Gender Studies

Liebesbeweise

Von Güzin Kar

«Einer Frau ein Kompliment zu machen, ist nicht so einfach, wie ihr meint», sagt Tom, «das ist ein Minenfeld, das man nur dann betreten sollte, wenn man drei Beine hat und gut auf eines verzichten kann.» Tom ist mein bester Freund. Mit ihm kann man über alles reden, Nächte durchtelefonieren, und man kann ihn buchen, um einen anderen Mann eifersüchtig zu machen. Jener wird später sagen: «Der ist doch schwul und weiss es selber noch nicht.»

Tom sieht nämlich sehr gut aus, und solange er nicht weiss, dass er schwul ist, trifft er sich oft und gerne mit Frauen. «Natürlich sehe ich, dass sie sich schön gemacht hat, und das Kompliment liegt mir auf der Zunge. Aber dann denke ich: Eine so tolle Frau hat das schon tausendmal gehört. Wenn ich Depp draufkomme, dann kamen alle vor mir auch schon drauf.» – «Aber wir wollen doch gar nichts Originelles, nur etwas Nettes. Es darf auch ungeschickt oder tollpatschig daherkommen, das weckt sogar den Mutterinstinkt.» – «Das glaubst auch nur du. Neulich sage ich zu einer: ‹Du siehst heute toll aus›, und sie kontert: ‹Willst du damit sagen, dass ich gestern scheisse aussah?›. Sage ich: ‹Schöne Haare›, ist sie beleidigt, weil ich das Gesicht nicht mitgelobt habe. Lobe ich ihr Lachen, fragt sie: ‹Hörst du mir überhaupt zu?› Egal was du sagst, es ist nie das, was sie hören will. Denn eine Frau will gar kein Kompliment, sie will ein Echo. Und zwar von dem, was sie denkt.» – «Reine Koketterie. Denn später in der Freundinnenrunde werden alle ‹jöööö, wie herzig!› sagen, wenn sie mit leuchtenden Augen erzählt, wie er gesagt hat: ‹Deine Nase sieht aus wie Toblerone.›» «Von wegen ‹jö, wie herzig›!», braust Tom auf. Am Morgen steige jeweils eine Horde junger Mädchen in den Bus, die laut die SMS ihrer Verehrer vorlesen und kommentieren. Einer der armen Kerle werde Schleimer genannt, bloss weil er Liebesgedichte schreibe. «Bis diese Mädchen dreissig sind, haben die aus jedem Mann, der ihren Weg kreuzt, einen anonymen Alkoholiker gemacht.»

Wir waren als junge Mädchen ganz anders. Mit dreizehn hatte ich einen Verehrer, den wir wegen seiner grossen Vorderzähne Osterhase nannten. Der Osterhase hatte mir einen vor Schreibfehlern strotzenden Liebesbrief geschrieben, in dem er mich mit Lassie, dem Serienhund, verglich, «weil deine hahre sind sooo schöhn wie sein fell». Meine Freundinnen und ich lachten uns schief, aber nie hätten wir den Brief im Bus vorgelesen. Nein, wir bellten über Wochen, wenn der Bub an uns vorbeiging. Aber mal ehrlich: Keine Frau, nicht einmal eine 13-jährige, hat es verdient, mit einem dämlichen Collie verglichen zu werden, oder?!

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