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03.11.2004, Ausgabe 45/04

Die Nacht der langen Messages

Die Nacht der langen Messages

Sie führen Tagebuch, geben Insiderwissen weiter, decken Skandale auf, durchforsten bis zum Morgengrauen das Internet: Die «Blogger» mischen Chatting und Poesie mit Journalismus und Politik. Ihr Medium könnte das Medium werden.

Von Katharina Borchert

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«Du machst was genau?», fragte mich mein bester Freund, als ich ihm vor zweieinhalb Jahren von meinem Weblog erzählte. «Ich führe so eine Art privates Journal im Internet», erwiderte ich und begann begeistert von der grossen bunten Welt der Weblogs zu schwärmen. Er aber warf mir einen dieser Blicke zu, als würde ich beabsichtigen, zusammen mit Cher als Bauchtanzduo auf Welttournee zu gehen. Dann tätschelte er mir liebevoll den Kopf und wandte sich wieder seinen wichtigen Anwaltsgeschäften zu.

Daran möchte er lieber nicht mehr erinnert werden. Heute verfolgt er die Weblogs der juristischen Konkurrenz und ruft aufgeregt an, wenn ihm Neues für mein Weblog eingefallen ist. Weblogs sind längst von einer Spinnersportart zum next big thing avanciert. Man kann sie zwar weiterhin belächeln, aber man kann sie unmöglich ignorieren. Weblogs spiegeln die gesamte Bandbreite menschlicher Interessen wider. Sie sind politisch und privat, revolutionär und banal, literarisches Experimentierfeld oder Zeugnis einer Rechtschreibschwäche.

Dabei sind Weblogs zunächst mal nichts anderes als persönliche Internetseiten, die regelmässig, oftmals sogar täglich aktualisiert werden und umgekehrt chronologisch angeordnet sind. Der aktuellste Beitrag steht also ganz oben auf der Seite. Der Begriff «Weblog» ist eine Verbindung aus den Worten «Web» und «Log», wie in Logbuch. Die ersten Weblogs dienten Internetsurfern dazu, Verweise – sogenannte Links – zu interessanten Seiten, die sie auf ihren Touren durch das www. fanden, festzuhalten und zu kommentieren. Ein Logbuch dessen eben, was man so im Web machte.

Alkoholbedingte Abstürze

Die gängige Abkürzung von Weblog lautet Blog, und zwar «das» Blog beziehungsweise Weblog, nicht «der» oder «die», ganz egal wie oft man im Netz den anderen Varianten begegnet. Blogs können sowohl von Einzelpersonen als auch von einer Gruppe geschrieben werden. Die Menschen, die diesem Vergnügen frönen und oft auf Unverständnis in ihrer Umwelt stossen, nennen sich Blogger. Das, was sie tun, heisst folgerichtig bloggen.

Weil das mit der Wortschöpfung so gut geklappt hat, versucht man sich auch gleich an neuen Kombinationen: Blogger-Treffen zum Beispiel, Blog-Buch oder Blog-Konferenz. Letzteres ist übrigens fast das Gleiche wie ein Blogger-Treffen, nur eben mit wissenschaftlichem Hintergrund, um den spätabendlichen Alkoholkonsum und die dafür erforderlichen drei Urlaubstage zu rechtfertigen. Ganz wie im sonstigen Leben auch.

Zu dem ersten Blogger-Treffen in meiner Stadt konnte ich mich erst nach langem Zögern aufraffen. Schliesslich war ich vorher schon auf diversen Zusammenkünften von Menschen, die sich in Chats oder Foren im Internet kennen gelernt hatten. Ich wusste also, dass es nicht unbedingt schön mit anzusehen ist, wenn sich SanfterLöwe35, charmant und eloquent, in der Realität in Hans-Werner, 47, verklemmt und unattraktiv, verwandelt. Manche Illusion sollte man sich besser erhalten.

Als ich dann doch zum Treffen ging, waren die Blogger sofort auszumachen: Am Tisch sassen fast nur Männer, von denen die Hälfte Laptops vor sich hatte und beim Näherkommen unverständliches Technikzeugs diskutierte. Wider Erwarten waren die Anwesenden in der direkten Kommunikation genauso witzig und sympathisch oder eben auch genauso langweilig, wie ihre Blogs vermuten liessen. Niemand hatte sich eine geschönte Internet-Identität zugelegt. Die meisten waren unterhaltsam, intelligent, weit gereist und hatten tatsächlich etwas zu erzählen.

Die Zahl der Besucher bei diesen Treffen wächst stetig, und inzwischen sind Frauen nicht mehr unterrepräsentiert. Einer Umfrage zufolge werden 56 Prozent aller Weblogs von Frauen geschrieben, auch wenn in der öffentlichen Diskussion Blogs von Männern meist präsenter sind. Man redet auch nicht länger nur über Software, sondern über Persönliches oder auch über den neuesten Klatsch aus der Blog-Szene, auch Blogosphäre genannt. Und da gibt es bei geschätzten 60000 bis 75000 deutschsprachigen Blogs, darunter tausend aus der Schweiz, immer irgendeinen aktuellen Skandal. Die Zahl mag beeindruckend klingen, nimmt sich aber im Vergleich zu anderen Ländern sehr bescheiden aus. Frankreich vermeldet ungefähr 350000 Blogs, der englischsprachige Raum kann bereits rund 4,5 Millionen Blogs vorweisen.

Das in den Medien oft bemühte Bild des Weblogs als Internet-Tagebuch ist anschaulich, aber nach Auffassung vieler Blogger zu eng gefasst. Dabei müssen auch die Fanatischsten unter diesen zugeben, dass ein grosser Teil der Weblogs nichts anderes sind als öffentlich zugängliche Tagebücher. Vor allem jüngere Schreiber lassen sich gern und ausgiebig über ihren Alltag aus, der viel zu oft aus einer regelmässigen Folge von «Mathe ist vielleicht ein ätzendes Fach» über «H&M hat soooo geile Teile» bis hin zu «er hat mich schon wieder nicht geküsst» besteht. Doch wer Internet-Tagebücher generell verflucht, tut anderen Autoren Unrecht, die ihr Weblog zwar auch dazu nutzen, Begebenheiten aus ihrem Alltag zu schildern, aber aus diesen Schilderungen echte Kostbarkeiten machen. Autoren, die so schreiend komisch sind, dass auch professionelle comedians einpacken können, und Geschichten, die zum Niederknien schön geschrieben sind.

9/11 als Initialzündung

Die ersten Weblogs, die grosse Medienaufmerksamkeit auf sich zogen und damit für einen Weblog-Boom sorgten, waren ebenfalls mehr Tagebuch als alles andere. Erst die äusseren Umstände sorgten dafür, dass ganz persönliche Aufzeichnungen ungeahnte Brisanz entwickelten. Die Rede ist vom 11. September 2001. Während die geschockte Öffentlichkeit auf allen Kanälen die immergleichen Bildersequenzen serviert bekam, schilderten Blogger, darunter auch die deutsche Autorin Else Buschheuer sehr zeitnah und ungefiltert ihre Eindrücke. Sie reagierten schneller als traditionelle Medien. Ihre Berichte wurden von niemandem redigiert, unterlagen keinerlei politischen oder wirtschaftlichen Erwägungen und mussten sich nicht in ein Anderthalb-Minuten-Nachrichten-Schema pressen lassen.

Darin lag auch der Vorteil der sogenannten War-Blogger, die nach dem 11. September aus Afghanistan oder dem Irak berichteten. Anders als die grossen Nachrichtensender mit ihren «eingebetteten Journalisten» und sonstigen Berichterstattern, die in abgeschirmten Hotels mit anderen westlichen Medienvertretern sassen und ihre Reportagen einer offiziellen Sprachregelung anpassten, nahmen sie keine Rücksicht auf übergeordnete politische Interessen oder journalistische Standards.

Der bekannteste War-Blogger dürfte wohl ein junger Iraker sein, der unter dem Namen «Salam Pax» von seinem Alltag im Vorkriegsirak und von der amerikanischen Invasion berichtete. Über seine Identität wurde damals viel spekuliert. Er blieb aber anonym, um seine eigene Sicherheit und die seiner Familie nicht noch mehr zu gefährden. Sein Weblog gibt es inzwischen in Buchform zu kaufen, und der Guardian engagierte ihn schliesslich als Kolumnisten.

Um die Blogger im Irak ist es derzeit ruhiger geworden. Die Aufmerksamkeit wird nun eher dem Nachbarn Iran zuteil, wo es ungefähr 70000 aktive Weblogs gibt. Die meisten schreiben unter einem Pseudonym über ihren Alltag, aber auch über Sex, die politische Situation im Land, die Pressefreiheit und andere Dinge, von denen ihre Regierung lieber nichts im Netz lesen würde. Daher lassen dortige politische Hardliner gerne mal verlauten, die Blogger würden wahlweise von der CIA oder vom Mossad infiltriert. Das Informationsministerium arbeitet anscheinend sogar an Plänen, das Land vom weltweiten Internet abzukoppeln.

Als der iranische Journalist und Blogger Sina Motallebi wieder mal zum Verhör bestellt wurde, schrieb er in seinem Weblog von einer drohenden Verhaftung. Während er 23 Tage in Einzelhaft gehalten und über angeblich die nationale Sicherheit gefährdende Einträge in seinem Weblog befragt wurde, machten Blogger im Iran und in den USA mobil. Motallebi sieht im Druck der Öffentlichkeit, durch Blogger und internationale Presse gleichermassen den Grund für seine zügige Freilassung.

Viel Aufmerksamkeit wurde in den letzten Monaten auch den politischen Bloggern im amerikanischen Wahlkampf zuteil. PR-Strategen beider Parteien, aber auch ganz normale Bürger nutzen das Medium zur politischen Kommunikation. Mittlerweile werden ausgewählte Blogger genau wie Journalisten bei den Parteitagen der Demokraten und Republikaner akkreditiert, und selbst die deutsche «Tagesschau» hat ihren Korrespondenten eigene Blogs für die Zeit der Wahlkampfberichterstattung eingerichtet. Dabei half natürlich, dass Blogger hartnäckig Skandale aufgedeckt haben. Zu den bekanntesten Fällen zählt das, was als «Rathergate» in die Netzgeschichte einging. CBS-Anchorman Dan Rather, bis vor kurzem unerschütterlicher Fels in der Nachrichtenbrandung, hatte Dokumente vorgelegt, die George Bush als privilegiertes Söhnchen darstellten, das sich um den letzten Abschnitt seines Militärdienstes gedrückt hat. Diese Dokumente stellte sein Sender CBS stolz ins Netz. Doch es dauerte nicht lange, bis die ersten Blogger Belege dafür erbrachten, dass die Dokumente gefälscht waren: Die Memoranden waren mit dem Computerprogramm Word und nicht auf einer 70er-Jahre-Schreibmaschine getippt worden, und die militärischen Bezeichnungen waren falsch. Alle Dementis von CBS nützten gar nichts. Der ehemalige Vizepräsident von CBS mochte Blogger «Kerle, die im Pyjama in ihren Wohnzimmern sitzen und schreiben» nennen, die Öffentlichkeit glaubte den Helden in Schlafanzügen, und Dan Rather musste sich entschuldigen.

In den USA haben sich damit neben den politischen Meinungsmachern unter den Bloggern auch die sogenannten «Watchblogs» etabliert: Weblogs, die es sich zum Ziel gemacht haben, den traditionellen Medien auf die Finger zu schauen. Und schon taucht die Frage auf, wie denn die Watchblogs – von ersten Stimmen bereits als fünfte Macht im Staat bezeichnet – zu kontrollieren seien. Schliesslich macht gerade die Freiheit von Regeln, Institutionen und Chefetagen den Reiz des neuen Mediums aus. Versuchen Sie mal, jemanden zu einer Gegendarstellung oder Unterlassung zu bewegen, der «Billy the kid» heisst und dessen Weblog auf einem Server in Ouagadougou liegt.

Ebenfalls interessant sind die Fach- oder Themenblogs, von denen es auch im deutschsprachigen Raum viele gibt. Neben den IT-Experten, die über ihr neuestes technisches Spielzeug oder die Entwicklung einer speziellen Software berichten, tummeln sich auf diesem Gebiet vor allem die Juristen. Anwälte berichten aus der Praxis, erzählen von grossen Fällen und kleinen Dramen oder kommentieren aktuelle Gerichtsentscheidungen.

Je nach persönlicher Neigung sind auch die Sportblogs, in denen keine Fehlentscheidung eines Schiedsrichters unbemerkt bleibt, einen Besuch wert oder eben auch die oft belächelten Strickblogs, in welchen sich ein kleiner Zirkel fanatischer Nadelschwinger über Wollqualität und saisongerechte Muster austauscht. Kurz, wenn etwas für Menschen von Interesse ist, lässt sich auch in einer Nische darüber bloggen.

Gar nicht mal so klein ist die Nische, in der sich die Sexblogger tummeln und von Freud und Leid des menschlichen Triebs berichten. Im Gegensatz zu den meisten Fachbloggern schreiben sie allerdings lieber unter einem Pseudonym von Seitensprüngen, Swingerklub-Besuchen, den ersten Experimenten mit gleichgeschlechtlichen Partnern oder ihren unerfüllten Fantasien. Auch hier muss man ein wenig suchen, um die wahren Perlen in der Masse ambitionierter Einhandliteraten zu finden.

Vorsicht, Chef liest mit

Wachsende Bedeutung bekommt das Blog in manchen Arbeitsfeldern als Kontaktbörse oder Visitenkarte. Man hört Erfolgsgeschichten von IT-Spezialisten, die dank der im Weblog unter Beweis gestellten Fachkenntnis einen neuen Job bekamen. Oder von ambitionierten Autoren, auf deren Talent ohne Weblog niemand aufmerksam geworden wäre und die auf anderem Weg wohl auch keinen Buchvertrag bekommen hätten. Zunehmend nutzen auch Journalisten Blogs als berufliches Aushängeschild.

Meist machen sie das allerdings geschickter als ich und halten ihr Weblog relativ sachlich. Meines hingegen lebt von privaten Erlebnissen, ich denke beim Schreiben nicht darüber nach, wer das alles lesen könnte. Neulich telefonierte ich mit einem potenziellen Auftraggeber, der über mein Blog auf mich aufmerksam geworden war. Gegen Ende des sehr angenehmen Telefonats sagte er dann plötzlich: «Eine Frage hätte ich noch. Haben Sie wirklich so hässliche Füsse?» Und nun stand ich da auf meinen wirklich hässlichen Füssen und war absolut sprachlos. Nur langsam dämmerte mir, dass ich tatsächlich einmal über meine Füsse geschrieben hatte.

Wenn Sie trotz allem oder vielleicht gerade deshalb auch selbst bloggen wollen, ist das ein Leichtes. Ein Blog einzurichten, ist so einfach, dass wirklich jeder es kann, der schon einmal einen Webbrowser sowie ein Textverarbeitungsprogramm gesehen hat und über Zugang zum Internet verfügt. Wer zusätzliche Computerkenntnisse hat, kann mit unterschiedlicher Software experimentieren, das Blog in die eigene Homepage integrieren und ein umwerfendes Design basteln. Man kann sich aber auch bei einem der vielen Blog-Anbieter registrieren und gelangt so in Minuten zum eigenen Weblog. Der eine Anbieter ermöglicht mehr Spielraum beim Design, der andere mehr Speicherplatz für eigene Bilder. Die grundlegenden Funktionen sind aber bei allen gleich.

Ein wichtiges Kriterium ist aber die Nachbarschaft, in der man sein Weblog ansiedeln möchte. Die meisten Blog-Anbieter ziehen eine ganz eigene Klientel an, die schnell eine eng verwobene Gemeinde bildet und sich sehr von der Community eines anderen Blog-Anbieters unterscheiden kann. Da viele Blogger dazu tendieren, vor allem ihre virtuellen Nachbarn zu verlinken und sich gegenseitig zu kommentieren, sollte man sich gründlich umsehen. Die von Pubertätsnöten geplagte 14-Jährige wird sich unter Computergeeks genauso wenig wohl fühlen wie der Adorno-Experte im Kreis der Stricksüchtigen.

Dann aber sollten Sie das meiste von dem vergessen, was Sie über Blogs zu wissen geglaubt haben, und sich einfach reinstürzen in das tosende Leben. Es ist ein bisschen wie im Wilden Westen, wo der Zeitungsherausgeber zugleich Chefredaktor, Setzer, Austräger und oft genug auch Objekt der Berichterstattung in einer Person war. Und ein wenig fühlt sich das Dasein als Blogger auch so an: Es herrscht Goldgräberstimmung in Blog City, aber der Colt sitzt manchem sehr locker im Halfter.

Der Hype wird vorüberziehen, und Weblogs werden keinen grossen gesellschaftlichen Umbruch angezettelt haben. Zumindest nicht hierzulande, wo politische Teilhabe auch anders möglich ist. Weblogs werden nicht die herkömmlichen Medien in die Knie zwingen, sondern diese ergänzen sowie sich eigene Nischen schaffen. Sie werden auch keine privaten Gelddruckmaschinen, aber sie können sehr wohl eine ganz persönliche Revolution sein. Und die sollten Sie auf keinen Fall verpassen.

Weblog der Weltwoche: Ab sofort bieten wir Ihnen unter www.weltwoche.ch/weblogs unser Blog von Deutschland-Korrespondent Richard Herzinger an: «Ideen und Irrtümer – Streifzüge durch die neue Weltordnung».

Weblog der Autorin: www.lyssas-lounge.de/peepshow

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 45/04
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