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04.08.2004, Ausgabe 32/04

«Don Juan» von Peter Handke

Zehn Gründe, Peter Handke zu mögen

Mit «Don Juan» legt der streitbare Österreicher leichtere Kost als auch schon vor. Anlass genug, für ihn eine Lanze zu brechen.

Von Christian Seiler

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Eben ist Peter Handkes neuer Roman «Don Juan (erzählt von ihm selbst)» erschienen. Das Buch ist, gemessen an seinem ziegelsteinschweren Vorgänger «Der Bildverlust», federleicht, und das gilt für die Abmessungen (nur 160 mit grossen Buchstaben bedruckte Seiten) genauso wie für den Inhalt (ein märchenhaftes Sentimentalo-Roadmovie durch die Aussen- und Innenwelten jenes Manns, dem jede Frau verfallen muss).

Nun ist ein neuer Handke keine x-beliebige Neuerscheinung, auch wenn es sich bei «Don Juan» mit Gewissheit nicht um ein zu verklärendes Zentralwerk des im Pariser Vorort Chaville-Vélizy lebenden Kärntners handelt. Aber Handke ist ein literarischer Katalysator. Er setzt Reaktionen in Gang. Seine Bücher sind niemandem egal. Sie werden nachgebetet oder mit Spott übergossen. Vor allem die Freunde des realistischen Romans lassen seit vielen Jahren kein gutes Haar an dem Mann mit der ergrauenden Bohémienfrisur, der sie mit immer langsameren Sätzen immer schneller auf die Palme bringt.

Die Weltwoche bekennt daher Farbe. Hier sind zehn Gründe, Peter Handke zu mögen.

1. Ohne Handke wäre der Literaturbetrieb weniger lustig.

Zwar tut Peter Handke, Suhrkamp-Autor der ersten Stunde, stets so, als wäre ihm der Literaturbetrieb schnurzegal. Dabei bedient ihn kein lebender Autor besser als er. Egal, ob sein Verlag ein im Fertigwerden begriffenes Handke-Manuskript (Bleistift auf Büttenpapier) auf Samt unter einem Glassturz präsentiert (Frankfurter Buchmesse) oder sich im Auftrag des Autors weigert, Druckfahnen oder auch nur Rezensionsexemplare zu verschicken, bevor das Buch in den Handel kommt, stets liefert Handke ausserliterarische Verpackungen zu seinen literarischen Inhalten. Stets musste der im Vorjahr verstorbene Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld nach Paris reisen, um die Handschrift des neuen Handke-Werks persönlich entgegenzunehmen; wie es seine Nachfolgerin damit hält, hat sich noch nicht herumgesprochen.

Dass sich Handke darüber hinaus weigert, Interviews zu geben, und bei seltener Gelegenheit seinen Gesprächspartnern brüsk übers Maul fährt, trägt zur Unterhaltung bei. Einen Journalisten, der Handkes Engagement für das serbische Volk («Gerechtigkeit für Serbien») in Frage stellte, beschimpfte Handke von der Bühne eines Theaters als «Arschloch», und er drohte ihm an, ihn eigenhändig aus dem Haus zu werfen. Wer ist zu solchen Kraftausbrüchen überhaupt fähig? Wer hat das Zeug, der literarischen Dörrzwetschgen-Branche regelmässig Emotionen abzutrotzen? Handke, und links und rechts ist niemand zu sehen. Der Grund:

2. An Handke scheiden sich die Geister immer noch programmatisch.

Komisch. Kein Mensch regt sich darüber auf, dass Durs Grünbein einen verschwurbelten Gedichtband nach dem anderen produziert, und die Hervorbringungen der Nachkriegstitanen Siegfried Lenz und Günter Grass sind uns maximal höflich camouflierte Langeweile wert. Aber Handke trifft einen Ton, der den literarischen Grundsatz-Resonanzkörper in Schwingung versetzt. Handke schreibt hehre Literatur, Literatur-Literatur, wenn man so will, E-Literatur. Er verweigert jede Konzession an das Modische, an das Jetzt überhaupt. Seine Literatur zielt auf klassische Unsterblichkeit, und Handke selbst hat gar kein Problem damit, seinen Namen mit jenem Goethes in einem Atemzug zu nennen. Dieser anmassende Anachronismus macht Handkes Literatur zur Chiffre für Gegenwartsverweigerung, für arrogantes Einzelgängertum, für geistiges Exil. Handke abzulehnen, ist erstens einfach und kommt zweitens einem Bekenntnis zur lebenshaltigen, gesellschaftsabbildenden Gegenwartsliteratur gleich. Wer spielte diese Karte nicht dann und wann gern aus? Wobei:

3. Das neue Buch ist alles andere als schlecht.

Eines Tages hüpft Don Juan über die Gartenmauer in dieses Buch. Er ist auf der Flucht, und er sucht ein Gegenüber, dem er seine Geschichte erzählen kann. Dieses Gegenüber ist der Erzähler, ein vereinsamender Koch in einem Gasthaus auf der westlichen Ile-de-France. In dessen verwilderndem Garten hocken die beiden nun eine Woche lang zusammen, und Don Juan, der allegorische Verführer und Frauenheld, erzählt von der Reise, die ihn eine Woche lang von Georgien nach Damaskus, von Damaskus in die spanische Enklave Ceüta in Nordafrika, von dort nach Holland und weiter nach Norwegen geführt hat, begleitet von einem stummen Diener nach dem Vorbild des Leporello in Mozarts «Don Giovanni». Don Juan erzählt von den Frauen, die er traf; von den Kräften, die er auf sie ausübte; von den Energiefeldern des Einander-Treffens und Sich-Trennens. Er legt auch das Motiv seiner Sehnsucht offen: die tiefe Traurigkeit über den Verlust seines Kindes. Am Schluss des Buches tauchen nämliche Frauen allesamt auf und umstellen den Garten. Wie Don Juan diesen Kreis sprengt, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.

Natürlich ist «Don Juan» eine weitere Lektion unerbittlicher Sprachmächtigkeit, kreischender Manierismen und poetologischer Abschweifungen (so liefert Handke mit der Stimme des Erzählers das sehnsuchtsvolle Programm, das Ich aus der Literatur wegzuredigieren und den Klang der Erzählung zukunftssicher zu machen, gleich mit). Aber im Gegensatz zum «Bildverlust», wo eine Wanderung durch die Wüste der Sierra de Gredos gnadenlos ausgewalzt und durchpathetisiert wurde, gelingen bei «Don Juan» zahlreiche seelenvolle, anrührende Momente – vielleicht, weil Handke nicht mehr wollte als das.

4. Handke geniert sich kein bisschen, lächerliche Sätze zu schreiben.

Nicht nur das. Er schreibt auch viele lächerliche Sätze («An diesem Montag zum Beispiel rückte ihm der Montag gerade vor einer Woche in das Gedächtnis, und zwar so unvergleichlich scharf und dabei so selbstverständlich und sachte, wie das bei dem vergangenen Dienstag oder, sagen wir, dem Montag vor einem Monat kaum je der Fall sein konnte, und so weiter im Zurückdenken...»), aber die verbraucht er auf dem Experimentiergelände der Sehnsuchtserzählung, um sentimentale Zentralsätze landen zu können.

5. Niemand schreibt so gelungene Sentimentalitäten wie Handke.

«Don Juan war ein Verwaister, und das nicht in irgendeiner übertragenen Bedeutung. Er hatte vor Jahren den ihm nächs-ten Menschen verloren, und das war nicht sein Vater oder seine Mutter, sondern, so kam es mir zumindest vor, sein Kind, sein einziges. Auch durch den Tod des Kindes konnte man also zum Waisen werden, und wie. Oder war ihm vielleicht seine Frau, die einzig geliebte, gestorben?»

Gewiss, man muss den Klang der Worte ertragen, das Pathos, das Biblische, das Salbungsvolle. Aber im Gegensatz zu den umfangreichen Handke-Büchern der letzten zehn Jahre («Mein Jahr in der Niemandsbucht», «Der Bildverlust») berauscht sich Handke in seinem neuen Werk nicht selbst bis zur Narkose am Sound der eigenen Erzählung. Er geht den Gefühlen seiner Hauptfigur mit Handkeschen Mitteln auf den Grund. Dieses Programm lag auch seinen frühen, grandiosen Büchern zugrunde, bevor Handke beschlossen hatte, sich aus ästhetischen Klangworten den Elfenbeinturm einer solitären deutschen Ewigkeitsliteratur zu errichten.

6.Und immerhin ist Handke der Autor von «Wunschloses Unglück».

Das Buch über den Tod seiner Mutter (erschienen 1972) ist noch immer das eindringlichste aus der reichhaltigen Produktion des mittlerweile 61-Jährigen. Es legte den Grundstein zu Handkes literarischem Ruf, während dieser, siehe Punkt 1, damit beschäftigt war, am Bühnenrand der Literatur ein bisschen Krach zu machen.

7.Handke ist jederzeit gut für einen Skandal.

Der Skandal hat in Handkes Vita Tradition. Schon als 24-Jähriger benützte Handke eine Tagung der «Gruppe 47» in Princeton, um den Granden der Nachkriegsliteratur die Leviten zu lesen. Namentlich Günter Grass und Martin Walser warf er «Beschreibungsimpotenz» vor, qualifizierte ihre Bücher als «dumm», «läppisch» und «völlig öd». Mit seinem Stück «Publikumsbeschimpfung» sorgte er noch vor den grossen Burgtheater-Auskotzungen des Thomas Bernhard für Schauer im Publikum, gleichzeitig bediente er das österreichische Nationaltheater mit griffigen, wirkungsvollen Sprüchen: «Das Fette, an dem ich würge: Österreich» («Das Gewicht der Welt»).

Von Bernhard distanzierte sich Handke später, von der Rolle des Enfant terrible trennte er sich freilich nie. Sein Engagement für die serbische Sache rückte ihn zuletzt ins Zentrum eines wilden Streits um den Wert lyrischer Beobachtungen im politischen Umfeld. Diesen Streit focht Handke unerbittlich. Die Konsequenz seines Kampfes gegen den politischen Mainstream war eindrucksvoll (wenn auch seine Argumente nicht haltbar waren). Handke stieg zum serbischen Nationalhelden auf. Der an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag ausgelieferte Ex-Diktator Slobodan Milosevic lud Handke als einen von 1600 Zeugen der Verteidigung. Handke liess verlauten, er überlege, ob er der Vorladung Folge leisten wolle. Zu sagen habe er einiges.

8. Handkes Konsequenz ist verführerisch.

Wer Handke persönlich traf, lernte einen um seine Gesundheit besorgten, nach innen gekehrten Mann genauso kennen wie einen pointensicheren, strahlenden Unterhalter am Mittagstisch. Handkes Freude am Film, am Kriminalroman, an der Unterhaltung schlechthin ist dokumentiert. Das Bild des dunkel gekleideten, allein spazierenden Dichters, das er selbst gern in Umlauf bringt, entspricht Handke nur zu einem kleinen Teil.

Der Spass hört auf, wenn sein schriftstellerisches Konzept auf dem Prüfstand steht (das im Übrigen auch Handkes politischen Wertungen zugrunde liegt): «...was weiss man», fragt Handke am Beginn seines Textes «Gerechtigkeit für Serbien», «wo man vor lauter Vernetzung und Online nur Wissenbesitz hat, ohne jenes tatsächliche Wissen, welches allein durch Lernen, Schauen und Lernen, entstehen kann? Was weiss der, der statt der Sache einzig deren Bild zu Gesicht bekommt oder, wie in den Fernsehnachrichten, ein Kürzel von einem Bild, oder wie in der Netzwelt, ein Kürzel von einem Kürzel?»

Die Forschungsreisen Handkes durch das ehemalige Kriegsgebiet brachten keine neuen Fakten ans Tageslicht, dafür eine Vielzahl genauer, eindrucksvoller Alltagsbeobachtungen, denen ein völlig anderes Betrachtungstempo zugrunde lag als jenen der durchs Land streifenden Kriegsreporter. Die Gerechtigkeit, die Handke darauf für ein kriegführendes Land forderte, war allerdings eine von eigenen Gnaden. Die Furchtlosigkeit, mit der Handke seine Position vertrat, die Bereitschaft, heftige Prügel einzustecken, entsprang dem Eigensinn, den er in der jahrzehntelangen Arbeit gegen den literarischen Mainstream geschärft hatte, zum Beispiel so: «Ja, überliefert form-sehnsuchts-durchdrungen die heile Welt – das Hohnlachen darüber ist ohne Bewusstsein.»

9. Die Titel seiner Bücher macht ihm keiner nach, nicht einmal Zoë Jenny.

Vernachlässigen wir jedoch den Unterhaltungsaspekt nicht. Kaum ein Schriftsteller setzt bereits mit seinen Titeln so treffsicher Pointen wie Peter Handke. Der erste kabarettistische Buchtitel war natürlich «Der Chinese des Schmerzes» (vom Autor selbst ebenda so kommentiert: «Oho. So so. Hm. Na ja. Gut. Also dann.»). Dann nahm die Reise Richtung Innerlichkeit Fahrt auf («Die Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt?») und kam bei der unübertrefflichen Pathos-Raststation «In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus» an. Da müssen sich selbst Botho Strauss und Zoë Jenny noch ein bisschen anstrengen.

10. Wenn es diesen Peter Handke nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.

Nicht nötig. Das erledigte Peter Handke schon selbst.

Peter Handke: Don Juan (erzählt von ihm selbst).
Suhrkamp. 158 S., Fr. 30.60

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 32/04
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