«Wir stehen an einer einsamen, windverblasenen Stelle an der nördlichen Küste Frankreichs. Die Luft ist weich, aber in diesem Augenblick vor vierzig Jahren war die Luft dicht mit Rauch und den Schreien von Männern und gefüllt mit dem Krachen von Gewehrfeuer und dem Röhren der Kanonen. Bei Tagesanbruch am Morgen des 6. Juni 1944 sprangen 225 Rangers von ihrem britischen Landungsschiff und rannten zum Fuss dieser Klippen.»
Ronald Reagan, die Haare im Wind, steht allein auf der Plattform vor der weiten Kulisse des silbernen Meers und erzählt den am Strand versammelten Kriegsveteranen in einfachen Worten mit seiner samtenen Stimme die Geschichte der Boys, die damals zur Pointe du Hoc hinaufstürmten. Als ich am Sonntag die zwanzig Jahre alte Aufnahme sah, wurde mir eng ums Herz. Welch ein rednerisches und politisches Naturtalent war doch dieser simple, gute Mann aus dem amerikanischen Mittleren Westen, der wie kein anderer Staatsmann der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Welt verändert hat.
Ich erinnere mich genau, was ich dachte, als ich Reagan das erste Mal leibhaftig sah. Unter der Kuppel des Kapitols zu Washington kündigte der wie eine Pappfigur aussehende, abgetakelte Schauspieler seine Präsidentschaftskandidatur an. Das war im Herbst 1979. Damals bewarben sich nicht weniger als neun Republikaner um das Amt – darunter angesehene Senatoren wie Baker und Dole, auch ein gewisser George H. W. Bush. Nachdem Reagan seine Rede heruntergeleiert hatte, dachte ich erleichtert: «Wenigstens um den brauche ich mich nicht zu kümmern.»
Orangen für die Medienleute
Dann kamen die Primärwahlen in New Hampshire. Bush senior, der in Iowa gewonnen hatte, sprach erregt vom «big mo», dem grossen Momentum, das ihn zum Sieg tragen würde. Nachdem die neun Republikaner sich schon zu verschiedenen Debatten getroffen hatten, sollten in New Hampshire bloss noch die beiden Spitzenreiter Bush und Reagan miteinander disputieren. Vier der Ausgeschlossenen fanden dies nicht fair, erschienen im Saal und begehrten teilzunehmen. Reagan, wie es seine Art war, begrüsste sie herzlich und lud sie ein, ihn aufs Podium zu begleiten, wo ein verärgerter Bush schweigend Platz genommen hatte. «Gebt ihnen Stühle», rief das Publikum. Doch die Organisatoren waren gegen eine Änderung der vereinbarten Regeln.
Als Reagan erklären wollte, wieso er die Teilnahme der vier andern Kandidaten für richtig hielt, gebot der Diskussionsleiter: «Schaltet Mr. Reagans Mikrofon aus.» Dieser reagierte mit kontrollierter Wut: «Ich habe für dieses Mikrofon bezahlt, Mr. Green.» Der Mann hiess zwar Brean, aber Details haben Reagan nie gekümmert. Es war das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt. Der arme Bush wusste nicht, wie ihm geschah. Reagans entschlossener Umgang mit einer heiklen Situation imponierte den Zuschauern, der Presse und denen, die später die Szene am Fernsehen sahen. Reagan siegte in New Hampshire – und war nicht mehr aufzuhalten.
Später, im Sommer, begleitete ich den Kandidaten auf einer Wahlkampfreise. In Erinnerung habe ich die gute Stimmung, die unter den Presseleuten im Flugzeug herrschte. Reagans Frau Nancy liess eine Orange den Gang hinunterkullern, und derjenige, bei dessen Sitz die Frucht landete, erhielt irgendeine Belohnung. Die Orange gehörte zum Ritual, ebenso wie das herzliche Händeschütteln oder listige Augenzwinkern, mit dem der «Governor» jeden von uns persönlich begrüsste. Die allgemeine Meinung war damals, dass Reagan viel zu dumm sei, um je Präsident werden zu können. Hatte er doch gesagt, man könne abgeschossene Raketen «zurückrufen», Bäume würden die Umwelt verschmutzen und ähnlichen Unsinn. Was Reagans «Stupidität» betraf, revidierte ich meine Meinung, als ich beobachtete, wie klug er die Fragen der als links und grün bekannten Studenten der Universität Oregon parierte. Schlafwandlerisch sicher pickte er aus jeder Frage heraus, was er gerne und gut beantworten konnte, und ignorierte, was ihm nicht passte – ohne dass seine Zuhörer den Trick merkten.
Mit seinen Sprüchen, oft auf sich selber gemünzt, nahm er fast jedes Publikum für sich ein. Ein Thema im Wahlkampf war Reagans Alter – er war schon 69. Als einmal diskutiert wurde, wie Thomas Jefferson (1743–1826) eine Frage beantwortet hätte, liess Reagan zuerst die andern reden, bevor er trocken bemerkte: «Ich habe Thomas Jefferson ja noch gekannt.»
Sein Schatz an Histörchen half ihm, bei Treffen mit politischen Gegnern oder fremden Würdenträgern das Eis zu brechen. Unvergesslich ist mir sein Auftritt vor der Belegschaft der CIA in Langley (unvergesslich vielleicht auch, weil ich als ausländischer Journalist damals gar nicht mit dem Pressebus ins geheime Spionagehauptquartier hätte fahren dürfen und nachher vom Secret Service zur Rede gestellt wurde). Reagans Geschichte lautete ungefähr so: Ein CIA-Beamter wird nach Irland geschickt, um dort in einem entlegenen Dorf einen Agenten zu treffen. Der CIA-Mann weiss nur, dass der Agent Murphy heisst und dass er sich auf einen vereinbarten Satz hin zu erkennen geben wird. Der Satz lautet: «Es ist ein strahlender Morgen, doch bald werden Wolken aufziehen» (oder so ähnlich). Der CIA-Mann fährt ins Dorf, geht ins Pub und fragt den Mann an der Theke, ob er wisse, wo Murphy wohne. «Nun», antwortet dieser, «wir haben hier verschiedene Murphys. Da ist Murphy, der Bäcker, und da ist auch Murphy, der Schmied. Zu welchem wollen Sie?» Dann fügt er noch hinzu: «Mein Name übrigens ist auch Murphy.» Nach einer Pause sagt der CIA-Mann: «Es ist ein strahlender Morgen, doch bald werden Wolken aufziehen.» Worauf der Barmann zurückgibt: «Ah, Sie suchen Murphy, den Spion!»
«Mr. Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor!»
Das Geheimnis beim Erzählen solcher Anekdoten ist das richtige Timing. Ronald Reagan, der «grosse Kommunikator», wusste genau, wann eine Pause einzuschalten war und wie lange sie dauern durfte.
Bevor Reagan Präsident wurde, befanden sich die Vereinigten Staaten in einer Krise. Vietnam und Watergate hatten das Vertrauen in die Institutionen ausgehöhlt. Die USA schauten hilflos zu, wie ihre Botschaftsangestellten in Teheran als Geiseln gehalten wurden und wie die Sowjets in Afghanistan einmarschierten. Auf der Welt lastete die Gefahr eines Atomkriegs. Die Inflation betrug 20 Prozent und schien unbezähmbar. Im Vergleich zu den aufstrebenden Volkswirtschaften Japans und Deutschlands schien Amerika eine todgeweihte Nation. Von moralischem und geistigem Niedergang war die Rede.
Ronald Reagan, vom Naturell her ein sonniger Optimist, wollte nichts von solchem Geschwätz wissen. «Es ist Morgen in Amerika», verkündete er. Das Rezept für alle Übel – Freiheit. Reagan mag zwar seine Dossiers nicht gemeistert haben, aber er hielt unverrückbar an ein paar wenigen Ideen fest. Und er hatte die Gabe, diese Ideen verständlich darzulegen:
«Unser System befreite den individuellen Genius des Menschen. Befreite ihn, dass er so hoch und so weit fliegen kann, wie sein Talent und seine Energie ihn tragen. Wir verteilen Ressourcen nicht aufgrund von Regierungsentscheiden – sondern durch Millionen von individuellen Entscheidungen. Diese werden von Konsumenten getroffen, die auf den Marktplatz gehen, um einzukaufen. Wenn ihnen etwas zu teuer erscheint, kaufen sie einfach etwas anderes. So werden Dinge geschaffen, welche die Leute am meisten wollen, und zu einem Preis, den sie zu zahlen bereit sind. Es mag dies nicht ein perfektes System sein, aber es ist das beste, was je versucht wurde.»
Als man dem Präsidenten Reagan vorwarf, sein Verteidigungsbudget stürze das Land in verantwortungslose Schulden, erwiderte er: «Ich unterschätze den Wert einer gesunden Volkswirtschaft nicht, aber ich unterschätze auch die imperialistischen Ambitionen der Sowjetunion nicht. Mehr als irgendetwas will ich sie zu realistischen Abrüstungsverhandlungen bringen. Um dies zu erreichen, müssen ihre Führer davon überzeugt sein, dass die Alternative dazu unsere militärische Aufrüstung ist. Sie haben ihre Wirtschaft bis ans Limit strapaziert, um ihr Waffenprogramm aufrechtzuerhalten. Sie wissen, dass sie uns in einem Waffenwettlauf nicht die Stange halten können, wenn wir entschlossen sind aufzuholen. Unser wahres Ziel ist Abrüstung.»
Ein Herz für die Krankenschwester
Als er 1987 vor dem Brandenburger Tor ausrief: «Mr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Mr Gorbatschow, reissen Sie diese Mauer nieder!», hielt man Reagan in Europa für einen weltfremden Spinner. Die Geschichte hat ihm Recht gegeben.
Ronald Reagans Tod hat erstaunliche Emotionen ausgelöst. Auch Amerikaner, die mit seinem politischen Erbe nichts anfangen können, erinnern sich seiner mit Wehmut. Er war ein liebenswürdiger, charmanter, gutherziger Mensch. Er hatte Ehrfurcht vor dem Amt – nie hätte er ohne Krawatte das ovale Büro betreten –, aber nahm sich als Person nicht wichtig. Reagan war zutiefst Demokrat, der glaubte, dass jedem Menschen – welcher sozialen Stellung, welcher Hautfarbe und welcher Religion auch immer – der gleiche Respekt gebührt.
Nach dem Attentat auf ihn, als er mit durchschossener Lunge und hohem Fieber im Spital lag, verboten ihm die Ärzte zu duschen oder zu baden. Eines Nachts, als er nass vor Schweiss war, ging er heimlich ins Badezimmer, füllte die Wanne und wusch sich mit einem Schwamm. Als er fertig war, sah er am Boden eine Lache. Der Präsident kniete nieder und nahm das Wasser auf. Als Vizepräsident Bush ihn besuchte und fragte, wieso er dies getan habe, sagte Reagan: «Ich wusste, dass die diensttuende Nachtschwester getadelt würde, wenn die Ärzte herausfinden sollten, dass ich gebadet habe. Ich wollte nicht, dass sie Ärger kriegt.»













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