Ein gestrandeter Seemann liegt auf einer einsamen Tropeninsel, nach einer Weile steht er auf und schüttelt an einer Palme, eine Kokosnuss löst sich vom Stamm und knallt ihm so heftig auf den Kopf, dass er hinfällt und am Boden liegen bleibt. Nach einer gewissen Zeit wiederholt sich das Ganze: Der Mann steht auf, schüttelt, wird erschlagen. Mit diesem slapstickartigen Bild will Friedrich Christian Flick also der dunklen Seite seiner Familiengeschichte eine helle hinzufügen.
Wie in «Vexation Island» – einem kurzen Videoloop von Rodney Graham – stellt sich Flick, Enkel eines Rüstungsindustriellen und Kunstsammler, auch in Berlin mit fast notorischer Hartnäckigkeit in die Schusslinie der Kritik; und die Kokosnüsse, die auf ihn niederprasseln, werden immer grösser. Weiterhin wird darauf herumgeritten, Flicks Vermögen sei Blutgeld und mit seiner Weigerung, in den Zwangsarbeiterfonds einzubezahlen, nehme er die Kunst in Geiselhaft. Nicht einmal die zum Staatsakt erhöhte Ausstellungseröffnung hat weitergeholfen, sondern die Sache im Gegenteil verschlimmert.
Überraschend kommt dies nicht. «Flicks Mut, nach Berlin zu gehen, hat mich von Anfang an erstaunt», meint dann auch der Basler Museumsdirektor Bernhard Mendes Bürgi. Und doch waren viele Schweizer insgeheim wohl auch erleichtert, den heiklen Gast und seine Sammlung vorzeitig los zu sein. Moralischen Konflikten weicht man gerne aus. «Im Gegensatz zu Berlin war das ‹Zürcher Museums-Modell› eine rein private Initiative von Flick, ohne dass öffentliche Steuergelder involviert gewesen wären», sagt Bürgi. «Man hätte es sich entwickeln lassen sollen.» Ein Verlust also? Bürgi gelassen: «Hier ist ja nichts endgültig festgeschrieben. Vielleicht kehrt das enorme Sammlungspotenzial eines Tages zumindest partiell zurück und kann sich in den Kategorien der Kunst und nicht des Besitztums entfalten.»
Ebendieses Besitztum ist es, das die deutsche Hauptstadt überfordert. Ausgerechnet die Qualität der Ausstellung und ihre Konzentration auf Glanzlichter werden Flick und seinen Beratern vorgeworfen. Was für ein Schwachsinn! Denn dass sie sich auf Werke konzentriert, die Popkultur und massenmediale Erfahrung spiegeln, ist ganz genau das, was diese Sammlung so zeitgemäss macht. Sie setzt bei Verunsicherung und Zwiespalt an und bewegt sich mit Künstlern wie Paul McCarthy oder Martin Kippenberger bisweilen hart an der Grenze zum Zynismus. Selbst Bruce Nauman ist kein Garant für den guten Ausgang dieses künstlerischen Welttheaters, vielmehr steht er am Anfang eines Parcours, der die Kategorien von Macht und Ohnmacht durcheinander bringt und die Unterscheidbarkeit zwischen Gut und Böse unterläuft.
Nichts und sehr viel
Dass sie sich um moralische Fragestellungen drücke, kann niemand der vom Berliner Kurator Eugen Blume aus den Flick-Beständen zusammengestellten Schau vorwerfen. Die gezeigte Kunst ist zwar keine, an der Besucher moralische Kategorien unmittelbar festmachen könnte – ganz im Gegenteil: Ein Grossteil der Werke thematisiert den kollektiven Verlust der Moral. Sex und Gewalt, Zerstörung und Verstörung durchziehen die F.C. Flick Collection.
Die Kunst hat moralische Tabuisierungen längst hinter sich gelassen. In diesem Sinn haben Kunst und Moral nichts und zugleich sehr viel mehr miteinander zu tun; auch mit der Politik hat die Kunst nichts und zugleich sehr viel zu tun. Die Bedingungen, unter denen Kunst gesammelt oder gezeigt wird, färben unweigerlich auf sie ab. So behindert die Debatte um die Person des Sammlers den unvoreingenommenen Blick.
Das eigentlich Skandalöse ist jedoch, dass die F. C. Flick Collection nun in einem staatlichen Museum gezeigt wird, denn damit wird tendenziell auch die Art, wie der Sammler seine politische Verantwortung wahrnimmt oder eben nur ungenügend wahrnimmt, von offizieller Seite abgesegnet. Es wird suggeriert, Herr Flick könne seine bei den Zwangsarbeitern und ihren Nachkommen nach wie vor offene Rechnung auch über sein Engagement für die Kunst begleichen.
In Zürich hätte der moralpolitische Aspekt der F. C. Flick Collection nie diesen gefährlichen Symbolcharakter erhalten. Die Eröffnung von Flicks Privatmuseum wäre zwar nicht ohne Kritik über die Bühne gegangen, die Kunst hätte aber weitaus bessere Chancen gehabt, sich – um eine wohlgemerkt für Berlin gedachte Formulierung Gerhard Schröders aufzugreifen – «aus sich selbst heraus zu entfalten». Doch dafür ist es jetzt zu spät. Zumindest vorläufig.
Friedrich Christian Flick Collection.
Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin.
Bis 23. Januar 2005
www.hamburgerbahnhof.de
Katalog. DuMont. Fr. 45.–













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