Film

Halleluja, Berry

In Amerika verursacht «Catwoman» Katzenallergie. An Halle Berry liegt’s nicht – sie ist wie immer bezaubernd wie nie.

Von Lars Jensen

Die Wahl war unentschieden ausgegangen, für ein paar Stunden wusste niemand, wer zur «Queen of the Proms» des Jahrgangs 1984 gekürt worden war: Halle Berry oder ihre Gegenkandidatin. An der Bedford High School, ein paar Autominuten von der Stadt Cleveland entfernt, breitete sich das Gerücht aus, Halle habe die Wahl manipuliert. Einigen Mitschülern waren ihre Erfolge längst auf die Nerven gegangen. Halle war die Chefredaktorin der Schülerzeitung, Mannschaftskapitänin der Cheerleaderinnen, eine der besten Schülerinnen – und nun noch «Queen of the Proms»? Das hübscheste, begehrenswerteste Mädchen des Jahrgangs? Als Schwarze an einer weissen Schule?

Halle Berry erzählte diese Geschichte nur einmal, im ersten grossen Interview ihrer Karriere 1994 mit dem Filmmagazin Premiere: «Sie behaupteten, ich hätte Wahlzettel mit meinem Namen in die Urne gestopft. Der Direktor entschied die Wahl dann per Los. Ich gewann, aber die anderen nahmen das Ergebnis nicht an. In dem Moment wurde mir klar: Keiner konnte mich kritisieren für meine Leistungen. Aber als Schönheitssymbol wollten sie mich nicht. Ich dachte immer, ich sei akzeptiert als Mensch. Aber plötzlich fühlte ich mich unerwünscht.»

Beim Prom-Dinner, wo Halle mit einer Krone auf dem Kopf erscheinen sollte, fehlte sie. «Ich war so wütend, ich wollte meine Mitschüler nie wieder sehen.» Ihre Mutter Judith baute sie auf: «Halle, du machst genau den Fehler, den sie von dir erwarten. Wenn du nicht zum Dinner gehst, gewinnen die anderen.» Also setzte sich Halle die Krone auf und erschien in der Aula, als die anderen aufgegessen hatten. «Ich lächelte, als sei ich glücklich. In Wahrheit fühlte ich mich nur elend.»

Gut 20 Jahre sind seither vergangen, aber das Erlebnis an der Highschool hat Berry geprägt. Damals zog sie die Lehre daraus: Was immer ich auch leiste, wo immer ich auch lebe, wem immer ich auch vertraue – für meine Hautfarbe werde ich mich rechtfertigen müssen. Ich werde mir ein paar Tricks einfallen lassen müssen, um ans Ziel zu gelangen.

Die Karriere, die Berry – am Samstag wurde sie 38 – seitdem gemacht hat, wäre bemerkenswert, selbst wenn ihre Haut weiss wäre. Aber Berrys Haut ist schwarz, und deswegen ist das, was sie erreicht hat, eine der grössten Sensationen in der Geschichte Hollywoods. Allerdings geht das in den Medien ein wenig unter, weil die meisten Berichte über Berry von ihrem sexsüchtigen Ex-Mann handeln oder von ihren wunderbaren Brüsten, die sie manchmal zeigt, oder von ihrer verzweifelten Suche nach einem Vater für ihre Kinder oder den Besuchen im Sexshop «Pleasure Chest» in Los Angeles.

Man tut so, als sei es ganz normal, dass eine schwarze Frau es in Hollywood zum Superstar geschafft hat. Berry spielt das Spiel mit: Sie hat gelernt, dass es ihrer Karriere nicht nützt, wenn sie ständig auf ihre Probleme als Farbige hinweist. Einer ihrer besten Tricks für die Selbstvermarktung: viel lustiges Zeug über ihr Liebesleben zu reden.

Hübsch, aber ...

Halle Berry gewann im Jahr 2002 als erste schwarze Frau den Oscar für die beste Hauptrolle in «Monster’s Ball», sie war das erste schwarze Revlon-Modell, und sie ist seit «Gothika» die erste Schwarze, die achtstellige Dollar-Summen pro Film verdient. Doch in diesem Sommer wurde Halle Berry die grösste Ehre zuteil, die in Hollywood zu erreichen ist: Sie spielt die Titelrolle in der Blockbuster-Action-Extravaganza «Catwoman». Warner Brothers hat 130 Millionen Dollar investiert in den Film. Auf dem Poster ist nur Berry zu sehen in einem engen Latex-Kostüm. Wenn ein Studio so viel Geld auf die Anziehungskraft eines Stars setzt, bedeutet das mehr als alle Auszeichnungen und Preise. Es bedeutet, dass die ausschliesslich weissen Financiers in Hollywood der farbigen Schauspielerin Halle Berry zutrauen, weltweit Menschen in die Kinos zu locken. So etwas gab es noch nie. Berry sagt: «Hoffentlich steht mir der Filmgott bei, und ich kann beweisen, dass eine Frau, noch dazu mit schwarzer Haut, eine Produktion dieser Art tragen kann.»

Ihr Gesicht strahlt immer so fröhlich, und ihr Körper sieht so prächtig aus, dass man glauben könnte, das Leben sei nett umgegangen mit Halle Berry. Doch das Gegenteil ist der Fall. Mit den Männern – vom Vater Jerome bis zum soeben geschiedenen Ehemann Eric Benet – hatte sie Pech. Im Beruf ist sie offenem Rassismus ausgesetzt. «Es ist noch nicht mal ein Jahr her», erzählte Berry vor kurzem der New York Times, «da sprach ich mit einem Produzenten. Er erklärte mir: ‹Halle, du bist ein hübsches Mädchen und zum Glück nicht mal richtig dunkelschwarz. Aber mit Schauspielern ist es wie mit Milch: Die ist weiss, und wenn man Kakaopulver dazugibt, wird sie braun. Da macht es keinen grossen Unterschied, ob man viel oder wenig Pulver hineinschüttet. Die Milch ist halt nicht mehr weiss.› Ich war sprachlos.»

Der Mann, den Berry «meine Geheimwaffe» nennt und den sie in solchen Situationen zu Hilfe holt, heisst Vincent Cirrincione. Er ist Berrys Agent, seit er ihr 1989 eine erste kleine Rolle in der Soap-Opera «Living Dolls» verschaffte. Cirrincione sagt: «Ich arbeite wahrscheinlich härter als jeder andere Agent in Hollywood, obwohl ich nur eine Klientin habe. Bislang gab es keine einzige Rolle, die Halle kampflos bekommen hat. Mal heisst es, sie sei zu hell, mal, zu dunkel, zu glamourös oder nicht glamourös genug. Der Oscar hat daran nichts geändert.» Berry ist davon überzeugt, dass ihr Erfolg ohne Cirrincione nicht möglich gewesen wäre. «Er ist wie eine Fliege, die man nicht erwischt und die sich immer wieder auf deine Nase setzt», schwärmt sie.

Oft hilft aber nicht mal der schmeissfliegenartige Einsatz von Mr. Cirrincione. Wenn die Rolle nicht ausdrücklich für eine Schwarze geschrieben wurde, bekommt eine schwarze Schauspielerin sie nicht. Das ist nach wie vor eine feste Regel in Hollywood. Bei «Speed» etwa, wo Sandra Bullock den Vorzug bekam, bei «Indecent Proposal» (Demi Moore), «Panic Room» (Jodie Foster), «Ocean’s Eleven» (Julia Roberts), «The Bourne Identity» (Franka Potente) war Berry in der engen Auswahl, doch dann hiess es: «Halle ist toll, aber wir wollen mit dem Film nicht zu schwarz werden», erzählt Cirrincione.

Einfacher ist seine Arbeit, wenn er Rollen auftut, die für eine Schwarze entworfen wurden. «Jungle Fever», «Boomerang» «Strictly Business», «X-Men», «Catwoman» – für diese raren Jobs hat Berry ja kaum Konkurrenz: Jada Pinkett-Smith, Angela Bassett, Vivica Fox oder Vanessa Williams. Es gibt kaum zehn schwarze Schauspielerinnen, die für Mainstream-Filme in Hollywood gecastet werden. Und dennoch: Selbst für Berrys Engagement in «Monster’s Ball» musste Cirrincione monatelang kämpfen. Der Film handelt von einer Mutter, die sich in einen Henker verliebt. Sie weiss nicht, dass der auch ihren Mann hingerichtet hat. Das Studio und der Schweizer Regisseur Marc Forster glaubten, Berry sei zu lieblich für ein solches Drama. Cirrincione bekniete die Produzenten und argumentierte: «Halle hat selber so viel durchgemacht, dass sie alle Dramen des Lebens kennt. Ihr glaubt vielleicht, sie sei zu hübsch, aber ist es nicht umso dramatischer, wenn eine hübsche Frau heult?» Auf der Oscar-Verleihung sprach Berry: «Dieser Moment ist so viel grösser als ich selbst. Diesen Sieg widme ich Dorothy Dandridge, Lena Horne und all meinen Kolleginnen: Jada, Angela, Vivica und den namenlosen farbigen Schauspielerinnen, die uns hoffentlich folgen werden.» Ein bisschen zu kitschig, aber als sie da schluchzte und zitterte, konnte man spüren, dass sie es ernst meinte.

Das Leben vor ihrer Schauspielkarriere diente Halle Berry als Vorbereitung auf die Härten des Berufs. Sie ist die Tochter einer weissen Krankenschwester aus Liverpool und eines afroamerikanischen Hausmeisters.

Zunächst lebte die Familie in einem kleinen Städtchen in Ohio. Der Vater verprügelte die Mutter fast täglich, und wenn sich Halles ältere Schwester Heidi einmischte, drosch er auch auf sie ein. Halle lief dann immer weg und versteckte sich. «Das sind meine ersten Kindheitserinnerungen. Dieses Geschrei, und ich mittendrin. Ständig hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich glaubte, Mutter und Schwester helfen zu müssen.» Der Vater verschwand, als Halle fünf war, die Mutter zog mit den Kindern in einen weissen Vorort von Cleveland.

Doch Halle hatte zu viel von dem Familienterror mitbekommen. In der Überzeugung aufgewachsen, Mutter und Schwester im Stich gelassen zu haben, hatte sie bloss noch einen Wunsch: Sie wollte von allen in ihrer Umgebung geliebt werden, es jedem recht machen. «Ich war ein typischer Streber in der Schule. Es gab nichts, wo ich mich nicht eingemischt hätte, um die Beste zu sein. Gleichzeitig habe ich allen geholfen, damit sie mich liebten.» Sie wurde so sehr geliebt, dass die Schwester aus Eifersucht nicht mehr mit ihr redete – bis heute haben die beiden kaum Kontakt. Den Vater sah Berry einmal kurz im Alter von 22 Jahren wieder. Als er 2003 starb, ging sie nicht zu seiner Beerdigung.

Entweder Mammy oder Sexbombe

Nachdem sie Cleveland fluchtartig Richtung Chicago verlassen hatte, machte Halle Berry die ersten bedrückenden Erfahrungen mit der Liebe. Vergangene Woche sagte sie in einem Interview: «Ich hasse es, so etwas zu sagen, aber ich bin bedient von den Männern. Nun suche ich einen, der mir ein Kind macht und dann wieder verschwindet.» Eine Spätfolge der Kindheit, sagt ihre Therapeutin. Berry suche nach einer Vaterfigur. Sie denke viel zu wenig an ihre eigenen Bedürfnisse – so erklärt Berry sich ihre miserable Bilanz.

Für die Journalisten sind Berrys private Katastrophen ein Fest. Sie hatte einen Freund, der sie mit der Faust schlug, so dass ihr rechtes Ohr zu achtzig Prozent taub ist. Den Namen des Kerls verriet Berry nie, aber man munkelt, nur Wesley Snipes, ihr Partner aus «Jungle Fever», komme in Frage. Die erste Ehe mit dem Baseballstar David Justice (1992–1996) endete genauso traumatisch wie die aktuelle mit dem Jazzmusiker Eric Benet. Die Männer seien dauernd fremdgegangen, heisst es.

1986 in Chicago unternahm Berry ihre ersten Schritte ins Showbusiness. Sie hatte eine Reihe von Miss-Wahlen gewonnen und es bis zum zweiten Platz bei der Miss USA gebracht. «Danach verfiel ich in eine typische Après-Miss-Wahl-Depression. Du bist eine Königin für ein paar Wochen, dann verlierst du und bist wieder ein Niemand. Noch dazu in einer fremden Stadt ohne Geld. Ich verrate lieber nicht, wie ich überlebt habe.» Sie ass so viel billiges Fastfood, dass sie eines Tages zusammenbrach. Die stellten Ärzte fest, dass Berry an Diabetes leidet.

1989 geriet Cirrincione in den Besitz eines Tapes mit Bildern von Berry. Er bestellte sie zum Casting nach New York, wo sie sich gleich eine Wohnung nahm. 1991 machte der Agent Berry mit dem Regisseur Spike Lee bekannt, der gerade seinen ersten Kinofilm, «Jungle Fever», plante. Lee erinnert sich: «Halle sollte eigentlich meine Ehefrau spielen. Doch sie sah beim Casting so zerzaust und durcheinander aus, dass ich sie als Vivien, die Zwei-Dollar-Crack-Hure, besetzte. Halle duschte zehn Tage lang nicht, bevor der Dreh begann. Das war die beste Arbeit, die sie je abgeliefert hat.»

Der erste Auftritt bescherte Berry gleich so viel Anerkennung, dass sie für die nächsten Jahre beschäftigt war. 1994 spielte sie in «Die Feuersteins» erstmals eine Rolle, die für eine weisse Schauspielerin geschrieben worden war. Sharon Stone hatte kurzfristig abgesagt, und nun war Berry als Sharon Stone zu sehen. Der Regisseur Brian Levant sagte: «In der Steinzeit gab es keine Rassenunterschiede.»

Der endgültige Durchbruch von Halle Berry ereignete sich schliesslich 1998. Erst war sie in Warren Beattys «Bulworth» die Geliebte eines lebensmüden Präsidentschaftskandidaten. Dann produzierte und spielte sie «Dorothy Dandridge», die Fernseh-Biografie ihrer ewigen Heldin. Dandridge war als Sängerin und Schauspielerin in den fünfziger und sechziger Jahren durchs Land gereist. Wegen ihrer Hautfarbe durfte sie nicht in den Hotels übernachten, in denen sie auftrat. Dandridges mysteriöser Tod im Jahre 1966 durch eine Überdosis Heroin machte sie zu einer Märtyrerin der Bürgerrechtsbewegung. Halle Berry war so überzeugend, dass sie den Golden Globe und den Emmy gewann – seitdem wird sie als Schauspielerin ernst genommen.

Um sich in Hollywood durchzusetzen, entwickelte Halle Berry einige Tricks. Einer davon lautet: alle zwei Jahre die Brüste herausholen. Nicht öfter und nicht seltener. 2000 in «Swordfish», 2002 in «Monster’s Ball» und demnächst in Sidney Lumets Boxerfilm «The Get-Up» sind sie zu sehen. Todd Boyd, Professor für Soziologie an der California School of Cinema, hat das Phänomen analysiert: «Berrys Popularität gründet vor allem in der sexuellen Komponente ihrer Auftritte. Sie entspricht immer mehr dem Stereotyp der schwarzen Frau in Hollywood: entweder Mammy oder Sexobjekt. Das ist schade, weil es von ihren ausserordentlichen Fähigkeiten ablenkt.» Ein anderes Werkzeug sind ihre Freundschaften mit mächtigen weissen Männern in der Branche. Warren Beatty, der Produzent Joel Silver, die Studiobosse Harvey Weinstein und Michael Eisner gehören zu ihren Freunden, die auf einer Hollywoodparty gerne ein gutes Wort für sie einlegen.

Hollywoods Rache

Doch selbst die besten Verbindungen bewahren Berry nicht vor Missgunst. Als sie den Oscar gewann, griffen sie weisse Frauenrechtlerinnen und schwarze Bürgerrechtlerinnen an: Die heftige Sexszene zwischen ihr und Billy Bob Thornton sei ein Affront gegen die moderne schwarze Frau. Ein dämlicher Vorwurf. Mussten sich etwa Hilary Swank, Jessica Lange oder Glenn Close für die Sexszenen in ihren Oscar-Filmen entschuldigen? Oder die Geschichte mit dem Verkehrsunfall: Berry hatte 2001 eine junge Frau angefahren, sich selber schwer am Kopf verletzt. Zu Hause angekommen, rief sie sofort die Polizei an. Berry wurde wegen Fahrerflucht zu 14000 Dollar Strafe verurteilt – und in Hollywood für einige Monate von allen Gästelisten gestrichen. Kaum wahrscheinlich, dass es Julia Roberts oder Gwyneth Paltrow gleich ergangen wäre.

Nun soll Halle Berry also mit «Catwoman» 130 Millionen Dollar Produktionskosten einspielen. Ein schwieriges Unterfangen. Wer den Film gesehen hat, wird den Verdacht nicht los, dass dieses Projekt die Rache Hollywoods an der erfolgreichsten schwarzen Schauspielerin aller Zeiten ist. Man fragt sich: Wie konnte das passieren? Warum hat diese Katastrophe niemand verhindert? Halle Berry, im Katzengang, kämpft gegen ihre Feindin Sharon Stone, die eine Schönheitscreme mit tödlichen Spätfolgen auf den Markt bringen will. Catwoman will das verhindern und ausserdem ihren eigenen Tod rächen (Genaueres muss man nicht wissen). Ständig miaut Berry und macht Zischgeräusche. An die Latexhose klatscht ihre Peitsche. Trotz der gewagten Aufmachung strahlt Catwomans Affäre mit einem Polizeibeamten so viel Sex aus wie die Ehe Honecker – was an Benjamin Bratt liegt, der den Polizisten spielt.

In Amerika ist «Catwoman» dramatisch gefloppt. Die New York Times hat spekuliert, ob dieses Desaster Berrys Image und die Chancen aller schwarzen Darstellerinnen auf grosse Rollen beschädigt hat. Berry scheint etwas geahnt zu haben. Ihre nächsten drei Projekte sind kleine Kunstfilme, die sie selber finanziert und produziert. Sie handeln – in dieser Reihenfolge – von einer Frau, die unter den Erinnerungen an ihre Kindheit leidet; von einer Frau, die unter Persönlichkeitsstörungen leidet; von einer Frau, die unter brutalen Männern leidet.

Catwoman
Regie: Jean-Cristophe Comar

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|

weitere Ausgaben