Erbschaft

Sterben und leben lassen

Wenn Hinterbliebene weinen, weil ihnen nichts vererbt wurde, müssen sie die Hoffnung nicht auch noch begraben: Herbert Notz spürt versteckte Vermögen auf.

Von Nina Streeck

Das Herz von Laszlo Gimes* bleibt auf dem Flug von München nach Istanbul stehen. In der Türkei warten Klienten, in deren Zukunft er hatte schauen wollen. Gimes verkauft parapsychologische Lebenshilfe an Kunden überall auf der Welt, an Schauspieler, Künstler, reiche Unternehmergattinnen. Nachdem er gestorben ist, rollt in seiner Wohnung in München eine letzte Nachricht aus dem Faxgerät, gesendet aus den Büros eines Schweizer Unternehmens, das Baumaschinen herstellt. Ein Fax von belanglosem Inhalt und doch grosser Bedeutung, wie sich herausstellen sollte. Man beerdigt Gimes in Istanbul, er hinterlässt nur eine alte Mutter, die in seinem Heimatland Ungarn lebt.



In München holt weiterhin Marie Schneider*, eine gute Bekannte, die Post aus Gimes’ Briefkasten und gibt den Blumen Wasser, bis sie anfängt, sich zu wundern: Gimes sollte doch längst zurück sein? Sie erfährt von seinem Tod, lässt sich von der Mutter bevollmächtigen, in Deutschland die Formalitäten zu regeln und das Erbe nach Ungarn zu schicken. Ein kleines Erbe, wie sich zeigt – und das lässt Marie Schneider keine Ruhe: Laszlo hat doch so gut verdient mit seiner Lebenshilfe, eine Beratung bei ihm war teuer. Wo versteckte er sein Geld? Ihr fällt ein, dass Gimes immer auf merkwürdige Art seine Miete gezahlt hat: Er holte jeden Monat 5000 Euro aus einem Bankschliessfach und zahlte die Miete in bar. Irgendwoher musste dieses Geld kommen. Irgendwo könnte vielleicht noch ein Konto existieren.

Oft führen die Spuren in die Schweiz

Marie Schneider erinnert sich an Herbert Notz. Sie hat gelesen, dass dieser Mann verstecktes Erbe aufspürt. Wenn einer stirbt und so wenig hinterlässt, dass es eigentlich gar nicht sein kann, und der Verdacht keimt, es müsse noch mehr zu finden sein, dann hilft Notz. Er ist eine Art Detektiv für Hinterbliebene, die sich zu kurz gekommen wähnen. In ihrem Auftrag verfolgt er die kleinsten Spuren: Gibt es noch ein Konto, das zu dem uralten Kontoauszug aus dem Ausland gehört, der aus dem Tagebuch des Verflossenen flatterte? In welches Schloss passt der Schlüssel mit der Gravur «Union Kassenfabrik Zürich», der aus der Mehldose purzelte?

Sehr oft führen die Spuren in die Schweiz. Ein Glück für Notz, dass es das Bankgeheimnis gibt. Seine Kunden sind die Kinder der kleinen Betrüger aus Deutschland, die in den Wirtschaftswunderjahren ein Unternehmen gegründet haben und, als es gut lief, ein bisschen was auf die Seite schaffen wollten, für das Alter, steuerfrei. Die Nachkommen wissen oft nichts von dem Geld, schliesslich ist es ein heikles Thema, nichts, was man Frau und Kindern am Mittagstisch auf die Nase bindet. Wenn der Tod dann plötzlich kommt oder einer zu gebrechlich wird, das Schweizer Konto zu beichten, bleiben oft nur schwache Indizien und der Weg zu Notz’ Vermögensrecherche.

Marie Schneider ruft Herbert Notz in Zürich an, im Büro seiner Scopras AG, Scopras wie «scoprire», Italienisch für «entdecken». Notz schaut aus seinem Büro auf einen Hinterhof beim Paradeplatz, schön nah an den Banken, bei denen er nach verstecktem Geld sucht. Er fängt Feuer für den Fall, es klingt alles so, als müsse noch irgendwo Geld vorhanden sein, mit etwas Glück eine Million Euro. Notz lässt sich seine Detektivarbeit vor Beginn der Recherche mit einer Einstiegsgebühr zwischen 5000 und 15000 Euro vergüten – alles, was teurer wird, zahlt er aus eigener Tasche. Dafür bekommt er ein Viertel des Gewinns. Falls er etwas findet. Nur rund drei Viertel seiner Fälle führen zum Erfolg, der Rest endet zum Beispiel vor leer geräumten Schliessfächern, wie im Fall des Schlüssels in der Mehldose. In solchen Fällen zahlt Notz drauf, denn seine Partner wollen bezahlt sein, Detektive oder Anwälte, die für ihn arbeiten, in London, Madrid oder Berlin. Findet er ein Erbe, verdient er auf einen Schlag auch mal 150000 Euro. In diesem Jahr wird sein Umsatz sechsstellig sein, im nächsten Jahr, so hofft Notz, schon siebenstellig.

Notz reist nach München und trifft Schneider. In der Wohnung des Toten finden die beiden dessen Adressbuch mit vielen Schweizer Telefonnummern. Vielleicht gibt es ja ein Konto in der Schweiz. Notz telefoniert sich durch das Adressbuch: Waren Sie Kunde von Gimes? Haben Sie Geld auf ein Schweizer Konto eingezahlt? Nein, antworten alle, haben wir nie. Wir hatten auch schon lange keinen Kontakt mehr zu Gimes. Notz traut dem nicht und macht sich auf die Suche, schreibt 40 Banken an: Hatte ein Laszlo Gimes ein Konto bei Ihnen? Notz kennt das Theater, das dann folgt: Diese Auskunft kostet 300 Franken, antwortet die eine Bank. Wenden Sie sich an den Ombudsmann, schreibt die zweite – dabei ist der Ombudsmann zuständig für nachrichtenlose Vermögen, vor allem aus der Nazizeit, und sicher nicht für das Erbe eines Mannes, der 2003 gestorben ist. Schicken Sie uns alle Vollmachten und den Todesschein im Original, verlangt die dritte Bank. «Das ist typisch», sagt Notz. «Die Banken interpretieren das Bankgeheimnis anscheinend nach Tagesform des Mitarbeiters.» Zwar stellt die Bankiervereinigung Richtlinien auf, doch in der Praxis, sagt Notz, machen die Banken ihre eigenen Verfahren daraus. Er sei ein Nutzniesser des Bankgeheimnisses mit seiner Geschäftsidee, aber gleichzeitig auch ein Geschädigter.

Bisher ist Notz der Einzige, der sich auf die Suche nach verschwundenem Erbe spezialisiert hat. Er teilt sich den Markt vor allem mit Anwälten, die aber nicht so genau wie er wissen, wo man suchen muss. Die Idee für das Geschäft hatte er 1998, als er in einer Familienangelegenheit recherchierte. Er war selbständiger Unternehmensberater damals und merkte, wie hilflos die Erben sind. Also gründete er im Jahr 2001 die Scopras AG.

Liegt das Geld in Ungarn?

Im Fall Gimes wird Notz fündig: Bei einer Schweizer Grossbank lautet ein Konto auf dessen Namen. Von diesem Konto hat Gimes regelmässig Geld abgehoben, immer am Flughafen in Zürich, etwa alle zwei Monate 10000 bis 15000 Euro. Eingezahlt vor allem von einer Unternehmergattin, die jetzt behauptet, nie Geld an Gimes überwiesen zu haben. Leider versiegten diese Zahlungen 1999, von da an hatte Gimes das Konto allmählich leer geräumt. Notz wühlt sich weiter durch Reisekostenabrechnungen; immer wieder taucht die Schweiz auf. Das ist gut für Notz: In der Schweiz lässt sich trotz aller seltsamen Auslegungen des Bankgeheimnisses leicht recherchieren. Gäbe es Konten zum Beispiel in Österreich, auf den Niederländischen Antillen oder den British Virgin Islands, Notz würde den Fall gar nicht annehmen: Keine Chance, etwas zu finden.

Dann kommt Notz wieder das Fax in den Sinn, das eintraf, als Gimes starb. Absenderin: die fragliche Dame. Gimes und sie hatten also doch noch Kontakt. Hatten wir nicht, beharrt sie weiterhin. Notz glaubt kein Wort, sucht weiter, denkt nach: Gimes hat sein Konto in Deutschland oft überzogen, war mit einer fünfstelligen Summe im Minus. Das macht keine Bank mit, wenn einer zur Miete wohnt und keine Sicherheiten vorweisen kann. Was hat Gimes denen gezeigt? Eine Schweizer Privatbank, weiss Notz, war damals eine Tochter von Gimes’ Hausbank Hypovereinsbank. Dort hat er noch nicht nach einem Konto gefragt. Er schreibt der Bank, sie antwortet: Schicken Sie die Originale. Das ist ein gutes Zeichen. Wenn sie so genau prüfen, ist oft etwas zu finden. Doch Notz hofft vergebens. Trotzdem ist er noch immer überzeugt: Irgendwo muss Gimes Geld versteckt haben. Vielleicht doch in Ungarn? Von dort hat er auch mal 10000 Euro in bar mitgebracht. Oder in den USA? Dort leben viele seiner Kunden. Oder sonst wo: Gimes hat Ende des Jahres immer kleinere Summen ins Ausland überwiesen, wofür? Als Gebühr für ein Schliessfach vielleicht?
Die Suche geht weiter.

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