«Star Wars»

Das Überall

Eine DVD-Box mit der restaurierten Ur-Trilogie zeigt, wie George Lucas den Kinomärchen und Marketingstrategien von Hollywood neuen Schub schenkte.

Von Wolfram Knorr

Es war einmal in einer längst vergangenen Zeit, als die Leinwandhelden zu schrumpfen begannen und immer stärker ihren Zuschauern glichen. Jugendliche Heisssporne waren in die Tempel Hollywoods gedrungen und hatten die Gerontokraten vertrieben, um wieder lebensnahes Kino zu bieten. Adolph Zukor war zweiundneunzig, Jack Warner dreiundsiebzig und die anderen Bosse nur unwesentlich jünger. Revoluzzer wie Martin Scorsese, Dennis Hopper, Francis Ford Coppola und Co. schleiften die schwerfällig gewordenen Studiofestungen und griffen zur Realismusdroge, die die Helden schrumpfen liess. Das neue Hollywood war high.

Unter den Stürmern und Drängern war auch ein schüchterner junger Mann, der voller Ambitionen erst auf der Hochschule eine Kurzversion eines intellektuellen SF-Films drehte («THX 1138») und später fürs Kino eine Langversion, die leider keinen breiten Zuspruch fand (jetzt auf DVD erhältlich). Der schmächtige Bartträger George Lucas, ein Paradestudent der Filmhochschule, wirkte ein bisschen verloren in der Szene der kiffenden, wilden Jungfilmer, die Vietnam-Gegner waren und auch sonst heftige Rebellen.

Lucas fühlte sich zu Francis Ford Coppola hingezogen, einem Falstaff-Typ, der ihn unter seine Fittiche nahm und ihm riet, ans Leben ranzugehen, so wie die Franzosen und Italiener; weniger mit dem Kopf als vielmehr mit dem Bauch. Coppola, der schon «THX 1138» (1970) mitproduzierte, verhalf ihm auch zur Realisierung des Teenager-Films «American Graffiti» (1973), einer US-Version von Fellinis «I Vitelloni». Sie wurde sehr erfolgreich. Lucas galt daraufhin als Talent, und Coppola hatte Grosses mit ihm vor. Er sollte seinen Vietnam-Koloss «Apocalypse Now» verfilmen, dessen Idee schon in Francis’ Schädel herumgeisterte.

Sein Novize Lucas aber, der ein Kind des Fernsehens und der Comics war, träumte von Helden, die man wieder zwischen Himmel und Erde ansiedeln und gross machen müsste, damit der Zuschauer von unten staunen könne; dem das Kino eine Alternative zu den quälenden Vietnam-Problemen biete. Die Gerontokraten mit ihrem eskapistischen Entertainment à la «My Fair Lady» oder «Cleopatra» hatten eine ähnliche Einstellung. Natürlich wollte der Heisssporn keinen Nostalgie-Muff, sondern Zeitgeist, die Raumfahrt-Euphorie aufgreifen, mit Hightech blenden.

Anfang der siebziger Jahre begann er an einer solchen Idee herumzubosseln, las Joseph Campbell (Autor zahlreicher Bücher über das Archetypische in der Mythologie), Carlos Castaneda (über Schamanentum; in den Siebzigern ein Hit in Flowerpower-Kreisen), vertiefte sich wieder in die Comics aus Kindertagen (Flash Gordon, Buck Rogers) und hatte eigentlich immer die Disney-Welt vor Augen, die «den Kindermarkt aufgegeben» habe.

Er spintisierte sich in eine Fluchtwelt voll irrsinniger Figuren und suchte alte Märchen und Sagen (siehe Campbell) mit der Moderne zu verbinden. Eine Prinzessin Leia sollte vorkommen, ein Luke Skykiller (der später in Skywalker umbenannt wurde), ein Obi Wan-Kenobi (Castaneda!) und ein böser Darth Vader, von anderen bizarren Kreationen ganz zu schweigen. Ihre Wirkungsstätte sollte hip sein, am besten ferne Galaxien, durch die gewaltige Raumschiffe kurven. Je mehr seine Fantasie ausuferte, desto schwindeliger wurde ihm bei der Vorstellung einer Realisierung. Er musste sich hinaussprengen aus den vorhandenen und machbaren Möglichkeiten des Kinos.

Überwältigende Unwirklichkeit

Es existierten noch keine Computer auf dem Markt, kein Internet, keine Handys; die Konsolen-Ära war noch nicht angebrochen und folglich auch nicht die Kunst des Digitalen. Die grossen Studios hatten gar ihre Trickabteilungen aufgelöst, weil das New Hollywood andere, neue Wege ging. Dem Peer Gynt der Filmindustrie war das wurscht: Er wollte statt trister Wirklichkeit magische Unwirklichkeit; statt naturalistischer Sets spukhaft-überwältigende Choreografien. Das Kino erfand er damit sicher nicht neu, aber seine Masslosigkeit verlangte einen gewaltigen Schub der Technik.

Um seine Vorstellung eines prallen, bildersatten Galaxien-Spektakels auf die Leinwand zu wuchten, brauchte er folglich eine neue Trickkunst. Von Technik-Freaks liess er sich ein Studio bauen, das er später Industrial Light and Magic (ILM) nannte und mit dessen Hilfe er das Firmament aufzureissen begann. Er stellte John Dykstra ein, der bei Douglas Trumbull («Space Odyssey») gelernt hatte. Dykstra erfand die computergesteuerte Kamera, die sich durch Modelllandschaften bewegen liess. Die erste Pionierleistung.

Dem heute sechzigjährigen George Lucas gelang 1977, als seine Kopfgeburt mit dem Titel «Star Wars» auf Zelluloid gebannt war und in die Kinos kam, ein gigantischer Hype, ein neuer Mythos (wenn auch aus zahllosen Archetypen zusammengewurstet), der den amerikanischen Film schlagartig verändern sollte. Am Niedergang des New Hollywood, das wirklichkeitsnahe Geschichten ertrotzte, war er sicherlich nicht allein schuld, aber entscheidend mitbeteiligt. Vielen galt er deshalb als Verräter. Sein Mentor Coppola schied in Feindschaft von ihm, nachdem George das «Apocalypse Now»-Projekt abgelehnt hatte. «Ich habe», bekannte dafür Lucas, «den konventionellsten Film ge`macht, den ich mir vorstellen kann.»

Fassungslose Produzenten

Natürlich hätte sich auch ohne ihn die Computertechnik durchgesetzt, aber er war nun mal der Erste, der die Lawine ins Rollen brachte. Mit Lucas’ phänomenalem Erfolg kehrte der todgeweihte Heros auf die Leinwand zurück – gegen den Widerstand der Studios, die seine Mär für reinen «Quatsch» hielten (Ned Tanen von Universal). Seine erste Drehbuchversion, die er potenziellen Produzenten vortrug, stiess auf höhnische Ablehnung.

Er ging mit einem Entwurf hausieren, der so begann: «Dies ist die Geschichte von Mace Windu, dem verehrten Jedi-Bundu von Opuchi, der verwandt war mit Usby C.J. Thape, dem padawaanischen Schüler der berühmten Jedi.» Dagegen ist Buck Rogers der nackte Realismus; die Zuhörer waren fassungslos und wollten den Schund-Spund nur noch loswerden. Der aber änderte, auf Anraten von Freunden, seinen Quark und blieb hartnäckig.

Der Einzige, der ihm wenigstens zuhörte, war Alan Ladd Jr. von Fox. So richtig überzeugt war er zwar auch nicht, hielt den jungen Mann aber für begabt und gab ihm Geld – zu seinem Glück. Der Film kostete zehn Millionen Dollar und hatte am Ende des Startjahres 193,5 Mio. eingespielt. Die Aktien von Fox schnellten in die Höhe und wären wohl noch höher gestiegen, wenn Ladd Jr. nicht doch einen Fehler begangen hätte: Die Verkaufsrechte für die Merchandising-Produkte hielt er für Peanuts und überliess sie Lucas.

Der Filmverrückte aus dem kalifornischen Modesto («Ich kam aus einer Norman-Rockwell-Idylle») hatte tatsächlich eine kopernikanische Wende in der Branche herbeigeführt. Nach seinem Erfolg hoben alle in virtuelle Wolkenkuckucksheime ab. Lucas hatte unbeirrt mühsame Avantgarde-Arbeit geleistet, die alles andere als professionell war. Diejenigen, die den Film im Rohschnitt sahen, waren entsetzt. Viele sahen darin ein Kasperletheater, eine Art «Nussknacker-Suite für Kleinkinder» (John Milius).

Harrison Ford (der den Raum-Abenteurer Han Solo spielte) wusste lange nicht, worum es eigentlich ging; Darth Vader war ein grotesker Buhmann und Leia mit ihrer Schneckenfrisur eine tüttelige Schnepfe. Die Lichtschwert-Kämpfe waren noch unbeleckt von der späteren Martial-Arts-Artistik, und die Masken gerieten reichlich puppenkistenhaft. Eine neue Montage musste her, weil das Tempo der Inszenierung zum Einschlafen war – und neue Sound-Effekte. Die Lichtschwerter sollten zischen und fauchen, um von den unbeholfenen Zweikämpfen abzulenken. Darth Vader wurde mit einem sonor-diabolischen Röcheln versehen (dazu steckte man ein Mikro in eine Tauchermaske), und Komponist John Williams lieferte als Wotan des Wohlklangs die sinfonische Allzweckdroge dazu.

Damit bei all dem technischen Doping die Kids das Fantasy-Kuriosum auch akzeptierten, kam nun die zweite Pionierleistung zum Zug, die allein Lucas zu verdanken war: das Marketing. Neben Steven Spielberg (der zu den wenigen verbliebenen Freunden zählte) war er der Erste, der nicht mehr auf die Publizistik als Multiplikator setzte, sondern auf Mundpropaganda. Er liess T-Shirts drucken, lud SF-Fans ein, ging mit Marvel Comics einen Deal für eine Heftchenreihe ein und kurbelte das Geschäft mit der Spielwarenindustrie an, noch ehe der Film auf dem Markt war. Lucas erfand das Merchandising.

Die Strategie ging auf, die Massen standen Schlange. Unfreundliche Kollegen sprachen von seinem «kaufmännischen Genie», um sich später selbst der Masche zu bedienen. Erst hiess es, nur ein Film sei geplant, doch Lucas hatte ein so uferloses Drehbuch verfasst, dass er bei Erfolg auch den Rest verfilmen wollte. So entstand schliesslich die dreiteilige Ur-Saga, die, ähnlich Tolkiens «Herr der Ringe», Gemeinden bildete, die bierernst ihre Kenntnisse über Details austauschten. Eine neue, zeitgemässe Odyssee war geboren.

Komödiantisches «Making of»

Die Nummerierung allerdings (IV, V, VI) erfolgte erst, als sich Lucas, beflügelt vom Massenphänomen, zu den drei Prequels entschloss. Ein weiterer Marketingtrick, der bei den Fans nicht den Eindruck entstehen liess, der Mann fabuliere einfach weiter, sondern zaubere aus seinem Schatzkästlein die «Ursprünge» hervor. Gary Kurtz, Produzent der ersten beiden Filme, hält allerdings die Prequels für überflüssig: «Sie wirken auf mich wie eine kaufmännische Übung» und passen nicht so recht in die «Star Wars-Schablone». Wie auch immer. Ein weiterer kluger Einfall war es auf jeden Fall, die drei Klassiker, komplett restauriert, als DVD-Box auf den Markt zu bringen (bevor im Mai nächsten Jahres das Prequel «The Revenge of the Sith» ins Kino kommt).

Das Ungewöhnliche am Komplettpaket, das bei den Händlern unangefochten an erster Stelle steht und im Internet zu wilden Vorbestellungen führte, ist eine Zusatz-CD mit bis zu zehn Stunden Bonusmaterial. Kernstück ist eine zweieinhalbstündige Dokumentation über die Entstehung der erfolgreichsten Independent-Serie aller Zeiten. Über vierzig Mitglieder der Crew wurden interviewt und plaudern über die zum Teil chaotische Produktion. Von besonderer Komik sind jene putzigen Sequenzen aus Lucas’ Casting.

Weil er auf keinen Fall Stars, sondern nur unbekannte Gesichter suchte, finden sich irre Dialoge zwischen Carrie Fisher (die die Rolle der Prinzessin Leia erhielt), Harrison Ford und Kurt Russell (der sich für Han Solo bewarb), die auch dem Laien vor Augen führen, warum Kollegen und Produzenten entsetzt über die dämlichen Dialoge und die wirre Story waren.

Was heute Computer digitalisieren, musste damals noch mit Schauspielern bewältigt werden: einem Kleinwüchsigen für Roboter R2-D2 und einem Schlanken für den Kollegen C-3PO. Das blecherne Rosenkrantz-und-Güldenstern-Gespann – der genialste Einfall von George Lucas – hatte ständig Probleme. Dem britischen Schauspieler Anthony Daniels (in der Hülle von C-3PO) schnitten die scharfen Kanten in Füsse und Knie, der andere strangulierte sich mit den Drähten beim Drehen des Kopfes; häufig kippte er auf den Rücken, sobald er über den Boden gleiten musste. Roboter waren noch eine wacklige Rüstung.

Für den Flug der Raumschiffmodelle liess Lucas alte Wochenschauaufnahmen von Jagdflugzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg den ILM-Technikern vorführen, damit die eine Ahnung bekamen, was dem Fantasten eigentlich bei seinem Krieg der Sterne vorschwebte. Dass der wiederum kein begnadeter Schauspielerführer war, erzählt Harrison Ford. Oft konnte er sich bestimmte Verhaltensweisen nicht erklären, suchte Interpretationshilfe und bekam von Lucas die unwirsche Antwort, zu machen, was halt im Buch steht. Da stand nur Unklares. Das Bonusmaterial, eine galaktische Fundgrube über eine zusammengeschusterte Fantasie, aus der Cutter, Sound-Mixer, Tontechniker, ILM-Bastler und der Komponist ein Leinwandwunder schufen.

«Die Macht ist mit dir», lautet die Essenz des mönchischen Schamanen Obi Wan-Kenobi. George Lucas hat das wohl – autosuggestiv – auf sich gemünzt und gewonnen. Kaum ein neues Pyrotechnical kommt ohne seine ILM-Firma aus; zahllose Lichtspielhäuser sind mit seinem THX-Sound ausgestattet. Der Mann, der unabhängig sein wollte, ist ein Machtfaktor Hollywoods geworden und hat die Helden wieder gross gemacht, wenn die Imagination ihre wundersame Kraft entfaltet.

Star-Wars-Trilogie
DVD-Box (vier Discs), Deutsch/Englisch.
Etwa 375 Minuten. Tolles Bonusmaterial

THX 1138
Der George-Lucas-Director’s-Cut (zwei Discs),
verschiedene Sprachen (Bonusmaterial mit der ersten Hochschulversion von «THX»)

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