Noch ist es verfrüht, von einer Krise zu sprechen. Die Proteste der SVP nach irgendeinem Behörden-Entscheid treffen nach wie vor zuverlässig und mit gewohnter Schärfe ein, und noch immer soll es Leute geben, die sich darüber aufregen, wenn die Partei als eine der einzigen in der Schweiz auf Opposition macht. Doch die Formschwäche, das stille Leiden am Triumph sind unübersehbar: Die SVP lahmt. Wo früher Geschlossenheit auffiel, herrscht heute schon fast Pluralismus. Zwar ist das so überaus bewährte Bestreben, mit geschmacklosen Plakaten zu provozieren, gelegentlich noch zu beobachten. Aber jetzt distanziert sich sogar der Parteipräsident der SVP Schweiz davon, wenn die Zürcher Kantonalpartei die Berner mit einem Plakat als faul denunzieren will – vor einem Jahr ein undenkbares Ereignis.
Dass unter solchen Umständen routinierte Abweichler wie der Aargauer Nationalrat Ulrich Siegrist, der seit Jahren nur aus Versehen der Parteiparole folgt, plötzlich hart angefasst werden sollen, ist auch nicht ein Zeichen der Selbstsicherheit, sondern hat schon fast etwas verzweifelt Forsches. Woran liegt es? Natürlich fehlt Christoph Blocher – was nicht weiter überrascht, denn so schnell kann keine Partei ein politisches Jahrhunderttalent ersetzen. Mehr erstaunt, wie schlecht es um seine Nachfolge bestellt ist. Keiner der heutigen Exponenten der SVP hat sich bisher auf die freie Bühne gedrängt, keinem gelingt es, die Gegensätze zu überbrücken, die schon immer die Partei durchzogen. So dass es zurzeit den Anschein macht, als zerfiele die SVP erneut in ihre Bestandteile: in eine gemütliche Runde von Etatisten und Konservativen – und eine kleine Minderheit von zackigen Liberalen. Lesen Sie dazu die Analysen von Markus Schär und Urs Paul Engeler «SVP: Ohne Kopf durch die Wand».
Gore Vidal, Grand Old Man der amerikanischen Literatur, empfing unseren Italien-Korrespondenten Walter De Gregorio in Ravello an der amalfitanischen Küste. Hollywood hätte kein passenderes Set erfinden können: ein Haus, hingehängt an eine Felswand, hoch über dem Meer; ein tiefblaues Schwimmbecken mit blendend aussehendem Poolboy; Palmen und Zitronenbäume, Zypressen und Akazien. Schliesslich der Maestro, unrasiert, ein Whiskeyglas in der Hand, um vier Uhr nachmittags. Das Gespräch dehnte sich aus bis weit in die Nacht. Später, auf der Piazza in Ravello, zog eine Prozession von Leuten an seinem Tisch vorüber. «Gore, was meinst du dazu?» «Gore, was hältst du davon?» Was Amerikas nobler Provocateur der Weltwoche zu Bush, Berlusconi und Zusammenleben ohne Sex antwortete, lesen Sie Artikel zum Thema «Interview: Gore Vidal, herausragendes Multitalent unter den US-Literaten».
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