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08.09.2004, Ausgabe 37/04

Russland

Die verspätete Nation

Russland sei das Andere, das Dunkle und Böse, heisst es in den Kommentaren zum Massaker von Beslan. Aber unterscheidet sich das Land wirklich so sehr vom Westen?

Von Christoph Neidhart

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In Moskau herrsche der Antichrist, warnten uns die Landpfarrer im Kalten Krieg. Ronald Reagan nannte die Sowjetunion das «Reich des Bösen». Als das Imperium zerfiel, entpuppte es sich als verrottetes Entwicklungsland, korrupt, kaputt, chaotisch und kriminell. Und eine Täuschung obendrein: keine Institution, kaum ein Gebäude, dessen Fassade verriet, was dahinter geschah. Aber böse? Nein, längst nicht mehr.

Als in den Trümmern erste Zeichen einer Zivilgesellschaft sichtbar wurden, sah die Welt schon nicht mehr hin. Es sei denn, es gibt Horrorbilder vom Tschetschenien-Krieg oder Terror wie zuletzt im nordossetischen Beslan: blutig zerfetzte Kinder, die über den Haufen geschossen wurden, weil sie um ihr Leben rannten; Berge von Leichen. Solche Bilder bestätigen die alten Vorurteile. Und auch Präsident Wladimir Putin, der mit versteinertem Grimm Vergeltung verspricht (aber wenig tut). Beim Fototermin im Krankenhaus von Beslan griff er wie ein miserabler Schauspieler nach der Hand einer Patientin, ohne ein Wort. Und er liess sie los, sobald das Blitzlichtgewitter vorbei war. Der Arzt murmelte derweil, ohne einen Namen zu nennen: «Hier wird alles gut.» Bitte das Ganze nochmals, damit man ein zweites Mal blitzen konnte. Ist Russland, angesichts so viel Menschenverachtung, ein Ort des Bösen?

Der Kreml hat bewusst falsch informiert. Statt von über 1100 Menschen, die ohne Wasser in der verminten Turnhalle gefangen waren, sprach er von 350 Geiseln. Er behauptete, internationale Terroristen seien am Werk, die Täter sprächen untereinander Arabisch. Die Opfer hingegen hörten sie nur Russisch reden. Die Sicherheitskräfte haben nie ernsthaft verhandelt, aber auch den Sturm der Schule nicht richtig vorbereitet. Dafür hatten sie Zeit, missliebige Journalisten zu verhaften; andere, die das erneute Versagen von Putins Freunden im Geheimdienst FSB kritisierten, behinderten sie bei der Arbeit. Raf Schakirow, der Chefredaktor der seriösen Tageszeitung Iswestija, wurde auf Wunsch des Kremls gefeuert. Er hatte am Samstag seine Titelseite für Fotos von Opfern freigeräumt. Das war «zu emotionell».

Russland als das Böse, der barbarische Osten Europas, das beschäftigt die Westeuropäer seit der Aufklärung. Viel hat man darüber spekuliert, warum die Russen – die «slawische Rasse», wie es hiess – zur Zivilisation nicht fähig seien. Die Leibeigenschaft, die fehlende Kultur des Privatbesitzes, die Orthodoxie oder der Wodka gehören zu den angeblichen Gründen. Seit Jahrhunderten glaubten Westler, die nach Polen reisten, beim Übertreten der Grenze «Europa zu verlassen». Wer aus Polen nach Russland fuhr, notierte dasselbe an der russischen Grenze. Wie wenig es dabei um Polen und Russland ging, zeigte der amerikanische Historiker Larry Wolff in seinem Buch «Inventing Eastern Europe». Russland musste für Westeuropa stets als das Andere, Dunkle herhalten, die Schlamperei, das Schlimme, Böse – unabhängig davon, wie Russland wirklich war (und ist). Umgekehrt ignorierten die Russland-Erklärer die böse Geschichte des Westens. Russland ist so anders nicht, die Entwicklungen sind nur zeitverschoben.

Der Tschetschenien-Krieg ist ein Entkolonialisierungs-Konflikt. Im 19. Jahrhundert führten die Zaren sechs Jahrzehnte lang einen Krieg gegen die Bergler, den Russlands Dichter als Zähmung der Wilden feierten. 1944 liess Stalin das ganze tschetschenische Volk in Viehwagen nach Zentralasien verschleppen; erst zwölf Jahre später durfte es zurückkehren. So war es unvermeidlich, dass die Begehren der Tschetschenen nach Eigenständigkeit aufbrechen würden, sobald der totalitäre Druck gelockert wurde. Erst kam es zu endlosen Grossdemos in Grosny, dann zum militärischen Katz- und-Maus-Spiel. Dabei behielten die schlauen Tschetschenen die Oberhand: Als der Kreml Spezialtruppen nach Grosny sandte, konnten diese ihr Flugzeug nicht verlassen, denn es war von Männern mit Karabinern umstellt. 1994 befahl Boris Jelzin die Invasion Tschetscheniens, der grösste Fehler seiner Präsidentschaft. Die schlechtbewaffneten Tschetschenen lockten russische Panzer in Sackgassen und zerstörten sie. Der Kreml schickte Kampfflieger; sie bombten die Republik ins Mittelalter zurück – und das Denken und Fühlen von knapp einer Million Menschen. Zumal Moskaus Bodentruppen mordeten, plünderten, vergewaltigten, Geiseln nahmen und Waffen und Munition an die Tschetschenen verkauften.

Der erste Krieg endete 1996 mit dem Sieg der Abtrünnigen, die Republik erhielt de facto die Unabhängigkeit, die freilich nur die Taliban anerkannten – zum Missfallen fast aller Tschetschenen. Mit dem Islam hatte ihr Kampf nichts zu tun. Tschetschenien bot, wie der Irak, dem islamischen Fundamentalismus keinen Boden, solange es nicht besetzt war. Neo-unabhängig verstand Tschetschenien es nicht, sich als Staat zu konstituieren. Im Gegenteil, es versank im Chaos, die Clans zerstritten sich und kämpften gegeneinander. Und provozierten Moskau.

Mit dem Versprechen, die Gewaltspirale zu brechen, wurde Putin Präsident – und mit Sprüchen wie, dass er die Tschetschenen das Scheissloch runterspülen werde. Der einfallslose ehemalige KGB-Bürolist, den Intrigen um Jelzin an die Macht gespült haben, kennt selbst nur ein Mittel: Gewalt. Er wirkt überfordert, intellektuell und mehr noch emotionell, fast eine beamtete Marionette seiner ehemaligen, untereinander zerstrittenen KGB-Gefährten. Und er ist ein Kontrollfreak, wirkt aber oft sehr blass.

Was in Beslan geschah, «diese neue Stufe von Brutalität des Terrorismus», ist nicht so einmalig, wie es scheint. Anderswo liegt es bloss einige Generationen zurück. Die Zivilbevölkerung war das häufigste Kriegsziel des 20. Jahrhunderts, gerade auch des Westens. Die Europäer fochten ihre Kolonialkriege mit ähnlicher Brutalität. Die Nazis meuchelten Millionen jüdischer Frauen und Kinder. Japans Armee schlachtete Wehrlose zu Ehren des Kaisers. Blickt man weiter zurück, stechen die Schweden – heute Inbegriff von Zivilisiertheit – im Dreissigjährigen Krieg als enorm brutal heraus. Gewiss, das waren Kriege von Staaten – oder doch eher: Staatsterrorismus? Ähnlich terrorisieren Moskaus Truppen die tschetschenische Bevölkerung im Namen des Staates. Sie haben diesen Terrorismus geradezu gezüchtet.

Antichrist hat sich aus Moskau verzogen

Das Böse ist nicht eine russische Spezialität. Wenn Russland zu Beginn des 21. Jahrhunderts gleichwohl besonders böse scheint, so liegt das in der Tragik seiner Geschichte; an seiner Verspätung. Vieles, woran andere Nationen in früheren Jahrhunderten krankten, sucht Russland heute heim. Zumal es sich während der Sowjetzeit mit seiner potemkinschen Moderne vorgaukelte, den Sprung geschafft zu haben. Als die Maske weggerissen wurde, kamen die Fratzen übler Spiesser und KGB-Leute zum Vorschein, Befehlsempfänger jener Institutionen, die das Böse amtlich und banal gemacht haben. Dem hatten Gorbatschow und Jelzin den Riegel zu schieben versucht. Die Demontage der Sowjetunion verlief gerade nicht böse, im Gegenteil.

Der Antichrist scheint aus Moskau längst verzogen. Putin lässt sich gern von TV-Kameras in die Kirche begleiten. Alexej II., Patriarch der russischen Kirche, einst selbst KGB-Agent, hat die Orthodoxie de facto zur Staatsreligion gemacht. Folgt man unseren Medien, hockt der Antichrist heute in Mekka. Mit der holzschnittartigen Rhetorik der alten Landpfarrer zeigen sie, dass der Islam das Böse ist.

Tschetschenien ist ein russisches Problem, (bislang) keins des Islam. Erst das Chaos des von Moskau angezettelten Krieges hat die Bergrepublik für Öl-Dollars, die Logistik und Ideologie aus der arabischen Welt geöffnet. Wenn es Gerüchte gibt, die tschetschenischen Terroristen würden von Elementen im russischen Geheimdienst unterstützt, hat dies durchaus seine Logik: Putins Seilschaft und die Terroristen haben sich in diesem Konflikt verkrallt. Keine Seite kann zurück, keine kann gewinnen. Sie brauchen sich gegenseitig.

Im 19.Jahrhundert hielten viele Russen die aus dem Westen kommende Moderne für den Antichrist, von ihr drohte die Gottlosigkeit. Indes vermag nur eine moderne offene Gesellschaft Konflikte wie jene in Tschetschenien zu lösen; eine Gesellschaft, die alle beteiligt. Genau diese will Putin nicht – sie könnte seiner Macht gefährlich werden.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 37/04
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