsapparat nicht auch ein paar vergleichsweise amerikafreundliche Leute gibt, doch die trauen sich nicht, öffentlich etwas zu sagen. Im privaten Gespräch beklagen sie unentwegt irgendwelche Banalitäten, bei denen sich die USA ungeschickt verhalten hätten.

Völlig vergessen ist die Tatsache, dass Präsident Bush einer der ersten ausländischen Politiker war, die Ministerpräsident Erdogan anerkannten, während die türkischen Gerichte noch überlegten, ob der Mann hinreichend säkular für das Amt sei. Vergessen sind Jahrzehnte amerikanischer Militärhilfe. Vergessen sind jahrelange amerikanische Bemühungen um eine Öl-Pipeline vom Kaspischen Meer zum türkischen Hafen Ceyhan. Vergessen ist, dass die Absicht des US-Kongresses, wegen des Armenier- Genozids von 1915 eine türkeikritische Resolution zu verabschieden, regelmässig am Widerstand der US-Regierung scheitert. Vergessen ist auch, dass Amerika sich schon lange für die Aufnahme der Türkei in die EU einsetzt.

Vor allem vergessen ist die amerikanische Hilfe beim Kampf gegen die PKK. Ihr Anführer, Abdullah Öcalan, nun im Gefängnis, wurde 1998 aus Syrien ausgewiesen, nachdem die Türkei mit einer Militäraktion gedroht hatte. Er wurde wie eine heisse Kartoffel unter den europäischen Regierungen herumgereicht, die sich weigerten, ihn an die Türkei auszuliefern, weil ihm dort – o Graus! – die Todesstrafe drohte. Der Mann wurde schliesslich, dank Unterstützung der US-Nachrichtendienste – in Nairobi gefasst, wo er in der griechischen Botschaft Unterschlupf gesucht hatte. «Sie haben uns Öcalan geschenkt. Gibt es etwas Grösseres?», sagt einer der wenigen selbstbewussten amerikafreundlichen Türken, die ich noch kenne.

Ich weiss, dass Doug Feith (ebenfalls ein Jude, wie die türkische Presse anzumerken sich beeilte) und später Condoleezza Rice den türkischen Politikern rieten, sich im Ton zu mässigen, wenn ihnen an einem guten Verhältnis zu Amerika gelegen sei. Nichts deutet darauf hin, dass sie eine zufriedenstellende Antwort erhielten. Türkische Politiker sollten wissen, dass sich die «öffentliche Meinung», auf die sie sich so gern berufen, revidieren lässt. Wenn sie diesen Kurs aber noch ein paar Jahre fahren – wer weiss?

Atatürks Erbe ist gefährdet, und auch von der alten osmanischen Pracht wird dann nicht mehr viel übrig sein. Am Ende könnte die Türkei feststellen, dass sie ein zweitklassiges Land ist: engstirnig, paranoid, marginalisiert – ohne Freunde in Amerika (wie könnte es anders sein?) und in Europa nicht willkommen.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 10/05
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