Internet

Tor zur Welt

Einen Fussballklub leiten ist leichter, als eine Bananenflanke zu schlagen – macht aber süchtig. Anpfiff: www.hattrick.org.

Von Albert Kuhn

Es gibt es eine neue Sorte Manager. Die kommt morgens ins Büro, jammert über sechsstellige Finanzsorgen, schwärmt von einem neuen Mann aus Korea, der letzte Nacht um halb drei für 750000 Franken gekauft wurde; und dann bluffen die Manger damit, zu welchem Preis sie ihren spanischen Torhüter nach Belgien abschieben konnten, haha.

Sie nennen sich Hattrick-Manager, und es geht um Fussball. Gespielt wird im Internet, aber wer den Spielern über die Schulter guckt, ist sehr enttäuscht: Das Aktionsfeld auf www.hattrick.org sieht aus wie die Homepage der Grünen vor fünf Jahren – kein Flash, kein 3D, kein Sound, kein gar nichts. Das Layout bieder, die Grafik pure SVP. Weshalb also spielen weltweit 250000 – in der Schweiz knapp 27000 und allein im Kanton Zürich 8000 Menschen – dieses Hattrick-Spiel aus Schweden (immerhin doppelt so viel wie vor einem Jahr)?

Auskunft gaben die Hattrick-Manager Alejandra, El-Magnifico, Fly-Shorunmu und Bundesgossi. Sie leben in einer WG im Zürcher Kreis 7, eine Betriebswirtschafterin, ein Physiotherapeut, ein Informatiker und ein Möbeldesigner, und jeder ihrer Managernamen hat eine Geschichte: Bundesgossi ist natürlich ein Deutscher, sein Team heisst pathetisch «Die den Adler tragen». Fly-Shorunmu, zivil Bruno Alder, hört auf den Namen eines legendären nigerianischen Goalies, sein Team heisst «Karli Grobs Enkel». Alejandra nennt ihr Team «Engel-am-Ball», ihr Fan-Klub «Bengel für Engel» und das selbst gestaltete Klubwappen ist hellblau-silberner Märchenkitsch. El-Magnifico, bürgerlich David Gisi, erinnert an südamerikanische Spielernamen, «Brügglifeld Runaways» heisst sein Team. Erstens, weil Gisi Aargauer ist, und zweitens, weil er findet, der finanzschwache FC Aarau würde, wenn er bloss all seine guten Spieler sowie Trainer Hitzfeld hätte behalten können, Jahr für Jahr Schweizer Meister. Eine Bemerkung, die die Hattrick-Küche am Züriberg vor Gelächter erbeben lässt. Worauf David «El-Magnifico» Gisi kontert, es seien wohl nicht umsonst so viele Fans des FC Zürich Hattrick-Manager, weil dies eben der optimale Trost sei für Anhänger von erfolglosen Mannschaften. Aus genau diesem Grund gebe es in Basel wesentlich weniger Hattrickser als in Zürich.

Das scheinbar Frustrierendste an den Hattrick-Matches ist: Sie finden unsichtbar statt. Es sind reine Rechenergebnisse aus zweierlei Werten: erstens des eigenen Managerverhaltens – Trainingsaufwand, Juniorenpflege, Aufstellung, Spielstrategie und so weiter. Dazu addiert der schwedische Rechner zweitens eine Unmenge von Zufallskriterien wie etwa Wetter, Mannschaftsstimmung, Psychologie, Glück oder Pech und errechnet daraus einen Match-Verlauf. Genauer gesagt: Bei 250000 Klubs gibt es 125000 Spiele jeden Samstag, die unteren Ligaspiele starten morgens um zehn, die höheren abends um halb acht.

In Gedanken ständig bei der Mannschaft

Machtlos und meist ein bisschen verdutzt glotzen die meisten Hattrick-Manager allsamstäglich in den Computer. Denn immerhin gönnen die Macher aus Schweden ihren Kunden einen schriftlichen Matchbericht, je einen pro Spiel. Durchschnittlich gibt es etwa einen Satz pro fünf Minuten, Torchance um Torchance ruckelt der Match voran bis nach zweimal 45 Minuten plus 15 Minuten Pause das ganze Spiel vorliegt. Schriftlich. Unwiderruflich. Ein Fest für die einen, soso für die andern, fatal für den Rest. Die vier interviewten Manager geben zu, dass Anfänger die ersten paar Hattrick-Monate mit viel zu grossem Zeitaufwand alles richtig machen und nichts verpassen wollen. David meint, er sei sich die ersten vier Monate richtig fremdbestimmt vorgekommen. Auch heute sei ihm Hattrick immer irgendwie präsent, aber er könne seine Aufmerksamkeit nun gezielter steuern. «An Hattrick denke ich immer dann, wenn ich in einer fixen Struktur gefangen, von meiner Aufmerksamkeit her aber nicht voll gefordert bin – etwa an einer langweiligen Weiterbildung, an einer sinnlosen Sitzung oder im Zug. Ich tauche dann in meine Hattrick-Welt ein, das ist dann ein richtiges Glücksgefühl.»

Wie kann man irgendwo sitzen und Hattrick-Probleme lösen? David: «Ich kenne die Fähigkeiten und den Marktwert meiner Spieler beinahe auswendig. Daher ist Hattrick für mich nicht ortsgebunden. Ich überdenke meine Taktik und meine Strategie. Sobald ich das nächste Mal online bin, nehme ich meine Änderungen vor. Wenn ich nicht schlafen kann, mache ich manchmal dasselbe Spiel: Ich hänge in Gedanken meiner Mannschaft nach, dies beruhigt mich ungemein. So nebenbei mache ich mir wenig Gedanken über Hattrick, ich geniesse diese Augenblicke viel zu sehr, als dass ich schnell, schnell zwischen dem Zähneputzen und Schuhe anziehen an Hattrick denke.»

Also gibt es Gefühle, für den Klub, für einzelne Spieler? «Das ist eben gerade der Spass, dass sich da so was wie eine Beziehung anbahnt», meint Alejandra. «Meine Mitbewohner ziehen mich immer damit auf, dass ich in einen meiner Spieler namens Rodolphe Bürgi verliebt sei, weil ich von ihm schwärme. Rodolphe Bürgi ist tatsächlich einer meiner besten Spieler, und ich bin drauf angewiesen, dass er gut in Form ist und so weiter...»

Zwar heisst es, dass man seine Hattrick-Managerpflichten mit einem Mindestaufwand von wöchentlich zehn Minuten erfüllen kann. Aber so wird’s nie spannend. Also werden schnell mal zehn Wochenstunden draus, das sind fünf Minuten pro wache Stunde. Weil aber eine Vielzahl von Aktivitäten möglich ist, können es noch viel mehr werden. Spass machen zum Beispiel regelmässige Presseerklärungen. «Je mehr man Presseerklärungen schreibt und da den einzelnen Spielern auch Rollen zuteilt, desto realer werden sie», meint Alejandra. «Da kommt es schon vor, dass David anruft und fragt, wie es diesem oder jenem Spieler gehe, also ganz so, als gäbe es sie wirklich. Ich rede auch gern von «meinen Engeln», das natürlich nur, weil ich sie mag.» Wenn ein Hattrick-Manager heiratet, Kinder bekommt, im Lotto gewinnt – was ihm zuerst einfällt, ist, eine Presseerklärung rauszujagen. Die richtet sich zwar nur an die Hattrick-Welt – aber bitte, das sind schon mal 27 000 bloss in der Schweiz.

Es beginnt in der 8. Liga

Alles wird ein bisschen anders, ist man erst einmal auf die Hattrick-Welt gekommen. Als El-Magnifico zum Skifahren fuhr, hat er WG-Konkurrent Fly-Shorunmu eine Liste mit Anweisungen hinterlassen. Darauf stehen nicht Punkte wie Kehricht runtertragen, Balkongeranien giessen und Kanarien füttern. Sondern eine Seite voller detaillierten Hattrick-Anweisungen für jeden Tag: SMS-Mitteilungen über den Trainingsstand der Junioren, SMS zum Verlauf des Samstagsspiels sowie detaillierte Transferwünsche mit Vollmacht.

Wenn man sich bei www.hattrick.org anmeldet, erhält man (sofort oder nach einigem Warten) einen FC zugeteilt. Im Detail erhält man einen Freibetrag von 600000 Franken, ein Stadium mit 7000 Plätzen, den Eintritt in die unterste Liga des Landes (CH: 8.Liga) und natürlich und vor allem: eine Mannschaft mit 22 Spielern. «Man erhält eine bunte Mischung von absoluten Pfeifen bis zu einigen ordentlichen Spielern, von Jungtalenten bis zu abgekämpften Frühdreissigern», erläutert Bruno Alder. Die Bewertung der Spieler und die dafür verwendeten Ausdrücke bestimmen sogar die Alltagssprache der Hattrick-Manager. Die acht Spielereigenschaften Kondition, Spielaufbau, Flügelspiel, Torschuss, Torwart, Passspiel, Verteidigung und Standards werden mit einem zwanzigstufigen Rating bewertet. Die unterste Stufe heisst katastrophal, dann folgen erbärmlich, armselig, schwach, durchschnittlich, passabel und gut, geht über zu den Rekordwerten mythisch, märchenhaft, galaktisch bis zur obersten Wertung – göttlich. Diese zwanzig Adjektive gehen den Hattrick-Menschen in Fleisch und Blut über. Alejandra: «Wenn ich im Tram jemanden von einem galaktischen Kaffee oder einem erbärmlichen Zeitungsartikel sprechen hören, nehme ich an: Der Mann spielt Hattrick.»

Das Fehlen einer grafischen Hattrick-Oberfläche stellt die Fantasie vor die Aufgabe, sich die Spieler in 3D und farbig vorzustellen, ihnen Eigenschaften zu verleihen, die manchmal gar Wunschvorstellungen entsprechen. Damit nistet sich die virtuelle Mannschaft viel nachhaltiger ins Denken und sogar ins Fühlen ein – denn das Schicksal der eigenen Mannschaft ist einem in die Hände gelegt, ein bedürftiges Lebewesen mit 44 Beinen.

Hattrick ist eine Parallelwelt, die an die Manager klare und sogar emotionale Erwartungen stellt. Ist das reale Leben davon bedroht? «Die Transfermärkte abchecken und den Alltag nach den Deadlines der einzelnen Transfers ausrichten, das ist total stressig», meint David Gisi alias El-Magnifico. «Es ist genau das, was das reale Leben bedroht. Ich habe mir nun ziemlich klare Vorgaben gemacht. Mein letzter grosser Transfer liegt etwa sechs Wochen zurück, nun hat sich wieder ziemlich viel Geld auf meinem Konto angehäuft. Ich werde noch das Heimspiel vom Samstag abwarten, das bringt via Eintritte zirka 500000, und dann werde ich für zirka zwei Millionen eine wirkliche Verstärkung suchen. Dies wird mich einige Zeit kosten, aber dafür habe ich nachher einen Spieler, auf den ich setze, dessen Geschichte ich kenne, dem ich vertraue. Und gleichzeitig bin ich mein Geld los und brauche mir für die nächsten Wochen keine Gedanken bezüglich Transfers oder Stadionausbau zu machen.»

Man darf davon ausgehen, dass Hattrick häufig wie ein Teilzeit- oder gar Halbtagsjob gespielt wird. Die Mischung aus Tamagotchi-Verantwortung, Ebay-Daytrading, internen Chat- und Mailfunktionen, Diskussionsforen, Community-Funktionen, Bastel- und Gestaltungsmöglichkeiten, virtueller Managerkarriere und der einfachen Möglichkeit, Kolleginnen und Kollegen ebenfalls mit reinzuziehen – dies alles stellt eine berufliche, soziale und gar emotionale Parallelwelt zur Verfügung, die vor allem von Angestellten nur zu gern bewohnt wird. Die Hattrick-Welt ist gerechter als die wirkliche. Denn die Blackbox in Schweden behandelt alle gleich. Nur reale Manager haben manchmal mehr zu sagen – indem sie, was zunehmend geschieht, die Seite www.hattrick.org für ihre Angestellten sperren lassen.

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