Kaum ein Filmbericht aus den Kriegen an den Rändern der Wohlstandszonen, in dem nicht Pick-ups mit aufmontierten Maschinengewehren und bewaffneten Kämpfern zu sehen sind. Die Geländewagen sind das Rückgrat der Warlordverbände: Truppentransporter und schnelles Gefechtsfahrzeug in einem, vielfältig einsetzbar und vor allem leicht zu beschaffen. Der Pick-up ist zur Ikone der neuen Kriege geworden.
Die Konstrukteure der ersten Pick-ups hatten freilich anderes im Sinn, als einen Beitrag zur Verbilligung der Kriegführung zu leisten. Ihnen ging es um ein multifunktionales Fahrzeug, bei dem Elemente des Personenwagens mit solchen des Lieferwagens kombiniert wurden. Im Amerika der dreissiger und vierziger Jahre wurde der Pick-up zum Fahrzeug der Farmer und kleinen Handwerker, die wochentags Ladefläche und sonntags Sitzplätze für Familienangehörige brauchten. In seinen Anfängen war der Pick-up ein typisch amerikanisches Fahrzeug: vielseitiges Massenprodukt, ganz auf die Erfordernisse einer ländlichen Käuferschicht zugeschnitten, aber durchaus mit dem Potenzial zu urbanem Chic. Und leinwandtauglich: In zahllosen Hollywoodfilmen der fünfziger und sechziger Jahre spielt der Pick-up eine wichtige Rolle. Er sichert die Mobilität der einfachen und arbeitsamen Leute. Kein Fahrzeug für Angeber. Aber bestens geeignet für alle, die es durch ehrliche Arbeit zu etwas bringen wollen.
Die Pick-ups in den Händen von Warlords stehen für das genaue Gegenteil: Nicht ehrliche Arbeit, sondern pure Gewalt soll hier nach oben bringen, und diejenigen, die sich in und auf den Fahrzeugen befinden, sind nicht Familienväter mit schwieligen Händen, sondern junge Burschen mit Stirnbändern, gestylten Sonnenbrillen und einer Panzerfaust oder Kalaschnikow in den Händen. Für sie ist das Fahrzeug nicht blosses Fortbewegungsmittel, sondern ebenso ein Symbol wie Sonnenbrille und Schnellfeuergewehr: Mit uns ist nicht zu spassen, lautet die Botschaft, wir sind gefährlich.
Vom subsaharischen Afrika bis nach Zentralasien sind die Pick-ups zum Kriegführungsgerät geworden. Die regionalen Warlords verfügen nicht über vergleichbare Ressourcen wie Staaten, wenn sie Krieg führen wollen. Bei staatlichen Armeen herrscht der Grundsatz funktionaler Differenzierung; hier gibt es Jeeps, leichte Lastwagen, gepanzerte Mannschaftstransporter, Schützenpanzer und Panzerspähwagen. Der Pick-up fasst all diese Funktionen zusammen. Mit aufmontiertem schwerem Maschinengewehr oder leichtem Raketenwerfer handelt es sich um ein ernstzunehmendes Kriegsgerät. Auf den Defensivschutz einer Panzerung freilich muss die Besatzung verzichten. Das ist jedoch verkraftbar, da man in der Regel nicht gegen einen gutausgerüsteten Gegner kämpft, sondern gegen Zivilisten. Und diese leisten keinen ernstzunehmenden Widerstand.
Was aus Sicht der Warlords jedoch das Allerbeste ist: Die Pick-ups sind leicht und kostengünstig zu besorgen. Dabei ist es nicht einmal erforderlich, bei der Firma Toyota eine grössere Anzahl zu bestellen. Dies haben die internationalen Hilfsorganisationen bereits getan - um die Fahrzeuge für die Zwecke humanitärer Hilfeleistung zu nutzen. Sie bringen sie in die Krisen- und Kriegsgebiete, wo sie für die Verteilung von Nahrungsmitteln und den schnellen Transport des medizinischen Hilfspersonals bestens geeignet sind. Aber häufig bleiben sie nicht lange im Besitz der Hilfsorganisationen. Sie werden ihnen von den Warlords kurzerhand abgenommen.
Der Begriff des Dual-Use-Geräts hat bei den Pick-ups einen zynischen Beiklang bekommen. Doppelte Nutzungsmöglichkeit - das hiess zunächst: brauchbar für den Futtertransport an Werktagen und Familienausflüge an Sonntagen. Aber längst bedeutet es in den Kriegen Afrikas und Asiens: brauchbar im Frieden wie im Krieg, einsetzbar für humanitäre Dienste ebenso wie zu Beute- und Massakerzügen. Verständlich, dass Toyota mit diesem Slogan nicht Werbung machen will. Ohnehin kaufen die Warlords die Fahrzeuge nicht, sie rauben sie. Sie sind keine attraktive Zielgruppe für Werbung.
Pick-ups haben die Kriegführung der Warlords in jeder Hinsicht verbilligt. Was die ebenfalls billige Kalaschnikow als Handfeuerwaffe ist, sind die Pick-ups als logistisches Rückgrat ihrer Anhänger. Man muss lediglich dafür sorgen, dass genügend Treibstoff vorhanden ist. Durch die Pick-ups haben Warlordverbände eine Beweglichkeit und Schnelligkeit bekommen, welche diejenige konventioneller Truppenverbände weit übertrifft. Das erschwert auch ihre Verfolgung. So schnell, wie die Warlordtruppen zugeschlagen haben, sind sie auch wieder verschwunden. Konventionelle Streitkräfte vermögen diese hoch beweglichen Gegner nur vermittelst ihrer Luftwaffe zu stellen. Und wenn diese dann zuschlägt, handelt es sich nicht selten um einen zivilen Pick-up, mit dem eine Familie gerade zur grossen Hochzeitsfeier im Nachbardorf unterwegs ist.
Literatur:
Ryszard Kapuscinski: Afrikanisches Fieber.
Piper, 2002. 320 S., Fr. 16.50
Michael Riekenberg: Warlords. Eine Problemskizze. In: Comparativ, Heft 5/6, 1999. S. 187-205













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