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15.09.2004, Ausgabe 38/04

USA

Eine dunkle Stunde für die Abendnachrichten

Sind die Aktennotizen gefälscht, die George W. Bush als Drückeberger darstellen? Hobby-Rechercheure zeigen sich in Internet-Journalen überzeugt davon. Sollten sie Recht haben, stürzt Dan Rather – das Denkmal unter den amerikanischen Reportern.

Von Hanspeter Born

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Ein halbes Jahrhundert lang waren für die grosse Mehrheit aller Amerikaner die Nachrichtenabteilungen der Networks, der drei grossen Fernsehsender CBS, NBC und ABC, ihre Hauptinformationsquelle. Jeden Abend um 18.30 Uhr schalteten Mr und Mrs America die Evening-News ein und liessen sich berichten, was auf der Welt los ist. Den nationalen Nachrichten und vor allem den Anchormen, ihren Moderatoren, bei denen es sich um erfahrene, erprobte Journalisten handelt, schenkten sie mehr Vertrauen als der seriösesten Zeitung. Das höchste Ansehen unter den drei Nachrichtenabteilungen genoss schon immer das CBS-News-Team, das zu Beginn hauptsächlich aus ehemaligen Radioreportern zusammengesetzt war, die im Weltkrieg ihre Sporen abverdient hatten. Ihr Spiritus Rector war der legendäre Ed Murrow, der seinen Landsleuten von einem Dach in London aus die Luftkämpfe des Blitzes von 1940 geschildert hatte.

Walter Cronkite, der Nachfolger Murrows, war dem amerikanischen Volk während des Traumas des Kennedy-Mordes ein tröstlicher Begleiter. Den Zeitgenossen bleibt unvergessen, wie Cronkite zuerst nüchtern den Tod des Präsidenten meldete und darauf, von den Gefühlen überwältigt, sich die Tränen aus den Augen wischte. Als Cronkite nach einer Reise ins Kampfgebiet 1968 am Bildschirm den Vietnamkrieg für ungewinnbar erklärte, drehte sich Präsident Lyndon Johnson zu einem Mitarbeiter und bemerkte: «Wir haben Walter verloren, jetzt haben wir auch das Land verloren.» Onkel Walter mit den buschigen Augenbrauen, dem altmodischen Schnauz und seinem gütigen Schmunzeln wurde zur Institution. Nach jeder seiner Sendungen verabschiedete er sich mit dem Satz: «That’s the way it is.» Wenn Walter, nach allen Umfragen der vertrauenswürdigste Mann des Landes, es sagte, dann musste es so sein.

1981 verdrängte ein wenig onkelhafter, dafür sehr angriffiger und ehrgeiziger texanischer Journalist Cronkite von der CBS-Moderatorenkanzel. Dan Rather war der Inbegriff eines rasenden Reporters. Wenn irgendwo etwas los war, sei es ein Skandal, eine Katastrophe oder ein Krieg – brauste auch der Wirbelwind Rather herab. Er referierte nicht ruhig und abgewogen wie Cronkite, sondern staccato und mit durchdringendem Blick. Rather sah gut aus, wie sich eben Hollywood einen Fernsehreporter vorstellt, und erlebte die tollsten Abenteuer: Als er Bürgerrechtsmärsche im Süden begleitete, drohten ihm Rüpel mit einem abgesägten Gewehr; am demokratischen Parteikonvent in Chicago 1968 streckte ein Sicherheitswächter den unverzagten Reporter vor laufender Kamera mit einem Faustschlag nieder. Als Rather sich 1974 bei einer Pressekonferenz vordrängte und dem Präsidenten, der gerade die Frage eines Kollegen beantwortete, das Wort abschnitt, fragte ihn Nixon spöttisch, ob er sich um ein Amt bewerbe: «Are you running for something?», worauf Rather keck zurückgab: «Nein, Sir, Mr. President. Tun Sie es?» Persönlich denke ich genüsslich an eine Sendung zurück, in der – kurz nach der sowjetischen Invasion von Afghanistan – Rather, als Mudschahed verkleidet, den Hindukusch hinaufstieg, wo er keuchend perplexe Einheimische interviewte, bevor der in seiner Montur an einen Statisten aus «Dr. Schiwago» gemahnende Starkorrespondent sich samt Entourage vor herannahenden Rotarmisten aus dem Staub machen musste.

Vater Bush abgekanzelt
Wie Cronkite wollte auch Rather sich allabends mit einem markigen Geleitwort von seiner Zuschauergemeinde verabschieden, aber keines wollte so recht sitzen, am allerwenigsten das lakonische «courage», über das sich bald männiglich lustig machte. Wenn etwas Weltbewegendes geschah oder etwas, das Dan Rather weltbewegend erschien, verlangte er gebieterisch, dass ihm – Kinderstunde hin, Kinderstunde her – der Äther freigegeben wurde. Als andererseits einmal ein Tennismatch (mit Steffi Graf) an seiner heiligen Nachrichtenzeit knabberte, stürmte er empört aus dem Studio und konnte nicht gefunden werden, als dann das Spiel plötzlich zu Ende war. Seine Zornausbrüche wurden so berühmt wie seine in der texanischen Prärie gewachsenen markigen Metaphern.

Rather hat jeden amerikanischen Präsidenten seit Eisenhower interviewt, ausser George W. Bush, der es seinem texanischen Landsmann offenbar nicht verzeihen kann, dass dieser 1988 Vater Bush, damals Vizepräsident, in einem Interview richtiggehend abgekanzelt hatte. Aber sonst hat Rather in seiner Karriere alles, was Rang und Namen hat, vor sein Mikrofon gekriegt, inklusive Saddam Hussein noch kurz vor Kriegsausbruch.

Rather sieht sich nicht als Starmoderator oder Starinterviewer, sondern als abgebrühter Reporter mit Schuhleder, der hartnäckig jeder Geschichte auf den Grund geht. Deshalb lässt er es sich nicht entgehen, immer wieder mit eigenen Beiträgen im berühmten CBS-Nachrichtenmagazin «60 Minutes» in Erscheinung zu treten. So auch am Mittwoch vergangener Woche.

Rathers Bericht, der vermutlich in die Geschichte des amerikanischen Journalismus eingehen wird, handelte von George W. Bushs Dienstzeit als Pilot bei der texanischen Nationalgarde. Er hatte sich bekanntlich vor über drei Jahrzehnten zur Garde gemeldet, um dem Vietnamkrieg ausweichen zu können. Am Schluss seiner Dienstjahre soll es der junge Luftibus mit seinen Pflichten nicht immer ganz ernst genommen haben. Doch wie pflichtvergessen war der junge George W.? Zu Beginn seines Beitrags interviewte Rather einen ehemaligen stellvertretenden Gouverneur von Texas, Ben Barnes, der gestand, er habe seine Beziehungen spielen lassen, um Bush, dessen Vater damals Kongressabgeordneter war, und anderen Söhnen einflussreicher Texaner eines der begehrten knappen Plätzchen in der Nationalgarde zuzuhalten. Barnes hatte dies getan, weil er damit rechnete, dadurch politisch Punkte zu schinden (und ohne von den besagten Vätern darum gebeten worden zu sein). Allein daraus konnte Dan Rather dem jungen Bush kaum einen Strick drehen. Das Kernstück des «60 Minutes»-Beitrags waren dann aber vier neu aufgetauchte Aktennotizen aus den Jahren 1971 bis 1973, aus denen hervorging, dass Nationalgardist Bush sich ziemlich gravierende Versäumnisse hatte zuschulden kommen lassen. So hatte er gemäss einem der Dokumente einen ausdrücklichen Befehl, sich einer ärztlichen Untersuchung zu unterziehen, missachtet. Laut den Aktennotizen war auch von höherer Stelle auf Bushs Vorgesetzte Druck ausgeübt worden, dass sie dessen Zeugnis schönen sollten. Unterschrieben waren die Aktennotizen von einem Oberstleutnant Jerry Killian, der 1984 verstorben ist. Die Papiere stammten gemäss Dan Rather aus einer nicht genannten, aber einwandfreien («unimpeachable») Quelle. Ein erfahrener Schriftexperte hatte sie für echt erklärt, und der Vorgesetzte des verstorbenen Killian hielt sie für glaubwürdig.

Ein Fressen für die Wahlstrategen
George W. Bush schien durch die vier Aktennotizen definitiv als jugendlicher Drückeberger entlarvt, der wahrscheinlich unehrenhaft aus dem Dienst entlassen worden wäre, wenn nicht höhere Stellen ihre schützende Hand über den Sprössling des inzwischen zum republikanischen Parteivorsitzenden aufgerückten G.H.W. Bush gehalten hätten. Dan Rathers Bericht war nicht nur ein journalistischer Coup, ein wahrer Knüller, sondern auch Wahlkampfmunition für die Demokraten. Am nächsten Tag erwähnten die meisten grossen Zeitungen des Landes den von CBS gemachten heissen Fund. Die Demokraten rieben sich die Hände: Vietnamheld Kerry gegen Drückeberger Bush, welch Fressen für die Wahlpropaganda.

CBS News publizierte die Killian-Aktennotizen auch sofort auf ihrer Webseite. Darauf brach innert ein paar Stunden in der sogenannten «Blogosphäre» ein Sturm los. In den USA gibt es mittlerweile Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende von «bloggers», von Leuten, die ein persönliches, aller Welt zugängliches Internet-Journal führen. Tausende dieser Bloggers befassen sich in ihren Journalen oder «blogs» (Abkürzung für Weblogs) mit Politik und stehen miteinander in ständiger elektronischer Verbindung. Wenn ein Blogger einen besonders originellen oder durchdachten Beitrag schreibt, wird dieser von andern Bloggers aufgenommen und via Links übers Internet verbreitet. Im diesjährigen Präsidentschaftswahlkampf haben sich verschiedene, zumeist ziemlich parteiische Blogs einen Namen als Schaltstellen gemacht, über die man die relevantesten Internet-Äusserungen und Kommentare zum Wahlkampf abrufen kann.

Millimetergenau eingemittet
Als Joseph Newcomer, der sich in den siebziger Jahren mit elektronischen Setztechniken beschäftigte und verschiedene Bücher über Windows-Software-Programme verfasst hat, die CBS-Dokumente sah, musste er laut hinauslachen. Unverzüglich produzierte er auf seinem Laptop unter Benutzung der Microsoft-Word-Formatierung und der Times-Roman-Schrift praktisch identische Repliken der Aktennotizen. Im Internet meldeten sich bald ein gutes Dutzend Bloggers, die wie Newcomer bezweifelten, dass eine der 1972 existierenden Schreibmaschinen die Memoranden hätte herstellen können. Ein Blogger hatte herausgefunden, dass alle vier Dokumente millimetergenau eingemittet waren, was mit einer klassischen Schreibmaschine kaum machbar ist. Auch inhaltliche Zweifel wurden angemeldet: Die militärische Terminologie war nicht richtig. Militärexperten, Personen, welche die in den Dokumenten erwähnten Offiziere gekannt hatten, Juristen, Professoren, Computerprogrammierer, Schreibmaschinenliebhaber, Amateurdetektive etc. begannen sich an der Internet-Diskussion zu beteiligen, deren Ergebnis bereits nach einem Tag klar war. Bei den Aktennotizen handelt es sich um Fälschungen.

Am Freitag begannen nun auch die Konkurrenz von ABC und einzelne Zeitungen sachte Zweifel an der Echtheit der Aktennotizen zu äussern und Experten zu zitieren, die von Fälschung sprachen. Die Los Angeles Times interviewte Generalleutnant Bobby Hodges, einen von Rathers Kronzeugen, der sich beschwerte, jemand von CBS habe ihm die Aktennotizen bloss am Telefon vorgelesen und ihn im Glauben gelassen, die «memos» seien in Killians Handschrift. Jetzt halte er die Dokumente für gefälscht. Killians Witwe erklärte, ihr Mann habe kaum Schreibmaschine schreiben können und keine privaten Aktennotizen aufbewahrt. Sie, wie auch Killians Stiefsohn, betrachteten die Dokumente als gefälscht. Weiter stellte es sich heraus, dass der von CBS angeschleppte Experte bloss über Handschriften Bescheid wusste, nicht aber über maschinegeschriebene Dokumente. Er hatte eine von Killians (fotokopierten) Unterschriften für echt erklärt. (Als ihn die Washington Post Anfang dieser Woche interviewte, räumte er ein, dass man eine echte Unterschrift jederzeit hätte in ein falsches Dokument hineinkopieren können, ohne dass dies erkennbar wäre.)
Dan Rather und CBS liessen sich nicht ins Bockshorn jagen. In den Abendnachrichten vom Freitag erklärte Rather: «CBS News und ich stehen zu der Gründlichkeit und Genauigkeit dieses Berichts. Punkt. Unsere Geschichte ist wahr.» Der Präsident von CBS News verkündete am Sonntag: «Ich bin fest überzeugt, dass die Memos authentisch und die Geschichten richtig sind. Die Geschichte wurde gründlich überprüft wie alle Beiträge in ‹60 Minutes›.» Man habe «jeden angebrachten journalistischen Massstab und jede Sicherheitsvorkehrung» respektiert.

Früher hätten solche Ex-Cathedra-Verlautbarungen aus dem Mund des über allen Zweifel erhabenen Anchorman und des über allen Zweifel erhabenen Präsidenten der Nachrichtenabteilung der Kontroverse ein Ende gesetzt. CBS locuta, causa finita.

Doch die «Blogosphäre» reagierte mit offenem Hohn. Bloggers wiesen darauf hin, dass CBS und Rather alle Zweifler an Form und Inhalt der Dokumente einfach ignoriert und zu den Vorwürfen im Einzelnen gar nicht Stellung genommen hatten.

Am Montagabend schlug das Empire erneut zurück. Dan Rather erklärte, dass der Bericht in «60 Minutes» sich mittels unterschiedlicher Techniken abgesichert habe und dass die Dokumente echt seien. Man habe mit Handschriften- und Dokumentenanalytikern geredet, «die energisch darauf beharren, dass die Dokumente auf einer Schreibmaschine der siebziger Jahre hätten erzeugt werden können». Vor der Kamera liess sich Rather diese Ansicht von einem Schreibmaschinenreparateur und einem Computerprogrammierer bestätigen. Die Blogosphäre lachte und zerzauste Rathers neue Experten.

«Kerle in Pyjamas»
Aber wer sind schon diese dubiosen Bloggers, die sich anmassen, gegen gestandene Profis wie Dan Rather und Kollegen anzutreten? An einer Fernsehdebatte beim Rivalensender Fox meinte Jonathan Klein, ein ehemaliger Vizepräsident von CBS News, dem früher die Sendung «60 Minutes» unterstand: «Man kann keinen stärkeren Gegensatz haben als denjenigen zwischen den vielschichtigen checks and balances bei ‹60 Minutes› und einem Kerl, der im Pyjama in seinem Wohnzimmer sitzt und schreibt.»

Am Dienstag erhielten die Kerle im Pyjama unerwartet Schützenhilfe. Die New York Times berichtete von einem allgemeinen Unbehagen, das sich bei den CBS-Journalisten breitgemacht habe. Eine nicht namentlich genannte Person bezeichnete den Zustand unter den Mitarbeitern als geprägt «von tiefer Sorge». Ein verdienter Korrespondent wird mit dem Ausspruch zitiert: «Ich bin bedrückt.» Das Blatt befragte auch den Harvard-Professor Alex S. Jones, der meinte, es genüge nicht mehr, einfach zu sagen: «Wir stehen zu unserer Geschichte.» Es sei jetzt an CBS, zu beweisen, dass der Bericht echt sei.

Niederschmetternd für Rather und CBS ist der Befund eines am Dienstag von der Washington Post veröffentlichten Artikels: «Ein von der Washington Post durchgeführter Vergleich der Aktennotizen, die von CBS News erlangt wurden, mit authentischen Dokumenten von Bushs Nationalgardendienst zeigt Dutzende von Widersprüchlichkeiten, die von unvereinbarer militärischer Terminologie bis zu verschiedenen Wortverarbeitungstechniken reichen. Die Analyse ergibt, dass ein halbes Dutzend (echte) Aktennotizen von Jerry Killian, die bereits früher vom Militär freigegeben wurden, auf einer gewöhnlichen Schreibmaschine geschrieben wurden, die eine andere Formatierungstechnik benutzt als diejenige, die für computererzeugte Dokumente charakteristisch ist. Die CBS-Killian-Aktennotizen dagegen weisen viele Zeichen auf, die eher mit modernen Textverarbeitungsprogrammen, insbesondere Microsoft Word, übereinstimmen.»

Die Washington Post erwähnt, dass keines von über hundert verfügbaren Dokumenten der texanischen Nationalgarde die in den CBS-Aktennotizen vorhandenen proportionalen Zwischenraumtechniken aufweist. Die Zeitung macht ferner auf Probleme mit Fakten und Stil aufmerksam, die gegen die CBS-Aktennotizen sprechen. So ist auf einem der Dokumente für George W. Bush eine Adresse angegeben, die dieser zwischen 1970 und Ende 1973 nicht benutzte. Ferner enthalten gemäss Washington Post die CBS-Aktennotizen militärische Fachausdrücke, die nicht mit den in der Nationalgarde üblichen übereinstimmen.

Der Artikel in der Washington Post masst sich selber kein Urteil an, schliesst jedoch mit einem Zitat von Bernard Bozell, dem Präsidenten des konservativen Media Research Center: «Dies ist ein Schwindel und ein Betrug, und ausserdem ein billiger und schlampiger. Es übersteigt das Fassungsvermögen, dass Dan Rather und CBS diesen weiter verteidigen.»

Lange werden sie es nicht mehr tun können. Vielleicht wird Dan Rather, wenn die Weltwoche-Leser diese Zeilen vor sich sehn, bereits seinen Hut genommen haben. Es wird kein rühmlicher Abgang für das bald 73-jährige Schlachtross werden.

Was CBS-News anbetrifft, wird das ehrwürdige Medienunternehmen noch eine Weile an dem Skandal kauen, der einen unweigerlich an die Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher vor zwei Jahrzehnten erinnert.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 38/04
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