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29.09.2004, Ausgabe 40/04

Weltpolitik

Sankt Annan

Edel, aufrichtig und unbestechlich – Uno-Generalsekretär Kofi Annan gilt als moralisches Gewissen der Welt. Doch seine Laufbahn säumen Skandale und Fehleinschätzungen, die kaum jemand zur Kenntnis nimmt. Warum perlt jede Kritik an ihm ab?

Von Urs Gehriger

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Mitte September 2004 im Osten Manhattans, am Ufer des East River, im Hof des Uno-Hauptquartiers steht ein schwarzer Mann, stumm, und läutet die Friedensglocke. Der Mann regt sich kaum, er schaut, wie von einer Wunderheilerin berührt. Sein Blick leuchtet warm, sein Körper scheint sogar ein wenig zu schweben. Kofi Annan, 66, Generalsekretär der Vereinten Nationen, hat die Delegierten der 191 Mitgliedstaaten nach New York gerufen. In wenigen Minuten wird er unten im Plenarsaal seine Rede halten, es wird eine Mahnrede werden. «In dieser schwierigen Zeit», wird er sagen, «ist die Uno das unverzichtbare gemeinsame Haus der gesamten Völkerfamilie.» Annan spricht mit Vorliebe von der Familie, wenn er die Staatengemeinschaft meint. Auch wenn sie mehrheitlich aus schwarzen Schafen besteht, aus mehr Tyrannen als Demokraten.

Zwar steht dieses Mal kein grosser Krieg unmittelbar bevor. Nicht wie vor zwei Jahren, als George W. Bush in diesem Saal das rhetorische Fundament für den Irak-Feldzug legte. Und doch hängt viel Ungemach in der Luft. Die Welt ist aus den Fugen. Darfur, Norduganda, Beslan, Israel, Palästina. Kofi Annan wird von all diesen Plagenflecken sprechen. Und vom Irak, immer wieder vom Irak.

Feuertaufe in Bagdad

Mit seiner feierlichen, aufrechten Haltung wirkt er wie ein Pastor, ein ruhender Pol im Auge des Orkans. Er wirkt unbestechlich, edel und wird dafür in aller Welt verehrt. Seit er den Friedensnobelpreis bekommen hat, geniesst Annan sogar den Ruf eines diplomatischen Popstars. Erstaunlich, denn Skandale säumen seinen Weg, die jeden anderen längst aus dem Amt spediert hätten. Fehleinschätzungen und Missmanagement werden ihm zur Last gelegt. Vieles ist bereits in Untersuchungsberichten dokumentiert. Einiges harrt noch der Analyse, wie der «Öl für Nahrungsmittel»-Skandal, der grösste Korruptionsfall seit der Gründung der Uno. Doch davon hat die breite Öffentlichkeit bisher kaum Notiz genommen. Der Generalsekretär scheint imprägniert gegen schlechten Ruf.

Wer ist der Mann, dem nichts und niemand etwas anhaben kann? Was ist an den Vorwürfen dran? Und weshalb perlt jede Kritik an ihm ab?

Der Krieg scheint immer wieder aufhaltbar. In jeder Episode der Karriere des ghanaischen Karrierediplomaten. Auch am Sonntagmittag, dem 22. Februar 1998, in Bagdad, an dem Kofi Annan seine Feuertaufe als Uno-Generalsekretär erlebt. Wenige Tage zuvor hat er von Jassir Arafat Kunde erhalten, der irakische Diktator sei verhandlungswillig. Also schlug er alle Warnungen der US-Regierung in den Wind und machte sich auf den Weg, getrieben von der «heiligen Pflicht», den Weltfrieden zu retten. Jacques Chirac lieh ihm sein Präsidentenflugzeug. Mit auf den Weg sandte der französische Staatschef seine persönlichen Grüsse an Saddam und seine vorzügliche Hochachtung für das irakische Volk.

Drei Tage hat Saddam Hussein seinen Gast warten lassen, dann plötzlich gewährt er Audienz. Das «leise sprechende, sanfte Lamm», wie Annan sich einmal ironisch selbst bezeichnete, besteigt die schwarze Limousine, die der Diktator geschickt hat, und braust davon in irgendeinen Präsidentenpalast. Wohin genau, darf Annan nicht wissen.

Es folgt ein Showdown, wie ihn Hollywood nicht dramatischer inszenieren könnte. Auf der einen Seite des Präsidentensalons sitzt Kofi Annan, ein afrikanischer Christ, der in dem knappen Jahr seit seiner Wahl zum Generalsekretär die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen hatte durch seine milde und würdevolle Art. Nun ist er zu einer einsamen Figur geschrumpft inmitten der schaurigen, legendenumwobenen Kulisse des Tyrannenpalastes. Gegenüber sitzt er: der Diktator, der sich der Welt nicht beugen will. Der Krieg steht auf Messers Schneide. Kofi Annan will versuchen, uneingeschränkte Kontrollen für die Waffeninspektoren zu erwirken. So wie es seit dem Golfkrieg 1991 in einem Dutzend Uno-Resolutionen gefordert wird.

«Sie sind ein vorzüglicher Baumeister», sagt Annan zum Diktator. «Sie haben den modernen Irak gebaut.» Der Diktator schweigt. «Ihr Land wurde schon einmal zerstört.» Der Diktator schaut zur Decke. «Ich habe eine heilige Pflicht...» Saddam zieht ein gelbes Notizbuch aus der Jacke. «...Blutvergiessen zu verhindern...» Saddam blättert. «...und Sie müssen mir dabei helfen.» Saddam kritzelt gelangweilt in seinem Buch. «Wenn wir keine Einigung erzielen, werden die Amerikaner Gewalt anwenden, und niemand wird sie stoppen können.»

Nach einer langen Pause blickt Saddam auf und erzählt: Vor ein paar Tagen sei er auf einen seiner prunkvollen Balkone getreten und habe zum Palast gesprochen: «Du bist so wundervoll, Palast, es wäre wirklich eine grosse Schande, wenn du zerstört würdest. Aber wenn es sein muss, macht es uns nichts aus.»

Drei Stunden dauert das Treffen, das William Shawcross anhand von persönlichen Gesprächen mit Annan im Buch «Deliver Us from Evil» protokolliert hat. Nachdem sich Annan abermals mit Lobpreisungen Saddam Husseins übertrumpft, geht dieser schliesslich auf die Verhandlungen ein, zerzaust Annans Memorandums-Entwurf, feilscht um Wort und Formulierung. Schliesslich drückt Saddam dem erschöpften Annan das Abkommen in die Hand, lobt ihn als «mutigen Mann» und lädt ihn gar zum Urlaub am Tigris ein – «wenn es Sie nicht geniert».

«Grenzenlos naiv»

Zurück in Paris herrscht Jubelstimmung. Chirac gibt ein Bankett und spricht einen Toast auf Annan. Er habe einen Weltkrieg verhindert und einen coup de maître – einen Meistercoup – gelandet. Auch den gewöhnlich bescheidenen Annan scheint die festliche Atmosphäre zu erfassen. In aufgeräumter Veni-vidi-vici-Stimmung gibt er Anekdoten seines Tête-à-Tête mit dem Diktator zum Besten. Er ist überzeugt, einen persönlichen Draht zu Saddam gefunden zu haben. Er bezeichnet den Tyrannen gar als «Mann, mit dem ich Geschäfte machen kann». Ein Satz, der Annan bis auf den heutigen Tag wie ein Fluch verfolgen wird.

Die Realität holt den vermeintlichen «Helden von Bagdad» bald ein. Kaum ist der Text des Memorandums bekannt, bezichtigen westliche Medien Annan der «grenzenlosen Naivität». Der Mehrheitsführer im US-Senat, der Republikaner Trent Lott, schimpft Annan gar einen modernen Chamberlain. In den nächsten Monaten schikaniert Saddam Hussein die Uno-Inspektoren noch mehr als zuvor und wirft sie schliesslich aus dem Land. Im Dezember 1998 lässt US-Präsident Bill Clinton den Irak bombardieren.

«Annan hat vergessen, wie lange ein Löffel sein muss, wenn man mit dem Teufel soupiert», sagte der Uno-Chefinspektor Richard Butler. Der Generalsekretär habe offensichtlich eine friedliche Beilegung der Irakkrise so sehr gewünscht, dass er Saddams Scharade ignoriert habe. Annan hält bis heute an der Richtigkeit seiner Mission fest: «Gewisse Leute werfen mir vor, ich habe zu sehr auf Diplomatie gesetzt. Das ist mein Job. Dafür werde ich bezahlt.»

Das Amt des Uno-Generalsekretärs ist einer der seltsamsten Jobs, halb moralische Weltinstanz, halb CEO. Der Generalsekretär ist Chef von 10000 Beamten aus 191 Ländern, einer gewaltigen Bürokratie, die ein hoher Funktionär mit dem Apparat der alten Sowjetunion vergleicht. Die Uno kauft die Hälfte aller Impfstoffe der Welt. Beschützt 22 Millionen Flüchtlinge. Hält allein in ihrer Zweigstelle Genf jährlich 7500 Treffen ab. Und ist der weltweit grösste Abnehmer von Kondomen.

Der Generalsekretär ist der Wächter des Weltfriedens. Er hat Recht und Pflicht, Entwicklungen, welche die internationale Sicherheit bedrohen, vor die Völkergemeinschaft zu bringen. Diese ist dem Ziel verpflichtet, zwischenstaatliche Streitigkeiten wann immer möglich mit friedlichen Mitteln zu lösen. Eine Definition, die Annan zu eng war. «Es ist Kofi Annans grosses Verdienst, die Menschen ins Zentrum der Vereinten Nationen gestellt zu haben», sagt Annans Berater Shahsi Tharoor. Nachdem sich die Uno 1999 nicht durchringen konnte, Vertreibung und Mord im Kosovo zu stoppen, versprach Annan, dass Menschenrechte fortan «Vorrang vor staatlicher Souveränität haben werden». Annan fasste damals sogar Präventivschläge zur Verhinderung von Völkermord ins Auge – eine veritable Revolution der bisherigen Uno-Doktrin.

Völlig inkompetent in Ruanda

Die guten Vorsätze freilich gingen schnell vergessen. So auch in der jüngsten humanitären Katastrophe in Darfur, wo in den vergangenen 20 Monaten schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen vertrieben und mehr als 100000 ermordet worden sind, ohne dass sich der Sicherheitsrat zu einer Intervention zum Schutz der geschundenen Bevölkerung hätte durchringen können.

Annan ist ungeduldig. Die Zeit drängt. «Der Sicherheitsrat hat mich soeben gebeten, eine internationale Kommission einzuberufen», sagt Annan bei der Eröffnungsrede der Uno-Vollversammlung in New York. «Sie soll untersuchen, ob in Darfur ein Genozid geschieht.» Er werde diese Aufgabe mit grosser Geschwindigkeit in Angriff nehmen, verspricht er den Delegierten. Denn in Darfur würden Dinge geschehen, welche das Gewissen eines jeden Menschen aufrütteln müssten – «shock the conscience of every human being». Annan schluckt das «g» am Satzende, was seine Intonation aufweicht und der Rede etwas Feierliches verleiht. Seine Stimme ist heiser-stumm, klingt wie ein verstärktes Flüstern. Sie fliesst mit beinahe beeindruckender Gleichförmigkeit. Sie tönt altertümlich und ist trotzdem voller Energie, monoton, aber nicht langweilig, aufgehellt einzig durch die westafrikanische Melodie seines Akzents, der ihr eine gedämpfte musikalische Kadenz verleiht – oder die hypnotisierende Wirkung einer Meditationskassette. «Wir müssen unserer Verpflichtung nachkommen. Wir müssen unschuldige Zivilisten vor Kriegsverbrechen schützen. Die Geschichte wird hart mit uns ins Gericht gehen, wenn wir uns aus der Verantwortung stehlen.»

Die Delegierten im Plenarsaal spenden Applaus, nicht frenetisch, aber mit gemessenem Respekt. Die Rede hat gefallen. Sie war feierlich, ernst und dennoch unverbindlich. Wie die eines Pfarrers, dessen Worte unter die Haut gehen, aber bald verflogen sind, wenn man aus der Kirche tritt. Jeder Delegierte weiss: Auf ihn fällt nichts zurück. Die Welt kann vor die Hunde gehen, was will man einem Kollektiv schon vorhalten? Verantwortung, auf 191 Schultern verteilt, verpflichtet nicht.

Annan ist der siebte Generalsekretär, seit die Uno 1945 gegründet wurde. Und der erste, der «aus dem Bau» kommt, wie die Uno-Bürokratie in der Insidersprache heisst. 1962 startete er als P1, als Verwaltungsbeamter auf der untersten Stufe der Uno-Bürokratie, stieg sukzessive die Treppe hoch und wurde 1993 schliesslich zum Unterstaatssekretär für Friedenssicherung. Damit übernahm Annan erstmals eine Schlüsselposition in der Organisation. Er hatte die damals 16 Uno-Operationen mit 75000 Blauhelmen in der Welt zu koordinieren. Die meisten scheiterten unter seiner Aufsicht.

1995 werden in der bosnischen Stadt Srebrenica rund 7000 Menschen von Serben niedergemetzelt. Es ist das schlimmste Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Uno hatte Srebrenica zum «sicheren Zufluchtsort» erklärt, der von 600 niederländischen Blauhelmen «beschützt» werden sollte. Doch die Holländer geben nicht einen Schuss ab, als serbische Kräfte die Stadt angreifen. Annans Mitarbeiter veröffentlichen ausweichende, konfuse Erklärungen. Die Streitkräfte der Nato wären in der Lage, die Serben aus der Luft aufzuhalten, aber Kofi Annan bittet die Nato nicht um eine Intervention.

Niemanden hätte die Untätigkeit der Uno überraschen sollen, denn nur ein Jahr zuvor hatte sie sich angesichts des raschesten Völkermords in der Geschichte – des Massakers an rund 800000 Tutsi und gemässigten Hutu in Ruanda innerhalb von nur 100 Tagen – als völlig inkompetent erwiesen. Verantwortlich für die Uno-Truppen in Ruanda im Jahr 1994 – vor und während der Krise – war Kofi Annan.

Annan wurde, vier Monate bevor die Hutu-Aktivisten mit ihren Massenmorden begannen, von dem kanadischen General Romeo Dallaire, der das UN-Kontingent in Ruanda befehligte, per Fax vor der Gefahr gewarnt. Dallaire beschrieb detailliert, wie die Hutu gegen die Tutsi gerichtete Ausrottungsmassnahmen planten. Er bat um Erlaubnis, seinen Informanten in Sicherheit zu bringen und ein ihm bekanntes Waffenlager auszuheben. Kofi Annan lehnte beide Forderungen ab.

Nur ein Uno-Generalsekretär ragt heraus

Eine Reihe von Annans engsten Mitarbeitern findet noch heute, ihr Chef sei im Ruanda-Untersuchungsreport zu Unrecht der Mitverantwortung für das Massaker beschuldigt worden. Denn er hätte nichts tun können, um die Staatengemeinschaft zu einer Intervention zu bewegen, als der Massenmord begann. Damit sagen sie im Prinzip nichts anderes, als dass die Friedensmission in Ruanda von Beginn weg zum Scheitern verurteilt gewesen war. Annan sagte sinngemäss dasselbe. Seiner Meinung nach spielt es keine Rolle, ob die Mitgliedstaaten im Voraus gewusst haben, dass ein Genozid geplant war. «Als sie es wussten, was taten sie?», fragte er den New Yorker-Reporter Philip Gourevitch. «Sie gingen nach Ruanda, sammelten ihre Landsleute ein und verliessen das Land.» Zu diesem Zeitpunkt allerdings herrschte im Land bereits das Chaos. Der Kleinmut des Sicherheitsrats angesichts von Mord und Totschlag ist wohl bekannt, doch was soll man von Annans Standpunkt halten, dass es zwecklos war, Monate vor der Katastrophe Alarm zu schlagen? Wie will er das wissen, wenn er es nicht mal versucht hat?

«Man hätte meinen sollen, dass Kofi Annan nach Ruanda und Srebrenica für den Posten des Generalsekretärs eindeutig disqualifiziert war», sagt Per Ahlmark, ehemals stellvertretender Premierminister Schwedens. «Aber die Uno funktioniert anders. Anstatt ihn nach seinen Fehlern zum Rücktritt zu zwingen, beförderte man ihn zum Generalsekretär.»

In der Galerie der Uno-Generalsekretäre sticht eine einzige Figur heraus: Der Schwede Dag Hammarskjöld, der 1953 als Zweiter das Amt übernommen hatte und 1961 bei einer Friedensmission über dem Kongo abgestürzt ist. Es ist bezeichnend, dass Hammarskjöld gewählt wurde, weil er irrtümlicherweise als ein «gewissenhafter, aber farbloser Beamter» angesehen wurde, der sich um die administrativen Geschäfte kümmern würde, ohne sich in die grossen Fragen von Krieg und Frieden einzumischen.

Die kleineren Staaten wünschen sich traditionellerweise einen aktiven Generalsekretär, welcher sich für ihre Interessen einsetzt und die Grossmächte in die Schranken weist. Die grossen fünf (USA, China, Frankreich, Grossbritannien, Russland) hingegen, die die Uno durch ihren ständigen Sitz im Sicherheitsrat und dem damit verbundenen Vetorecht kontrollieren, favorisieren einen Chef, der mehr Sekretär als General spielt. Hammarskjöld schaffte eine beinahe perfekte Verbindung beider Ansprüche. Und er verlieh seinem Amt eine Atmosphäre von moralischem Charisma.

Keiner von Hammarskjölds Nachfolgern konnte sich mit dem Format des Schweden messen: Der Burmese Sithu U Thant war unsichtbar, der Österreicher Kurt Waldheim ein Lügner, der Peruaner Javier Pérez de Cuéllar war ein Mann, von dem der langjährige US-Präsidentenberater Vernon Walters sagte: «Er verursacht nicht einmal Wellen, wenn er aus dem Boot fällt», und der Ägypter Boutros Boutros-Ghali war ungeeignet für das Amt.

Boutros-Ghali war der erste Generalsekretär, der nur eine Amtszeit absolvieren durfte. Die Clinton-Regierung drohte 1996, ihr Veto gegen die Wiederwahl zu ergreifen. Boutros-Ghali hatte wenig Appetit gezeigt, die legendäre Uno-Bürokratie zu entschlacken. Und er schaffte es nie, seine antikolonialistische Rhetorik zu zügeln.

Im Gegensatz zu Boutros-Ghalis Arroganz fiel Kofi Annan durch sein moderates Wesen auf. Man schätzte sein Auftreten: eine Mischung aus Zurückhaltung und Zielstrebigkeit. Besonders Annans Kritik der aufgeblähten Uno-Bürokratie war für die amerikanischen Konservativen Musik in den Ohren. Und in jähem Bruch mit dem unrühmlichen Israel-Bashing, das seit den siebziger Jahren fester Bestandteil der Uno-Kultur geworden war, sprach Annan von seinen «israelischen Freunden». Dabei stärkte seine Glaubwürdigkeit, dass er mit Raoul Wallenbergs Nichte verheiratet ist, der im Zweiten Weltkrieg Tausende Juden vor dem Tod gerettet hatte.

Politisch ohne jede Fortüne

Den amerikanischen Zuschlag zum Generalsekretär holte sich Annan, als er im August 1995 die Lehren aus der Srebrenica-Tragödie zog und die Einwilligung zum Nato-Eingriff erteilte, der die Serben schliesslich an den Verhandlungstisch in Dayton bombte. «Als Kofi das Okay zum Angriff gab», so der damalige US-Botschafter bei der Uno, Richard Holbrooke, «fielen in Washington die Würfel.»

Bereits in den ersten Monaten im Amt schien Kofi Annan selbst die wenigen Skeptiker für sich zu gewinnen. «Stille Revolution» nannte er sein Konzept, mit dem er die Weltorganisation fit für das 21. Jahrhundert machen wollte: Schlanker, schlagkräftiger, effektiver sollte sie werden. Tatsächlich hat Annan auf diesem Gebiet manches erreicht. Die Zahl der Bediensteten sank kontinuierlich, die Höhe des Gesamtetats blieb in Grenzen. Mehr Frauen als je zuvor arbeiteten für die Vereinten Nationen, und er veränderte – wenigstens in Teilen – die Managementstruktur hin zu mehr Eigenverantwortung. Die USA honorierten seinen Elan mit der Freigabe der blockierten Beitragsgelder in der Höhe von rund einer Milliarde Dollar.

Politisch hingegen blieb Annan ohne Fortüne. Spektakuläres, wie es Pérez de Cuéllar etwa mit dem Friedensschluss zwischen dem Irak und Iran oder der Unabhängigkeit Namibias gelungen war, sucht man bei Annan vergebens. Aus seinem Bagdad-Debakel, das Annans Schwäche als Diplomat gegenüber Tyrannen schonungslos offenbart hatte, schien er nichts gelernt zu haben. Während der Kosovo-Krise 1999 konnte – oder wollte – er nicht die Führung übernehmen, um eine multinationale Truppe zusammenzustellen, um die erneute Aggression der Serben zu stoppen. Und nach Sierra Leone entsandte er im folgenden Jahr abermals eine Friedenstruppe, die zum Scheitern verurteilt war: Unterdotiert, ungenügend bewaffnet, ohne klares Mandat gerieten die 500 sambischen und indischen Blauhelme bald in die Gefangenschaft der Rebellen. Einmal mehr äusserte der Generalsekretär sein tiefes Bedauern über eine fehlgeschlagene Mission. Ein Ritual, das sich in den folgenden Jahren wiederholen sollte.

Wer Annans Fähigkeiten objektiv beurteilen will, muss ihn an seinem Jobprofil messen. Ein ehemaliger Generalsekretär vergleicht den Job mit dem eines Mittelalter-Papstes. «In gewisser Weise bist du der Führer der Welt, doch deine Macht ist extrem begrenzt. Du hast keine eigenen Bataillone; die Blauhelme sind nur geborgt, müssen mühsam von den Mitgliedstaaten erbettelt werden. Deine Organisation ist ein Knäuel von rivalisierenden und intrigierenden Bischöfen, die ihren momentanen Herrschern loyaler sind als dir. Und dazu bist du in der Regel auch noch pleite.»

Kofi Annan, ein Mann ohne Passion?

«In aller Fairness», sagt selbst der neokonservative Vordenker Bill Kristoll, «das Problem der Vereinten Nationen liegt nicht beim Generalsekretär, sondern im Sicherheitsrat. Ich wüsste nicht, was Kofi Annan viel ausrichten könnte.» Annan sei offen, höre zu, sei nicht ausfällig und versuche immer, «das Richtige zu tun», sagt Colin Powell, der Annan als einen «guten Freund» bezeichnet. Überhaupt scheinen alle einen Draht zu Annan zu finden. Selbst Präsident George W.Bush sagt, Annan habe «ein gutes Herz», und man nimmt ihm auch ab, dass er es ernst meint.

Im Unterschied zu Hammarskjöld oder Boutros-Ghali fällt Annan nicht als intellektuelles Schwergewicht auf; sein Takt hält ihn oft davon ab, etwas Geistreiches oder Interessantes zu sagen. «Annan ist in keiner Weise ein abstrakter Denker», sagt sein Stabschef Iqbal Riza. «Er folgt mehr Instinkt und Intuition als Berechnung.» Was in Annan jedoch wirklich vorgeht, scheint niemand zu wissen. «Es ist wirklich sehr schwierig, zu erahnen, welche Gefühle und Gedanken er in sich trägt», sagt der langjährige Uno-Untergeneralsekretär Brian Urquhart, der Annan seit Jahrzehnten näher kennt. «Er ist ein derart netter Kerl, ich habe ihn noch nie wütend gesehen – nicht einmal als er von Saddam Hussein zum Narren gehalten und vor aller Welt blamiert wurde, platzte ihm der Kragen.»

Winston Churchill rauchte Zigarren, Konrad Adenauer züchtete Rosen, Gerhard Schröder trägt schicke Anzüge. Doch welche Passion hat Annan? Der Generalsekretär spricht selten von sich und seiner Heimat, und wenn er es trotzdem einmal tut, klingt es, als ob er aus einer fremden Biografie erzählt oder aus einem Buch, das er einmal gelesen hat. Annan beschreibt sich als «simplen Mann», der das «einfache Leben» liebt und gerne wandert – mit Vorliebe offenbar in der Schweiz. Doch Genaueres über sein Privatleben weiss man nicht. Nicht einmal Elmo konnte dem Generalsekretär etwas entlocken, als er Annan als Gast in der «Sesamstrasse» hatte.

«Wer Kofi verstehen will, muss in seiner Heimat Afrika suchen», sagt seine Gattin, die schwedische Rechtsanwältin und Künstlerin Nane Lagergren. Obwohl er mit zwanzig Ghana verlassen hatte, scheinen viele seiner Tugenden seinen familiären Wurzeln zu entstammen. Als Sohn eines Häuptlings des ehrwürdigen Fante-Stammes lernte er, dass Zurückhaltung ein Attribut der Stärke, Ungeduld eine Schwäche und Vergeben das höchste Mass an menschlicher Grösse ist.

«In seinem Herzen brannte Benzin»

In den wenigen Interviews, in welchen Annan über seine Jugend gesprochen hat, betonte er ausdrücklich die Verbindung zwischen seinen frühen Kindheitserfahrungen und seinem heutigen Leben als Diplomat. «Geduld ist ein zentrales Element afrikanischer Kultur», sagte er Philip Gourevitch, als dieser für ein Porträt im New Yorker Audienz beim Uno-Generalsekretär erhielt. «Haben wir ein Problem, sitzen wir unter einen Baum und sprechen darüber. Stundenlang, tagelang, bis eine Lösung gefunden ist.»

Vielleicht kommt daher seine Zuversicht, Diktatoren könnten zur Räson gebracht werden, wenn man nur lange genug mit ihnen redet. Obwohl er mit dieser Strategie Saddam Hussein bereits einmal auf den Leim gekrochen war, gehörte er auch im Frühling 2003 zu jener Mehrheit, die der Auffassung war, dass Saddam durch Verhandeln eventuell doch zu uneingeschränkter, vollumfänglicher, aktiver Kooperation mit den Waffeninspektoren gebracht werden könnte.

Obwohl sich der Krieg während Monaten abgezeichnet hatte, schien Annan überrascht, als im März 2003 die ersten Bomben auf Bagdad fielen. In Annans Entourage erzählte man von einem Generalsekretär am Ende seiner Kräfte. «Er konnte nicht ertragen, wie die Dinge waren», sagt ein enger Mitarbeiter. «Er war niedergeschlagen, äusserlich ruhig, doch in seinem Herzen brannte Benzin.»

«Ohne Uno – keine Legitimität.» Dies ist das alles überragende Leitmotiv von Kofi Annans Karriere. «Ich stehe heute vor Ihnen als Multilateralist, aus Überzeugung, aus Prinzip und aus Pflicht», erklärte Kofi Annan zu Beginn der Irak-Debatte in seiner historischen Rede vor der Vollversammlung im Herbst 2002. Obwohl in den vergangenen Jahren wiederholt Kriege ohne Uno-Mandat geführt worden waren (Bosnien, Irak, Kosovo, Elfenbeinküste), schien es ihn diesmal besonders hart zu treffen.

Vielleicht waren es die zermürbenden diplomatischen Grabenkämpfe, die dem Krieg vorausgingen. Vielleicht war es die nonchalante Art, wie die Bush-Regierung die Vereinten Nationen vor die Wahl stellte – «entweder ihr erteilt uns den Segen, oder wir greifen trotzdem an».

Jedenfalls scheint Annan den Irakkrieg bis heute als persönliche Niederlage zu empfinden.

Dies mag der Grund sein, dass er sich jüngst in einem BBC-Interview zu der Aussage drängen liess, der Irakkrieg sei «illegal» gewesen; ein Wort, das er bisher wohlweislich gemieden hatte. Denn erstens ist die Rechtmässigkeit des Krieges unter Völkerrechtlern umstritten. Zweitens müsste, sofern der Krieg tatsächlich «illegal» gewesen war, die Gerichtsverhandlung gegen Saddam Hussein gestoppt und der Diktator wieder in seinem Regierungspalast installiert werden. Ausserdem war Annans Kommentar fahrlässig. Er droht Uno-Personal und irakische Zivilisten unnötig zu gefährden. Denn die «Illegal»-Bemerkung, die von arabischen Fernsehstationen rund um die Uhr wiederholt wurde, verleiht den Terroristen im Irak Auftrieb und das Gefühl von Legitimität, die Wahlen zu torpedieren – Wahlen, die federführend von der Uno organisiert werden sollen.

Auch dieser Fehltritt fügte dem Ansehen Annans keinen Schaden zu. Im Gegenteil steigerte das BBC-Interview in der Öffentlichkeit seinen Ruf als unabhängige und integre Autorität, denn mit der impliziten Kritik an den Kriegsmächten sprach er den Massen aus dem Herzen, zumal im Irak das prophezeite demokratische Wunder bisher ausgeblieben ist.

Doch wie steht es wirklich um die Moral und Fähigkeit eines Generalsekretärs, unter dessen Obhut der grösste Korruptionsfall der Uno-Geschichte wucherte? Vom «Öl für Nahrungsmittel»-Programm im Irak wurden geschätzte zehn Milliarden Dollar illegal abgezweigt. Geld, das für Nahrung für die hungernden Greise, Frauen und Säuglinge bestimmt war, floss während Jahren in die Taschen internationaler Geschäftsleute und in Saddams Paläste. Annan zögerte monatelang, bis er eine Kommission beauftragte, den gigantischen Skandal zu untersuchen. Noch ist das volle Ausmass aber nicht bekannt. Mit dem Resultat der Untersuchung ist nicht vor Mitte des nächsten Jahres zu rechnen (siehe Kasten).

Massive Kritik nach dem Tod de Mellos

Bereits ausgiebig untersucht hingegen ist die Rolle des Generalsekretärs der Vereinten Nationen in einer anderen Tragödie: Am frühen Morgen des 19. August 2003 erreichte Kofi Annan die Meldung: «Sergio ist tot.» Ein Selbstmordattentäter war mit einem Kleinlaster und rund 1000 Kilogramm Sprengstoff unter das Fenster des Uno-Missions-Chefs in Bagdad gefahren und hatte sich in die Luft gesprengt. Der Brasilianer Sergio de Mello, erst wenige Monate zuvor im Irak angekommen, starb nicht sofort. Eingeklemmt in den Trümmern seines eingestürzten Büros, bat er um Wasser. Als seine Kräfte langsam nachliessen, so berichteten Helfer vor Ort, habe er seine Familie gegrüsst. Sie solle tapfer sein. Nach einer knappen Stunde verblutete de Mello.

De Mello war Kofi Annans persönlicher Freund und einer der besten Uno-Funktionäre. Annan beauftragte umgehend eine unabhängige Untersuchungskommission unter Leitung des ehemaligen finnischen Staatspräsidenten Martti Ahtisaari. Dessen Bericht war nicht nur eine vernichtende Kritik des Uno-Sicherheitssystems, sondern auch der Art und Weise, wie Kofi Annan sein Sekretariat führt: Mangelhaftes Gefahrenbewusstsein, fehlende Sicherheitsvorkehrungen, kaum bewaffnetes Wachtpersonal. Einmal mehr waren eindeutige Warnungen vor einem möglichen Anschlag vom Hauptquartier in New York nicht ernst genommen worden. Die Botschaft im Untersuchungsberichts war klar: Was auch immer in Bagdad an Fehlern gemacht wurde, die entscheidende Verantwortung lag zuoberst, im Uno-Sekretariat in New York. Oder wie sich Martti Ahtisaari ausdrückte: «The buck always stopps on the Secretary-General’s table.»

Wer nun rigorose Massnahmen und Disziplinarstrafen erwartete, wurde eines Schlechteren belehrt. Eine Uno-interne Nachuntersuchung kam zum Schluss, dass alle Ebenen der Uno-Bürokratie von New York bis Bagdad für die Missstände verantwortlich waren – alle, ausser Generalsekretär Annan persönlich. «Auf die Tragödie folgte eine Parodie», schreibt Alexander Casella, welcher rund 20 Jahre für den Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge arbeitete, in der jüngsten Ausgabe des Prospect Magazine. «Es war eine politisch inspirierte Weisswaschung. Das Uno-Sekretariat zeigte sich von seiner übelsten Seite.»

Kofi Annan ist Kritik von notorischen Uno-Hassern gewohnt. Sie schiessen mit Vorliebe auf seine Person, haben aber in Wirklichkeit die Vereinten Nationen im Visier. Es sind Leute, die am liebsten die gesamte Organisation sabotieren möchten, ohne Rechenschaft darüber abzulegen, was aus den Hunderttausenden von kriegsgeplagten Zivilisten, Flüchtlingen und hungernden Kindern würde, für die die zahlreichen Uno-Unterorganisationen seit nunmehr 60 Jahren pausenlos im Einsatz sind. Selten jedoch erheben Personen vom Format Ahtisaaris und Casellas, Männer, welche der Uno wohlgesinnt sind, die Stimme und bringen die Fehlleistungen Kofi Annans zur Sprache.

Kofi Annans Unberührbarkeit scheint in einem weitverbreiteten Bedürfnis nach Harmonie und Ordnung zu liegen, sagt der amerikanische Autor und Politikanalyst David Rieff. «Wenn wir schon keine Weltregierung haben, so wünschen wir uns wenigstens einen Generalsekretär, welcher durch seine moralische Gravitas und Ausstrahlung diejenigen Prinzipien verkörpert, welche die meisten Mitgliedsstaaten sträflich missachten.»

Im Gegensatz zu den meisten seiner Vorgänger ist Kofi Annan kraft seiner warmen Ausstrahlung für diese Rolle bestens geeignet. Es ist die Rolle eines säkularen Papstes in einer von bösen Kräften durchsetzten Welt. Sein Gremium ist ein Abbild dieser Welt: eine Versammlung, in der totalitäre Gewaltherrscher, rücksichtslose Tyrannen und dekadente Monarchen gleiches Recht und Sagen haben wie demokratisch gewählte Präsidenten. Kofi Annan ist ihnen allen Diener – und ihr bestes Gesicht.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 40/04
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