Tagebuch

Günter Netzer

Sport? 15 Minuten Gehweg zur «Kronenhalle». Hektik? Ich lebe in der Schweiz. Die Frisur bleibt. Und Italien wird Europameister.

Von Michael A. Gotthelf

Fussball habe ich zuletzt vor ungefähr 25 Jahren gespielt. Seitdem habe ich mich erfolgreich vor Einladungen zu All- und Old-Star-Teams und Ähnlichem gedrückt. Ich vermisse das Fussballspielen keinen Tag. Auch sonst treibe ich keinen Sport. Ich halte es eher mit Churchill: Sport ist Mord. Die schon in meinen besten Fussballertagen zu beobachtende «Grundfaulheit», mein physisches Phlegma, konnte ich also konservieren. Auch die bei vielen Ex-Kollegen zu beobachtende Affinität dem Trainerberuf gegenüber ist mir fremd. Junge Leute anzutreiben, zu motivieren, zu lehren, permanent von der Medienmeute beobachtet zu werden, das kurzfristige Denken, der ganze Druck – das ist nicht meine Welt.

Und trotzdem lässt mich der Fussball und seine Welt nicht los. Am morgigen Freitag ist es wieder so weit. Die Koffer sind gepackt. Es geht mit dem Flieger nach Lissabon, meiner Wahlheimat für die nächsten drei Wochen. Und ich freue mich darauf. Als Fussballkritiker werde ich für das Erste Deutsche Fernsehen (ARD) vor allem die Spiele der deutschen Nationalmannschaft analysieren – solange sie noch nicht ausgeschieden ist. Wenn man sich dieser Tage die eher verhaltenen deutschen Sturmbemühungen und die Lücken in der Innenverteidigung anschaut, müsste sie schon gewaltig von ihrem Mythos als Tuniermannschaft profitieren, um ganz vorne mitzuspielen. Das traue ich eher den Italienern zu. Die sind für mich erster Titelaspirant und sind nur ganz unglücklich bei der letzten Weltmeisterschaft ausgeschieden. Und die Schweiz? Die müsste schon am obersten Rand ihrer Möglichkeiten spielen, um die nächste Runde zu erreichen.

Apropos Schweiz – ich lebe nun schon seit rund fünfzehn Jahren in der Alpenrepublik und fühle mich hier sehr wohl. Mit meiner Frau und meiner sechzehnjährigen Tochter, die in Kilchberg zur Schule geht, wohne ich mitten in Zürich. Meine Wohnung ist nur wenige Meter vom Zürichsee entfernt. Zu meinem Zürcher Lieblingslokal «Kronenhalle», in das ich auch immer wieder meine ausländischen Besucher einlade, ist es nur fünfzehn Minuten zu Fuss. Da muss ich kaum mein Auto aus der Garage holen. Und ja, es ist immer noch ein Ferrari, ein schwarzer Maranello 575. Ich bin eben ein Traditionalist. Aber keine Angst, auf den Autobahnen der Schweiz halte ich mich ziemlich strikt an das Tempolimit. Ob noch alle zwölf Zylinder reibungslos funktionieren, teste ich dann auf süddeutschen Schnellstrassen. So war ich am letzten Wochenende zum Spiel der deutschen Fussballnationalmannschaft gegen Ungarn in Kaiserslautern per PKW angereist. Man muss ja die Werbung der italienischen Nobelmarke, der zufolge diese Karossen eine Höchstgeschwindigkeit von über 300 km/h erreichen, ab und zu einer kritischen Prüfung unterziehen. Nach Portugal – wie gesagt – fliege ich aber lieber, da ist dann auch die Familie dabei.

Die Europameisterschaft ist eine Fussballmesse, ein Basar allererster Güte. Für meinen Hauptjob als Fussballmanager der Firma Infront Sports & Media AG mit Sitz in Zug, die sich vor allem mit der Vermarktung von Fussball-TV-Rechten nationaler Ligen, der EM und WM befasst, ist es eine hervorragende Kontaktbörse. Jeder, der im Weltfussball eine Rolle spielt, ist dort anzutreffen. Man sieht alte Freunde und macht neue Geschäfte. Es wird also eine intensive Zeit werden. Dabei bewege ich mich schon seit Wochen an meiner Kapazitätsgrenze. Die Vermarktung der Fernsehrechte der WM 2006 in Deutschland wurde erfolgreich in wesentlichen Teilen abgeschlossen. Langwierige Verhandlungen mit den deutschen Fernsehanstalten waren dem vorausgegangen. In Paris war mir von der Fifa eine Medaille für die gute Vermarktung der WM 2002 verliehen worden. Und mein Autobiografie ist dieser Tage erschienen.

Nach der EM ist Schluss mit der Hektik. Ich werde für ein paar Wochen auf Sylt ausspannen. Lange Strandspaziergänge mit der Familie sind angesagt. Abende in der «Sansibar» mit Freunden wie Gunter Sachs und Boris Becker beschliessen den Tag. Die Batterien müssen wieder aufgeladen werden. Man wird nicht jünger. Im September werde ich meinen 60. Geburtstag (nicht!) feiern.

Ein Fussballrebell erreicht das Rentenalter. Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Ich werde noch mindestens bis zur Fussballweltmeisterschaft 2006 in meiner alten Heimat Deutschland den Zuschauern und dem Teamchef der deutschen Nationalmannschaft Rudi Völler als Fernsehkritiker auf die Nerven gehen. Und auch als Fussballmanager bei Infront habe ich das Verfallsdatum noch nicht erreicht. Und mit dem Rebell, der in die Sonne reitet, ist das auch so eine Sache: Im engen politischen Sinne war ich das nie. Wegen meiner langen Haare und meiner mitunter kritischen Distanz zu taktischen Anweisungen des Trainers ist da einiges in mich hineininterpretiert worden. Es war wohl eher so, dass ich für viele Fans in dieser Zeit den Gegenentwurf zur «political correctness» der sechziger und siebziger Jahre verkörperte. Damals im Männersport Fussball im biederen Deutschland mit langen Haaren aufzutreten und bei aller Leichtigkeit des Seins inklusive Discobesuch und Ferrarifahren trotzdem Topleistungen zu zeigen, war mit den gängigen Vorurteilen unvereinbar. Man hatte früh und alleine ins Bett zu gehen, leiblichen Genüssen abhold zu sein und sich den Erfolg hart zu erarbeiten – ganz so, wie es viele meiner Mitbürger zu Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders eben gemacht hatten. Und dann kommt da so ein Hallodri mit seiner Lebenslust, seiner «Faulheit», gepaart mit einem kleinen Schuss fussballerischer Genialität, und polarisiert und verwirrt die Leute. Dabei habe ich nur das getan, was mir Spass machte. Ein Wesenszug, der mir bis heute erhalten geblieben ist.

Günter Netzer, 59, war der Regisseur der deutschen Europameisterelf 1972 und Weltmeister 1974. Heute ist er Fussballkritiker und Geschäftsführer der Infront Sports & Media AG, Zug. Seine kürzlich bei Rowohlt erschienene Autobiografie heisst «Günter Netzer: Der Spielmacher».

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