Für immer

Und plötzlich diese fröhliche Ruhe

Kurz vor Anbruch der Ewigkeit noch einen Kirschbaum pflanzen, an einem Ort, der auch für andere zugänglich ist. Und Basho lesen.

Von Sibylle Berg

Ich entdeckte Basho vor zwanzig Jahren. Ich war damals noch weniger wer als heute, bestand aus Aussenwahrnehmung und Ideen, aus Worten, die ich mir geborgt hatte, und Aktionen, die nur unfroh machen konnten. Bashos Haiku, an welches ich mich erinnere, hiess: «Auf diesem Wege wandert kein einziger Mensch am Abend im Herbst.» Ich hatte keine Ahnung von Haikus. Das Lesen von Basho führte nicht dazu, dass ich Japanisch lernte oder mich mit der Geschichte der Silben beschäftigte. Aber es hat mich Basho-süchtig gemacht. Es kam mir vor, als hätte er verstanden, worum es mir ging und was festzuhalten mein Verstand zu klein war: Wie kann man weiterleben in Kenntnis der Endlichkeit? Wie kann man erwachen am Morgen, Bankgeschäfte tätigen, ein Buch schreiben oder Kinder erziehen, im Wissen, dass unsere Zeit hier ein trauriger Witz ist?

Muss man nicht unentwegt weinen, an einem Herbsttag? Es riecht golden, und das Licht ist verschwommen, und ein See liegt da – und man weiss: Ich werde das nie mehr sehen, bald, wenn ich tot bin. Ich werde keine Spuren hinterlassen, die Welt wird kein besserer Ort geworden sein, durch mich, und ich werde nicht einen Menschen dazu gebracht haben, ein sinnvolles Leben zu führen, weil ich selber nicht weiss, was der Sinn eines Lebens sein kann.

Zehn Jahre nachdem ich Basho entdeckt hatte, der bereits wohltuende drei Jahrhunderte tot war (wohltuend für ihn: keine Homestorys in der Bunten, kein Juryvorsitz in «Die Schweiz sucht den Popliteraten», keine Talkshows), reiste ich nach Japan. Ich dachte, die Antwort auf meine Frage: Wie kann man weise werden? wäre eben dort zu finden. Ich fand, wie im Land Tucholskys oder Borcherts: verbaute Städte, kaufsüchtige Menschen, Rushhours und Power-Lunchs, Neonlicht und Autobahnen. Keine Ruhe, keine Weisheit. Und kam dann nach Kioto.

In einem Bambuswald stand ein altes Teehaus, Holzschiebewände, Tatami am Boden. Dort sass ich, aus Gründen alleine. Mehrere Stunden. Die Sonne warf goldene Flecken auf den Moosboden, das Holz roch nach Frieden, die Vögel hielten den Mund vor lauter Schönheit, und die Zeit war verschwunden. Die Suche nach einem Sinn gab es nicht mehr. Menschen gab es nicht mehr, kein Geld und keine neuen Schuhe und kein: Werde ich berühmt sein und wichtig und einen Mann finden oder ein Pferd? Basho in Kioto zu lesen, wäre Kitsch gewesen. Auch unnötig. Ich hatte meine Lieblingshaikus gespeichert.

Das Begreifen, dass nichts egal ist und zugleich alles. Dass man sich nicht zu wichtig nehmen muss und weinen kann, weil man unwichtig ist. Das Glück über Sonnenflecken auf Moosboden. Die Einsicht: Alles geht nebeneinanderher, und vielleicht ist es eben der einzige Lebenssinn, sich aufzulösen – in Bambuswäldern und Holzhäusern.

Ich fuhr wieder heim, ich habe nie mehr in einem Büro gearbeitet seitdem, habe versucht, nichts mehr zu tun, an das ich nicht glauben kann, habe versucht, freundlich zu sein und niemanden zu belästigen, mich selber am wenigsten, mit falschen Ideen und mit zu lauter Musik. Es ist mir mässig gelungen. Und doch hatte ich eine Idee bekommen, und immer noch ist mein Verstand zu klein, sie festzuhalten.

Vielleicht ändert ein Haiku nichts, vielleicht ändert Kunst nichts. Aber für einen Moment zu glauben, man könne in einer Idee aufgehen, die grösser ist als man selber, nimmt die Traurigkeit und macht einen lächeln über die lieben kleinen Bemühungen, sein Leben zu etwas Freundlichem zu machen.

Sibylle Berg ist Schriftstellerin und lebt in Zürich und Tel Aviv.

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