Rund 350000 Menschen aus dem früheren Jugoslawien leben in der Schweiz, die grosse Mehrheit ist perfekt integriert, ein kleiner Teil fällt aber äusserst negativ auf. So negativ, dass viele Schweizer am vergangenen Sonntag die zwei Einbürgerungsvorlagen in Bausch und Bogen ablehnten und es ihnen vollkommen gleichgültig war, dass sie damit zum Teil die Falschen trafen. Das Unbehagen über die Einwanderung in die Schweiz ist inzwischen mehrheitsfähig. Nun kann man das verurteilen oder schade finden; man darf darüber lamentieren, wie wenig weltoffen dieses Land angeblich sein soll, und sich im Ausland für die eigene Heimat schämen. Und man kann sich endlos darüber aufregen, dass die einzige Partei, die dieses Unbehagen politisch ernst nimmt, unsinnige Zahlenreihen verbreitet, um sich Gehör zu verschaffen.
Doch wer es tut, hat immer noch nicht begriffen – und verrät, dass er selbst Teil des Problems ist. Es macht keinen Sinn, von den Kanzeln und Lehrstühlen herab die Bevölkerung darüber zu belehren, was anständige Gefühle und Gesinnungen sein sollen. Das ist erstens arrogant und führt zweitens nie zum Ziel. Die Menschen machen ihre eigenen schlechten Erfahrungen mit Ausländern und ziehen ihre eigenen Schlüsse. Indem man solche Bürger – immerhin eine Mehrheit – entweder für unreif (sie können ein SVP-Inserat nicht selber beurteilen) oder für fremdenfeindlich (also moralisch verwerflich) erklärt, verhindert man das, was dringend nötig wäre: eine neue intelligente Einwanderungspolitik, die von einer Mehrheit der Menschen in diesem Land getragen wird.
Der Sozialstaat wird zum Gespött
Denn es gibt durchaus einige bittere Wahrheiten, mit denen man ein skeptisches Publikum vertraut machen müsste – was aber nie gelingt, wenn man sich wie so viele Politiker und Journalisten mehr für das eigene moralisch einwandfreie Image interessiert als für die Sorgen der Bevölkerung. Wahrheit Nummer eins: Die Einwanderer bleiben hier. Amir, der unbelehrbare Raser, wird nie mehr dorthin zurückkehren, woher seine Eltern kamen. Daher müssen wir uns in der Schweiz dringend darüber unterhalten, wie man solche jungen Leute, die uns und sich selbst offensichtlich Schwierigkeiten machen, dazu bringt, ihre überschüssige Energie sinnvoller einzusetzen. Wahrheit Nummer zwei: Es werden immer mehr. Rund drei Milliarden Menschen in der Welt sind potenzielle Flüchtlinge, die noch so gerne in die Schweiz kämen, wenn sie nur könnten. Zwar kann man Einwanderung steuern, aber nie so ordentlich, wie wir uns das wünschen. Und vor allem: Der Druck nimmt zu. Aus diesem Grund ist es höchste Zeit für eine andere Politik, die sicherstellt, dass die Schweiz so viele Einwanderer verkraftet – ohne dass sich Gettos bilden oder es zu Unruhen kommt.
Die Schweiz ist ein erfahrenes Einwanderungsland. Seit gut hundert Jahren strömen Menschen in diesen kleinen, aber reichen Industriestaat. Trotz periodisch aufbrandendem politischem Widerstand gelang es im Rückblick erstaunlich gut, Tausende von Deutschen, Italienern, Spaniern und – ja: auch – Jugoslawen aufzunehmen und zu Schweizern zu machen, deren ausländische Herkunft heute meist bloss noch dem Namen nach zu erkennen ist. Was war das Rezept? Der Arbeitsmarkt. Wer einwandert, um zu arbeiten, trifft zwar zuerst auf die gleichen, völlig normalen Vorbehalte der Einheimischen, in der Regel jedoch lässt man den Neuankömmling in Ruhe. Was kümmert uns die Tatsache, dass er zu Hause Spaghetti kocht oder zu Allah betet, solange er sein Leben selbst in die Hand nimmt? In der jüngsten Vergangenheit – und das hat die tüchtigen Jugoslawen der siebziger Jahre zu den unbeliebten «Jugos» der Gegenwart gemacht – sind zu viele Menschen stattdessen in den Sozialstaat eingewandert. Eine fatale Entwicklung, die erstens den Sozialstaat zum Gespött macht und zweitens geradezu Fremdenhass fördert. Wer mag schon einen Fremden, der nichts tut, sondern sich von den Einheimischen aushalten lässt?
Diese Erkenntnis sollte die Schweiz zum Kern einer neuen Einwanderungspolitik machen: Wer einwandert, ist für sein Auskommen selbst verantwortlich – im strengen Sinne des Wortes. Für eine Frist von zum Beispiel zehn Jahren erhält er keine Sozialleistungen, was immer ihm widerfährt. Gleichzeitig zahlt er aber auch keine Beiträge an den Sozialstaat. Keine AHV, keine IV und keinen Beitrag an die Arbeitslosenversicherung. Verliert der Einwanderer seinen Job, muss er wohl oder übel in seine Heimat zurückkehren. Was hart klingt, ermöglichte es viel mehr Leuten – auch aus Ländern der Dritten Welt –, ihr Glück in der Schweiz zu versuchen. Reüssieren sie, umso besser. Misslingt ihnen die Einwanderung, kehren sie mit wertvollen Erfahrungen aus einem modernen Land in ihre Heimat zurück. Konsequent und wirklich liberal wäre es, die Grenzen völlig zu öffnen – wie das übrigens vor dem Ersten Weltkrieg der Fall war. Doch das ist nicht realistisch – stattdessen wären Kontingente sinnvoll oder eine Lotterie.
Wer sich darüber sorgt, dass die Schweiz ob so vielen Einwanderern überfremdet wird, den kann man beruhigen. Solche Einwanderer suchen den Erfolg um jeden Preis. Sie wollen hier überleben – was sie dazu zwingt, sich möglichst geschmeidig an die hiesigen Verhältnisse anzupassen. Amir sollte arbeiten statt Auto fahren.













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