Eine allgemeine Weisheit dieser Tage besagt: Es spielt keine Rolle, ob Bin Laden tot ist oder lebendig, im Gefängnis sitzt oder sich irgendwo in einer Höhle in Waziristan versteckt. Für den islamistischen Terror sei dies von marginaler Bedeutung. Sein Gedankengut lebe und finde jeden Tag Tausende neuer Anhänger.
Kaum eine Torheit könnte grösser sein. Bin Ladens habhaft zu werden, ist von grösster Wichtigkeit. Erstens ist es eine Frage der Gerechtigkeit gegenüber den Angehörigen der rund 3000 Opfer des 11. September und all der anderen Opfer von Al-Qaida-Anschlägen. Zweitens ist jeder Tag, an dem Bin Laden in Freiheit lebt, ein Propagandasieg für al-Qaida. Obwohl Bin Laden und sein Mentor und Stellvertreter Ayman al-Zawahiri keine absolute Kontrolle über al-Qaida ausüben, setzen die beiden drittens den strategischen Fahrplan für die Aktionen der Terrorbewegung und ihnen assoziierter Gruppen. Statements von Bin Laden sind bis heute die zuverlässigsten Wegweiser für künftige Attentate von Dschihad-Gruppen rund um die Welt.
Ob Bali, Dscherba, Istanbul oder Madrid – stets war kurz vor den Attentaten eine Botschaft Bin Ladens oder Zawahiris in den Äther gestiegen. Seit Dezember 2001 haben die beiden rund ein Dutzend Audiotapes verbreitet; und zwar alle drei Monate eines. Westliche Geheimdienste warnen seit geraumer Zeit vor einem grossen Anschlag. Dass es sich dabei um das Massaker von Beslan handelt, scheint unwahrscheinlich. Das Täterprofil lässt auf einen tschetschenischen Hintergrund schliessen. Wahrscheinlicher ist ein Attentat vor den US-Präsidentenwahlen. Al-Qaida habe sich personell und organisatorisch völlig neu aufgestellt, sagte der Präsident des Deutschen Bundesnachrichtendienstes, August Hanning, vor wenigen Wochen. Die Terrorgefahr sei grösser denn je. Nicht nur die USA seien im Visier, es könne ebenso ein verbündetes Land treffen. Terrorfachleute in den USA sind überzeugt: Regisseure der Verschwörung sind Bin Laden und Zawahiri. Der Durchschnittsbürger vermag solche Terrorwarnungen nicht einzuordnen. Sie stiften Verwirrung, die bald von Apathie verdrängt wird, wenn die Katastrophen ausbleiben. Zurück bleibt ein Gefühl, der Feind sei überall, und wie in Kafkas Novelle «Der Bau» zeigt er seine Gefährlichkeit am eindringlichsten, sobald er sich gar nicht mehr zeigt. Wo also stehen wir drei Jahre nach den epochalen Anschlägen des 11. September? Kann der Krieg gegen al-Qaida gewonnen werden?
Viele vermeintlich gesicherte Erkenntnisse mussten in jüngster Zeit korrigiert werden. Prominentester Irrtum ist die Legende vom sterbenden Netzwerk. Jene Vorstellung also, al-Qaida sei zersplittert, sei folglich keine Organisation mehr, vielmehr eine Bewegung autonomer Akteure, getrieben von der Idee des globalen Dschihad. Fakt ist, dass für die meisten Anschläge seit dem 11. September eine Verbindung zu der «Hauptzentrale» eruiert werden kann. In einigen Fällen konnte sogar bewiesen werden, dass unmittelbar vor dem Anschlag ein Marschbefehl von einem Al-Qaida-Kader eingeholt wurde. Die Madrider Anschläge seien der Beweis, heisst es im jüngsten Lagebericht des renommierten International Institute for Strategic Studies, dass al-Qaida sich «völlig erholt und seinen Blick scharf auf die USA und ihre engsten Alliierten in Europa gerichtet» habe.
Financiers und Internetspezialisten
Von der Pyramide über das Sonnensystem bis zum Ameisenhaufen wurden allerlei Vergleiche bemüht, wenn es darum ging, die Struktur von al-Qaida zu charakterisieren. Taugt ein Modell im Ansatz, dann das des Spinnennetzes: Im Zentrum befindet sich Bin Laden mit seiner Idee vom «Dschihad gegen Kreuzfahrer und Juden». Er stellt, wie der Name seiner Organisation al-Qaida besagt, «die Basis» der Organisation dar und ist Ausgangspunkt für Gewaltakte, indem er einerseits seine Idee immer von neuem in die Welt sendet, andererseits Anschläge plant oder zumindest mit koordiniert. Direkt um das Zentrum gruppieren sich die Kader und lokale Führungsfiguren in Asien, Afrika, Amerika, Australien und Europa. Sie aktivieren Sympathisanten und Logistiker, die sich direkt an Anschlägen beteiligen. Einige von ihnen sind in Zellen organisiert und haben bereits ausgiebig Attentatspläne geschmiedet, andere lassen sich anwerben, ohne dass sie je Lenkungsaufgaben übernehmen. An den Rändern schliesslich befindet sich eine schwer eruierbare Zahl von Sympathisanten. Sie teilen die ideologischen Ziele, leben aber unauffällig und werden in der Regel nicht straffällig. Das Funktionieren des Systems garantieren reisende Mittelsmänner, Financiers und Internetspezialisten. Sie sind meist Al-Qaida-Funktionäre und agieren als Knotenpunkte, die das Netz zusammenhalten.
Noch vor einem Jahr glaubten Experten wie etwa der Terrorismusforscher Rohan Gunaratna, al-Qaida werde in ihrer ursprünglichen Form binnen zwölf Monaten aufgerieben sein. Nach Madrid begannen Kenner der Szene, an der Siegerthese zu zweifeln: Die Drahtzieher des ersten grossen Attentats auf europäischem Boden entpuppten sich als Al-Qaida-Kader mit engen Kontakten zur Terrorzentrale. Anfang August verflogen die letzten Hoffnungen auf einen schnellen Triumph. Aus Lahore, Pakistan, wurde eine spektakuläre Verhaftung gemeldet: Mohammed Naeem Noor Khan, 25, Computer-Ingenieur bei al-Qaida für Kommunikation. Über seinen Rechner liefen Botschaften von den äussersten Zipfeln des weltumspannenden Netzwerkes an die wahrscheinlich im Hindukusch untergetauchte Führung. Auf besagtem Rechner tätigten die Ermittler einen schockierenden Fund: Detaillierte Anschlagspläne gegen prominente Bauten in den USA, darunter verschiedene Finanzinstitute. Kurz darauf erliess die US-Regierung eine offizielle Terrorwarnung.
Der Fall Mohammed Naeem Noor Khan ist aus drei Gründen interessant: Erstens führten Hinweise Khans, der sich von Pakistanern und Amerikanern als Undercover-Agent anwerben liess, zur Verhaftung von rund 25 teils hochrangigen Al-Qaida-Mitgliedern. So konnten gemäss offiziellen Angaben mehrere grosse Anschläge gegen britische und amerikanische Einrichtungen verhindert werden.
Zweitens ermöglichte Khans Verhaftung Einblick in eine neue Generation von Al-Qaida-Kadern. Rund 4000 Al-Qaida-Mitglieder waren seit dem 11. September verhaftet oder getötet worden, unter ihnen viele aus dem sogenannten zweiten Glied beziehungsweise dem mittleren Kader. Dieser Triumph nährte unter westlichen Experten den trügerischen Eindruck, Bin Ladens Netzwerk empfindlich geschwächt zu haben. Wie Khans Entlarvung zeigte, waren die «eliminierten» Exponenten wieder durch mehrheitlich junge Kader ersetzt worden. Sie stammen weder aus den kargen Bergtälern Pakistans noch aus den unzähligen Koranschulen entlang der afghanischen Grenze, sondern aus der Anonymität des pakistanischen Grossstadt- dschungels. Viele von ihnen sind, wie Khan selbst, studierte Mittelklasse-Pakistaner und Mitglieder offizieller politischer Parteien. Die Rekrutierung aus dieser Schicht dokumentiere die wachsende Abneigung der Mittelklasse und intellektuellen Elite gegen Präsident Perwes Muscharraf, weil dieser eine «verräterische Allianz mit den USA» eingegangen sei, sind politische Analysten in Pakistan überzeugt.
Die Verhaftung Khans richtet drittens das Augenmerk auf die effizienteste Waffe im Arsenal der heiligen Krieger – das Internet. Das hat sich zu einem virtuellen Klassenzimmer für wissbegierige Extremisten und zum effizienten Propagandainstrument der psychologischen Kriegsführung der Islamisten entwickelt. Das Medium ist wie geschaffen für die Öffentlichkeitsarbeit des Terrors: schnell, stets verfügbar und kaum zu kontrollieren. Dort tauchen die Bekennerschreiben von al-Qaida auf, Pamphlete gegen Christen und Juden, Anleitungen zum heiligen Krieg, allesamt Publikationen, die einen Einblick in Handeln und Denken der Terroristen eröffnen.
Zwei Publikationen gelten als Trendsetter: Sawt al-Jihad (Stimme des heiligen Krieges) und Muaskar al-Battar (Battar-Armee). Sie erscheinen alle zwei Wochen; Erstere liefert die Ideologie, die Zweite das militärische Gedankengut. Von Kampfstrategien und Vorbereitungen zu Attentaten ist dort zu lesen. Wer sich durch die Ausgaben klickt, bekommt die Anleitung zum Terror frei Haus. Wie man sich auf den Dschihad vorbereitet, wird erklärt, und wen man wie angreifen soll. «Was in den neunziger Jahren in den Terrorcamps in Afghanistan gelehrt wurde, bietet heute das Internet», sagt Rita Katz, Leiterin des Washingtoner SITE-Institute. SITE steht für Search for International Terrorist Entities und ist eine Nonprofit-Organisation, die das Internet nach islamistischem Material durchforstet und sowohl die US-Regierung wie private Firmen zu ihren Kunden zählt.
«Viele Gebrauchsanweisungen auf dem Netz kommen aus Bin Ladens Lagern in Afghanistan; einige stammen sogar aus der Feder von Saif al-Adel, einem der meistgesuchten Al-Qaida-Kommandanten», erklärt Katz. Jüngste Veröffentlichungen liefern Anleitungen zum Bau von «Madrid-Bomben» – Sprengsätze, die sich mit Handys fernzünden lassen, ähnlich denjenigen, die im März in Spaniens Hauptstadt 191 Menschen getötet haben. «Schritt für Schritt wird die Herstellung beschrieben», sagt Katz, «und um sicherzustellen, dass auch der grösste Laie zu seiner Bombe kommt, wird gleich noch ein Demonstrationsvideo angeboten.» Die Internet-Studenten sind gelehrige Schüler, sagt Katz. «Seit in den Ausgaben verstärkt über Entführungen geschrieben wurde, haben diese im Irak und in Saudi-Arabien zugenommen.»
Das Netzwerk und seine Chat-Foren
Obwohl die beiden Online-Ausgaben im Westen erst vor wenigen Monaten bekannt wurden, haben sie bereits eine Flut von Polemik und Gegenpropaganda ausgelöst, was postwendend Verschwörungstheoretiker auf den Plan gerufen hat. In Chat-Foren wird diskutiert, ob nicht CIA und Mossad hinter diesen Publikationen steckten. Doch selbst Araber, die nicht im Verdacht stehen, mit westlichen Geheimdiensten irgendetwas zu tun zu haben, sind überzeugt, dass Sawt al-Jihad und Muaskar al-Battar originäre Plattformen des islamistischen Terrors sind. «Es handelt sich mit Sicherheit um keine Fälschung, es gab hochrangige Mitglieder von al-Qaida, die dort publiziert haben», sagt Mohammed al-Massari, saudischer Oppositioneller im Londoner Exil und profunder Kenner der Al-Qaida-Strukturen. Und Abdel Barri Atwan, Chefredaktor der in London erscheinenden Zeitung Al Quds al Arabi, der Bin Laden mehrmals interviewt hat, ist überzeugt, auf den Sites die Handschrift des Al-Qaida-Netzwerks zu erkennen.
Experten schätzen, dass allein aus Neugierde Zehntausende von Muslimen jeden Tag die Seiten besuchen. Da nützt es nichts, dass die Seiten relativ schnell von den Providern gesperrt werden. Die Urheber kennen das Einmaleins des Internets. Ähnlich den Dschihad-Nomaden auf den Schlachtfeldern zwischen Afghanistan, Tschetschenien und Irak sind die Internet-Islamisten dauernd in Bewegung. Sie nutzen die kostenlosen «freien Seiten», die es ermöglichen, Botschaften ins Internet zu stellen, ohne dass der Absender erkennbar ist. In einschlägigen Chat-Rooms werden die neuen Adressen des Terrors im Internet weitergegeben. Der Bekanntheitsgrad der Blätter steigt mit jeder Entführung, jedem Bekennerschreiben, jedem Mord an Geiseln.
Für Ernüchterung sorgen auch jüngste Einblicke in das Finanzsystem al-Qaidas: Bis dato wurde Bin Laden gerne als «Financier des Todes» bezeichnet – ein Mythos, der spätes-tens seit der Veröffentlichung des Schlussberichts der amerikanischen 9/11-Kommission Makulatur ist. Zwar ist der Saudi beileibe kein Bettler, doch besitzt er niemals die 300 Millionen Dollar, die er angeblich von seinem Vater geerbt haben soll. Zwischen 1970 und 1994 seien ihm jährlich eine Million Dollar ausbezahlt worden, heisst es in dem Bericht. Danach sei sein Erbteil auf Veranlassen der saudischen Regierung veräussert worden. Der Terror al-Qaidas werde weder mit dem privaten Vermögen noch mit eigenen Geschäften Bin Ladens finanziert, heisst es im 9/11-Report.
Gigantischer Schaden für wenig Geld
«Wir haben gänzlich umdenken müssen», sagt Kenneth Katzman vom Forschungsdienst des US-Kongresses. «Heute wissen wir, dass Bin Ladens Vermögen für die Planung und Ausübung von Al-Qaida-Anschlägen nie eine wesentliche Rolle gespielt hat.» Die meisten Gelder stammten aus Schenkungen und Spenden aus dem Golfraum, so Katzman, wobei die jeweiligen Donatoren wahrscheinlich nicht immer gewusst hätten, wofür ihr Geld bestimmt war.
Überhaupt haben die Anschläge al-Qaidas wegen ihrer geringen technischen Raffiniertheit nie grosse Summen verschlungen. Der 11. September kostete 400000 bis 500000 Dollar (die Flugausbildung der Piloten nicht eingeschlossen) – gemessen am gigantischen psychologischen und wirtschaftlichen Schaden ein Schlag von pervers anmutender Effizienz. Die durchschnittlichen Kosten für die Anschläge seit dem 11. September belaufen sich auf weniger als 50000 Dollar. Den Billigrekord hält der Madrid-Anschlag mit 10000 Dollar – das sind weniger als 500 Dollar für jedes der 191 Todesopfer.
Die erstaunlich «kosteneffiziente Arbeit» sei ein Grund, weshalb die ergriffenen Sanktionen gegen al-Qaida ergebnislos geblieben seien, bilanzierte der Uno-Sanktionsausschuss in seinem Bericht zuhanden des Sicherheitsrats. Die Adaptionsfähigkeit des Netzwerks sei bemerkenswert. Al-Qaida habe es verstanden, sich sehr rasch an die Methoden der Terrorbekämpfung anzupassen. So operiere sie heute dezentraler, flexibler und in kleineren Zellen. Nur wenig Bargeld werde im Umlauf gehalten, dieses werde mit Kurieren verschoben, und generell verschleiere die Organisation ihre Transaktionen höchst erfolgreich. So erfolgreich, dass man im Uno-Sanktionsausschuss offen über Kapitulation spricht. «Entweder verschärfen wir das Sanktionsregime», so Ausschuss-Leiter Heraldo Muñoz, «oder wir müssen endgültig das Handtuch werfen.»
08.09.2004, Ausgabe 37/04
Terror
Jeder Tag ist ein Propagandasieg
Drei Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York ist al-Qaida stärker denn je. Gibt es überhaupt eine Chance, diese Macht je zu brechen?

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