Tagebuch

Alberto Venzago

Ein Fotoshooting, und gleich schwanger. Meine Traumfrau will mich nicht. Dafür hält mir Ruth Metzler die Hand.

Von Alberto Venzago

Liebeskummer. Fühle mich wie ein Teeny und habe eigentlich keine Zeit dafür. Mein Leben ist aus dem Gleis. Schon wieder.

A. aus M. will mich nicht. Seit sieben Monaten bin ich am Werben und Buhlen. Heute zum ersten Mal nach einer Woche Funkstille ein SMS: «Dein Goldhändchen...» Der Tag ist toll. Sie ist die Frau, die meine Träume besetzt. Und ideal, sie wohnt in Deutschland.

Wanderung mit Ruth Metzler. Titelgeschichte für die Schweizer Illustrierte. Habe vor zwanzig Jahren zum letzten Mal für das Blatt gearbeitet. Und jetzt mit Metzler. Sie hat mich nie berührt, auch ihre Politik nicht, aber jetzt ist ein Mensch vor mir, der ganz anders ist als der aus den Medien. Wir wandern stundenlang, im Appenzellerland. Es ist wunderschön. Herrliches Farbfilmwetter. Doch ich fotografiere schwarzweiss. Um Mitternacht fahren wir im Vollmond vom Oberalpsee auf der Ladebrücke eines Aebi-Transporters ins Tal. Es geht steil runter. Sie ergreift meine Hand, und lässt sie erst im Tal wieder los.

Ein SMS. Aber nicht aus M. Eine Freundin, die ich vor zwei Wochen mit ihrem Freund nackt im Bett fotografiert hatte, schreibt «YES», sie sei schwanger, damals beim Shooting sei es passiert. Die Macht der Kamera. Voyeur oder Anstifter? Schlafe unruhig. Denke an A. Und bin etwas neidisch auf das schwangere Paar. Nicht auf die Schwangerschaft, aber auf die Bettszene.

Donnerstag früh: Ein Telefonanruf. Mein Bruder aus dem Spital in Heidelberg. Hornhautablösung. «Werde ich blind?», fragt er. Ich versuche ihn zu beruhigen. Gleichzeitig arbeitet aber meine Fantasie: Was wäre, wenn ich nicht mehr sehen könnte? Wäre das ein Verlust oder ein Gewinn?

Schreibe schon das fünfte SMS nach München an meine Liebeskummerbeziehung. Versuche witzig zu sein, doch das geht völlig daneben. Nach drei Stunden Warten auf eine Antwort gebe ich es auf. Tiefschlaf. REM-Phase, die Träume kommen.

Freitagmittag. H. ruft an, ob ich was vorhätte heute Abend, sie arbeite bis 22 Uhr. Eigentlich bin ich todmüde und erledigt. Gestern Nacht komatös eingeschlafen, heute Morgen in den Kleidern aufgewacht. Das wäre ja ein Zeichen genug. Doch nun bin ich wieder wach. Klar, werde ihr ein Bad einlassen und sie verwöhnen. Und nein, mein Herz ist besetzt. «Jetzt kennen wir uns schon seit sieben Jahren, und ich hab so oft bei dir übernachtet», meint sie später, «und nie hast du mit mir geschlafen.» Ich weiss, ich weiss. Aber sie ist nicht Miss Right.

Jetzt liegt sie neben mir. Ich höre ihren Atem. Sie riecht gut. Der Mond verwandelt sie in eine Fee im vitriolblauen Licht. Habe ich einen Fehler gemacht, hätte ich diese tolle Freundschaft ändern sollen? Ist sie vielleicht doch die Richtige? Als ob sie mich im Schlaf hören würde, streckt sie die Hand nach mir aus.

Wieder kein SMS aus München. Siehe oben. Kompensieren?

Samstag. Züri Fäscht. Auf dem Riesenrad mit J. aus Tschechien. Verena und Werner Stauffacher laden ein, im Namen des Kooperationsrates Schweiz – Russland. Wirtschaftskapitäne und Politiker. Das Riesenrad. Alles dreht sich. Der schönste Ort für Liebende. Oben, während des Feuerwerks, umarmt mich J. und küsst mich auf den Mund. Sie flüstert mir etwas ins Ohr. Zweifel kommen hoch. Könnte sie die Frau meines Lebens sein? Sie ist grossartig. Später verwandelt der Mond sie in eine wunderbare Nymphe. Sie ist so weiblich. Und so schön. Und reagiert so normal.

Ein SMS: Meine Liebeskummerbeziehung. Ein Zeichen. Hat sie im fernen München was gespürt?

Sonntag: Meine Mutter feiert ihren 90. Geburtstag. Kutschenfahrt durchs Zugerland bei herrlichem Sommerwetter mit Familienfreunden. Zeitreise heimwärts nach Zug. Mario, mein Bruder, eben aus dem Uni-Spital Heidelberg geflüchtet («Dort halte ich es nicht noch eine weitere Sekunde aus, da wirst du ja krank und depressiv»), trägt eine schwarze Brille, die von seinem Kopf nur noch die Nase frei lässt. Eine Art Aquarium. Überheino. Ich sitze hinter dem Kutscher und starre auf mein Handy. Immer noch kein SMS aus M. Ich sinniere über die Frau des Lebens. Vielleicht ist eh alles nur ein Trugschluss, es gibt die ideale Beziehung gar nicht. Was wäre, wenn tatsächlich die Frau, die mir gegenüber sitzt und mich schelmisch anlacht, die einzig wahre ist? Mama?

Dienstag. Fototermin bei Bundesrat Moritz Leuenberger. Dank GPS stressfrei durch Berns Innenstadt gelotst. Und dann ein Wink vom Himmel: Ein einziger Parkplatz direkt vor seinem Departement ist frei.

Ich begrüsse ihn per du. Uff, ein Fauxpas? Ich verstehe nichts von Etikette. Du, Herr Bundesrat, Du Bundesrat, oder eben doch einfach Moritz? Kenne ihn doch noch aus den alten Zürcher Tagen. Das Bild ist für ein Buch: Zehn Jahre Tele Züri. Hugo Bigi, der das Interview führt, versucht Leuenberger zwischen der Schawinski-Periode und dem Heute einige Bonmots zu entlocken. Doch Moritz ist in guter Kämpferlaune und sehr relaxed. Nach dem Gespräch möchte ich ihn auf dem Tisch stehend porträtieren. Er reagiert überrascht und lehnt lachend ab. «Aber Reagan hat es damals im Weissen Haus auch gemacht», insistiere ich. «Der hatte aber Alzheimer», sagt Leuenberger. Es gibt trotzdem ein schönes Bild. Ein wahres Bild? Moritz in der Bildmitte (schwächt Protagonisten) in seinem riesigen, spartanisch möblierten Büro (macht Person verwundbar). Gestylt und Profi. Und trotzdem ist dieser kurze Augenblick einer Dreissigstelsekunde mehr als ein Bild. Wird er sich später in diesem Moment selbst erkennen? Auf der Mattscheibe meiner Hasselblad steht er seitenverkehrt und auf dem Kopf. C’est pas une image juste, c’est juste une image.

Alberto Venzago, 54, ist Fotojournalist und Filmemacher. Sein Voodoo-Film «Mounted by the Gods» lief vergangenes Jahr in den Schweizer Kinos.

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