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20.10.2004, Ausgabe 43/04

Belletristik

Anwalt der Zufälligkeit

Pascal Mercier geht in seinem Buch «Nachtzug nach Lissabon» der Frage nach, wer unser Handeln steuert.

Von Klara Obermüller

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Wer hätte nicht schon mit dem Gedanken gespielt: einfach alles stehen und liegen lassen, verschwinden, sich aus dem Leben stehlen, neu anfangen, ein anderer sein? Die meisten belassen es beim Träumen, einige wenige tun es wirklich – wo-ran das liegt? Antworten darauf sucht der Autor Pascal Mercier in seinem neuen Roman: der Geschichte eines schon etwas in die Jahre gekommenen Berner Altphilologen namens Raimund Gregorius, von seinen Schülern liebevoll-ironisch Mundus oder auch Papyrus genannt, dem man so ziemlich alles zutraut, nur nicht, dass er eines trüben Morgens Knall auf Fall sein Klassenzimmer verlässt und sich noch am gleichen Abend in den Nachtzug nach Lissabon setzt. Im Gepäck nicht viel mehr als seine Kreditkarte und ein Buch, von dessen Autor, Amadeu Inácio de Almeida Prado, er nur weiss, dass er Arzt in Lissabon gewesen und seit über dreissig Jahren tot ist.

Die zufällige Begegnung mit einer Frau auf der Berner Kirchenfeldbrücke hat Gregorius aus der Bahn geworfen. Der Zufall hat ihm Prados Buch in die Hände gespielt. Aber was heisst das, Zufall? Wer oder was steuert unser Handeln? Was entscheidet darüber, welche Wahl wir treffen oder welche Richtung wir einschlagen? In Prados Buch stösst Gregorius auf den Satz: «Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben, was in uns ist – was geschieht dann mit dem Rest?» Mehr über diesen Arzt und Schriftsteller Amadeu de Prado zu erfahren, ist der eine Grund, warum Raimund Gregorius den Nachtzug nach Lissabon besteigt; ein anderer ist es, herauszufinden, wer er selber ist oder, besser, wer er auch hätte sein können, wenn er unter den zahllosen Varianten, die das Leben ihm bot, eine andere Wahl getroffen hätte.

Der Professor hinter dem Pseudonym

Die Weichen neu stellen, ausbrechen aus dem Alltag, ein anderer sein wollen – dieses Thema hat Tradition in der Schweizer Literatur; es ist vor allem von Max Frisch immer wieder variiert worden. Von «Stiller» über «Gantenbein» bis hin zu seinem Stück «Biografie» hatte er den Gedanken durchgespielt, ein anderer zu sein. «Der einzige Vorfall, der keine Variante mehr zulässt, ist der Tod», heisst es in seinem «Tagebuch 1966–1971».

Pascal Mercier hat wiederholt betont, wie sehr Max Frisch ihn literarisch geprägt habe. Auch die anderen Referenzgrössen seines jüngsten Romans sind nicht zu übersehen. Aus Montaignes «Essais» und Pessoas «Buch der Unruhe» stammen die beiden Leitgedanken des Buches. Marc Aurel ist mit seinen «Selbstbetrachtungen», Augustinus mit seinen «Bekenntnissen» stets gegenwärtig. Und noch einer schaut dem Erzähler Mercier über die Schultern: Peter Bieri, Professor an der Freien Universität Berlin, der vor drei Jahren mit seinem Buch «Das Handwerk der Freiheit» für Aufsehen gesorgt hatte. Pascal Mercier ist Peter Bieris literarisches Pseudonym, gewählt ursprünglich, um den Ruf des seriösen Wissenschaftlers durch die belletristischen Eskapaden nicht zu beschädigen. Mittlerweile ist das Geheimnis gelüftet, der Wechsel der Namen ein virtuoses Spiel, das es dem Autor erlaubt, ein und dasselbe Problem – zum Beispiel dasjenige der menschlichen Freiheit – auf unterschiedliche Weise zu betrachten.

«Wenn es das poetische Denken gäbe und die denkende Poesie – das wäre das Paradies», lässt Mercier seinen Autor Amadeu de Prado sagen. Auch Bieris Philosophieren kommt nie ohne Erzählung, Merciers Erzählen nicht ohne Philosophie aus. Und doch bleiben beide in sich eigenständige Gattungen, die sich gegenseitig befruchten. Nur ab und zu gerät der Roman unter der Last des Gedachten in Bedrängnis. Hier ein unwahrscheinliches Verhalten, dort eine allzu kalkulierbare Begebenheit: kleine Irritationen, die dem ungeheuren Sog des Erzählflusses indes kaum Abbruch tun.

Wer sich erinnert, wie Bieri im «Handwerk der Freiheit» der Frage auf den Grund ging, ob Dostojewskis Raskolnikow seinen Mord an der alten Wucherin begehen musste oder ob er auch die Freiheit gehabt hätte, es nicht zu tun – der wird mit wachsender Faszination den Berner Professor Gregorius auf seiner Suche nach dem Leben in all seinen ungelebten Varianten begleiten. Er hat in dem unbekannten Arzt und Schriftsteller Amadeu de Prado einen Verwandten gefunden, der, wie er selbst, von der Frage besessen ist, ob man als der, der man nun einmal ist, die Wahl hat, ein anderes als das eben gelebte Leben zu führen.

Dabei geht es nicht nur um Dinge wie Berufswahl oder Freundschaften, sondern um so schicksalhafte Entscheidungen wie den Kampf gegen die Diktatur Salazars oder die Rettung eines Patienten, der als der «Schlächter von Lissabon» Hunderte von Menschenleben auf dem Gewissen hat. Was ist es, was Prado dazu gebracht hat, so und nicht anders zu handeln? Je mehr Gregorius über die faszinierende Figur des portugiesischen Schriftsteller-Arztes in Erfahrung bringt, je tiefer er in dessen Lebensumstände eindringt, desto komplexer werden die Fragen, und die eigenen Gewissheiten geraten ins Wanken.

«Jeder von uns ist mehrere»

Am Ende aller Gedankenakrobatik steht die Konfrontation mit der eigenen Identität, steht «der unerfüllbare Traum vom abgerundeten Leben», wie Prado es in seinen Aufzeichnungen einmal formuliert. Die Autoren, beide, Prado wie Mercier, scheinen tief davon überzeugt, dass das Leben nicht nur eine verwirrende Fülle von Optionen für uns bereithält, sondern dass auch wir selbst aus einer Vielzahl möglicher Personen bestehen. Oder, wie es bei Pessoa heisst: «Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermass an Selbsten.»

Welches von den vielen Ichs zum Zuge kommt, darüber entscheidet weitgehend der Zufall: nicht nur Ort, Zeit und Milieu, in das wir hineingeboren wurden, nicht nur die «lebensbestimmende Anwesenheit der Eltern» in uns, wie es bei Prado heisst, sondern auch die unabsehbare Reihe von Koinzidenzen und Fügungen, die uns und unser Leben letztlich zu dem gemacht haben, was es ist.

«Anwalt der Zufälligkeit» nennt sich Amadeu de Prado einmal. Gegen die Unabänderlichkeit dieser Summe von Zufälligkeiten, die wir Leben nennen, aber begehrt er auf. «Wie wäre es, in Ewigkeit wir zu sein, bar des Trostes, dereinst erlöst zu werden von der Nötigung, wir zu sein?», schrieb er schon, als er noch ganz jung war und sein Leben noch vor sich hatte. Vom «Bewusstsein der begrenzten, ablaufenden Zeit als Kraftquelle, um sich eigenen Gewohnheiten und Erwartungen, vor allem aber den Erwartungen und Drohungen der andern, entgegenzustemmen», spricht er später als reifer Mann.

Der Tod als Erlösung von der «Krankheit, wir zu sein», aber auch die Angst, «nicht mehr der werden zu können, auf den hin man sich angelegt hatte» – von diesen beiden sich widersprechenden, aber auch ergänzenden Empfindungen handelt der atmosphärisch dichte und bis zur letzten Seite spannend erzählte Roman.

Pascal Mercier lässt ihn bewusst ins Offene münden. Wie es mit Raimund Gregorius weitergeht, erfahren wir nicht. Der Philosoph im Romancier entlässt seine Leser mit der Frage: «Sich verstehen: Ist das eine Entdeckung oder eine Erschaffung?» Darüber lässt sich weit über die Lektüre des Buches hinaus nachdenken.

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon.
Hanser. 496 S., Fr. 44.50

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 43/04
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