Jesses, wie geht es wohl den Leuten in Vättis? Die Frage quälte mich eine ganze Nacht auf jene absurd-überproportionierte Art, auf die einen Fragen eben quälen, wenn man Fieber hat. Tags zuvor hatte ich, von der Grippe aufs Sofa gestreckt, anhand diverser Karten ein paar saftige Sommerwanderungen angeplant, darunter eine auf den Pizol ab Vättis – das sich dabei in meinem Hirn festgehakt haben musste.
Am Tag nach der Fiebernacht wieder Kartenstudium: Vättis, 943 Meter über Meer, liegt wirklich so isoliert, dass man sich fragen darf, wie seine Einwohnerinnen und Einwohner den Winter durchstehen; zwar ist das Dorf Luftlinie nur acht Kilometer von Chur entfernt, doch türmt sich dazwischen die Calandakette auf. Die Grauen Hörner und der Ringelspitz bilden auf der anderen Seite einen ebenso massiven Riegel. Vättis sei «in überwältigender Einsamkeit gelegen», heisst es in einer Ortsschilderung von 1921, die ich umgehend im Internet ausgrabe. Na ja, so dramatisch ist die Lage heute nicht mehr. Blick in den Fahrplan: Den ganzen Tag fahren Busse von Bad Ragaz hinauf.
Man soll seinen Obsessionen zu Leibe rücken. Kaum bin ich einigermassen genesen, gondle ich mit Wanderfreundin Judith durchs wilde Taminatal nach Vättis, das tatsächlich einen weltfernen, doch gerade darin sympathischen Eindruck macht. Unseren Plan, den Gigerwaldsee vier Kilometer oberhalb zu besichtigen, müssen wir subito abschreiben: Lawinengefahr. Darauf ziehen wir uns ins einzige offene Restaurant zurück, das seit 1893 von den Kressigs bewirtete «Calanda». In der Gaststube verspeisen wir, von den Einheimischen bei der Wahl der Alternativroute nett beraten, eine deftige Portion «Zöggel» (Pizokel).
Danach kommen wir doch noch zum Gehen. Das Kunkelsertal, das dem gleichnamigen, bloss 1357 Meter hohen Übergang nach Tamins zustrebt, ist dazu ebenso ideal wie zum Langlaufen. In vier Kilometer Entfernung Richtung Pass wartet das Berghaus Eggwald (das im März an schönen Wochenenden von 12 bis 16 Uhr offen hat). Wir kehren aber nach zwei idyllischen Kilometern um, was an meiner postgrippalen Schlappheit liegt. Ins Auge sticht uns die Breite des Tals. Die Erklärung: In der Vorzeit strömte hier, bevor er sich sein endgültiges Bett suchte, der Ur-Rhein. Heute fliesst bloss noch der Görbsbach Richtung Vättis.
Ortsinfo: www.vaettis.ch
Karte: Wanderkarte als PDF













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