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18.08.2004, Ausgabe 34/04

Literatur

Der Vogel

Linke und Nette stilisierten ihn zu ihrem Helden – und waren seine Opfer: die Biografie des Verbrechers Walter Stürm.

Von Marianne Fehr

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Das war keine leichte Arbeit: dem 1999 durch Selbstmord aus dem Leben gegangenen Walter Stürm hinterherzurecherchieren. Das Umfeld eines Mannes, der sich zeit seines Erwachsenenlebens von Einbrüchen ernährt und so den Titel «Schweizer Ein- und Ausbrecherkönig» erworben hat, ist nicht unbedingt das auskunftsfreudigste. Verständlicherweise halten Weggefährten mit dem hinter dem Berg, was sie selbst belasten oder in ein schiefes Licht rücken könnte. Reto Kohler hat aus ihnen so viel herausgeholt, wie ihm möglich war. Und da waren Riesenberge von Papier zu sichten: Akten, Zeitungsartikel und die unzähligen Eingaben und Beschwerden, für die Stürm berühmt war.

Reto Kohler, der Stürm nicht persönlich kannte, hat grosse Arbeit geleistet: einerseits in der akribischen Aufarbeitung des Materials, das auch die Zeit der Kämpfe gegen die Zustände in den Gefängnissen mit all ihren Irrungen und Wirrungen betrifft, und andrerseits in der Vernichtung der Person Stürms. «Geblieben ist am Schluss ein tiefes Unverständnis für sein mangelndes Mitgefühl Opfern und Freunden gegenüber», schreibt der Autor im Nachwort.

Stürm neigte durchaus zu Gewalt

Kohler geht dabei von einer falschen Prämisse aus. Er sieht Stürm als Helden, von seinen Mitstreitern in den diversen Aktionen für einen humaneren Strafvollzug bewundert, während Stürm sie für seine Zwecke schamlos ausnutzte. Doch Leute, die mit Stürm in der einen oder anderen Weise zu tun hatten, wussten natürlich, dass auch Stürm das war, was man damals einen «Vogel» nannte, der nach eigenen Gesetzen funktioniert: weder linken noch rechten Ideologien zuzuordnen, geprägt vom unsteten Leben zwischen Illegalität und Gefängnis, mit dem Hauptziel zu überleben – mit allen Mitteln. Im Falle Stürms ein möglichst komfortables Überleben mit schnellen Autos und Luxus in Saus und Braus, auch wenn er selber kein genussfähiger Mensch war.

Doch der Gebrauch war gegenseitig: Die Knastbewegungen nahmen die heute weitverbreitete Personalisierung eines Problems auf ein präsentables Aushängeschild quasi vorweg. Stürm brachte die besten Voraussetzungen mit, um auch bei staatsverdrossenen Bürgern Sympathien zu wecken: Er war clever, witzig, frech, wortgewandt, zudem Schweizer, hatte bei seinen Einbrüchen noch nie jemanden getötet (obwohl er, wie Kohler nachweist, durchaus zu Gewalt neigte). Die geeignete Figur also, um an und mit ihr die eklatanten Missstände im damaligen Strafvollzug aufzuzeigen. Stürm seinerseits fand in dieser linken Szene Helfer, die ihm bei seinen zahllosen Fluchten mit Leitern und Unterkünften assistierten. Ein Deal, bei dem alle Beteiligten profitierten.

Auch die Tragik von Stürms «Leben als Refrain», wie Kohler schreibt, blieb seinem Umfeld nicht verborgen. Als sich die Linken anderen Themen zugewandt hatten, interessierten Stürms Ein- und Ausbrüche, die wegen langer Haftstrafen immer seltener wurden, keinen mehr. Er selber fand keinen Ausweg aus seinem gewohnten Reigen.

Fertigkeit im Aufschweissen von Tresoren

Mit einiger Verzweiflung stellt Reto Kohler Deutungsversuche an und kommt zu keinem Schluss: «Weshalb nur beharrte er so stur auf seinem Kurs? Über die wahren Gründe dieses Stillstands könnte man lange psychologisieren. Man könnte der Mutter die Schuld geben, oder dem Vater, oder dem materiellen Hintergrund der Familie. Und bei jedem Erklärungsansatz würde man feststellen, dass der gegenteilige Zugang ebenfalls zutrifft. [...] Einen Schuldigen für die Tragödie des Walter Stürm wird man nie überführen können. Die Gründe seines Scheiterns sind glitschiger als eine frische Forelle.» Vielleicht weil die Antwort so einfach ist? Stürm machte dasselbe wie ein braver Tischler, der den eigenen Fertigkeiten vertraut und bis zur Pensionierung Tische baut. Stürms Fertigkeiten lagen im Autoklauen, Aufschweissen von Tresoren, Sichdurchmischeln als Häftling oder meistgesuchter Flüchtiger.

«Stürm. Das Gesicht des Ausbrecherkönigs» ist dennoch ein lesenswertes Buch, vor allem für diejenigen, die Stürm und Kohlers Auskunftspersonen (mit all ihren Auslassungen) ein bisschen kannten. Was fehlt, ist der moralinfreie, gelassene, mitunter humorvolle Blick auf diesen ungewöhnlichen Zeitgenossen, der in allzu verbiesterten Politzeiten oft für Erheiterung, Überraschungen und etwas Abenteurertum gesorgt hat.

Reto Kohler: Stürm. Das Gesicht des Ausbrecherkönigs.
Zytglogge. 320 S., Fr. 36.–

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 34/04
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