Aufstieg des Teufels

Einer von uns

Kein vernünftiger Mensch nimmt ihn heute noch ernst, den Teufel. Das ist sehr wahrscheinlich unklug. Denn seit wir nicht mehr an Satan glauben, hat er uns erst recht in seinen Klauen. Stationen einer Weltkarriere.

Von Ludwig Hasler

Die Welt ist nicht erst seit dem kaukasischen Terror gegen Kinder aus den Fugen. Doch solche Ungeheuerlichkeiten bringen auch die Ober- und Unterwelt durcheinander: Wo treibt sich der angeblich allmächtige gütige Gott herum, falls es ihn gibt? Hat ihn der Teufel, dieser infernalische Fiesling, ausgetrickst? Oder sind das die falschen Adressaten des Entsetzens? Noch die unsäglichsten Taten nichts als Menschenwerk? Eine Folge schlichter Psychodynamik? «Terror zeugt Terror», sagen Experten. Durchaus plausibel. Aber wie dürfen wir das verstehen? Als eine Art Naturgesetz? Und falls – dann gäbe es ja doch eine objektive Macht des Bösen; die heisst traditionell Teufel. Falls nicht – warum häufen sich, seit wir den Satan los sind, solche Teufeleien?

In seinem jüngsten Roman, «Der Dekan», führt Lars Gustafsson die aktuelle Teufelsfigur vor. Der Dekan, ein dämonisch vergrösserter Kriegsveteran, durch die Hölle Vietnams gegangen, jetzt im Rollstuhl, managt die Universität von Texas in Austin, beseelt einzig vom Willen zur Macht, eine Mischung aus Faust und Mephisto in der Spätzeit zwischen Vietnam und Irak. Bedenkenlos manipuliert er die Menschen um sich, verhilft dem naiven Philosophiedozenten Spencer C. Spencer zur Geliebten, dafür muss Spencer ihm eine alte Rechnung begleichen. Mord, Eifersucht, Verrat, Selbstmord. Wo alles möglich ist, wo die grössten Verbrechen ungesühnt bleiben, da ist auch alles egal – ausser der Macht. Der Roman, als Sex-and-Crime-Stück getarnt, ist ein Traktat über das reale Böse in einer nihilistischen Welt. Das Teuflische darin entspringt nicht der entfesselten Gier, es kommt aus dem Vakuum, dem Kühlschrank der Gefühle, dem Zynismus, der kalten Verzweiflung über die kosmische Vereinsamung.

So sichert die brenzlige Weltlage dem Teufel wenigstens den Stammplatz in der Literatur, den er seit Dante, Goethe, Thomas Mann hat. Im wirklichen Leben macht ihn das auch nicht lebendiger. Seine besten Jahrhunderte hat er längst hinter sich, behaupten jedenfalls die Statistiken: Gerade noch sieben von hundert Schweizern glauben an die Existenz des Leibhaftigen. Schlimmer für ihn dürfte sein: Gleichzeitig glauben vierzig Prozent an die Hölle. Nicht einmal mehr auf seinem ureigenen Terrain ist der Teufel sicher, die Hölle scheint auch ohne ihn zu funktionieren, rein menschlich, ohne das ganze mythologische Aufgebot von Hörnern und Schwanz und Pferdefuss.

«Wir brauchen keinen Rost und kein Höllenfeuer; die Hölle, das sind die Anderen», diktiert Jean-Paul Sartre in sein Stück «Huis clos». Nicht unterirdische Berufsdämonen, nicht erst Terroristen und skrupellose Geiselnehmer machen die Welt zur Hölle, die belanglos netten Nachbarn und Arbeitskollegen tun es – und dies nicht aus Bosheit, sie sind bloss blind für unsere höheren Absichten, ihr Blick drückt uns nieder. Als Gefangene des Blicks der Andern vermiesen wir uns wechselweise den Höhenflug, die Freiheit, den Aufschwung unserer Möglichkeiten. Die Hölle als der irdisch banale Ort der Entmöglichung des Möglichkeitswesens Mensch. Typisch: Seit alles in der Welt nach Mensch aussehen muss, sind wir auch an allem Unglück selber schuld. Kein Wunder, stürzen die Leute reihenweise in Depressionen, fürchten überall Mobbing statt Satan. Der alte Teufel war von anderem Kaliber, das pure Gegenteil eines Vermiesers, ein Anstachler, Versucher, Verführer, er holte aus dem Menschen das Letzte heraus, am liebsten das Allerletzte. Doch ausser ein paar verirrten Satanisten nimmt ihn keiner mehr ernst. Eine Pech- und Schwefelgestank verbreitende Bocksgestalt passt nicht ins aufgeklärte Weltbild. Himmel wie Hölle sind definitiv leer gefegt. Keine Geister, keine Götter, keine Dämonen! Wo kämen wir sonst hin mit unserer Freiheit?

Es ist der schiere Undank. Wo wären wir ohne Teufel? Im Paradies – bewusstlose, dumpfe, schwachsinnig-glückselige Gotteskinder, kein Kühlschrank, keine Oper, null Sex. Tierisch dämmerten Adam und Eva vor sich hin, im ewig gleichen Dolcefarniente versunken, und sie täten es heute noch, hätte nicht die Schlange Eva in einem hellen Augenblick überlistet, in den Apfel vom «Baume der Erkenntnis» zu beissen. Weiss der Teufel, warum Gott den Menschen ausgerechnet das Erkennen verbot. Fürchtete er die Konkurrenz? Jedenfalls holte uns der Teufel, dieser biblische Prometheus, da heraus. Doch statt ihn für diese Tat als Stifter der Zivilisation auf den Sockel zu stellen, stecken wir ihn in lächerliche Ganovenklischees oder entsorgen ihn in der Rumpelkammer für primitiv-mythologische Weltbilder.

Die Furcht treibt an

Er rächt sich auf seine hinterlistige Art, zum Beispiel ökonomisch. Ohne Teufel krebst das Wachstum, behaupten die renommierten amerikanischen Konjunkturforscher Robert Barro und Rachel McCleary. Sie haben Daten aus 35 Ländern zusammengetragen und gelangen zum verblüffenden Schluss: Es ist der Teufel, der die Wirtschaft antreibt. Zwar sinkt die Wachstumsrate in Ländern, wo die Leute regelmässig zur Kirche gehen; der Seelenfriede macht offensichtlich schlaff. Sie steigt jedoch in Ländern, wo die Angst vor Satan und Höllenfeuer grassiert. Höllenangst diszipliniert die Leute, imprägniert sie mit einem Arbeitsethos, das die Produktivität erhöht und Korruption bremst. Damit bestätigen die beiden Ökonomen, was schon Max Weber darlegte: Der «Geist des Kapitalismus» lebt von der «protestantischen Ethik». Den überzeugendsten empirischen Beleg liefern die USA: Sie erreichen das höchste Pro-Kopf-Einkommen – und angeblich glauben 71 Prozent der Amerikaner an Teufel und Hölle.

Triumphiert der Teufel aus dem Exil? Charles Baudelaire war – gegen die «Lobhudelei der Aufklärung» – überzeugt, «dass es die feine List des Teufels ist, uns einzureden, er existiere nicht». Im Schwund des Teufelsglaubens erkennt er geradezu das Meisterstück, mit dem der Teufel seine Weltkarriere auf die Spitze treibt. Der Dichter von «Les fleurs du mal» denkt ähnlich wie der ewig missverstandene Marquis de Sade: In der dämonenbereinigten Moderne verschwinden die unbedingten Werte, mit den kosmischen Mächten fallen auch die subjektiven moralischen Verpflichtungen. Denn entweder hat die Schöpfung eine Bedeutung – oder das Menschenleben wird beliebig. Entweder gibt es letzte Gründe, nach denen die Taten beurteilt werden – oder alles wird egal. Entweder gibt es das wirklich Böse – oder nicht. Wenn nicht, ist es das Vernünftigste, seinen persönlichen Vorteil, seinen Genuss zu suchen, gleichgültig, was er für andere bedeutet. In einem vom Zufall arrangierten Kosmos werden menschliche Werte und Wünsche absurd, Gut und Böse verwandeln sich in subjektive Konstrukte, Barmherzigkeit, Liebe, Güte in Perversionen.

Genau darauf zielte der alte Teufel schon immer. Sein Name stammt vom griechischen «diabolos» («Verleumder», «Gegner», «Widersacher») und meint die Feindschaft gegen die kosmische Ordnung, die Verneinung jedes höheren Koordinatensystems, in das der Mensch sich fügen sollte. Der Teufel profiliert sich als Anwalt moralischer Beliebigkeit. Er versuchte es gar mit dem Gottessohn Jesus, entführte ihn auf den höchsten Berg, zeigte ihm das Land, weit und breit: «Dies alles gehört dir, wenn du Gott widersagst!» Mehr Glück hat er später mit dem Doktor Faustus: «Unterschreib deinen Bruch mit Gott – und du wirst alles haben, wonach du begehrst, Frauen, Wissen, Macht!»

So kurios Baudelaires Behauptung auf den ersten Blick wirkt, schon auf den zweiten wird sie plausibler. In metaphysisch aufgelegten Zeiten, als die Leute buchstäblich an Dämonen glaubten, musste der Teufel seine Macht mit Gott teilen. Seit die Leute weder an ihn noch an Gott glauben, wird seine Macht ungeteilt. Im Zynismus der Moderne vollendet sich des Teufels Herrschaft über die Menschen.

Prada am Leib

Deshalb wird er nur grinsen über die zeitgemäss kindischen Versuche, ihn durch Verharmlosung unschädlich zu machen. Selbst wenn ihn kaum einer noch ernst nimmt, spukt er doch unablässig durch unseren Alltag: als domestizierter, als inszenierter und als personifizierter Teufel.

Der domestizierte Teufel. Ein bewährter Entängstigungstrick: den Monströsen verniedlichen, mit dem Schrecklichen kokettieren – als Witzfigur («arme Teufel») in Karikaturen, als Kultfigur in Filmkomödien wie «Zickenterror. Der Teufel ist eine Frau», als moralische Gutenachtgeschichte gar wie «Theophrast Teufel» («Dem kleinen Teufel Theophrast / hat’s in der Hölle nicht gepasst, / weil nämlich dort die Höllenknaben / ein ziemlich ödes Leben haben...»). Das Kokettieren beginnt schon früh in der Neuzeit. Ein Tafelbild von 1620 in der St.-Joder-Kapelle im nidwaldischen Altzellen zeigt einen riesigen Teufel, der eine Kirchenglocke über die Alpen buckelt, mit Bischof Theodul als Passagier darin. Die Legende erzählt, der Bischof, zu Besuch im Vatikan, habe die Glocke vom Papst geschenkt bekommen und den Teufel mit allerlei Versprechungen überlistet, den Transport in die Schweiz zu übernehmen.

Heute läuft die Domestizierung des Teufels über quasi-animistische Maskierung (der «Teufel» an der Fasnacht, an der Street Parade, an der Tour de France). Vor allem aber über Werbung: für Lippenstifte von Guerlain («Gib mir deine Lippe, und ich gebe dir deine Schönheit zurück!»), für Mode («Der Teufel trägt Prada»), für Sekt von Söhnlein («teuflisch gut!»), für die Pariser «Folies-Bergère». Ohne Verruchtheit hapert es mit dem Luxuskonsum. Er muss nach höllischem Vergnügen schmecken.

Für den untergetauchten Teufel sind dies alles Lappalien oder willkommene Tarnungen – wie die zweite aktuelle Gestalt: der inszenierte Teufel. Das Lust am Okkulten gewährt dem Teufel die seltsamsten Revivals: von Filmen («Rosemary’s Baby», «Der Exorzist») über Satans-rituale in der Rockmusik (Black Metal, Death Metal, Black Sabbath) bis hin zu Jugendsekten, die sich mit Blut dem Satan verschreiben, im Suff Grabsteine umwerfen und gelegentlich einen abtrünnigen Satansbruder ermorden.

Hilfe von unten

Meist sind die Rituale mehr Theater als Hölle. Im April hiess der «Tatort»-Krimi im Fernsehen «Abschaum», Thema: Kindesmissbrauch und Satanismus. Masken, Feuerkelche, Pentagramme, die Zahlen 666, auf dem Kopf stehende Kreuze – mit satanistischen Klischees wurde nicht gespart. Im Publikum erzeugte der Krimi eine mittlere Hysterie: Sind solch ekelhafte Perversitäten Teufelswerk? Einschlägige Fachleute (Matthias Neff, Ingolf Christiansen) entwarnten: Pädophile und Sadisten sind meist nicht wirkliche Satanisten, sie treten bloss gerne in teuflischen Masken auf, um ihren Opfern Angst einzujagen.

Dass satanische Rituale erfolgreich vorgespielt werden, bedeutet immerhin zweierlei: Objektiv macht die teuflische Kostümierung Opfer gefügiger, subjektiv rechtfertigt sie das Verbrechen («Ich bin ein lieber Papa, der Satan hat es mir befohlen»). Solange das funktioniert, bleibt der Teufel immerhin im Gespräch. Obwohl unwahrscheinlich ist, dass er die Regisseure schwarzer Messen, die sich «Satanisten» nennen, als seine Hausmacht ernst nimmt. Eher freut er sich an seiner dritten aktuellen Gestalt:

Der personifizierte Teufel. «Ich glaube, Hitler wurde vom Teufel geführt», sagte Baron Philipp Freiherr von Boeselager im Juli zur Sonntagszeitung; anders könne er sich nicht erklären, wie sämtliche Attentate auf ihn scheitern konnten. Die Verlegenheit hat Tradition: Menschen, denen weder politisch noch sprachlich beizukommen ist, mit dem Teufel zu verbinden oder gleich zu identifizieren. «Der Teufel in Frankreich» heisst Lion Feuchtwangers «Tagebuch 1940»; er beschreibt darin seine Gefangenschaft im besetzten Nîmes. Nicht allein Hitler wird dämonisiert, auch Stalin, in jüngerer Zeit Saddam Hussein («Der Satan»überschrieb Hans Magnus Enzensberger seinen Essay im Spiegel kurz vor dem ersten Irakkrieg). Heute behauptet George Soros, der Meisterspekulant und Menschenfreund, in einem Interview mit dem Stern trockenen Auges: «George Bush kämpft mit dem Teufel in seinem Leib.» Alexander Kluge lässt es vorerst bei einer Glosse, «Der Teufel im Weissen Haus», bewenden: «Man sieht einem Berater nicht an, ob er Lobbyist eines Rüstungskonzerns, Ehrenmann oder ein Teufel ist... Man müsste foltern. Hält der Betreffende die Folter aus, ist es der Teufel, hält er sie nicht aus, haben wir den Falschen bezichtigt.»

Ganz ohne Widerstand scheint der Teufel sich nicht domestizieren zu lassen. Der alte biblische, nicht heimisch gemachte Fürst der Finsternis treibt sein Unwesen ausgerechnet in den Köpfen von Meisterdenkern, die kaum zu den sieben Prozent Teufelsgläubigen gehören. In weltpolitisch brenzligen Lagen dämmert ihnen, es könnte doch etwas Grundböses in der Welt existieren, nicht nur in den innerseelischen Abgründen der Menschen, sondern aussermenschlich, sozusagen objektiv, real als eine kosmische Macht, als ein metaphysisches Prinzip, das uns permanent den endgültigen Sieg der Aufklärung vermasselt.

Solche Anwandlungen verfliegen, wie sie in melancholischen Stunden zufliegen. Danach ist die moderne Welt dogmatisch wieder in ihren Fugen: Es gibt nichts als den Menschen und seine Neurosen. Auch der Teufel ist nichts weiter als so eine Kreatur pathologischer Seelen. Wer es bei Ludwig Feuerbach nicht kapiert hat – Gott als Projektion des Besten, der Teufel als Projektion des Schlimmsten im Menschen – , lernt es spätestens bei Sigmund Freud. Er leitet religiöse Erfahrung insgesamt aus neurotischem Erleben her, entschlüsselt Gott wie Teufel als Krücken eines unbewusst verknorzten Ichs.

Macht des schlechten Gewissens

Den Teufel nimmt Freud immerhin so ernst, dass er ihm eine Studie widmet. Um 1885 beschäftigt er sich gemeinsam mit Jean Martin Charcot am Salpêtrière-Krankenhaus mit Fällen angeblicher Besessenheit. Für Charcot ist Besessenheit eine wirkliche Krankheit, allerdings eher psychisch als metaphysisch verursacht. Freud studiert sensationelle Teufelspakt-Geschichten des 17. Jahrhunderts und kommt zum Schluss: «Der Teufel ist doch gewiss nichts anderes als die Personifikation des verdrängten unbewussten Trieblebens.»

War beinahe zu vermuten. Doch Freud macht es durchaus differenzierter. Allgemein gilt ihm der Teufel als Sinnbild für den «Gegen-Willen», der durch unbewusste Regression geschaffen wird. Das Menschen-Ich will etwas, der Teufel will etwas anderes. Es ist die uralte Version, nur dass bei Freud der Teufel im korrupten Unbewussten steckt. Auf diesen Konflikt zweier Willen reagiert der Mensch mit Besessenheit, jedenfalls mit Krankheit, obwohl er keine Ahnung hat, wie ihm geschieht. Natürlich ist das im Kern eine libidinöse Verwicklung. Freud fällt auf, wie häufig der Teufel mit analen Bildern assoziiert wird, bei Luther verbal, bei Bosch bildlich. Daraus schliesst er: Der Wille des kultivierten Ichs will «anständigen» Sex, der unterdrückte «Gegenwille» Analsex. Pfui Teufel! Und die Neurose ist perfekt.

Besonders bei Frauen. Freuds spektakulärste Erkenntnis: Der Teufel ist ein Ersatz für den verführerischen Vater. Die Fantasie, vom Vater verführt, sexuell überwältigt zu werden, erzeuge im Unbewusstsein des Kindes eine Energie, die derart mächtig sei, dass sie zwingend eine teuflische Verführungsgestalt verlange. Den Teufel, den ewigen Verführer eben. Später sieht Freud im Teufel das allgemeine Symbol für einen Elternteil, der aus diffuserem Grund gehasst wird. So oder so: Psychoanalytisch lebt der Teufel davon, dass wir unsere internen Feindseligkeiten nicht als innere Unterdrückung erkennen, sie vielmehr in negativen Projektionen anderen zuschreiben. Die unterdrückte Libido fantasiert sich frei in Bildern von Hexen, Dämonen und dem Teufel.

Teufel sei Dank

Damit liegt Freud gar nicht so weit weg von der katholischen Doktrin der frühen Neuzeit. Nur dass diese ungleich drastischere Folgen hatte: die Hexenprozesse. Auch dabei drehte sich alles um Sex mit dem Teufel. Reto Pieth erläutert das in seinem Beitrag «Mit dem Teufel unter einer Decke» in der NZZ am Sonntag vom 18. Juli 2004. Zum Beispiel: Am 20. September 1587 wurde die Hebamme Walpurga Hausmännin in Süddeutschland auf dem Scheiterhaufen als Hexe verbrannt. Sie hatte eine lange Liste von Verbrechen gestanden, Abtreibung, Kindsmord und so weiter. Am schwersten jedoch wog der Vorwurf, sie habe dem «wollüstigen Geschlechtsverkehr» mit dem Teufel gefrönt. Der Prozess konzentrierte sich ganz auf den Beischlaf mit einem Mann, der sich danach als Teufel zu erkennen gegeben habe.

Fast alle Berichte über Hexenprozesse im 16. und 17. Jahrhundert bezeugen die Obsession vom Sex mit Dämonen. Bisher schrieb man dies der Frauen- und Triebfeindschaft der Kleriker zu. Walter Stephens, Professor an der Johns Hopkins University in Baltimore, deutet es anders. In seinem Buch «Demon Lovers» macht Stephens plausibel: Die Hexen-Richter wollten die Existenz des Teufels beweisen. Seine Argumentation: Der Glaube an Gottes wunderbare Schöpfung war in jenen Zeiten arg strapaziert, durch Hungersnöte, Pest, Kriege. In dieser Krise versuchten die Theologen einen indirekten Gottesbeweis – über den Teufel: Wenn an den Geschichten mit dem teuflischen Lover tatsächlich etwas dran war – und die Folter richtete es –, dann durfte als Erfahrungstatsache gelten, was die Bibel vom «Versucher Satan» berichtet. Und wenn die Bibel mit dem Bösen Recht hat, dann hat sie überhaupt Recht, auch mit dem Guten. Also existiert Gott.

Darüber hat der Teufel sicher amüsiert gemeckert. Ausgerechnet ihm verdankt der grosse Himmelsfürst das Überleben! Die beiden kleben zusammen wie zwei Gegensätze, die sich aneinander reiben müssen, um produktiv zu werden. Das ist der Preis des Monotheismus. Wenn nur einer der Grosse Gott sein darf, braucht er den windigen Gegenspieler. Ohne ihn, den Fürsten der Finsternis, sässe dieser Gott kugelrund wie Buddha im Himmel und langweilte sich selbstgenügsam von Ewigkeit zu Ewigkeit; er käme nicht einmal auf die Idee, ein Paradies zu erschaffen, von prinzipiell zwiespältigen Kreaturen wie den Menschen zu schweigen. Überdies verlöre dieser allmächtige Gott rasch seinen Kredit; wenn nebst ihm keine kosmische Macht existierte, wäre er höchstpersönlich verantwortlich für all das verfluchte Böse in der Welt, auch für Terroristen, die ein Schulhaus voller Kinder überfallen.
Kurz: Ohne Teufel wäre dieser Gott längst pleite, weil er für alle Scheusslichkeiten selber an die Kasse käme. Aus dieser Schlinge helfen ihm auch die spitzfindigen Theologen nur zum Schein, wenn sie etwa sagen, real sei allein das gottgewollte Gute, das Böse nur dessen Defizit, ein Mangel an Wirklichkeit sozusagen. Dieser Mangel hat vor Tagen ganz real Hunderte von Kindern entwürdigt, verletzt, ermordet. In der Verantwortung bleibt dieser Gott also auch mit Teufel – schliesslich ist der sein Geschöpf, sein Handlanger, der die Irdischen versucht und verführt, dafür sorgt, dass das Drama zwischen Gut und Böse überhaupt in Gang kommt.

Reine Langweile

Kulturen mit üppiger Götterpopulation haben es leichter. Sie kennen ganze Horden von Dämonen, die spielen jedoch Nebenrollen. Denn ihre Götter in den Hauptrollen des Welttheaters sind selber durch und durch ambivalent, lustgetrieben und grossherzig, primitivegoistisch und kosmosordnungshütend. Man blicke nur auf den altgriechischen Olymp, dieses homerische Drama unter lüsternen, verfeindeten, korrupten Unsterblichen. Oder in den indischen Himmel mit Kali und Schiwa und Durga, den drei Grossgöttern, allesamt zerrissen zwischen Wohlwollen und Missgunst, zwischen Schöpferpotenz und Zerstörungslust. Da ist ein Teufel vollkommen überflüssig.

Erst im jüdisch-christlich-islamischen Kosmos läuft ohne Teufel gar nichts. Weil hier das ganze Gewimmel des Lebens aus einem einzigen – und guten! – Prinzip hergeleitet wird. Das glaubt kein Mensch, also musste der Teufel ins Spiel. Und zwar frühzeitig. Nachzulesen bei Johannes, dem Visionär des Neuen Testaments: «Und es erhob sich ein Streit im Himmel: Michael und seine Engel stritten mit dem Drachen; und der Drache stritt und seine Engel. Und es ward ausgeworfen der grosse Drache, die alte Schlange, die da heisst der Teufel und Satanas, der die ganze Welt verführt, und ward geworfen auf die Erde, und seine Engel wurden auch dahin geworfen.»

Übermässig erhellend ist das nicht. Worüber tobte der Streit im Himmel? Immerhin gibt die Bibel zu, dass der Teufel ursprünglich «Luzifer» hiess, die Rolle der sphärischen Lichtgestalt spielte. Warum wird er dann urplötzlich zur «alten Schlange»? Hat er vielleicht die Welterschaffung etwas komplexer gesehen als sein Chef, der grundgütige Gott? Fand er vielleicht das Konzept «Paradies mit Adam und Eva» allzu New-Age-mässig, zu kitschig, zu unentschieden, zu unschöpferisch? Könnte sein. Es kommt in besten Firmen vor, dass ein luzider leitender Mitarbeiter die besseren Ideen hat als sein Boss und von den mediokren Angestellten aus der Firma vertrieben wird. Jedenfalls sind vom Erzengel Michael, der den überragenden Luzifer killte, weiter keine Heldentaten überliefert, und der Boss hielt sich vornehm zurück. Doch leider sind das nur Mutmassungen, von Transparenz in eigener Sache hält die Bibel gar nichts.

Einzig das Vokabular weist der Deutung eine Spur. Die «alte Schlange» ist – wie der Drache, die Natter – das uralte Symbol für Chaos. Das Schlängeln, das Sichwinden, die List, die Hinterlist. Hatte Luzifer für mehr Tohuwabohu plädiert, für mehr Gewühl und Gewimmel, produktives Chaos, mehr Konkurrenz? Direkt gefragt: Wurde dem lieben Gott sein höchster Engel zu liberal? Dafür spräche ein weiterer Befund: Die Dramaturgie «guter Gott versus böser Luzifer» klingt verdächtig nach jenem «Dualismus», den der iranische Prophet Zarathustra um 1200 vor Christus vorgelegt hat: als kosmischen Kampf nicht zwischen zwei gegnerischen Chefgeistern, sondern zwischen Geist und Materie. Was man auch als Streit zwischen Moral und Leben fassen kann. Oder als Konflikt zwischen Dogma und Laisser-faire.

Mal Wicht, mal Bösewicht

Der Teufel als Laisser-faire-Cherubim – im Himmel setzte er sich nicht durch. Seither versucht er es auf Erden. Das wäre eine fassliche Teufelsversion. Aber geht sie auf? Sicher bei Goethes Doktor Faustus. Das sogenannt Faustische gefällt dem liberalen Konsequenz-Teufel. Nur keine Rücksichten! Leben ist Selbstsucht, und der Gott, der sie verbietet, ein alter Trottel. Schon ohne Mephisto erscheint Doktor Faust als Teufelskerl, ein Generalgelehrter mit «heissem Bemühen», dem Universum die letzten Geheimnisse abzutrotzen, behindert nur durch die «zwei Seelen» in seiner Brust, die eine zieht es zu weltlichen Freuden, die andere zur unendlichen Weisheit. Mephisto, dieser Kobold-Teufel mit seiner aalglatten Servilität und kalten Intelligenz, verspricht ihm beides auf einen Schlag: Gretchen plus Wissen.

Doch diesmal falliert der Teufelspakt. Enttäuscht von der teuflischen Kälte des Intellektualismus und Fleischgenusses merkt Faust, wonach er sich sehnt: nach Sinn, nach Liebe. Er wird gerettet. Engelchöre tragen seine Seele in den Himmel. Der ausgespielte Mephisto schaut ohnmächtig zu, beim Anblick der seligen Knaben halluziniert er über Sodomie, die Wette hat er verloren und mit ihr seine irdische Daseinsberechtigung.

Ein reichlich blauäugiger Ausgang, modern einzig in der Verharmlosung des Teufels, der zum Schluss seinerseits als Trottel dasteht, weil er nicht kapieren will, dass es angeblich die Liebe ist, was die Welt im Innersten zusammenhält. Als ironischer Agent einer indifferenten Unterwelt mag Mephisto durchgehen, als Repräsentant des Bösen fällt der dandyhafte Zuhälter durch. Goethe gibt dem Teufel nie eine Chance.

Einen realistischeren Faust zeichnet Fjodor Michajlowitsch Dostojewski in «Die Dämonen»: Stawrogin, der intellektuelle Rebell, wirkt oberflächlich charmant, leutselig, gutmütig, darunter ist er kalt, berechnend, selbstsüchtig. Typisch, wie er Matrjoscha, die zwölfjährige Tochter seiner Vermieterin, ins Bett kriegt: Er bringt die Verführung vollkommen gefühl- und freudlos hinter sich, er entschliesst sich einfach, der Begierde freien Lauf zu lassen, das Mädchen bleibt ihm so gleichgültig wie der Sex. Matrjo-scha nimmt sich danach das Leben. Als Reaktion darauf heiratet Stawrogin eine Geistesgestörte – nur um sie zu verhöhnen, die Ehe ins Lächerliche zu ziehen, überhaupt jeden Wert zu verspotten, auch den des persönlichen Prestiges. Es treibt ihn eine richtungslose «Neugier zu sehen, was daraus wird», überzeugt, das Leben sei eine absurde Groteske.

Im Gespräch mit dem Priester Tichon, dem er beichtet, kommt die Rede auf den Teufel. «Kann man an den Teufel glauben, wenn man an Gott nicht glaubt?», fragt Stawrogin lachend. «Oh, durchaus, das findet man ja auf Schritt und Tritt», antwortet Tichon. «Ich glaube an den Teufel», gibt Stawrogin zurück, «glaube kanonisch an einen persönlichen Teufel, und nicht an eine Allegorie, und ich brauche niemanden danach auszufragen.» Um an den Teufel zu glauben, braucht er kein approbiertes Beweisverfahren. Ihn interessiert weniger die feststellbare Existenz des Teufels, vielmehr dessen Realität. Dass aber das Böse real auf den Menschen wirkt, das weiss er durch Selbstbeobachtung. Er weiss: Ohne die Macht des dämonisch Bösen wäre er konstant der heitere Charmeur, der er zwischendurch ja auch ist. Nun aber ist er zum freudlosen Verbrecher geworden, zum genusslosen Mädchenschänder, zum Zyniker fast wider Willen. Also muss es eine teuflische Macht geben, die ihn dazu trieb, ihn in den Klauen hat.

Martin Luther schmiss noch das Tintenfass gegen den bocksfüssigen Versucher. Auge in Auge mit dem Teufel liess sich leichter gegen das Böse streiten. Wie aber stellt man den anonymen Teufel? Wie bekämpft man das Böse, wenn es bedeutungslos geworden ist? Von der «Banalität des Bösen» spricht Hannah Arendt mit Blick auf Auschwitz. Es gibt die Völkermorde, die Massenmorde, die Kindermorde, die finden die meisten noch immer schrecklich, doch es gibt kein Koordinatensystem, in das sie einzuordnen wären. Wir stehen begrifflos, fassungslos vor ihnen. Denn das Böse kommt in unserer Weltsicht gar nicht vor. Es ist ein Unfall der Fortschrittsgeschichte.

André Gide, der atheistische Philosoph des Weltekels, schreibt 1925: «Ist Ihnen schon aufgefallen, dass Gott in dieser Welt immer schweigt? Nur der Teufel spricht. Sein Lärmen überdeckt die Stimme Gottes... Der Teufel und der liebe Gott machen gemeinsame Sache. Er spielt mit uns wie die Katze mit der Maus. Und wir sollten ihm auch noch dankbar sein. Grausamkeit, das ist das vornehmste Attribut Gottes.» Die Welt, ein bedeutungsloses Katz-und-Maus-Spiel? Dann ist das einzig Vernünftige, alles zu tun, selber die Katze zu spielen. Aber wenn die Terroristen im Irak, im Kaukasus und anderswo das tun, ist es auch wieder falsch. Trotz allem aufgeklärten Zynismus ziehen wir eine Grenze zwischen Gut und Böse. Doch woher stammt das Böse? Aus dem inneren Horrorkabinett des einzelnen Menschen? Aber können wir Auschwitz, Archipel Gulag und Kindermassenmord von Beslan zureichend verstehen als Folge psychischer Debakel? Oder kommen wir dem Bösen näher, wenn wir es auch als aussermenschliche Macht fassen?

Von Dante lernen

Dante Alighieri entwickelte vor 700 Jahren in seiner «Göttlichen Komödie» eine Kosmologie, eine Vision des Universums in konzen-trischen Kreisen, in Himmelssphären und Höllenzirkeln. Jedes irdische Wesen bewegt sich entweder auf Gott oder auf den Teufel zu. Gott ist unendlich weit aussen, weit oben, im Offenen des Universums; der Teufel unendlich weit unten, im Inneren. Nach oben ist immer mehr Weite, Licht, Verständigung. Nach unten immer mehr Dunkelheit, Schweigen, Mangel, am Ende das Nichts. Entweder breiten wir uns aus, erweitern unsere Sicht, öffnen uns dem Licht, der Wahrheit, der Sympathie für alles. Oder wir versinken in uns, sinken nach unten, nach innen, der Blick stets eingeengter, nur noch auf uns selber gerichtet, die Sinne verkleben, wir schotten uns von der Wirklichkeit ab, sind an uns gekettet, ausgeschlossen, eingeschlossen in unsere Blindheit, Wut, Selbstsucht.

So weit Dante. Ist das nicht eine sagenhafte Beschreibung dessen, was mit uns geschieht? Trefflicher als manche Psycho-sozio-Wissenschafts-Stoffhuberei? Oder klingt es zu mystisch? Der Mensch, ein kosmischer Zwischenfall, gespannt zwischen Anziehung von oben und Attraktion von unten, zwischen Licht und Dunkelheit. Doch was spricht dagegen? Die moderne Psychologie, die Menschen in Bedrängnis schnell rät, sich in sich hinein zu verkriechen, könnte davon allerhand lernen. Sie müsste nicht einmal an universale Mächte glauben. Die Frage ist nicht, ob wir an kosmische Zusammenhänge des Bösen glauben oder nicht. Die Frage ist: Wie verstehen wir das Teuflische in der Welt besser? Wenn wir es aus der innermenschlichen Psychomechanik ableiten? Oder wenn wir es in ein kosmisches Drama einordnen? Nur als Hypothese: Das Teuflische als gefrässiges «schwarzes Loch», das alles Leben gewaltig anzieht, alle Beziehung verfinstert, alle Offenheit einschmilzt, alle Kommunikation vernichtet.

Am Tag nach dem Tod der Kinder von Beslan titelten Kommentatoren: «Putin muss umdenken!» Logisch, muss er. Aber kann er auch? Wer denkt da naiv, der alte Dante mit seiner Vision kosmischer Attraktivkräfte oder der Kommentator mit seiner ach so verständigen Denkschablone? Könnte es sein, dass wir uns dauernd im Kreise drehen, weil wir «das Böse» nicht ernst nehmen? Weil wir es bloss als eine Art Einsichtspanne betrachten?
Dann hätte Baudelaire am Ende doch Recht: Zum diabolischen Geniestreich holte der Teufel aus, als er uns einredete, es gebe ihn gar nicht.

Jeffrey Burton Russell: Biographie des Teufels.
Das radikal Böse und die Macht des Guten in der Welt. Aufbau-Taschenbuch-Verlag, 2002. 386 S., Fr. 18.50

Paola Giovetti: Der gefallene Engel.
Über den Teufel und das Böse in der Welt.
Ariston, 2003. 152 S., Fr. 39.60

Alfonso di Nola: Der Teufel.
Wesen, Wirkung, Geschichte.
Area, 2004 (erscheint demnächst). 460 S.

Walter Stephens: Demon Lovers. Witchcraft, Sex,
and the Crisis of Belief. Press, 2oo3.
478 S., $ 20.– (über amazon.com)

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