Umfrage: «Ich lese Ihnen jetzt einige Forderungen vor, die man immer wieder hören kann. Sagen Sie mir bitte jedes Mal, ob Sie voll einverstanden sind, eher einverstanden, eher nicht oder überhaupt nicht.» (PDF, 222 KB).Nach der Bundesratswahl vom 10. Dezember, die in der Schweiz zum ersten Mal seit 45 Jahren eine Art Machtwechsel gebracht hatte, und mit Blick auf den Erfolg der SVP fragte sich manch Beobachter: Ist das noch das gleiche Land? Von einer zunehmenden Polarisierung war die Rede und – je nach Standpunkt – vom Kampf der verstockten alten Patrioten gegen eine junge, offene Schweiz. Trifft das zu – oder haben wir einen Paradigmenwechsel erlebt? Ist womöglich die ganze Schweiz nach rechts gerückt – und liegt das daran, dass insbesondere die junge Generation konservativer denkt als zehn Jahre zuvor? Angesichts einer überalterten SP und der eher sporadisch auftretenden Bereitschaft der Jungen, zu demonstrieren und zu protestieren, liegt dieser Schluss auf den ersten Blick nahe. Wo steht die Jugend heute politisch? Im Auftrag der Weltwoche hat das Forschungsinstitut gfs.bern eine repräsentative Umfrage unter 1013 jungen Schweizern und Schweizerinnen vorgenommen, um diese Frage zu klären – wobei «jugendlich» eher breit zu verstehen ist: Befragt wurden im Februar und März 2004 Schweizer Bürger, die zwischen 18 und 35 Jahre alt sind. Berücksichtigt wurden alle Sprachregionen, auch das Tessin. Dabei nahmen die Jungen unter anderem Stellung zu fünfzehn Forderungen, die heute die politische Agenda bestimmen. Es handelt sich um eine der umfassendsten Untersuchungen zu diesem Thema, und die Ergebnisse erscheinen exklusiv in der Weltwoche.
Stimmt der Eindruck? Sind die Jungen konservativer? Zunächst einige sachpolitische Ergebnisse als Einstieg. 71 Prozent der Jungen wollen, dass kriminelle Asylbewerber des Landes verwiesen werden. Zählt man diejenigen hinzu, die sich mit dieser Forderung statt «voll» bloss «eher» einverstanden erklären, sind es gar 87 Prozent. Eine überwältigende Mehrheit stimmt somit einer angeblich typischen Idee des rechten Stammtisches zu. Keine der fünfzehn Forderungen, die den Befragten vorgelegt wurden, ist dermassen populär.
Ein zweites Resultat als Kontrast: 51 Prozent der jungen Schweizer halten es für richtig, wenn der Staat mehr Kinderkrippen finanziert. Auch hier vergrössert sich die knappe Mehrheit auf satte 76 Prozent, wenn die 25 Prozent hinzugerechnet werden, die sich «eher» dafür aussprechen. Ebenfalls aus einer eher linken Perspektive beurteilt die junge Generation die Frage, ob der Staat mehr für «die soziale Sicherheit im Alter» tun soll. 53 Prozent sind «voll einverstanden», 25 Prozent «eher». Wer angesichts dieser Antworten erwartet, dass die Jungen folgerichtig auch bereit sind, für diesen Ausbau des Staates zu bezahlen, sieht sich getäuscht: Eine Mehrheit von 59 Prozent («voll und eher einverstanden») will nämlich zur gleichen Zeit die Steuern senken, und fast die Hälfte («voll und eher einverstanden»: 49 Prozent) möchte das Verwaltungspersonal abbauen.
Kein schwarzer Pessimismus
Mit Blick auf diese erste Auswahl von Antworten fällt es schwer, die junge Generation als links oder rechts zu bezeichnen. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, die Jungen antworteten eher sachbezogen denn auf dem Hintergrund einer bestimmten parteipolitischen Haltung. Das wiederum heisst nicht, dass die Jungen weniger politisiert wären als ihre Eltern. Im Gegenteil. Auf die Frage, ob man sich rechts oder links einschätze, äussern sie sich genauso bereitwillig, dabei meiden sie jedoch stärker als die älteren Generationen die Mitte. 28 Prozent der Jungen sehen sich in der Mitte, 32 Prozent halten sich für links, 26 für rechts, und nur 14 Prozent (also eine klare Minderheit) bleiben im Vagen.
Insgesamt lassen sich die Jungen erstaunlich schlecht von den Alten abgrenzen. Von jugendlichem Radikalismus und Idealismus ist nicht allzu viel zu spüren, stattdessen wirken sie wie früh gealterte Jugendliche oder junge Erwachsene. Das liegt nicht daran – wie man vielleicht vermuten könnte –, dass die Stichprobe 18-jährige Singles und 35-jährige Familienväter umfasst. Ein Merkmal durchzieht nämlich alle Ergebnisse: Es gibt keinen systematischen Unterschied zwischen den Antworten der 18-Jährigen und der 35-Jährigen. Ob man selbst schon eine Familie gegründet hat oder nicht, scheint keine Rolle zu spielen. Mit anderen Worten, bei diesen 18- bis 35-jährigen Schweizern muss man von einer sehr geschlossenen Generation sprechen.
Bleiben wir kurz beim Vergleich mit den älteren Generationen. Fragt man die Jungen nach ihrer Einschätzung der wirtschaftlichen Lage, zeigt sich, dass sie zuversichtlicher sind als ihre Eltern und Grosseltern. 67 Prozent geben an, es gehe ihnen wirtschaftlich gesehen gut oder sehr gut. Auf die ganze stimmberechtigte Bevölkerung bezogen, liegen die gleichen Werte tiefer: Nur 58 Prozent aller Schweizer kommen zu diesem Urteil. Noch schärfer wird die Nuance erkennbar, wenn man die Jungen fragt, was für eine Zukunft sie für sich persönlich prognostizieren. Dann sind 24 Prozent überzeugt, dass sie es in einem Jahr besser haben – im nationalen Durchschnitt sind es bloss 14 Prozent, die derart optimistisch sind. Bloss 6 Prozent der Jungen befürchten im Übrigen, dass sie wirtschaftlich härteren Zeiten entgegensehen – und die grosse Mehrheit, 65 Prozent, rechnet damit, dass sich nichts ändert. Was aber fehlt, sind jene Zukunftsängste, jener schwarze Pessimismus, den besorgte Eltern oft bei ihren Kindern zu erkennen glauben.
Gemessen an der seit Jahren anhaltenden Rezession, ist dieser Befund einigermassen erstaunlich, und er mag einen Hinweis darauf geben, warum der Reformdruck in der Schweiz nur schwach wahrgenommen wird. Oder präziser: Vermutlich halten viele Menschen Neuerungen zwar für nötig, aber weniger, weil es ihnen selber schlecht ginge, sondern aus allgemeiner Beunruhigung. Diese Interpretation drängt sich auf, wenn man sich die folgenden Antworten vor Augen hält: Die Jungen wurden aufgefordert, die zwei dringendsten Probleme der Schweiz zu nennen, die die Politiker möglichst rasch lösen sollten. Dabei schwang die wirtschaftliche Lage deutlich obenaus, als Zweites macht den Jungen die soziale Sicherheit Sorgen, als Drittes die Situation in der Asylpolitik. Weit abgeschlagen erscheinen Themen, die früher als typische Anliegen der Jugend galten. Die Ökologie, der Beitritt zur EU und Fragen des Bildungswesens beschäftigen nur mehr marginale Minderheiten von jeweils rund 5 Prozent. Spezifische Jugendthemen kommen überhaupt nicht vor.
Noch vor knapp zehn Jahren zeichnete eine Umfrage des gfs.bern ein anderes Bild. Damals hielt fast die Hälfte von 500 befragten Jugendlichen die Umwelt für das eindeutig grösste Problem der Politik – und auch die EU-Frage belastete seinerzeit die Jungen offensichtlich mehr als heute. Obschon dies ein etwas gewagter Schluss ist, dürfte dies zeigen, dass die junge Generation heute weniger idealistisch denkt, sondern pragmatischer.
Egoistisch und materialistisch?
Dieser Eindruck verdichtet sich, wenn wir uns nun wieder den übrigen Antworten auf die sachpolitischen Fragen zuwenden: 56 Prozent der Jungen wünschen sich eine Berufsarmee. Eine sehr kostspielige Lösung, was den Jungen zwar nicht bewusst sein dürfte, aber die jungen Männer davon befreit, in der Milizarmee ihre Zeit abzusitzen. So verständlich das ist, es entspricht auch einer Haltung, die man – negativ formuliert – als egoistisch oder materialistisch bezeichnen könnte, wogegen sowohl die Forderung nach Armeeabschaffung als auch die Idee einer Milizarmee idealistischeren Motiven entspringen. Die gleiche Kosten-Nutzen-Mentalität prägt möglicherweise die Einstellung zu einem Verbot der Gentechnologie. Eher überraschend wollen lediglich 30 Prozent die Anwendung dieser neuen Technologie in der Schweiz unterbinden, 15 Prozent würden eventuell ein Verbot erlassen.
Eher linken Werten verbunden zeigen sich die Jungen bei der Frauenförderung. Auch drei Jahrzehnte nach Einführung des Frauenstimmrechtes findet es eine Mehrheit von 63 Prozent richtig, wenn «die Frauen in der Gesellschaft speziell gefördert» werden. Die Opposition in diesem vermeintlichen Kulturkampf zwischen links und rechts ist dabei erstaunlich klein: Bloss 14 Prozent sind mit solchen gleichstellungspolitischen Massnahmen «überhaupt nicht einverstanden». Ausserordentlich kontrovers dagegen beurteilt die junge Generation die automatische Einbürgerung von Ausländern, die in der Schweiz die Schule besucht haben. 28 Prozent sind voll dafür, 21 Prozent vielleicht – heftig dagegen eingestellt sind 26 Prozent, 19 Prozent eher – und bloss 6 Prozent haben keine Meinung oder wollten sich nicht äussern.
EU interessiert niemanden
Seit Jahren entzweit die Europafrage die Schweizer Bevölkerung – und die vorliegende Umfrage bestätigt, dass sich die zwei Lager nach wie vor gegenseitig neutralisieren. 29 Prozent der jungen Generation würden jetzt der Europäischen Union beitreten, 16 Prozent wären «eher dafür», zusammen ergibt das eine Minderheit von 45 Prozent. Etwas grösser ist die Opposition: 32 Prozent lehnen den Beitritt ab, 15 Prozent sind «eher» dagegen, was sich auf 47 Prozent summiert. Obschon der Vergleich mit der erwähnten Umfrage aus dem Jahre 1995 problematisch ist, weil diese sich nur auf die Deutschschweiz bezog und die Stichprobe bloss halb so gross war, lässt sich sicher sagen, dass unter den Jungen der Beitritt in den vergangenen Jahren deutlich an Attraktivität verloren hat. Was jedoch nicht übersehen werden darf: Die EU-Frage beschäftigt die junge Generation zurzeit nur schwach. Bloss ein Prozent der Befragten hält sie für die dringendste Herausforderung der Schweiz!
Während die Einbürgerung und der EU-Beitritt die junge Generation in zwei etwa gleich grosse Lager spalten, stossen die folgenden Forderungen auf ausserordentlich wenig Sympathie – wobei sich auch hier offenbart, wie widersprüchlich die Jungen antworten. Bloss 27 Prozent möchten auf der Autobahn schneller fahren. Ihnen stehen 45 Prozent gegenüber, die eine Erhöhung der Tempolimite von 120 auf 140 Stundenkilometer völlig unnötig finden. Hinzu kommen 13 Prozent, die das ebenfalls als eher schlecht betrachten. Wer dies für einen Ausdruck ökologischer Vernunft hält, liegt falsch: Keine Forderung ist nämlich bei den jungen Schweizern weniger beliebt als die Idee, das Autofahren zu verteuern. 50 Prozent lehnen das heftig ab, weitere 21 Prozent sind «eher nicht» glücklich darüber, womit der Widerstand auf 71 Prozent anschwillt. Dieses Resultat dürfte der TCS mit Interesse zur Kenntnis nehmen. Und es bestätigt sich der Verdacht, wonach für eine Mehrheit der Jungen die persönliche Nutzenmaximierung im Vordergrund zu stehen scheint.
Doch auch die Linke kann im Kampf gegen gewisse bürgerliche Anliegen auf die Unterstützung der Jungen zählen. Eine zeitliche Verkürzung der Arbeitslosenunterstützung etwa lehnen 62 Prozent ab («eher und überhaupt nicht einverstanden»). Ebenso stellen sich gar 68 Prozent gegen einen Abbau der Entwicklungshilfe. Das widerspricht nur scheinbar der These, der persönliche Nutzen beeinflusse die politische Haltung dieser Generation stark. Diese Jungen sind sozialpolitisch grosszügig, solange sie darin keinen persönlichen Nachteil erkennen. Müssen sie für eine Einstellung Opfer bringen, schrecken sie in der Regel zurück. Erwartungsgemäss verteidigen die Jungen ihre Interessen: 69 Prozent der jungen Schweizer halten nichts von höheren Studiengebühren. Ein polarisiertes Bild zeigt schliesslich die Blocher-Frage: 41 Prozent der Jungen finden es sehr oder eher positiv, dass Christoph Blocher in den Bundesrat gewählt worden ist, während 32 Prozent dies für sehr oder eher negativ halten. 14 Prozent glauben, dass sich damit nichts verändert.
Zwei Cluster links, zwei Cluster rechts
Wo steht die Jugend politisch? Die bisher referierten Ergebnisse lassen keine eindeutigen Schlüsse zu. Das eine Mal ergibt sich ein eher rechter Konsens, das andere Mal folgen die Jungen linken Vorstellungen. Gewiss fällt auf, dass sich die Mehrheit eher pragmatisch verhält – bloss fragt sich, inwiefern es sich um ein neues Phänomen handelt. Oft wird das Bild einer Generation von einer besonders aktiven Minderheit geprägt – das bekannteste Beispiel sind die 68er –, und dabei geht leicht vergessen, wie durchschnittlich oder pragmatisch die «schweigende Mehrheit» zur gleichen Zeit immer war. Was vorläufig mit Sicherheit gesagt werden kann: Eine Polarisierung, wie sie seit Jahren diagnostiziert wird, ist nicht ersichtlich. Es stehen sich nicht zwei gleich grosse, unversöhnliche Lager gegenüber, während die Mitte erodiert. Vielmehr haben wir es mit Mehrheiten zu tun, die sich stets anders zusammensetzen.
Um mehr Licht in diese Zusammenhänge zu bringen, bietet sich die so genannte Clusteranalyse an, eine statistische Methode, die auch das gfs.bern bei der Auswertung der vorliegenden Daten angewandt hat. Ausgegangen wird dabei von der folgenden Tatsache: Die 1013 Menschen, die die Meinungsforscher befragt haben, sind zwar Individuen mit ihren je ganz besonderen Eigenschaften und Meinungen – trotzdem stehen gewisse Junge ihnen näher als andere. Das heisst, einige Leute sind fast immer der gleichen Ansicht. Andere stimmen in zehn von fünfzehn Fällen überein, wieder andere sind sich nie einig. Daraus lassen sich gewisse Gruppen oder eben cluster (deutsch: Büschel, Haufen) bilden. Wie viele ist an sich offen, theoretisch sind 1013 Gruppen möglich, doch macht das wenig Sinn. Interessanter ist es, möglichst wenige Cluster zu berechnen. Das Ziel liegt auf der Hand – man möchte herausfinden, welche Leute in welchen Fragen oft übereinstimmen und daher vielleicht auch der gleichen politischen Strömung zuneigen – wobei dies keineswegs zwingend ist. Konkret: Die Leute, die einen EU-Beitritt falsch finden, haben womöglich auch die gleiche Meinung zur Einbürgerungsfrage. In einem weiteren Schritt zeigt sich, dass sie gemeinsam die Steuern senken wollen, Kinderkrippen für keine Staatsaufgabe halten und sich über die Wahl Christoph Blochers in den Bundesrat freuen. Dieses Cluster würde man wahrscheinlich als liberal-konservativ bezeichnen können, und die Chance wäre gross, dass solche Leute SVP wählen.
Nach Meinung der Weltwoche kommt einer Analyse anhand von vier Clustern im vorliegenden Fall am meisten Erklärungskraft zu. Die einzelnen Gruppen sind in sich homogen und unterscheiden sich klar voneinander. Dabei spaltet sich die Linke in zwei Lager auf – in «linke Idealisten» und «Mitte-links-Pragmatiker». Auf der rechten Seite des Spektrums kann man ebenfalls zwei Gruppen ausmachen, die wir einerseits als «Konservative», andererseits als «Liberale» bezeichnen. Zu betonen ist jedoch, dass diese Begriffe lediglich als Annäherungen zu verstehen sind – die identifizierten Cluster stellen keine Parteien dar, und ihre Haltungen entsprechen nur grob den Definitionen aus dem Lehrbuch. Die vier Gruppen weisen in etwa die gleiche Grösse auf.
Liberale wollen schneller fahren
Unerwartet sind die Konflikte, die jetzt innerhalb der Linken festzustellen sind. Während die linken Idealisten mit überwältigender Mehrheit das Autofahren verteuern wollen, wehren sich die linken Pragmatiker geradezu vehement dagegen. Keine Gruppe – selbst die Konservativen nicht – kann diesem ökologischen Anliegen so wenig abgewinnen wie die linke Mitte. Was steckt dahinter? Ein Blick auf das sozioökonomische Profil der verschiedenen linken Strömungen mag weiterhelfen: 70 Prozent der linken Idealisten sind Akademiker, die zudem tendenziell in grossen Städten leben. Bei der zweiten linken Gruppe dagegen handelt es sich um Leute, die mehrheitlich eine mittlere Ausbildung vorweisen und in der Agglomeration oder kleineren Städten zu Hause sind. Solche Menschen sind aufs Auto angewiesen. Weiter besteht die zweite linke Gruppe der Pragmatiker zu zwei Dritteln aus Frauen, während die drei übrigen Cluster eine knappe männliche Mehrheit ausweisen. Eine wesentliche Nuance offenbart sich schliesslich beim Selbstverständnis. Die linken Idealisten bezeichnen sich zu 62 Prozent selbst als links, wogegen die Pragmatiker sich bloss zu 37 Prozent als links fühlen, 32 Prozent verorten sich in der Mitte. Zu denken gibt eine weitere politische Differenz. Lehnen die linken Idealisten Steuersenkungen fast durch die Bank ab (73 Prozent dagegen), votiert Mitte-links für das genaue Gegenteil: Mit einer deutlichen Mehrheit von 69 Prozent fordern die linken Pragmatiker tiefere Steuern.
Mit den linken Pragmatikern teilen die Liberalen nicht bloss den Wohnort in der Agglomeration, sondern auch eine materialistische Anspruchshaltung. Das unterscheidet sie zum Teil stark von den Konservativen – die im Übrigen geradezu klassisch das ländliche Milieu repräsentieren. Die Liberalen verlangen mit beträchtlicher Mehrheit eine Berufsarmee (70 Prozent) und mehr soziale Sicherheit im Alter (87 Prozent), gleichzeitig sind sie keineswegs bereit, dafür zu bezahlen. Mit einer erdrückenden Mehrheit fordern sie tiefere Steuern (87 Prozent; Konservative: nur 54 Prozent), wollen sie die Entwicklungshilfe kürzen (62 Prozent, Konservative 35 Prozent) und das Verwaltungspersonal abbauen (80 bzw. 53 Prozent). Völlig unpolemisch ausgedrückt: Das Portemonnaie prägt ihr politisches Bewusstsein – und sie fahren gerne schnell: Im Gegensatz zu allen anderen Gruppen stimmen die Liberalen einer höheren Tempolimite von 140 mit einer geschlossenen Mehrheit von 77 Prozent zu.
Stichfrage Blocher
In einem Wort, bei den Liberalen handelt es sich um Menschen, die fiskalpolitisch und wirtschaftspolitisch die Konservativen rechts überholen. Ebenso ist ihre Haltung zum Staat skeptischer. Im Gegensatz zu den Konservativen neigen sie einem individualistischen Hedonismus zu – was etwas wertend klingt, aber nicht so gemeint ist. Dazu passt, dass sie anders als die Konservativen gesellschaftspolitisch ebenso liberal sind: Was sie für sich selbst in Anspruch nehmen – ein grosses Mass an Selbstverwirklichung –, soll für alle gelten, auch für die Frauen. Sie halten die Frauenförderung für notwendig, und sie drängen auf mehr staatlich finanzierte Kinderkrippen.
Diese neuen, jungen Liberalen sind eine echte Entdeckung dieser Umfrage. Zwar bürgerlich, aber ohne wertkonservativen Boden, wirken diese Freunde des schlanken Staates und der persönlichen Freiheit nicht bieder, sondern modern. Dass sie parteipolitisch eher heimatlos scheinen, mag daran liegen, dass sie nur gelegentlich an Abstimmungen teilnehmen. Klar ist, dass ein schlauer liberaler Politiker, der selber die hedonistischen Vorlieben dieser Klientel glaubwürdig verkörpert, auf eine grosse, unbefriedigte Nachfrage träfe. In der EU-Frage widerspiegelt diese Gruppe das Patt im ganzen Land. 44 Prozent der Liberalen votieren für den Beitritt, bei den Konservativen sind es 4 Prozent. Trotzdem schliessen sie sich der Begeisterung der Konservativen für Christoph Blocher an: 64 Prozent der Liberalen finden Blochers Einzug in die Regierung positiv, bei den Konservativen sind es 68 Prozent. Umgekehrt ist der Befund auf der linken Seite. Bei beiden Gruppen kann nur ein Drittel in dieser Wahl etwas Gutes erkennen.
Bedürfnisse ungenügend abgedeckt
Zurück zur Eingangsfrage: Ist das noch das gleiche Land? Ja und nein. Ja, weil die viel beschworene Polarisierung nicht stattgefunden hat. Wenn überhaupt, spaltet allein die Person Christoph Blochers die jungen Schweizer in ein linkes und ein bürgerliches Lager, ansonsten gelten nach wie vor wechselnde Mehrheiten, wie wir das seit den neunziger Jahren kennen.
Nein, weil das heutige Parteiensystem die Einstellungen und politischen Bedürfnisse der Jungen nur mehr ungenügend abdeckt. Erstens besteht in der Linken ein latenter Gegensatz zwischen einer linken Elite und einer linken Basis, die in die politische Mitte ausfranst – was die reale SP nur wenig zu kümmern scheint. Zweitens: Aufgrund ihres wertkonservativen Ballastes können FDP und CVP die jungen Liberalen kaum ansprechen. Die alten bürgerlichen Parteien wirken zu bieder und zu lustfeindlich, als dass sie die Neoliberalen erreichen könnten. Drittens sind die Konservativen, die vermutlich in der Regel der SVP nahe stehen, weit weniger staatskritisch eingestellt, als das die Führung der Partei glauben machen will.
Vergleichen Sie zum Thema:
Politische Einstellung junger Schweizer und Schweizerinnen, 2004.
www.gfsbern.ch
12.05.2004, Ausgabe 20/04
Umfrage
Jugend schützt vor Alter nicht
Wo stehen die jungen Schweizer politisch? Sind sie so konservativ, wie manche befürchten, oder bleiben sie radikal, wie sich andere das wünschen? Eine Umfrage der Weltwoche klärt alle Vorurteile.

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