Robert Grimm, wortgewaltiger Volkstribun, schreitet nach der Bundesratswahl vom 18. Juli 1940 zur Rednertribüne, um das «brennende Unrecht» der erneuten Nichtberücksichtigung der Sozialdemokraten zu geisseln: «Ein grosser, für die geistige und materielle Selbstbehauptung des Landes entscheidender Teil des Volkes wird dadurch erneut von der Teilnahme an einer mit weitgehenden Vollmachten ausgestatteten Regierung von der Mitverantwortung in der Staatsführung ausgeschlossen.»
Die bürgerlichen Parteien, die, wie Grimm donnert, aus «parteipolitischem Egoismus» eine sozialdemokratische Bundesratsbeteiligung vereitelt haben, sehen ein, dass das zerschlagene Porzellan gekittet werden muss. Vor allem der umtriebige Berner BGB-Nationalrat Markus Feldmann bemüht sich, die Zusammenarbeit der Bürgerlichen mit den Sozialdemokraten zu institutionalisieren.
Der Druck aus Berlin hat zugenommen. Von Bibra, der bissige Nazi-Aufpasser in der deutschen Gesandtschaft, verlangt die Entfernung der prominenten Chefredaktoren Schürch (Bund), Oeri (Basler Nachrichten) und Bretscher (NZZ). Als der deutsche Presseattaché Trump persönlich dem Bund-Verleger Pochon nahe legt, Schürch zu entlassen, schlagen Schweizer Pressekreise Alarm. «Wir dürfen uns nicht gefallen lassen, dass eine fremde Gesandtschaft in innerschweizerische Verhältnisse hineinregiert», erklärt Nationalrat Feldmann, Chefredaktor der Neuen Berner Zeitung, der am 31. Juli die Zeitungen an der Sitzung der Gemischten Pressepolitischen Kommission vertritt. Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz verspricht, er werde den deutschen Gesandten «neuerdings kommen lassen und ihm das Unzulässige im Vorgehen des deutschen Pressechefs vorhalten».
Nach dem Zusammenbruch Frankreichs herrscht allenthalben Ratlosigkeit, auch in der Armee. Bei vielen der auf die bevorstehende Teildemobilmachung wartenden Soldaten machen sich Ungeduld oder gar Defaitismus breit. Am 25. Juli versammelt General Guisan seine Offiziere zu einem Rapport auf dem Rütli, um sie über die neue operative Konzeption des Réduits zu informieren. Der Geist der neuen Lösung, die bei einem Angriff die Preisgabe des grössten Teils des Schweizer Territoriums bedeutet, muss den Truppenführern eingeprägt werden. «Ich wollte selber mit ihnen sprechen», erinnerte sich Guisan nach dem Krieg, «Auge in Auge, als Soldat zu Soldaten [...], es musste hier geschehen, auf der Rütliwiese, an der Wiege unserer Unabhängigkeit.»
Ein Regimentskommandant berichtet anschliessend befriedigt: «Sodann erklärte er uns, warum der Stellungsbau an der Grenze abgebrochen und das Gros der Armee in die Voralpen marschiert sei. Die Gründe, die er nannte, sind absolut stichhaltig.» Der Zürcher Hauptmann Edmund Wehrli ist weniger begeistert: «Als wir zum Rütlirapport aufgeboten wurden, atmeten wir auf. Jetzt würde der General endlich neue Befehle und Instruktionen über die Kampfführung erteilen. Aber, Hergottnocheinmal, der General hielt uns nur eine Sonntagsschulpredigt.» Nach der etwa 20- bis 30-minütigen Rede, deren Text nicht erhalten ist, lässt General Guisan den Offizieren einen Armeebefehl verteilen. «Was vor Wochen noch unvorstellbar war», heisst es darin, sei jetzt möglich: «Wir können von allen Seiten zugleich angegriffen werden.» Die Armee werde sich wirksam verteidigen können: «Glaubt nicht nur an unser gutes Recht, sondern auch an unsere Kraft, mit der wir, wenn jeder von eisernem Willen erfüllt ist, erfolgreichen Widerstand leisten werden.» In den grossen Zeitungen erscheint der «Rütlibrief eines Offiziers an einen Schweizersoldaten»: «In diesem Moment haben wir nicht nur wortlos den Rütlischwur erneuert, sondern auch unser Gelöbnis an die Heimat [...]. Ihr sollt die heilige Aufgabe kennen, Du und Deine Kameraden. Die Aufgabe heisst: Standhalten. Standhalten als einiges, geschlossenes, ruhiges Schweizervolk.» Der Rütlirapport wird als grosser symbolischer Akt in die Geschichte eingehen. Die Schweiz fasst neuen Mut. Der General wird zum Volkshelden.
Vorrangiges Problem des Landes ist im Sommer 1940 die Versorgungslage. Parallel verhandeln unsere Diplomaten mit Berlin, Rom und London, um die Einfuhr lebenswichtiger Güter sicherzustellen. Angesichts der Vakanz im Volkswirtschaftsdepartement muss Bundespräsident Pilet die heiklen Verhandlungen steuern und überwachen. Pilet hält an seiner bewährten Devise fest: In lebenswichtigen Fragen hart bleiben, in nebensächlichen nachgeben. Seiner Meinung nach muss man in der Gewährung von notfalls sogar zinsfreien Krediten an Berlin und Rom grosszügig sein. Wichtig ist für ihn, dass Kohle, Eisen und Nahrungsmittel in die Schweiz kommen und dass unsere von vielen ihrer traditionellen Märkte abgeschnittene Industrie Exportaufträge erhält.
Als Bundespräsident und einziger Romand in der Regierung muss sich der Aussenminister auch um die Innenpolitik kümmern. Wie aus all seinen Reden hervorgeht, hält er die Aufrechterhaltung von Einigkeit und Geschlossenheit des Schweizervolkes für die innenpolitische Hauptaufgabe.
Presse unter Dauerbeschuss
Es gilt, das Misstrauen zwischen den Parteien zu überbrücken, aber auch dasjenige zwischen den in ihrer Mehrheit eisern deutschfeindlichen Deutschschweizern und den Welschen, die mit den Nazis zwar auch nichts am Hut haben, deren Abneigung gegen die Deutschen als Deutsche aber weniger heftig ist. Ausserdem begegnen viele in der Romandie den Erneuerungsideen des allgemein verehrten, greisen Marschalls Pétain mit Wohlwollen. Vorrangige Aufgabe des um Ausgleich bemühten Bundesrates ist es allerdings, die misstrauischen und enttäuschten Sozialdemokraten zu beruhigen. Fünf Bundesräte – Pilet, Etter, Minger, Baumann, Wetter – besprechen sich am 29. Juli im Zimmer 80 des Bundeshauses mit Delegationen der bürgerlichen Koalitionsparteien. Man beschliesst (nach dem kantonalbernischen Modell), einen interparteilichen Koordinationsausschuss unter Heranziehung der Sozialisten zu bilden, der die Arbeit unter den Parteien und die Liaison zum Bundesrat organisieren soll.
Wie aber soll sich der Bundesrat gegenüber jenen Kreisen verhalten, die deutschfreundlich gesinnt sind oder aus realpolitischen Erwägungen eine Zusammenarbeit mit Hitlers «neuem Europa» befürworten? Ihre Zahl ist nach der Niederlage Frankreichs angeschwollen und umfasst viele Industrielle. Der deutschfreundliche «Volksbund für die Unabhängigkeit der Schweiz», der schon seit Jahren für den Austritt des Landes aus dem Völkerbund weibelt, fordert am 27. Juli in einem Telegramm den Bundesrat auf, die Beziehung der Schweiz zum Völkerbund sofort abzubrechen. Der Bundesrat beauftragt den Bundespräsidenten, eine Delegation des Volksbunds zu empfangen. Dies geschieht am 1. August. Tags darauf schreiben zwei Mitglieder der Delegation, Hektor Ammann und Andreas von Sprecher, Pilet einen Brief, in dem sie sich befriedigt zeigen, dass Pilet die «Lage offenbar in gleichem Sinn wie wir» beurteilt und hinsichtlich der vorgebrachten Punkte «einer ähnlichen Auffassung» zuneigt.
Der Volksbund will nicht nur den raschen Austritt der Schweiz aus dem Völkerbund, sondern auch den auch von der deutschen Gesandtschaft geforderten Rücktritt der Chefredaktoren Bretscher, Oeri und Schürch, die durch ihre «bewusst einseitig gefärbte Berichterstattung» ein «gut Teil der Verhetzung, unter der unsere aussenpolitischen Beziehungen heute leiden», auf dem Gewissen hätten: «Organe wie die National-Zeitung, die Weltwoche, die Nation und den Beobachter halten wir schon längst für untragbar.»
Im Hinblick «auf die unausweichlich kommenden diplomatischen Auseinandersetzungen bei der Neuordnung Europas» will der Volksbund, dass der Bundesrat auch «in personeller Hinsicht» die Konsequenzen zieht: «Immerhin sei wiederholt, dass Herr Grimm, der sich auch neuerdings wieder mit seiner unglücklichen Broschüre als Schädling erwiesen hat, als hoher Beamter und Vertrauensmann des Bundesrates verschwinden sollte.»
Der Volksbund, dessen Forderungen sich mit denjenigen der deutschen Gesandtschaft merkwürdig decken – Austritt der Schweiz aus dem Völkerbund, Entlassung der drei Chefredaktoren und des Chefbeamten Grimm –, will eine «Abkehr vom bisherigen Kurs», der nicht die Volksmeinung widerspiegle. Nur so könne unser Staatsschiff «unter Wahrung unserer Würde» rechtzeitig in eine sichere Bahn geleitet werden. Die vier Mitglieder der Delegation fühlen sich von Pilet verstanden. Er hat offenbar, wie es seine Art ist, genickt und ihnen nach dem Mund gesprochen. Und dann tut er, was er meisterhaft zu tun versteht: nichts.
Versöhnlich im Ton – hart in der Sache
Bevor er sich, überarbeitet und erschöpft («véritablement je suis épuisé»), am 7. August 1940 für ein paar Tage Ferien in sein friedliches Bauernhaus Les Chanays in Essertines oberhalb von Rolle zurückzieht, kommt Pilet allerdings nicht darum herum, eine seit drei Wochen auf seinem Pult liegende unangenehme Note zu beantworten. Am 17. Juli hat sich die deutsche Gesandtschaft «beehrt», dem Eidgenössischen Politischen Departement mitzuteilen, dass «der Regierungspräsident des Kantons Bern, Herr Robert Grimm, der zugleich Präsident der Eidgenössischen Arbeitsbeschaffungskommission und Chef der Sektion für Kraft ist», in einer im Druck erschienenen und zur Zeit in der Schweiz vertriebenen Rede vom 18. Februar vor dem Parteitag der Berner SP sich wie folgt über die «deutsche Regierungsform» geäussert habe: «Diese Diktaturen stellen in ihrer Gesamtheit einen Rückfall in die Barbarei dar. Sie vernichten die Grundrechte der Menschheit, zerstören die Freiheiten und Rechte der Bürger, zerschlagen Treu und Glauben [...]. Sie bedeuten die Methoden des Massakers, die Methoden der brutalen Vernichtung des Gegners [...]. Es ist ein bunt zusam- mengewürfelter Apparat von ehemaligen Landsknechten und Abenteurern, kulturlos, brutal und geniesserisch zugleich, ein diktatorischer Apparat, der in ganz anderer Art und in ganz andrem Ausmass ein Bonzentum verkörpert, von dem früher etwa die Rede war.»
Derart «üble Hetzreden», heisst es in der Note, «verstossen nicht nur gegen die Neutralität, die die Schweizer Regierung für sich in Anspruch nimmt: sie verletzen vielmehr auch in gröblicher Weise die Gesetze des Anstandes. Es erscheint untragbar, dass heute noch Persönlichkeiten in der Schweizer und Kantonalen Regierungen an leitender Stelle stehen, die es sich in dieser Weise angelegen sein lassen, das Reich und seine Führung zu beschimpfen und zu verleumden.»
Im Klartext heisst das: Grimm muss weg. Am 1. August haben die Herren des Volksbunds ins gleiche Horn gestossen. In der Antwortnote mimt Pilet Verständnis für die deutsche Empörung: «Die Schweizerische Regierung verurteilt die in ihr vorkommenden leidenschaftlichen Äusserungen und bedauert, dass der Text der Rede nach Monaten noch erhältlich war. Das Departement hat unverzüglich eine Untersuchung in der Angelegenheit veranlasst. Es liess sich feststellen, dass die Rede vom 18. Februar im Buchhandel niemals vertrieben wurde und dass die Schrift [...] nur auf besonderes Verlangen vom Sekretariat der Bernischen Sozialdemokratischen Partei bezogen werden konnte. Es ergibt sich daraus, dass die Broschüre nur bei einem sehr beschränkten Personenkreis Eingang gefunden hat und aus diesem Grund der Aufmerksamkeit der Schweizer Behörden entgangen ist. Die Schweizerische Bundesanwaltschaft hat, sobald sie von dem Erscheinen der Schrift Kenntnis erhielt, den vorhandenen Vorrat polizeilich beschlagnahmt und deren Einziehung angeordnet.» An dem Notenwechsel zeigt sich Pilets elegante Meisterschaft im Parieren deutscher Attacken. Er erweckt gegenüber der deutschen Gesandtschaft den Anschein, als ob er auf ihre Note hin energisch und in ihrem Sinne handle. «Unverzüglich» wird untersucht, die anstössige Schrift wird «polizeilich beschlagnahmt».
Nun ging es den Deutschen aber gar nicht um die Unterdrückung einer ein halbes Jahr alten Schrift, sondern um die Entlassung des «untragbaren» Grimm aus «leitender Stelle» in den «Schweizer und Kantonalen Regierungen». Diese Forderung wird von Pilet ganz einfach ignoriert. Als eigenwilliger Waadtländer Liberalkonservativer und gläubiger Christ verabscheut er Hitler und den Nationalsozialismus, aber er hat wenig Verständnis für die «Germanophobie» vieler Deutschschweizer. So pflegt er gute Beziehungen zu Personen wie alt Bundesrat Schulthess, Oberstkorpskommandant Wille, Oberst Däniker, dem Bauernpolitiker Roman Abt, Minister Hans Sulzer oder Carl J. Burckhardt, die alle für eine Entkrampfung des Verhältnisses zu Deutschland eintreten. Er selber wünscht schon aus wirtschaftlichen Gründen zumindest korrekte, wenn möglich freundliche Beziehungen zur neuen europäischen Hegemonialmacht. Deshalb hat er auch anstandslos die Vertreter des Volksbunds empfangen.
Einnahmeversuche von Hitler-Freunden
Anders aber verhält es sich mit eigentlichen schweizerischen Nationalsozialisten oder penetranten Sympathisanten des nationalsozialisti- schen Gedankenguts. Im Juni hat der für eine anpasserische Politik gegenüber Berlin eintretende Gesandte Hans Frölicher Pilet geraten, den bei Hitler gut angeschriebenen nazifreundlichen Schweizer Schriftsteller John Knittel («Via Mala») mit einer Mission zum Führer zu beauftragen. Als Vorbild für solche von ihm befürworteten Sondermissionen erwähnte Frölicher gerne die Besuche, die der von Hitler geschätzte schwedische Forscher Sven Hedin dem Führer abstattete und die sich offenbar auf das deutsch-schwedische Verhältnis vorteilhaft auswirkten. Mitte Juni antichambriert Knittel in Bern, aber Pilet findet keinen freien Termin.
Ungefähr zur gleichen Zeit wie Knittel verlangt Ernst Hofmann im Namen der «Nationalen Bewegung der Schweiz», zu der sich die zu neuem Leben erwachten Frontisten zusammengeschlossen haben, vergeblich eine Audienz beim Bundespräsidenten. Am 22. Juli insistiert Hofmann: «Auf unsere Schreiben vom 17. Juni und 26. Juni 1940, worin wir Sie um eine dringliche Unterredung ersucht haben, ist uns bis heute weder eine Bestätigung noch eine Antwort zugekommen. Über diese Art der Behandlung landeswichtiger Angelegenheiten wollen wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht weiter aufhalten [...]. Wir verfügen über bestimmte (ausländische, landeswichtige) Informationen, und diese sind derart ernster Natur, dass wir mit Ihnen darüber zu sprechen wünschen [...]» Pilet antwortet nicht.
Seit dem Zusammenbruch Frankreichs beschäftigen sich auch die Polizeibehörden mit den «neuen politischen Strömungen», von denen man befürchtet, dass sie vor allem «junge Arbeiter und Stellenlose» anziehen könnten. In einem in der Bundesanwaltschaft zirkulierenden Papier wird die Frage aufgeworfen, was von Seiten der Staatsführung vorgesehen werden müsse, um die neofrontistischen Gruppen, «sofern sie tatsächlich durch weiteren Zustrom numerisch ins Gewicht fallen würden, zu aufbauender Mitarbeit heranzuziehen und nicht, unterstützt durch das vorhandene Ressentiment, in eine landesfeindliche Obstruktion verfallen zu lassen».
Am 13. Juli schreibt Bundesanwalt Franz Stämpfli dem EJPD-Vorsteher Baumann: «Ich halte dafür, dass der neuen Bewegung nicht bloss durch Polizeimassnahmen begegnet werden darf, sondern dass vielmehr mit einwandfreien Vertretern dieser Bewegung Fühlung genommen werden sollte [...]. Von der Erneuerungsbewegung müssen Garantien verlangt werden, dass sie sich von jeder Abhängigkeit vom Ausland löst.» In den Richtlinien, die der Bundesrat im Hinblick auf die Septembersitzung der Vollmachtenkommission ausarbeitet, heisst es, es wäre verfehlt, die Erneuerungsbewegungen «durch staatliche und polizeiliche Zwangsmassnahmen unterbinden zu wollen, sofern und solange solche Bewegungen nicht mit illegalen Mitteln arbeiten [...] oder Ziele verfolgen, die mit der öffentlichen Ordnung oder Unabhängigkeit des Landes im Widerspruch ständen. Wo solche illegale Mittel oder Ziele in Erscheinung treten, werden die Behörden des Bundes und der Kantone einschreiten. Im übrigen aber soll die Auseinandersetzung mit den Erneuerungsbewegungen sich auch auf dem Boden des freien geistigen Kampfes abspielen.»
Anfang August wird der in Deutschland lebende Schweizer Schriftsteller Jakob Schaffner bei Hitler vorgelassen. Schaffner, ein zum Nationalsozialismus konvertierter ehemaliger Kommunist, ist total vergessen, aber 1933 wird er von Emil Ermatinger (in «Dichtung und Geistesleben der deutschen Schweiz») als «heute ohne Frage der bedeutendste Dichter der Schweiz» bezeichnet. Der Führer soll Schaffner gesagt haben, die Partei dringe stark auf ihn ein, die Schweiz zu besetzen. Er habe der Schweiz aber «sein Wort gegeben, das nicht zu tun, und er sei entschlossen, dieses Wort zu halten, was an ihm liege. Die Schweiz müsse aber auch ihren Teil dazu leisten, indem sie sich zu dem nationalsozialistischen Deutschland positiv einstelle. Sie habe zu dieser Umstellung noch etwas Zeit; bleibe diese Zeit unbenützt, so werde er, Hitler, selber zum rechten sehen müssen.»
Am 11. August plädiert Schaffner in einem Artikel in der Wochenschrift Das Reich dafür, dass die Schweiz in «freier Selbstbestimmung», «in Würde und Freiwilligkeit» sich ins neue Europa einfügen dürfe. «Wie lange ist es her», fragt Schaffner rhetorisch, «dass das ganze deutsche Volk zur Erkenntnis durchgedrungen ist, dass das Zeitalter des Liberalismus und des Kapitalismus überlebt sei?» Auch Schaffners «konservativ verharrende Heimat» wird früher oder später die vom Dichter hymnisch gefeierten «neuen Denkformen», die «neue Idee, die über Land und Meer fliegt», akzeptieren.
Schaffner stellt die Schweiz als Modell für das neue Europa dar: «So wie die ‹Orte› des alten eidgenössischen Bundes volkshaft brüderlich verbunden und freibestimmt ihren Jahrhunderten das Gesicht gaben, so wird das alte Europa endlich seine alte Sehnsucht sich erfüllen, wird volkhaft brüderlich verbunden und freibestimmt nunmehr seine Jahrhunderte antreten und seiner Epoche das Gesicht geben.» Schaffner erinnert daran, dass Gottfried Keller sich für spätere Zeiten eine freiwillige Rückkehr der Schweiz ins Reich habe vorstellen können, und fährt fort: «Wie dem auch sei: In einer grossräumig offenen Gemeinschaftsordnung bestehen für die Verwirklichung des Ideals der Freiheit günstigere Aussichten, als in der engen und ängstlichen Abgeschlossenheit der Sonderung, die nur das Ich, das Mein und das Mich kennt.»
Die von Markus Feldmann geleitete Neue Berner Zeitung meint (erstaunlicherweise), was Schaffner über das deutsch-schweizerische Verhältnis geschrieben habe, entspreche dem, was die Mehrzahl der Schweizer darüber denke. Stolz auf sein Elaborat, schickt Schaffner eine Kopie dem Bundespräsidenten, der den Empfang bestätigt und sich bedankt.
Pilet ist nach einer verdienten Woche Ruhe in seinem Bauernhaus Les Chanays ins Bundeshaus zurückgekehrt, arbeitet zwei Tage lang intensiv und lässt sich dann von Vizepräsident Minger noch eine Woche Kuraufenthalt in Baden bewilligen. Der Zufall will es, dass Schaffner gleichzeitig in Baden weilt wie der Bundespräsident. Ob sie sich getroffen haben, ist ungewiss. Am 1. September schreibt der ungeduldig gewordene Dichter dem mittlerweile wieder in Bern den Amtsgeschäften nachgehenden Bundespräsidenten: «Seit meinem Brief an Sie sind wieder drei Wochen ins Land gegangen, ohne dass sich irgend etwas entschieden oder verändert hätte.» Er kündigt an, am Mittwoch sei er im Hotel «Bellevue» in Bern und bitte ihn, am Donnerstag (5. September) «noch einmal mit Ihnen sprechen zu können». Der von Schaffner erwartete «gütige Bescheid» Pilets, datiert 5. September, lautet: «Sehr geehrter Herr, Verschiedene Umstände – unter anderem eine Abwesenheit meinerseits, dann die Abwesenheit mehrerer meiner Kollegen, die ich zu vertreten hatte – haben mir nicht erlaubt, Ihr Audienzgesuch früher zu beantworten. Es wäre mir möglich, Sie Dienstag, dem 10. September um 16.30 Uhr in meinem Arbeitszimmer zu empfangen. Die Besprechung fände in meinem Arbeitszimmer statt, es sei denn, dass Sie von zu vielen Herren begleitet wären, was ich nicht annehme.» Schaffner teilt der Bundeskanzlei schriftlich mit: «Ich werde am Dienstag, 10. September mit zwei Herren 16 Uhr 30 mich im Arbeitszimmer des Herrn Bundes-Präsidenten einfinden.»
Pilet weiss wahrscheinlich nicht, um wen es sich bei den «zwei Herren» handelt. Es ist ihm wohl auch egal. Einer, der als Journalist tätige gelernte Elektromonteur Ernst Hofmann, ist bereits von Bundesrat Wetter empfangen worden. Mit dem andern, dem Nationalökonomen Dr. Max Leo Keller, Entwerfer von Grossprojekten und bis vor kurzem Direktor der kantonalbernischen Zentralstelle zur Einführung neuer Industrien, hat Pilet zu tun gehabt, als er noch das Post- und Eisenbahndepartement leitete. Zu Beginn der Unterredung (gemäss den Notizen, die sich Keller machte) spricht Schaffner über den Ernst der Lage. Darauf bekennt sich Hofmann zur unbedingten Treue und Loyalität zum Land und verlangt, dass die Nationale Bewegung der Schweiz als «Trägerin einer neuen Weltanschauung anerkannt und ihr die verfassungsmässigen Rechte gewährleistet würden».
Pilet verlangt von der NBS die schriftliche Zusicherung, dass sie für die «Freiheit und Unabhängigkeit des Landes kämpfen will und sich keine andere Schweiz denken kann als eine unabhängige und freie». Ausserdem muss sie garantieren, dass sie keine Weisungen und kein Geld aus dem Ausland empfängt und dass sie «keine unzulässigen Mittel gegen die Sicherheit des Staates verwenden wolle». Die Delegation akzeptiert die Bedingungen und bestätigt sie formell in einem Schreiben, das sie am nächsten Tag dem Bundesrat schickt. In seinem Referat verlangt Keller, dass der NBS die Herausgabe einer eigenen Zeitung erlaubt wird. Er kritisiert die Schweizer Presse und spricht einer «historischen Lösung der Schweiz auch im neuen Europa» das Wort.
Pilet antwortet, er sei sich der Notwendigkeit einer Fühlungnahme mit Deutschland voll bewusst und wüsste auch, wen man am besten schicken würde, aber gewisse Vorfälle – Pilet spielt auf Guisans Rütlirapport an, der in Berlin für Aufregung gesorgt hat – hätten die Ausführung dieser Absicht vereitelt. Man müsse auf die gegenwärtig erregte Stimmung im Lande Rücksicht nehmen und vorsichtig sein, damit nicht neue Unruhe geschaffen werde.
Am Mittwoch, 11. September, dem Morgen nach der Unterredung mit den Frontisten, über die Pilet den Bundesrat kurz unterrichtet hat, gibt der Bundespräsident der Vollmachtenkommission einen streng vertraulichen Überblick über die Weltlage, die sich «nicht verbessert hat». Er verweist auf das durch die «gegenwärtige Machtlosigkeit Frankreichs» völlig zerstörte Gleichgewicht.
Pilet-Golaz, dem die Presse regelmässig pétainistische Sympathien unterstellt, bemerkt zu den schwierigen Verhältnissen in unserem westlichen Nachbarland: «Man sieht sich nicht nur einer einfachen militärischen Niederlage gegenüber, sondern einer Desorganisation und einem absoluten Zerfall [...]. Man kann es sich nicht verbitten zu denken, dass die Regierung des Marschall Pétain, die mit allem Bestehenden tabula rasa macht, an die Stelle der verschwundenen Institutionen nur Papiere und Dekrete gesetzt hat.»
Dann spricht Pilet von dem Problem, das in diesen Tagen dem Bundesrat schwerstes Kopfzerbrechen bereitet, von der Überfliegung der Schweiz durch englische Bomber. (Der Luftkrieg ist in vollem Gang, und seit der letzten Augustwoche verletzt jede zweite Nacht ein englischer Bomber unseren Luftraum.) Der Bundesrat hat protestiert, aber von England, das nur seine Interessen vertritt und sich nicht um andere kümmert, «nicht völlige Befriedigung erhalten». Die vielfachen Neutralitätsverletzungen, sagt Pilet, «provozieren bei unseren Nachbarn der Achse eine äusserste Nervosität, die sich vor allem in Presse und Radio ausdrückt». Militärisch ist es praktisch unmöglich, gegen die in grosser Höhe fliegenden Bomber vorzugehen. Pilet vermutet, dass man sich von Seite der Achse einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu England erhofft. Ein solcher Abbruch, den der Schweizer Bundesrat unbedingt vermeiden will, würde «uns notwendigerweise dem einen Lager annähern und uns so aus unserer Neutralität herauslösen».
«Deutschland», konstatiert Pilet-Golaz, «mustert die Lage mit einem Blick aus Stahl. Es hat überhaupt keine Sympathie für uns. Es erinnert sich an den Pressekonflikt und vor allem an die kürzliche Affäre mit seinen eigenen Flugzeugen. Es ist wenig wahrscheinlich, dass es beabsichtigt, militärische Massnahmen zu ergreifen. Es hat es nicht nötig, denn, gelegen zwischen Deutschland und Italien, können wir jeden Moment von der Welt abgeschnitten werden. Unsere Lage ist also sehr heikel. Wir müssen um jeden Preis erreichen, dass die Engländer mit ihren Verletzungen aufhören. Sonst riskieren wir, das Schicksal der andern neutralen Staaten zu erleben. In der Zwischenzeit, muss man überdauern (durer). Voici l’opinion du Conseil Fédéral en politique extérieure: Durer. Alles tun, um unsere Unabhängigkeit und Freiheiten aufrechtzuerhalten. Wenn wir ganz bis zum Frieden kommen, ist die Partie beinahe gewonnen.
Überdauern ist schwierig, wenn wir in der Tat von der Achse abhängig sind. Trotzdem wollen wir unsere Unabhängigkeit ganz bewahren. Wenn wir von Unabhängigkeit reden, reden wir von Würde. Man muss die Lage mit Realismus und einigem Egoismus sehen. Die Aussenpolitik der Schweiz kennt weder Sympathie noch Antipathie. Sie sieht nur die Schweiz. Wenn wir der Situation kalt entgegenblicken, ist es möglich, dass wir aus der Schwierigkeit herauskommen, aber wir müssen kalt, ruhig und fest bleiben.»
Verhängnisvolles Communiqué
Nach seinem Referat fährt Pilet nach Lau-sanne, wo er zur Eröffnung des Comptoirs eine Ansprache halten will. Um 21 Uhr veröffentlicht das deutsche Nachrichtenbüro das Communiqué der Frontisten: «Die Vertreter der NBS unterrichteten den Bundespräsidenten über deren politische Zielgebung als Trägerin des neuen politischen und sozialen Gedankens. Die Unterredung, die eineinhalb Stunden dauerte, stellt einen ersten Schritt zur Befriedung der politischen Verhältnisse der Schweiz dar.» Der Wortlaut entspricht nicht der Vereinbarung mit Pilet, wonach die Mitteilung bloss hätte feststellen sollen, die Vertreter der Nationalen Bewegung hätten dem Bundesrat ihre Legalität beteuert.
Das Communiqué, das am frühen Morgen des 12. Septembers vom Deutschen Rundfunk ausgestrahlt wird und das die Redaktoren der Schweizer Zeitungen bei Arbeitsbeginn auf ihren Schreibtischen vorfinden, schlägt wie eine Bombe ein. Vor allem der Satz über den «ersten Schritt zur Befriedung der politischen Verhältnisse der Schweiz» wird als eine ungeheure Provokation empfunden.
Tagebucheintrag Markus Feldmann von 9 Uhr 00: «Die Schweiz ist möglicherweise soeben in eine Staatskrise eingetreten.» Feldmann zitiert dann das Communiqué und schreibt weiter: «In dieser Angelegenheit haben seit einer halben Stunde telephoniert: Schürch vom Bund, Roth-Winterthur, Nef von der APUF (Armeepressestelle), Vetter-Thun, Dürrenmatt SMP (Schweizer Mittelpresse). Telephonische Anfragen ergingen ferner von Gut-Stäfa an Nef, ebenso von Bretscher. Aus allem ergibt sich folgende Situation: Pilet, getreu seinem mit der Rede vom 25. Juni eingeschlagenen ‹Pétain-Kurs›, ist drauf und dran, nun gleichzeitig aussen- und innenpolitisch die schärfste Krise heaufzubeschwören. Diese Krise muss sofort lokalisiert und abgeriegelt werden: der autoritäre Kurs Pilets ist fallreif geworden.»
Markus Feldmann, der zwei Tage zuvor von Bundesrat Minger streng vertraulich erfahren hat, dass dieser definitiv auf Ende Jahr zurücktreten wird, und der sich selber Chancen auf die Nachfolge ausrechnet, entwickelt jetzt eine fast frenetische Aktivität. Er telephoniert mit seinem Parteipräsidenten Reichling (BGB), dem Präsidenten der Vollmachtenkommission Nietlispach und mit Generalsekretär Steinemann von den Freisinnigen. Von Steinemann erhält Feldmann folgenden Bescheid: Man müsse in allen Parteisektionen den Widerstand organisieren. In seinen Kreisen sei man sehr besorgt, da man den Eindruck habe, die Affäre Pilet sei nur der Anfang einer Entwicklung. Pilet müsse demissionieren.
Während in den Redaktionen und Parteizentralen schon der Teufel los ist, würdigt der ahnungslose Festredner Pilet am Comptoir in Lausanne die «prächtige Entwicklung» der Messe – ein Erfolg «der Taten, nicht der Worte» – und preist «meine liebe und schöne kleine waadtländische Heimat». Er dürfe allerdings als Bundespräsident nicht parteiisch sein und deshalb seine Liebe «für seinen heimatlichen Boden und diejenigen, die ihn bewohnen», und von der «sein Herz überfliesse», nicht ausdrücken. Übrigens, meint er unter Anspielung auf das ironische Lied des Chansonnier Gilles, sei es ja bekannt: «Il n’y en a point comme nous.»
Die Worte, mit denen Pilet die Waadtländer Regierung lobt, verraten seine Ansichten über den Staat und das Regieren: «Sie ist gleichzeitig väterlich und fest, in direktem, engem Kontakt mit der Bevölkerung; aber nichtsdestoweniger sitzt sie im ‹Château›, was viel mehr ist als ein Symbol. Sie hat den Sinn, den Geschmack für Autorität. Sie lässt sich keine Beeinträchtigungen ihrer Macht gefallen. Richtigerweise stellt sie die Kompetenzen neben die Verantwortungen. Wenn sie – und wer würde dies nicht begrüssen – traditionalistisch bleibt, macht sie doch Jagd auf die Routine. Wenn es sein muss, zeigt sie sich als kühne Pionierin, die mit verhockten Gewohnheiten bricht. Weil waadtländisch, hat sie einen nicht lärmigen, aber hartnäckigen Willen.»
Pilet spricht von der «kapitalen Aufgabe» des Bundesrates: das Land in der Unabhängigkeit und der Freiheit zu bewahren. Unnötig darauf hinzuweisen, dass der Bundesrat alle seine Energie und seine Intelligenz diesem einen Ziel widme: «Die Dinge, die sich aufdrängen und sich nicht diskutieren lassen, verlieren [an Glaubwürdigkeit], wenn man sie ständig wiederholt.» In Anspielung an die laufende Diskussion über eine Erneuerung der Bundesverfassung bemerkt Pilet: «Die Institutionen? Die Institutionen, sage ich, sind sekundär. Ihr Wert hängt davon ab, welchen Gebrauch man von ihnen macht. Die unseren sind nicht so schlecht, wie einige behaupten. Oh, ich bin der letzte, der abstreitet, dass sie einige – was ich demagogische Degenerationen nennen würde – erlitten haben. Diese muss man resolut bekämpfen. Die schmerzliche Erfahrung anderer muss uns als Beispiel dienen. Aber, wenn unsere Institutionen mit Weisheit, ohne eine Vermischung der Gewalten, ohne Verzettelung der Kompetenzen und Verantwortungen – jeder an seinem Platz, um die ihm zugewiesene Aufgabe zu erfüllen –, ohne Vervielfachung der Instanzen praktiziert werden, sind sie im Prinzip gesund.»
Tags darauf, am 13. September, nimmt der Abhördienst des Armeestabs – Telephonamt Schaffhausen – folgendes Gespräch auf:
«Ja, Meier» – «Hier auch Meier, Salut! Kommst Du heute abend ein wenig früher? Es wird dramatisch werden. Die freisinnige Partei möchte, wahrscheinlich einstimmig, den Wurstsalat sprengen.»
Kryptische Worte, für Zeitgenossen jedoch leicht zu entschlüsseln. Als 1932 Lohnkürzungen für Beamte anstanden, erhoben Gewerkschaftsvertreter den Einwand, dass gerade die Bahn-angestellten wegen ihrer unregelmässigen Arbeitszeit gezwungen seien, oft auswärts zu essen. Die Antwort des Departementschefs Pilet: «Für den Preis von Fr. 1.70 oder 1.80 könnt ihr in unsern Bahnhofbuffets normale Mahlzeiten nehmen. Man wird euch keine ‹Ortolans› servieren, gewiss [Ortolans oder Fettammern sind eine in Frankreich geschätzte Delikatesse], aber ein Fleisch, ein Gemüse, etwas, um den Durst zu löschen, und ein kleines Dessert. Was wollt ihr mehr?»
Diese Aussage ist dann auch in der Form wiedergegeben worden – ob zu Recht oder zu Unrecht, ist nicht zu eruieren –, dass ein Eisenbähnler sich in der Kantine von einem «Cervelatsalat zu 60 Rappen» ernähren könne. Den Übernamen «Wurstsalat» hat Pilet-Golat nicht mehr ablegen können.
Am 13. September halten viele Politiker die Zeit für gekommen, den «Wurstsalat» zu sprengen.
In der nächsten Nummer: Brief einer Schülerin – «An den Galgen, Sie Halunke!» – Wer herausragt, wird geköpft – Abbruch der Beziehungen zu London? – Das Gute und Wichtige im 3. Reich – General Guisans Rat – «Herr, entlasse Deinen Knecht»













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