«Der Typ ist eine Stunde zu spät», sagte er zum Fotografen der Weltwoche. Der Typ war ich und zu spät, weil mein Flug nach London verspätet war, wegen des schlechten Wetters. (Ich hatte Herrn Tellers Agentin aber auf dem Laufenden gehalten.) Als ich dann an seinen Tisch trat, beendete er erst eine Textnachricht, die er auf seinem Mobiltelefon schrieb, bevor er aufsah. (Herr Teller, erzählte der mir zugeteilte Fotograf später, habe das Restaurant, in dem wir verabredet waren und das gleich neben dem Haus liegt, wo der in Bayern Aufgewachsene wohnt, selber erst vor 15 Minuten betreten, nebenbei.) Ich nehme an, es störte ihn, dass sein Plan nicht ordnungsgemäss ablief: Ziemlich berühmte Menschen legen nämlich Wert auf Rangordnung und darauf, dass sie die Förmlichkeiten ausser Acht lassen und nicht die Rangniedereren, ich also. (Während richtig berühmte Menschen zwangloser damit umgehen. Ich verspätete mich auch, als ich mal mit Willem Dafoe verabredet war. Er habe sich bereits hingelegt, sagte die Frau vom Filmvertrieb, die ihn dann anrief. Zehn Minuten später erwartete er mich, lächelte und kannte meinen Namen.)
«Du seist unbestechlicher als die meisten Modefotografen, stand in der NZZ. Stimmt das?» Ich hatte ihn gesiezt zuvor. Er aber duzte mich, als er zum ersten Mal etwas zu mir sagte. («Trinkst du deinen Wein nicht?» Als ich nein entgegnete, nahm er das Glas, das vor meinem Platz stand, trank einen Schluck daraus und stellte es neben sein leeres.) Dann setzte sich eine Frau an den Nebentisch. Er grüsste. Sie erwiderte: «Hallo, ähm... Jürgen, nicht wahr?» – «Ja, wie geht’s?» – «Gut. Und was machst du so, immer noch Fotos?» (Es schien irgendwie kein guter Tag für ihn, was die Rangordnung angeht.)
«Du seist unbestechlicher als die meisten Modefotografen... » – «Wieso unbestechlich?» – «Vielleicht weil die Models auf deinen Bildern verschmierte Wimperntusche, blaue Flecken oder einen Drink zur Beruhigung in der Hand haben.» (Er machte dann 14 Sekunden Pause, um sich mit der Hand durch sein dünnes, struppiges Haar zu fahren und einen der kleinen, in schwimmendem Fett gebratenen Fische, die aufgetischt wurden, zu essen.) «Oder heisst unbestechlich, dass ich mich nicht manipulieren lasse?» – «Es ist ja eigentlich ein Kompliment. Hast du es noch nie gehört zuvor?» – «Kann schon sein, dass ich so was gehört hab. Aber weiss ich jetzt nicht genau.» (In der Journalistenschule habe ich gelernt vor Jahren, dass irgendetwas nicht stimme, wenn die Fragen länger sind als die Antworten. Eigentlich sollte ich ihm jetzt gleich danken für seine Zeit und die Fische bezahlen beim Gehen. Aber der Flug hatte 559 Franken gekostet, plus 89 Franken Taxe. Und mein nächster Termin, mit einer fast richtig berühmten Sängerin, ist erst nach Redaktionsschluss.)
Vielleicht habe ich ihn gekränkt mit der Benennung Modefotograf, weil er macht ja auch Kunst. «Siehst du dich überhaupt noch als Modefotograf?» (Mein Selbstgefühl wäre jedenfalls gestärkt – «Mark, siehst du dich überhaupt noch als Journalist?») «Wenn ich Modefotografie mach, dann geh ich sehr stark auf das Gefühl der Kleider ein.» (Da ist er dann wohl ganz der Profi, der er im Interview nicht ist.) «Aber ich mach nicht mehr so viel Modefotografie.» (Vergangenes Jahr machte er etwa Anzeigen für Strenesse, eine deutsche Marke, mit Claudia Schiffer und Boris Becker.) «Jetzt machst du Selbstporträts, auf denen du meist nackt bist. Weshalb?» – «Weil’s psychologisch interessant ist für mich. Du lernst eigentlich neu, anstatt andere Leute zu fotografieren, an dir selber zu arbeiten.» – «Wer will das sehen?» – «Ich muss mich nicht mit irgendwelchen anderen Leuten abgeben.»
«‹Diese ganzen jungen Mädels fotografieren – wenn ich ein alter Sack bin, geht’s wahrscheinlich wieder›, hast du kürzlich gesagt. Weshalb?» – «Wenn meine zwei Kinder erwachsen sind oder Teenager, wenn man so ’ne Distance hat von der ganzen Sache, dass das nur abstrakt ist, dann ist’s auch wieder interessant.» (Ich wünsch mir Michel Comte zurück, der erzählt wenigstens unentwegt von Berühmtheiten, die er kennt, und Barbara Becker kam vorbei während des Interviews. Herr Teller soll ja mit Kate Moss eng befreundet sein, aber dazu sagt er nur: «She’s great. I like her.») «Weshalb inszenieren sich Fotografen eigentlich wie Popstars?» – «Ich halt mich für den Wichtigsten, weil ich ja der bin, der das Foto macht. Ich bin der Direktor, ich bin der Regisseur.»
Jürgen Tellers Lieblingsrestaurants:
Galicia, 323 Portobello Road, London,
Telefon +44 208 969 35 39
St. John, 26 St. John Street, London,
Telefon +44 207 251 08 48
Tiroler Hut, 27 Westbourne Grove, London,
Telefon +44 207 727 39 81
Heute Abend, 10. März, liest Mark van Huisseling im Casinotheater Winterthur aus seinen Kolumnen. Dazu gibt’s ein Viergangmenü, und als Gaststar tritt «der schöne» René Weller auf. 19 Uhr. tickets.casinotheater.ch













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