-A  A  A+
25.08.2004, Ausgabe 35/04

Alkoholismus

Die Hicks-Society

Wein oder Schnaps? Egal. Die Schweiz gehört zu den führenden Säufernationen der Welt. Doch der Staat bekämpft lieber das kleinere Übel – Nikotin. Na dann prost.

Von Peter Holenstein

Anzeige

Mit einer noch nie da gewesenen Entschlossenheit hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) unter der Federführung seines Direktors Thomas Zeltner den Kampf gegen den Tabakkonsum aufgenommen. Der Preis für Zigaretten soll um 45 Prozent erhöht, Werbeverbote sollen eingeführt und die Giftschachteln mit Warnhinweisen wie «Rauchen ist tödlich!» und Gruselfotos von Raucherlungen und Kehlkopfkrebs versehen werden.

Angesichts der Tatsache, dass jedes Jahr in der Schweiz über 10000 Personen an den Folgen des Tabakmissbrauchs sterben (was einem Sechstel aller Todesfälle entspricht) und die Todesrate 23-mal höher ist als jene, die durch illegale Drogen verursacht wird, gibt es, abgesehen vom freiheitlichen Recht, selber darüber bestimmen zu können, wie man seine Gesundheit nachhaltig schädigen möchte, eigentlich keine vernünftigen Argumente, die gegen die Strategie des BAG sprechen. Der Feldzug um die Volksgesundheit findet allerdings auf einem Nebenkriegsschauplatz statt. Ausgeblendet wird jenes Schlachtfeld, das unangefochten im Mittelpunkt des helvetischen Drogenproblems steht: der Alkohol.

Gemessen an den verheerenden Folgen für die Volksgesundheit, den fatalen Auswirkungen auf alle Bereiche von Familie und Gesellschaft sowie der exorbitanten Belastung für die Volkswirtschaft, welche der Alkoholmissbrauch in der Schweiz nach sich zieht, müsste eigentlich landesweit der Notstand ausgerufen werden. Denn der Konsum der Droge aus der Flasche hat längst das Ausmass einer Epidemie angenommen.

Vom Missbrauch eines Rauschmittels sprechen Ärzte bei seinem «Gebrauch ohne medizinische Indikation». Würde diese Definition auch auf Alkohol angewendet, müssten gut eineinhalb Millionen Schweizerinnen und Schweizer über 15 Jahre ihr Trinkverhalten als missbräuchlich bezeichnen. Laut einer Erhebung der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Suchtprobleme (SFA) in Lausanne trinken 912000 Personen «episodisch zu viel», 161000 «chronisch zu viel», und rund 300000 weisen einen «episodischen Alkoholüberkonsum» auf. Die 126 im Schweizer Drogenindex aufgeführten Kliniken, die auf die Behandlung von Alkoholkranken spezialisiert sind, nehmen jedes Jahr über 1000 Patienten auf, die sich wegen ihrer Trunksucht stationär behandeln lassen müssen. Zurzeit befinden sich in diesen Institutionen rund 15000 Männer und 7000 Frauen.

In den psychiatrischen Kliniken ist heute jeder dritte Patient alkoholkrank, und nicht von ungefähr beträgt der Anteil an Alkoholpatienten in den chirurgischen und internistischen Abteilungen unserer Spitäler rund zwanzig Prozent. «Bei den durch psychoaktive Substanzen verursachten Krankheiten», so Christian Hess, Chefarzt des Bezirksspitals Affoltern am Albis, «steht der Alkoholmissbrauch ganz klar an erster Stelle.» Auch Hausärzten ist die Problematik vertraut: Bei jedem dritten Patienten stellen sie heute die Zweitdiagnose Alkoholabusus.

Bei genauer Betrachtung übertrifft die Droge Alkohol auch bei den Todesfällen die Droge Nikotin: Jedes Jahr sterben rund 5000 Personen an den Folgen des übermässigen Alkoholmissbrauchs und über 10000 an indirekt alkoholbedingten Krankheiten. Es ist heute medizinisch unbestritten, dass die Lebenserwartung von Alkoholabhängigen um durchschnittlich 23 Jahre verkürzt wird. Zu den häufigsten Todesursachen gehören Krebserkrankungen des Kehlkopfs, der Leber, Bauchspeicheldrüse und Speiseröhre, degenerierte Blutgefässe, Hirn- und Herzinfarkte sowie Tumore im Mund- und Rachenbereich. Dazu kommen Krankheitsbefunde wie Harn- und Stuhlinkontinenz, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Nervenschädigungen, psychische Störungen, Gedächtnislücken, aggressive Schübe und Hormonschwankungen.

Verglichen mit den volkswirtschaftlichen Folgekosten, welche der Alkoholmissbrauch jedes Jahr verursacht, nehmen sich die fiskalischen Auswirkungen der Nikotinsucht geradezu mickrig aus. Allein die Kosten für Produktionsausfälle infolge Krankheiten, Unfällen und Todesfällen sowie für Behandlungskosten und die Behebung promillebedingter Kollateralschäden belaufen sich gemäss Berechnungen der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Suchtprobleme auf rund drei Milliarden Franken pro Jahr. Und auf über 100 Milliarden schätzen Sucht- und Versicherungsexperten die der Volkswirtschaft entstehenden jährlichen Folgekosten von alkoholbedingten Problemen in Familie und Gesellschaft. Dazu gehört unter anderem, dass jeder fünfte Strassenverkehrsunfall mit Todesfolge alkoholbedingt ist und jeder dritte Arbeits- oder Sportunfall ebenfalls. Gemäss Bundesamt für Statistik starben seit 1998 jedes Jahr rund 120 Menschen bei alkoholbedingten Verkehrsunfällen, und 1000 überlebten schwer verletzt, darunter jeder Zweite mit lebenslangen Behinderungen. Dazu addieren sich jedes Jahr über 500 Suizide, die unter Alkoholeinfluss verübt werden.

Unsinnige Verbote

Damit nicht genug: Rund 8000 Personen müssen jedes Jahr wegen Fahrens im angetrunkenen Zustand (FiaZ) den Führerausweis abgeben, und auch im Arbeits- und Geschäftsleben sind die Flaschen auf den Etagen weit verbreitet: Jeder fünften Kündigung liegt heute ein Alkoholproblem zugrunde. Hinzu kommt, dass von den Problemen der 300000 schwer abhängigen Alkoholiker fast eine Million Familienangehörige indirekt betroffen sind, darunter rund 100000 Kinder. Aber auch bei jedem zweiten Familiendrama, das den Tod eines Menschen zur Folge hat oder bei dem körperliche Gewalt angewendet wird, ist die Droge Alkohol mit im Spiel. Dasselbe gilt auch bei Ausschreitungen und Gewaltexzessen nach Sportveranstaltungen, Schlägereien, sexuellem Missbrauch, Inzest und Vergewaltigungen.

«Die legale Droge Alkohol ist in der Schweiz omnipräsent und gesellschaftlich vollständig akzeptiert», sagt Ruedi Löffel, Berner Grossrat und Leiter Suchtprävention des Blauen Kreuzes. «Im Gegensatz zu den illegalen Drogen, die in breiten Bevölkerungsschichten und bei der politischen Mehrheit geächtet sind, werden problematische Konsummuster beim Alkohol kaum thematisiert oder einfach bagatellisiert: Wer nicht mittrinkt, gilt als Spielverderber.» Auch für Janine Messerli von der SFA steht fest: «Das Problem Alkohol wird banalisiert. Dabei ist diese Droge nicht einfach irgendein Konsumgut, sondern eine psychoaktive Substanz, die unermessliches Leid und Kosten verursacht.»

Zur Bagatellisierung trägt bei, dass die Alkoholkonsumenten (zu denen der Verfasser, wie die meisten der schreibenden Zunft, ebenfalls gehört) in ihrem Selbstverständnis natürlich keine Droge konsumieren, sondern ein «Genussmittel». Ihr Konsumentenvokabular ist entsprechend verharmlosend: Man «zwitschert», «genehmigt» oder «hebt einen»; man «feuchtet sich die Leber an» oder «füllt die Lampe». Und auch für den Fall, dass man versehentlich eine Überdosis konsumiert hat, steht ein unverfängliches Argumentarium zur Verfügung: Man hat «einen über den Durst getrunken», «Öl am Hut» oder einfach «etwas zu tief ins Glas geschaut». Schliesslich wusste schon Martin Luther: «Dem einen nützt Nüchternheit, dem anderen eben ein guter Trunk.» Diente Letzterer dazu, die Ehefrau zu vergessen, staunte allerdings schon mancher, sie beim Nachhausekommen doppelt zu sehen.

Seit die Clochards dank dem sozialen Auffangnetz mehrheitlich aus unserem Strassenbild verschwunden sind, sind den «gepflegten Geniessern» auch die Symbolträger des öffentlichen Alkoholmissbrauchs abhanden gekommen: Es fällt nicht mehr so leicht, das persönliche Umfeld vom eigenen Alkoholkonsum abzulenken. Vorbei sind die Zeiten, als man sagen konnte: «Die da saufen sich zu Tode, während wir uns einen leisten.» Stattdessen gibt es dafür heute immer etwas zu feiern, bei dem der «Kennerdurst» unter Beweis gestellt werden kann. Und ist gerade kein geeigneter Anlass verfügbar, wird einer organisiert: kein Weekend ohne Partys und Saufgelage – Hauptsache ein «Event», bei dem der Spass im Glas nicht zu kurz kommt.

Die Volksdroge Alkohol ist derart beliebt und verbreitet, dass man ihren Namen gar nicht zu erwähnen braucht. Fragt etwa ein Polizist bei einer Verkehrskontrolle: «Haben Sie etwas getrunken?», weiss man genau, was damit gemeint ist. Und wenn sich im Restaurant die Bedienung erkundigt: «Was möchten Sie trinken?», bedeutet dies eigentlich nichts anderes als: «In welcher Form und Verdünnung möchten Sie die Droge Alkohol zu sich nehmen?»

Auch der Anfang Juni vom BAG veröffentlichte Expertenbericht, der die Aufteilung in legale und illegale Substanzen sowie die Priorisierung der illegalen Drogen gegenüber den volkswirtschaftlich um ein Vielfaches schädlicheren Substanzen wie Alkohol kritisiert, vermag nichts daran zu ändern, dass als normal gilt, wer die Droge Alkohol konsumiert, und als Sonderling, wer ihr entsagt. Die Tabuisierung der Alkoholproblematik feiert seit Jahrzehnten Urständ, zumal schon die Frage tabu ist, weshalb sich so viele Menschen nach dem Motto «Endet sich mein Lebenslauf, so hört von selbst das Trinken auf» besaufen müssen.

Der Spass im Glas weicht allerdings Betroffenheit, wenn man sich eingesteht, mit welcher Scheinheiligkeit übergangen wird, dass im Mittelpunkt des Drogenproblems weder Heroin, Kokain, Nikotin noch Cannabis stehen, sondern das mit Abstand verheerendste Suchtmittel: Alkohol. Angesichts der Folgen mutet es geradezu grotesk an, dass das Parlament den Konsum von Cannabis unter Strafe stellt und praktisch gleichzeitig das Absinth-Verbot aufhebt. Wenn es so etwas wie ein Recht auf Rausch gibt, darf dieser in unserer Gesellschaft offenbar nur mit Alkohol legal erzeugt werden – unabhängig davon, dass die flüssige Droge, gemessen an den Langzeitwirkungen und körperlichen Folgeschäden, das schädlichste unter allen bekannten Rauschmitteln ist.

Die Bagatellisierung der Droge Alkohol mag auch damit zusammenhängen, dass die Wissenschaft bis heute nicht schlüssig erklären kann, wie die Trunksucht entsteht und weshalb die meisten davon verschont bleiben. Eine Abhängigkeit liegt grundsätzlich erst dann vor, wenn der Wunsch, Alkohol zu trinken, derart ausgeprägt ist, dass er einem Zwang gleichkommt und immer mehr Alkohol benötigt wird, um die beabsichtigte Wirkung zu erreichen.

Keine Frage: Ein Glas Wein kann etwas Wunderbares sein, und fest steht auch, dass sowohl mässiger wie regelmässiger Alkoholkonsum nicht in jedem Fall gesundheitsgefährdend sein müssen. Medizinisch unbestritten ist auch, dass Wein, Bier oder Whisky, mit Mass genossen, durchaus eine positive gesundheitliche Wirkung haben können. Allein: Wegen dieser gesundheitsbekömmlichen Wirkung trinkt kaum jemand Alkohol. Vielmehr geht es um jenen euphorisierenden Effekt, den das Zellgift Alkohol bewirkt. Der Schriftsteller Peter Bichsel hat wohl Recht, wenn er sagt: «Niemand würde Wein trinken, wenn darin kein Alkohol wäre.»

Suchtexperten wissen, dass der Alkoholkonsum ein Lügenbereich ist und es dem Kampf gegen den Drogenkonsum oft an Logik mangelt. Ob Cannabis, Nikotin oder Alkohol: Der Kampf wird weniger mit Fakten als mit Glaubensbekenntnissen geführt. Mit welchen Beschwichtigungen und Selbsttäuschungen die Alkoholkonsumenten argumentieren, zeigt sich schon beim einfachsten Selbsttest, der zuverlässig darüber Auskunft geben kann, ob jemand abhängig ist: Wer drei Monate ohne einen Tropfen Alkohol auskommt, ist nicht gefährdet. «Was soll ich freiwillig auf dieses Stück Lebensqualität verzichten?», argumentieren die einen, oder: «Das wäre überhaupt kein Problem für mich», behaupten andere, ohne es jemals versucht zu haben. Und viele, die es wagen und nicht durchhalten, warten mit jener berühmten Ausrede auf, die zum Slogan der laufenden Präventionskampagne von Bund und Kantonen geworden ist: «Alles im Griff!»

Der aktuellste internationale Alkoholkonsum-Vergleich des World Advertising Research Center zeigt, dass in der Schweiz im vergangenen Jahr über 300 Millionen Liter Wein, mehr als 400 Millionen Liter Bier und über 10 Millionen Liter Spirituosen getrunken wurden. Und den Spass im Glas lässt man sich gerne etwas kosten: Jedes Jahr werden für über acht Milliarden Franken alkoholische Getränke gekauft. Im Klartext: Jeden Tag werden rund 22 Millionen Franken im wahrsten Sinn des Wortes verflüssigt.

Der grosse Durst

Beim Weinkonsum steht die Schweiz mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 43 Litern noch vor Spanien, Dänemark, Österreich und Deutschland auf dem vierten Platz der Weltrangliste. Nur in Italien und Portugal sowie in Frankreich, das mit seinen 60 Litern die Rangliste anführt, wird noch mehr Rebensaft gebechert. Beim Bierkonsum findet sich die Schweiz auf dem 18. Platz. Mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Jahreskonsum von 57,1 Litern lässt die Schweiz Nationen wie Schweden, Frankreich und Italien hinter sich. Angeführt wird die Hopfen-&-Malz-Liga von Irland, das einen jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von schier unglaublichen 151 Litern aufweist.

Bei den Spirituosen schliesslich findet man die Schweiz mit einem Pro-Kopf-Jahreskonsum von 1,6 Litern auf dem 14. Platz der 25 erfassten Nationen. Unangefochtener Spitzenreiter ist hier mit 3,4 Litern Polen, gefolgt von Zypern und Ungarn. Vermeintliche Harddrink-Länder wie England, Australien und Schweden lassen die Eidgenossen ebenso hinter sich wie Italien. Das Stiefelland, in dem sich angeblich jedes Problem mit fünf Gläsern Grappa lösen lässt, trägt mit 0,4 Litern sogar das Schlusslicht.

In der Weltrangliste des gesamten Alkoholverbrauchs pro Kopf der Bevölkerung, schafft es die Schweiz mit dem 9. Platz (9,1 Liter) immerhin noch unter die Top Ten und lässt Nationen wie Grossbritannien, die Niederlande, Polen und die USA hinter sich. Unangefochtener Spitzenreiter mit 11 Litern ist auch hier Irland, das mit diesem Rekord jene britische Redensart zu bekräftigen scheint, wonach der einzige Unterschied zwischen einer Hochzeit und einer Beerdigung in Irland darin bestehe, dass an Letzterer eine Person weniger besoffen sei.

Fachleute aus den Bereichen Drogenprävention, Politik und Werbung schliessen nicht aus, dass nach dem Tabak auch der Alkohol in die Schusslinie restriktiver Werbebeschränkungen oder sogar -verbote kommen könnte. Markus Dürr, Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren, könnte sich beispielsweise ein Alkoholwerbeverbot auf öffentlichem Grund und an öffentlichen Gebäuden vorstellen, und für den Berner Grossrat Ruedi Löffel «ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch auf eidgenössischer Ebene entsprechende Gesetzesänderungen in die Wege geleitet werden». Bereits im April 2003 hatte der Berner Grosse Rat Löffels Motion «Werbeeinschränkungen für Alkohol» überwiesen. «Ein generelles Werbeverbot», so Löffel, «würde der Bevölkerung ermöglichen, dem Alkohol gegenüber eine differenzierte Einstellung zu entwickeln. Zahlreiche Studien belegen, dass ein Werbeverbot den Alkoholkonsum beeinflussen würde.»

Mit Studien und Statistiken lässt sich bekanntlich alles belegen, auch das Gegenteil. «Es liegen genügend Studien vor», so der Zürcher Werbeagentur-Inhaber Walter Diem, «dass Werbe-, Verkaufs- oder Konsumverbote nichts nützen. Ein Werbeverbot für Alkohol wäre unsinnig und eine wirtschaftliche Todsünde. Die Mechanismen der freien Marktwirtschaft würden ausgeschaltet, was die Vernichtung von Marktbearbeitungsmassnahmen in Millionenhöhe zur Folge hätte.»

Ronald Joho, Geschäftsführer der Kommunikationsagentur Akomag in Stansstad, verweist seinerseits auf eine Studie der Universität Bonn, «die klar belegt, dass zwischen dem Konsumverhalten und der Werbung kein Zusammenhang besteht, sondern dass vielmehr das soziale Umfeld massgebend ist. In der DDR herrschte beispielsweise ein absolutes Konsumverbot, aber getrunken wurde dennoch, und das nicht zu knapp.» Doch auch Joho schränkt ein: «Wenn man die Gesetzesfreudigkeit der Politik und den ganzen EU-Blödsinn verfolgt, ist es durchaus denkbar, dass früher oder später auch in der Schweiz mit Werbeverboten für Alkohol zu rechnen ist.»

«Schön wäre es, wenn sich durch die Werbung die Menge des individuell konsumierten Alkohols steuern liesse», meint der Zürcher Werbe- und Marketingfachmann Roland Kiefer. «Doch das ist Wunschdenken. Der um sich greifende Individualismus hat dazu geführt, dass überlieferte Werte an Bedeutung verloren haben. Die Werbung nutzt das damit entstandene Wertevakuum, um dem Konsumenten in einem immer härter werdenden Verdrängungsmarkt mit neuen Identifikationsangeboten neue und möglichst reizvolle Zuordnungen zu ermöglichen. So erhofft sie sich, den Konsumenten dazu zu bringen, von Marke A auf Marke B umzusteigen. Mehr will und kann Werbung nicht erreichen. Werbung bemüht sich längst nicht mehr, jemanden dazu zu bringen, anstelle von Mineralwasser Bier oder Wein zu trinken.»

Auch Konrad Studerus, Direktor des Schweizerischen Bierbrauervereines, sieht zwischen der Menge des Alkoholkonsums und dem Werbeaufwand keinen Zusammenhang. «Ein Werbeverbot wäre auch deshalb sinnlos, weil die Werbung dann noch mehr via ausländische Medien in die Schweiz hineinwirken würde. Doch denkbar», räumt Studerus ein, «ist alles.» Vehement tritt Studerus den amtlichen Statistiken entgegen: «Ein wirkliches Alkoholsuchtproblem dürften in der Schweiz etwa 40000 bis 70000 Menschen haben. Gewisse staatliche Institutionen setzen nur deshalb viel höhere Zahlen ein, weil sie an steigenden Subventionen und Steuern interessiert sind. Das ändert nichts daran, dass höhere Zahlen übertrieben und falsch sind.»

Tatsächlich sind die Einnahmen aus den Alkoholsteuern beachtlich. Allein zwischen 1995 und 1997 wurden 378 Millionen Franken eingenommen. Davon entfielen 113 Millionen auf die Biersteuer und 265 Millionen auf die Branntweinsteuer, welche die Eidgenössische Alkoholverwaltung erhebt. Vom Reingewinn der Alkoholverwaltung flossen 1999 149 Millionen in die AHV und 17 Millionen an die Kantone, die ihren Anteil laut Gesetz auch zur Bekämpfung des Alkoholismus verwenden müssen.

Gesetzesänderungen oder Volksabstimmungsvorlagen im Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum waren bislang chancenlos. Ein Grossteil der bereits im 19. Jahrhundert entstandenen Gesetze, welche die Erhältlichkeit von alkoholischen Getränken und deren Vermarktung beschränkten, wurden abgeschafft. «Dass dabei die abhängigkeitsbildenden Eigenschaften sowie das soziale Destruktionspotenzial des Alkohols vernachlässigt wurden», so Richard Müller von der SFA, «wurde mit dem Einwand abgetan, das Individuum sei selber für sich verantwortlich, und überdies sei moderater Alkoholkonsum gesund oder wenigstens nicht schädlich.»

Sowohl auf eidgenössischer wie kantonaler Ebene hinterliess die Liberalisierung der Alkoholpolitik ihre Spuren: Die Bedürfnisklausel, welche ein spezifisches Verhältnis von Gaststätten pro Einwohner enthielt, wurde ebenso abgeschafft wie die früher von Gesetzes wegen vorgeschriebene Ausbildung für Wirte: Heute kann jeder eine Kneipe eröffnen. Liberalisiert wurde auch das Alkoholgesetz, welches den Spirituosenmarkt regelte. Eine Folge davon ist, dass heute alkoholische Mischgetränke neben alkoholfreien Getränken verkauft werden können.

Château Schrumpfleber

Volksabstimmungen mit dem Ziel, den Alkoholkonsum einzuschränken, fielen seit 1908 mit einer Ausnahme durch. In jenem Jahr war mit 63,5 Prozent Ja-Stimmen die Initiative für ein Absinth-Verbot angenommen worden, aber auch nur deshalb, weil sich in den Jahren zuvor zahlreiche aufsehenerregende Verbrechen ereignet hatten (darunter ein dreifacher Mord im waadtländischen Commugny), bei denen die Ursache im Missbrauch der «grünen Fee» vermutet wurde.

Danach gab es an der Urne nur noch Pleiten: 1929 wurde die Branntwein-Initiative verworfen, mit der die Kantone und Gemeinden hätten ermächtigt werden sollen, den Verkauf von Spirituosen zu verbieten; 1941 ging die Initiative «Neuordnung des Alkoholwesens» bachab sowie 1979 die Initiativen «zur Bekämpfung des Alkoholismus» und «gegen die Suchtmittelreklame» (Guttempler-Initiative). 1993 wurde mit fast 75 Prozent die so genannte Zwillings-Initiative zur Verminderung der Alkoholprobleme verworfen.

Doch auch ohne Volksabstimmungen bestünde analog zum ausgebrochenen Tabakkrieg schon bald die Möglichkeit, die Geniesser alkoholischer Getränke auf ihr gesundheitsschädliches Tun aufmerksam zu machen. «Ich zweifle zwar daran, dass Warnhinweise und schockierende Fotos auf Zigarettenpackungen zu einer Reduktion des Verkaufs führen werden», meint Werber Roland Kiefer. «Sollte dies jedoch der Fall sein, gäbe es eigentlich keinen Grund mehr, dies nicht auch beim Alkohol zu tun.»

Statt des verträumten Château Latour könnte dann beispielsweise das Foto einer frisch amputierten Schrumpfleber die Weinetikette zieren. Zum Wohl, allerseits.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 35/04
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Login mit Facebook        Registrierung

Mehr zum Thema

Weitere Autoren

alle Autoren
Ausgaben