Das Irritierendste an Nicole Kidman ist ihr Lachen. «Sie schnaubt wie eine Hyäne», sagt ihre Kollegin und Bewunderin Chloé Sevigny. Man hört dieses scharfe Lachen bei jedem Interview, bei fast jedem Fernsehauftritt und ist ziemlich verwirrt. Da sitzt die wunderschöne, makellose Frau mit dem schmalen, langen Körper und der durchsichtigen Haut – alabasterfarben, schreiben die Journalisten gern – und stösst zu passenden und unpassenden Momenten plötzlich diese scharfen, eher undamenhaften Laute aus. Zum Beispiel nach Sätzen wie «Ich bin ziemlich reizbar, vor allem, wenn ich PMS habe». Dazu kräuselt sie die Nase und zieht die Oberlippe hoch. Der ganze Glamour ist im Eimer, was einen erheitern könnte. Aber gemütlich wirkt das nicht, sondern nur sehr nervös. Nicole Kidman, seit ihrer Scheidung vor drei Jahren weltweit mit Filmpreisen ausgezeichnet, ist krankhaft schüchtern.
Das ist nicht, was man von einem Star erwartet, dem inzwischen jede attraktive Rolle angeboten wird, die Hollywood zu vergeben hat, und dem Container voller Designerkleidung frei Haus geliefert werden, weil Mode an niemandem besser aussieht als an der 1,80 Meter grossen Australierin. Aber Nicole Kidman, kühnste und stilsicherste Schauspielerin in der kleinen Spitzenliga der Millionenverdienerinnen, hat wenig Talent für den öffentlichen Auftritt.
Sie ist damit nicht allein. Es gibt unzählige schüchterne Schauspieler, die ihre Hemmungen erst loswerden, wenn sie andere spielen. Deswegen sind sie in dem Beruf. Aber sie stehen meist auf Theaterbühnen, nicht auf Hollywoods A-Liste. Wer es bis dorthin schafft, hat auf dem Weg gelernt, seine privaten Gefühle zu maskieren, schüchtern oder nicht. Nicole Kidman sagt: «Ich bin nicht gut darin, mich selber zu spielen, weil ich nicht weiss, wer ich bin. Das ist das Härteste. Ich habe eine grosse Bewunderung für Leute, die einfach mit ihrem Charisma durchkommen, aber ich kann das nicht.» Dass sie nichts dazu tut, ihre Unsicherheit zu verbergen, ist einer der Gründe, warum viele sie so plötzlich hinreissend finden.
Natürlich, meine Herren, ihr Sexappeal ist auch sehr beachtlich. Aber den hatte sie auch schon als Mrs. Cruise. Trotzdem nannte sie damals die gesamte Presse die Eiskönigin. Aus der zehnjährigen Ehe gibt es im Wesentlichen ein Bild: Nicole Kidman bei Filmpremieren, im Abendkleid frostig lächelnd auf einem roten Teppich, daneben der zehn Zentimeter kleinere Tom Cruise, der ihr mit entspanntem Lächeln etwas ins Ohr flüstert. Was er flüsterte, sagte sie einmal, sei ungefähr immer das Gleiche gewesen: «Ganz ruhig, keine Angst, es ist gleich vorbei.» Viel mehr als dieses uniforme Bild mit wechselnder Kleidung und der Information, dass Kidman und Cruise zwei Kinder adoptiert hatten, drang an gesicherten Fakten nicht in die Medien.
«Wir hatten beide nichts zu verlieren»
Entsprechend hemmungslos galoppierten die Gerüchte über Hollywoods Königspaar: Tom Cruise sei schwul, oder Nicole Kidman lesbisch, oder beides. Jedenfalls sei es eine Scheinehe, damit der Superstar eine Vorzeigefrau hatte und das ehrgeizige Starlet aus Australien Zugang zu Filmrollen. Warum sonst waren denn die Kinder adoptiert? Die Frau war doch im besten gebärfähigen Alter. Also schliefen die beiden nicht miteinander. Und dieses künstliche Lächeln! Sah so eine glückliche Ehefrau aus?
Nicole Kidman war zweifellos ehrgeizig. Aber die Tochter eines Psychologen und einer Krankenschwester war keine dilettierende Barbie, sondern trotz ihrer Jugend in Australien seit Jahren ein Star, als Tom Cruise sie in ihrem ersten international erfolgreichen Film «Dead Calm» sah und sofort einfliegen liess. Die damals noch rothaarige, inzwischen erblondete Schauspielerin schien ihm eine ideale Partnerin für seinen nächsten Film. Sie sagt über die Begegnung: «Er haute mich aus den Socken. Ich verliebte mich leidenschaftlich. Und wie es ist, wenn man über beide Ohren verliebt ist: Ich vergass alles, was ich an Plänen für mein Leben hatte. Dies hier war das Ding. Ich war bereit, alles aufzugeben. Ich denke, das ist ein Teil von mir. Beim Filmen mache ich das Gleiche. Das Ding soll mich ganz verschlingen, es soll mich anfixen. Ich will tanzen. Ich habe mit Tom getanzt und es genossen und wollte mit ihm ans Ende der Welt gehen.»
Sie heirateten 1990. Nicole Kidman nahm ab und zu eine Rolle an, eher um den Kontakt zur Filmindustrie nicht zu verlieren als aus grossem Interesse an den Filmen. Wichtiger als das Drehbuch war die Frage, ob die Drehdaten sich mit den Terminen ihres Ehemanns vereinbaren liessen. Schliesslich war er der grösste Star der Welt, nicht sie. Hauptberuflich war sie Mutter und Ehefrau. Besonders bemerkenswert waren weder ihre beiden Filme mit Tom Cruise, «Days of Thunder» und «Far Away», noch «Billy Bathgate» oder «Batman und Robin». Besonders erfolgreich auch nicht. Sie habe die Rollen, maulte Hollywood, nur Cruise’ Einfluss zu verdanken.
Die Gerüchte setzten ihr zu. «Ich hatte das Gefühl, ich verdiene nicht, als eigene Person da zu sein, also war ich nur noch Toms Frau. Aber das ist auch sehr romantisch, weil es sich anfühlt, als sei man ganz allein, nur er und ich zusammen in einem Kokon. Man wird sehr abhängig voneinander.» Sie war enttäuscht, als ihre Filme floppten, behauptete aber, nicht zu hadern mit der Aussicht, nur noch für Mann und Kinder da zu sein. Natürlich haderte sie. Als sie das Drehbuch zu «To Die For» in die Hände bekam, überwand sie ihre Schüchternheit und rief Regisseur Gus Van Sant an. Sie wollte dringend diese mörderisch ehrgeizige Wetterfee eines kleinen Lokalsenders spielen. «Sie sagte, ich weiss, dass ich nicht oben auf Ihrer Besetzungsliste stehe», erinnert sich Van Sant, «aber ich bin für diese Rolle bestimmt.»
Der Regisseur war beeindruckt. Er glaubte an Vorbestimmung. Sie sagt es salopper: «Er hatte gerade seinen letzten Film in den Sand gesetzt, über mich sagten die Leute eh, ich könne nicht spielen. Wir hatten beide nichts zu verlieren.» Zum ersten Mal sahen Kinogänger, dass Nicole Kidman, die glamouröse, aber steife Gattin, umwerfend komisch sein konnte.
Fünf Rollen mit fünf britischen Akzenten
«To Die For» brachte ihr 1996 den ersten Golden Globe ein. Bei den Oscar-Nominierungen wurde der Film ignoriert. «Ach, die hassen mich», sagte sie. Im gleichen Jahr drehte sie mit Jane Campion die Henry-James-Verfilmung «Portrait of a Lady» und erhielt, wie inzwischen sehr häufig, bessere Kritiken als der Film selber. Filmpartner John Malkovich sagte, er habe noch nie mit jemandem gearbeitet, der emotional so vielfältig sei. Für sie selber definierte der Film, was sie kann und mag, «und das sind keine Blockbuster». Danach, sagt Nicole Kidman, habe sie die Erfahrung aller Frauen gemacht, die nach einer Weile wieder zu arbeiten beginnen: «Es gibt eine Welt da draussen, und man möchte gern daran teilhaben. Ich versuchte es zu verleugnen, weil es viel leichter gewesen wäre, wenn das Dasein als Ehefrau mir gereicht hätte. Ich hätte mir gewünscht, dass es reicht, aber es war nicht so.»
Ende 1996 machte Stanley Kubrick dem Ehepaar Cruise ein Angebot, das Film, Ehe und Familie ideal zu vereinbaren schien. Cruise und Kidman sollten in «Eyes Wide Shut» ein Ehepaar spielen, das seinen erotischen Fantasien auf die Spur zu kommen versucht. Cruise und Kidman zogen mit den Kindern nach London. Aus den ursprünglich geplanten vier Monaten Drehzeit wurden vierzehn, die dem Paar nicht nur professionelle Höchstleistungen abforderten. «Durch seine Arbeitsweise sah Stanley Tom und mich in sehr extremen Situationen», sagte Nicole Kidman in einem Interview, «er knackt dich. Er zweifelte alle Fundamente an, die ich für mich gefunden hatte, und erschütterte sie.»
Nicht nur ihre eigenen Fundamente, sondern auch die ihrer Ehe. Nach den Dreharbeiten trat sie in London und danach in New York in David Hares Stück «Blue Room» auf, einer Adaptation von Arthur Schnitzlers «Reigen». Sie spielte fünf Rollen mit fünf verschiedenen britischen Akzenten und erwartete an der Premiere, dass man sie auspfiff. Stattdessen schwärmten die Kritiker von «theatralischem Viagra», die Besucher etwas prosaischer von ihrem himmlischen Hintern, der ein paar Sekunden lang nackt zu sehen war.
Ende der Ehe – und Aufstieg zum Weltstar
Als «Eyes Wide Shut» 1999 kurz nach Kubricks Tod unter grossem PR-Trommelwirbel – wie viel war gespielt, wie viel waren Tom und Nicole privat? – anlief, sahen auch die skeptischsten Zuschauer, dass Nicole Kidman ihren mimisch eher begrenzten Gatten mühelos an die Wand spielte. Kubricks letztes Werk war als Ganzes zu verzwirbelt, um gut zu sein, aber die wenigen Szenen, wo man den Atem anhielt, gehörten ihr. «Sie eröffnet dem Film jene Bereiche des Begehrens», schrieb die NZZ, «von denen er so inständig zu künden bemüht ist – und es doch nicht kann, weil die Handlung nun einmal auf den Mann fokussiert und dieser mit Tom Cruise fehlbesetzt ist.»
Zwei Jahre später – Nicole Kidman hatte gerade das Musical «Moulin Rouge» fertig gedreht – elektrisierte die Meldung von der Trennung des Paares nicht nur die Klatschpresse. Nie mehr seit der Scheidung von Charles und Diana hatten sich die Medien derart hingebungsvoll dem Scheitern einer Ehe gewidmet. Mit dem Unterschied, dass keiner der beiden redete oder eingeweihte Dritte für sich reden liess. «Nic weiss, warum», war Tom Cruise’ einziger Kommentar. Das schien nicht der Fall. Nicole Kidman erlitt wenige Wochen nach Bekanntgabe der Trennung eine Fehlgeburt. Auf Paparazzi-Bildern sah sie brandmager und verstört aus, während Tom Cruise sich bereits gut gelaunt mit seiner neuen Freundin Penélope Cruz zeigte. Fast zwei Jahre nach der Trennung sagte sie, die Nachricht habe sie absolut überrascht. «Damals habe ich es nicht verstanden. Ich fange gerade damit an.»
Die Medien begannen sie zu lieben. Nicht nur, weil sie offensichtlich die Verlassene und ausserdem ungeheuer fotogen war. Sondern weil parallel zur laufenden Scheidung ihre Karriere explodierte. Drei Filme, alle vor der Trennung fertig gestellt, kamen 2001 hintereinander ins Kino und gaben eine Ahnung, wie viel Nicole Kidman kann: Sie sang und tanzte in «Moulin Rouge», war eine monströse Mutter in «The Others» und die durchtriebene und gleichzeitig überforderte junge Russin in «Birthday Girl», die sich Westlern im Internet als Braut anbietet.
Entertainment Weekly kürte sie zur Unterhalterin des Jahres, das Filmmagazin Premiere sprach von einem «stratosphärischen Aufstieg». Sie wurde für zwei Golden Globes und für einen Oscar nominiert und erschien entweder in Begleitung ihrer Eltern oder ihrer Schwester Antonia. Die für Frischgetrennte in Hollywood übliche gut aussehende Eskorte – nur ja keine Niederlage eingestehen – war nicht ihr Stil. «Ich bin eine geschiedene Frau, wie Millionen andere. Und versuche, irgendwie mit alledem zurechtzukommen, was das bedeutet.» Seither ist es sehr angebracht, Vater oder Mutter zu den Oscars mitzubringen. Tom Cruise erschien letztes Mal mit seiner Mutter.
Als Nicole Kidman im Jahr danach, mit Nasenprothese praktisch unkenntlich gemacht, Virginia Woolf in «The Hours» spielte, für Lars von Triers sprödes «Dogville» im schwedischen Trollhattan drehte, sieben Monate für das Bürgerkriegsdrama «Cold Mountain» nach Rumänien abtauchte und dann in der Philip-Roth-Verfilmung «Der menschliche Makel» eine Putzfrau spielte, die sich mit einem fünfzig Jahre älteren Mann einlässt, war von Tom Cruise keine Rede mehr. Hier setzte jemand neue Qualitätsmassstäbe für das, was man mit Berühmtheit anfangen kann. Julia Roberts sah plötzlich sehr alt aus. Pretty Woman bei Lars von Trier? Würde sie nie riskieren, nicht massentauglich. Nicole Kidman verdient nach Hollywood-Standards erbärmlich wenig, trotz des Oscars für «The Hours»: «Ich verliebe mich in Rollen und sage zu, deswegen bekommt man mich so billig.» Im April dieses Jahres kürte Time sie zu einer der hundert einflussreichsten Personen der Welt, «weil sie, wie eine Glaspatrone, fähig ist, gleichzeitig fragil und stark zu sein».
In diesen Tagen läuft in den USA das Remake des Science-Fiction-Thrillers «Stepford Wives» an, in dem sie die Hauptrolle spielt. Die «Stepford Wives» waren, zumindest in der ersten Version, gehobene Vorstadt-Ehefrauen, die zwecks besserer Handhabung von ihren Männern ermordet und durch computergesteuerte Kopien ersetzt wurden. Wenn man Nicole Kidman fragt, was sie sich wünscht, sagte sie: «Ein Kind gebären. Und vierzig Jahre mit jemandem zusammen sein, wie meine Eltern. Es wäre nett, wenn jemand deine Hand hielte, den du so lange kennst.»
Meryl Streep, Idol aller Schauspielerinnen, sagt über die Kollegin von «The Hours»: «Nicole ist insofern einzigartig, als ihre erstaunliche Schönheit ihre Erfindungsgabe kein bisschen trübt. Schönheit ist eines ihrer vielen Werkzeuge, wie ihre Fantasie, ihr Arbeitshunger und ihr kluger und ziemlich schräger Humor.»













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