Was sagt der Revoluzzer zu unserer schönen neuen Welt? Mal sehen. www.karlmarx.de vielleicht? Treffer. Die Homepage geht auf. Was steht darauf? Nichts. Kein Bild, kein Wort, kein Link. Mattscheibe. Delete.
Hat der Lauf der Dinge Marx die Sprache verschlagen? Doch warum? Wer diagnostizierte denn bereits vor 156 Jahren die Globalisierung? «Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.» Karl Marx, Das Kommunistische Manifest, 1848.
Weiter: Was er als «Mehrwert»-Abschöpfung kritisierte, läuft erst heute auf Hochtouren (siehe Shareholder-Mentalität, siehe Manager-Boni, siehe Prozess um den Mannesmann-Verkauf an Vodafone...). Was er als «Ökonomisierung» aller Lebensbezüge analysierte, nähert sich erst seiner Vollendung (siehe Kapitalisierung der Freizeit, der Kultur, der Erlebnisse, der Intimität...). Was er ideologiekritisch als «Opium des Volkes» verwarf, feiert gerade Renaissance (siehe Fundamentalismus, Esoterik, psychologisches Trost-Gelechze, Wellness-Dogma). Was er von Intellektuellen erwartete – rücksichtsloses Zerlegen der Herrschaftslogiken –, ist so gut wie passé (siehe die fröhlich affirmativen Wissenschaften, den Hohn auf «Kulturpessimisten», den intellektuellen Mainstream der spassigen Apologie des Bestehenden).
Ein Sohn von der Haushälterin
So dass der bärtige Feuerkopf heute mehr denn je in seinem Element wäre. Sein analytisches Besteck – «Fetischcharakter der Ware», «Verselbständigung des Kapitals» als Geld, das Geld produziert, «Vernichtung der nationalen Industrien» durch Globalisierung – müsste er kaum auswechseln, allerdings auf die neuen Realitäten ansetzen, die am Leben der Individuen saugen: auf bürokratische Apparate, aufs Finanzkapital, auf Kommunikation, Freizeit, Kulturbetrieb, auf die Medien- und Erlebniszeit statt nur auf Arbeitsfron und Himmelsbegier. Zu seiner Zeit hatte er es einfacher, da war die Welt entschieden zweigeteilt – in Bourgeoisie und Proletariat, in «Täter» und «Opfer» –, der Gegensatz war mit Händen zu greifen, mit seinem Scharfsinn mühelos auf den Begriff zu bringen. Heute fühlen sich alle irgendwie als Opfer, bestenfalls als Agenten eines globalisierten Weltgeistes, der CEO wie die Telefonistin, der Bundesrat sowieso, genötigt, gehetzt, gestresst durch das anonym fluktuierende Kapital. Wer will das so? Dumme Frage. «Es» will, es ist nun mal so, ist ja auch spannend, oft herrlich belebend. Aber die grosse Freiheit? Es ist fast wie im Mittelalter: one world wie das alte Römische Reich, tausendmal unruhiger, doch ähnlich geschlossen, ohne Alternative.
Verstummt Marx jetzt darum? Sieht er weit und breit kein «revolutionäres Subjekt»? Oder würde es ihm zu wohl in unserer Welt? Der «Mohr», wie seine Freunde ihn ansprachen, mied den Kontakt zu Proletariern, die er von oben herab «Knoten» und «Straubinger» nannte, deren «ordentliche und einfache Kleidung» er nicht riechen konnte. Kein Kostverächter, genoss er in jungen Jahren das mondäne Pariser Leben, liebte teure kubanische Zigarren, und ohne den kistenweisen Versand von Champagner, Bordeaux, Sherry und Portwein wäre sein Briefwechsel mit Friedrich Engels halb so umfangreich. Seine betörende Gemahlin, Jenny von Westphalen, hiess er Visitenkarten mit Aufdruck «née Baronesse Westphalen» verschicken, seinen Töchtern kaufte er lieber ein Klavier, als in ihre Ausbildung zu investieren. Ein bürgerlicher Lebemann, mit einem unehelichen Sohn von der Haushälterin, den er – typisch bürgerlich – nie anerkannte.
Nicht einmal ein Marxist wollte er sein. Als er wieder einmal über seine zwei Schwiegersöhne, die Salonsozialisten Longuet und Lafargue, herzog und deren theoretisches Kauderwelsch abkanzelte, fiel das berühmte Diktum: «Wenn das Marxismus ist, bin ich kein Marxist.» Es richtete sich wider das Utopie-Gefasel mancher seiner Anhänger. Gegen das Schwelgen in sozialistisch-kommunistischen Möglichkeits-Fantasien war Marx erstaunlich immun. Er sah darin eine verweltlichte Form der alten Religion, ein Paradies-Gesehne kraftloser Seelen. Mit beissendem Spott quittierte er Forderungen des Pariser Proletariats als «utopische Flauseln». Ganz im Sinne seines Übervaters Hegel: «Was sein soll, ist in der Tat auch, und was nur sein soll, ohne es zu sein, hat keine Wahrheit.» Nichts für Träumer.
Eben darum ist es ein Jammer, dass Marx heute schweigt. Träumer haben wir genug. Mitmacher sowieso. Doch geniale Analytiker, unbestechliche Kritiker? Sein bourgeoises Geniessertum disqualifizierte Marx keineswegs. Im Gegenteil, es schärft die Sinne für uneingelöste Versprechen des «Systems». Wie «das Kapital» das Leben höhlt, merkt nur der Lebemann. Spiesser lassen sich alles gefallen.
Hallo, karlAmarx.de, wir stellen schon mal eine Flasche Château Mouton-Rothschild bereit. Vielleicht lassen Sie doch mit sich reden über den vertrackten Fortgang unserer Geschichten. Inzwischen frischen wir unsere Erinnerung an Ihre Physiognomie auf.
Gegen die bewaffneten Liebhaber
In einem Streitgespräch, wer denn in der zukünftigen klassenlosen Gesellschaft die niederen Arbeiten verrichten sollte, wandte sich die Dame des Hauses an Marx: «‹Ich kann mir Sie auch nicht in einer nivellierenden Zeit denken, da Sie durchaus aristokratische Neigungen und Gewohnheiten haben.› – ‹Ich auch nicht›, antwortete Marx. ‹Diese Zeiten werden kommen, aber wir müssen dann fort sein.›
Fort ist er, gründlicher, als er sich das wohl je vorgestellt hat. Die Zeiten aber, von denen er träumte, sind nicht einmal mehr in utopischer Reichweite. Obwohl Marx alles tat, seinen Leibspruch wirklich zu machen: «Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.» Mit Ausnahme der älteren Bibel war nie ein Text folgenreicher als sein «Manifest der Kommunistischen Partei» von 1848. Auch wenn es im ersten Teil wie eine «grandiose Hymne auf den Kapitalismus» (Hans Magnus Enzensberger) klingt: Das Manifest wälzte die Weltgeschichte um, real wie intellektuell.
Realpolitisch mit Lenin, Stalin, Mao, Fidel Castro, Pol Pot, Ceausescu...; «die Diktaturen des Proletariats», so verrottet, so freiheitserstickend, so mörderisch sie waren, etablierten sich als historische Alternative zum Kapitalismus, teilten die Welt in zwei Hemisphären auf. Nicht umsonst fühlte sich Stalin, amtierender Pontifex maximus der marxistischen Lehre, seinem römischen Rivalen überlegen, als er die süffisante Frage stellte, wie viele Divisionen der Papst denn habe. Geistesgeschichtlich durchdrang Marx jede wissenschaftliche, jede weltanschauliche Disziplin (marxistische Ökonomie, marxistische Geschichtsschreibung, marxistische Psychoanalyse, marxistische Literaturwissenschaft, marxistische Pädagogik), stiftete die merkwürdigsten Koalitionen («zwischen Marx und Markt») bis hin zu Oswald von Nell-Breuning, dem Nestor der katholischen Soziallehre («Wir alle stehen auf den Schultern von Karl Marx»), erlebte die geistreichsten Versuche, Marx gegen seine bewaffneten Liebhaber zu verteidigen. Über Jahrzehnte triumphierte Marx als Gründer einer Weltreligion, die – wie jede Religion – von der utopischen Heilsbotschaft zur Herrschaftsreligion versteinerte. Sogar die Alternative zu ihr, der «westliche» Liberalismus, verkümmerte zum schieren «Antimarxismus» (zum Beispiel die französischen «nouveaux philosophes»).
Bis 1989. Und heute? Ein Spuk, ein Gespenst von vorgestern. Die Mauer ist weg, der Marxismus vom Westwind verweht. Städte und Strassen sind umbenannt, Standbilder geschleift. Russland kehrt zurück zum aufgeklärten Zarentum. China setzt den Schutz des «Privateigentums» in die Verfassung. Schluss mit der Aufteilung der Welt. Nicht einmal Attac, die «revolutionäre» Gruppe wider Globalisierung, beruft sich auf Marx. An Universitäten ist er ganz und gar Persona non grata. Die Proletarier aller Länder vereinigen sich zu Pop und Beckham und Warenkonsum.
Marx überlebt als Popstar, als Kultfigur – wie Einstein, Mao, Che Guevara – auf T-Shirts von Teenagern, die ihn wohl für einen der Marx Brothers halten. Und im Theater, wo auch Gespenster ihren Auftritt bekommen. Die Berliner Volksbühne gibt gerade Wladimir Majakowskis «Mysterium Buffo», ein Fundstück aus dem Revolutionsjahr 1918, eine groteske proletarische Odyssee durch die Rackerei der Jahrhunderte, bis der «Mensch der Zukunft» (Marx!) endlich ins «Gelobte Land» schaut: eine strahlende Industriewelt, in der die Arbeiter über die Maschinen verfügen, Gott die Elektrizität stehlen und die Welt nach ihrem Willen formen. Merke: Es gibt zwischen Himmel und Erde noch anderes als unseren Turbokapitalismus – die Revolution, Marx. Theaterweisheit.
Als «Deutschland» im vergangenen Jahr seine «Besten» aller Zeiten suchte, landete Karl Marx auf Rang drei, knapp hinter Konrad Adenauer und Martin Luther, weit vor seinen philosophischen Rivalen Kant und Hegel. Welterfolg beeindruckt die Massen jenseits von Gut und Böse.
Radikalliberaler Maulwurf
Karl Marx war ein deutscher Philosoph. Das tönt so banal, wie wenn man sagt: England ist eine Insel. Genau so banal aber ist es: Englands Geschichte versteht man nur aus der Insel-Lage, Karl Marx nur als Schlusskapitel des Deutschen Idealismus. Ein richtiger deutscher Philosoph geht aufs Ganze. In seinen Augen wurstelt dieses Ganze nicht chaotisch vor sich hin, sondern folgt einem überlegenen Fahrplan. Ein deutscher Philosoph glaubt an die Vernunft in der Geschichte, an eine Vernunft, die durch alle Etappen der Irrungen und Wirrungen am Ende in ein Geschichtsziel einbiegt, in eine definitiv vernünftige Gesellschaftsordnung – allerdings erst, wenn der Weltgeist philosophisch durchschaut ist. Zu seiner Vollendung braucht der Geist den Menschen als Erfüllungsgehilfen, der Mensch aber braucht die Philosophie als heilsgeschichtlichen Kompass, damit er die Welt zur Vernunft bringen kann.
Der Geschichts-Idealismus ist ausgeträumt, kompromittiert durch seine armeestrotzenden Interpreten. Niemand glaubt heute an eine Vernunft und ein Ziel in der Geschichte, schon gar nicht an einen gesellschaftlichen Generalbeauftragten des Weltgeistes.
Karl Marx jedoch – 1818 in Trier geboren, die Eltern von liberaler Geistesart, die Vorfahren jüdische Gelehrte, die Familie wohlsituiert – gerät in eine Zeit, mit der es nur Vorgestrige aushalten. Der Wiener Kongress hat die Ordnung der alten Mächte wieder hergestellt, eine Phase freiheitserstickender Restauration eingeleitet, liberale Gedanken werden abgewürgt, mit Zensur, mit Verfolgung. Umso heftiger regt sich unter Intellektuellen und Studenten der rebellische Widerstand. Früh lernt Marx sozialistische Theoretiker wie Saint-Simon kennen. Mit 23 Jahren promoviert er, Thema: «Differenz der demokritischen und epikuräischen Naturphilosophie». Er gilt als philosophisches Nachwuchs-Genie. Kaum 25 Jahre alt, korrespondiert er mit den intellektuell führenden Köpfen seiner Zeit, mit Georg Herwegh, Pierre Joseph Proudhon, Arnold Ruge. Mit Ludwig Feuerbach, der Religion als Projektion, als Ersatzflug niedergedrückter Existenzen versteht, was Marx richtig findet – nur dass er Feuerbachs Glauben für naiv hält, reale Entfremdungsmiseren durch Religionskritik aufheben zu können. Gegen die Macht des Realen ist kein gedankliches Kraut gewachsen, so weit ist bereits der junge Marx «Materialist».
Damit kann er die akademische Karriere vergessen. Metternichs Politik rottet die ganze «Drachensaat des Hegelschen Pantheismus» aus. Also keine Chance für den «Linkshegelianer» Marx. Er wird Journalist. Als Chefredaktor der Rheinischen Zeitung, des Organs der liberalen Bourgeoisie des Rheinlands, erhebt er 1842/43 die «rücksichtslose Kritik» zum Programm: «rücksichtslos in dem Sinne, dass die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebenso wenig vor dem Konflikt mit den vorhandenen Mächten». In seinen eigenen Artikeln polemisiert er gegen die preussischen Zensurgesetze: «Das Wesen der freien Presse ist das charaktervolle, vernünftige, sittliche Wesen der Freiheit. Der Charakter der zensierten Presse ist das charakterlose Unwesen der Unfreiheit, sie ist ein zivilisiertes Ungeheuer, eine parfümierte Missgeburt.»
Die Pressezensur schärft seine Wahrnehmung für die Verlogenheit des Liberalismus in Deutschland («Ihr verlangt nicht, dass die Rose duften soll wie das Veilchen, aber das Allerreichste, der Geist, soll nur auf eine Weise existieren dürfen?»), er beginnt sich für Probleme des ökonomischen Lebens zu interessieren, analysiert die materielle Lage der Arbeiter. Die Dampfmaschine läuft, die Eisenbahn transportiert ungeheure Lasten, die Fabriken produzieren massenhaft Waren. Die industrielle Revolution bringt den «Proletarier» als einen neuen Menschenschlag hervor. «Da der Arbeiter zur Maschine heruntergesunken ist, kann ihm die Maschine als Konkurrent gegenübertreten.»
Seinen Redaktoren verbietet er «das Einschmuggeln kommunistischer und sozialistischer Dogmen in beiläufigen Theaterkritiken etc.», das hält der Chef für «unsittlich». Dem feuilletonistisch-ideologischen Kuddelmuddel zieht er die Frontalattacke gegen den illiberalen Staat vor. «Die erste Pflicht der Presse ist nun, alle Grundlagen des bestehenden politischen Zustandes zu unterwühlen.» Es häufen sich die Klagen wegen Beamten- und Majestätsbeleidigung, die Prozesse. Eine zeitgemässe Karikatur zeigt Marx als modernen Prometheus, an die Druckerpresse geschmiedet, der preussische Adler frisst ihm die Leber weg.
Der Einzelne als entbehrliches Glied
In Wirklichkeit drängt der preussische Staat seinen Widersacher samt Familie in die Emigration, nach Paris, nach Brüssel, kujoniert ihn auch dort. Bis es Marx zu dumm wird. Er verlangt «Entlassung aus dem Königlich preussischen Untertanenverband behufs Auswanderung nach den Vereinigten Nordamerikanischen Staaten». Nach Amerika kommt er nie, er flieht 1849 mittellos nach London, verbringt dort sein weiteres Leben, als Staatenloser, ohne ausreichende Einkünfte, von Friedrich Engels ausgehalten.
Die Briten lassen den ausländischen Ketzer ungeschoren. Anders als Preussen hat London mit seinen zweieinhalb Millionen Einwohnern Wichtigeres zu tun, als revolutionäre Sonderlinge zu verfolgen. Es rüstet auf zum gigantischen industriellen Zentrum. Exoten wie Marx begegnet man mit belustigter Gleichgültigkeit. Der arbeitet weiter journalistisch, schreibt für die New York Daily Tribune, die damals weltgrösste Zeitung, für die Neue Oder-Zeitung und andere, über alles Mögliche, über die Geheimdiplomatie zwischen England und Russland, über China, Indien, den englisch-persischen Friedensvertrag, die Rolle der ostindischen Kompanie, das Attentat von Orsini... Man weiss bloss nicht genau, was von ihm stammt. Engels übersetzt die Artikel nicht nur, oft muss er sie für Marx gleich verfassen («Für Dienstag erwarte ich einen Artikel von Dir, 2 Seiten, und englisch, damit nicht noch Zeit für das Übersetzen verloren geht...»).
Marx vergräbt sich ins Studium der Wirtschaftsgeschichte. «Ich treibe jetzt zehn Stunden des Tages ex officio Ökonomie.» Im British Museum arbeitet er sich durch die gesamte ökonomische Literatur, von Aristoteles über Adam Smith bis zu abertausend Detailstudien über Volkswirtschaften aller möglichen Länder. Die «ökonomische Scheisse» füllt die nächsten Jahrzehnte.
Der real existierenden ökonomischen Scheisse geht er aus dem Weg. Als Journalist wie als Revolutionstheoretiker. Nie im Leben sah Marx einen «Knoten» bei der Arbeit, nie betrat er eine Fabrik, nicht einmal Engels’ Fabrik in Manchester. Das liegt nicht nur an seiner «Schneckeneinsamkeit» (Fritz J. Raddatz in seiner Marx-Biografie), an seiner gesellschaftlichen Isolation, seiner hochfahrenden Kälte, seinem beziehungsgestörten Hypochondertum. Es passt auch zur Denkart: Die Ökonomie und ihre sozialen Debakel, das ist für ihn Studium, Politik ist ihm Theorie. In der Theorie zählt «die Menschheit», die Gattung, nicht der konkrete Mensch, «das Proletariat», nicht der einzelne «Knoten». Der Einzelne ist bloss ein entbehrliches Glied in der Kette, «Stafettenträger einer Mission» (Raddatz).
Revolutionäre Träumerei
Karl Marx, ein deutscher Philosoph. Die heillose Welt durch Denken versöhnen! Erlösung dank Philosophie! Selbstbefreiung der Vernunft! Heinrich Heine, Marx’ Freund in gemeinsamen Pariser Zeiten, hat 1830 die deutsche Philosophie als «revolutionäre Träumerei» charakterisiert: «Seltsam ist es, dass das praktische Treiben unserer Nachbarn jenseits des Rheins dennoch eine eigene Wahlverwandtschaft hatte mit unseren philosophischen Träumereien im geruhsamen Deutschland. Man vergleiche nur die Geschichte der deutschen Philosophie, und man sollte glauben, die Franzosen, denen so viel wirkliche Geschäfte oblagen, wobei sie durchaus wach bleiben mussten, hätten uns Deutsche ersucht, unterdessen für sie zu schlafen und zu träumen, und unsere deutsche Philosophie sei nichts anderes als der Traum der französischen Revolution.»
Genau so ist es. «Manches kleine Buch», sagte Friedrich von Schlegel, «von dem die lärmende Menge nicht viel Notiz nahm, spielte eine grössere Rolle als alles, was diese trieb». Hier das Buch, der weltbewegende Geist, die Philosophie – dort die geistlose, daher unbedeutende lärmende Menge. So dachten sie grosso modo alle: Kant («der ewige Frieden»), Fichte («die Revolution des Geistes»), Friedrich von Schlegel («Der revolutionäre Wunsch, das Reich Gottes zu realisieren, ist der elastische Punkt der modernen Geschichte»), Hegel («Freiheit als begriffene Notwendigkeit»).
Karl Marx, das Schlusskapitel des Deutschen Idealismus. Zwar stellt er den Weltgeist «vom Kopf auf die Füsse»; nicht die Widersprüche im Denken treiben die Geschichte voran, sondern Klassengegensätze, Zerreissproben zwischen Produktivkräften und Gesellschaftssystemen. Doch auch der ökonomische Weltgeist wühlt sich im Dreitakt der Hegelschen Dialektik durch die Zeiten (Antithese – Synthese – neue Antithese) – bis die geschundene Kreatur Mensch schliesslich ganz und friedlich bei sich selber ist. Die Geschichte als Geschichte der Klassenkämpfe. Auf jeder Stufe drängt der Gegensatz zwischen einer herrschenden Klasse (Sklavenhalter, Feudalherren, Bourgeoisie) und einer unterdrückten Klasse (Sklaven, Bauern, Proletarier) zur Erneuerung – bis die klassenlose Gesellschaft erreicht ist. Dann eitel Friede und Glück. Weil dann keine «Entfremdung» mehr herrscht, zum Beispiel zwischen dem Besitz von Produktionsmitteln (Fabriken, Konzernen) und der Lohnarbeit. Dann sind alle endlich menschlich und frei, Subjekte ihrer Arbeit, ihres Lebens statt Objekte fremden Willens.
Ein schöner Gedanke. Ein bisschen weltfremd. Marx sieht im Proletariat das «revolutionäre Subjekt», das die jahrtausendelangen Antagonismen im widerspruchslosen Kommunismus aufhebt. Es ist fast rührend, wie Marx die Revolution erwartet, kaum dass es unter Arbeitern rumort. «Spätestens im August 1850», dann 1851, 1852. Marx fragt Engels, wo denn nun Wirtschaftskrise und Revolution blieben, er verstehe die Geschichte nicht mehr. «November 1852 bis Februar 1853», antwortet Engels, «wir können sie ebenso gut schon im September haben. Sie wird aber schön werden.» Nichts rührt sich. Nicht einmal Streik gibt es bis zur Krise 1857.
1863 wird in London die I. Internationale gegründet, ein Versuch, Proletarier aller Länder in eine gemeinsame Assoziation zu binden. Marx sitzt im «Generalrat», diktiert die Statuten. Die nationalen Gewerkschaften denken nicht daran, Mitglieder zu werden. Zehn Jahre nach der Gründung zählt die Internationale, mehr Phantom als Weltmacht, knapp vierhundert Mitglieder. Eine einflusslose Kommandozentrale, die aber sogar der Papst als Brutstätte exemplarischer Feinde Gottes und der Menschheit bekämpft. Was Marx endlich zu Renommee verhilft. Die Gewerkschafter kuschen vor seiner intellektuellen Überlegenheit, lehnen aber den «Nicht-Arbeiter» ab. Ihn hinderte das nicht, die politische Strategie im Fanfarenton eines Befehlshabers durchzugeben: «Diktatur des Proletariats»!
Seltsam, dass er den Denkfehler in seinem Heilsplan nicht entdeckt. Noch nie in der Geschichte war eine vorher unterdrückte Klasse in der nächsten Formation die herrschende Klasse. Die Sklavenhaltergesellschaft ist untergegangen, doch die nächste Herrschaftsklasse waren nicht die Sklaven, sondern die Feudalherren. Die Feudalgesellschaft hat sich ruiniert, aber die nächste Herrschaftsklasse waren nicht die Bauern, sondern die Bourgeois. Aus dem Zusammenbruch einer Epoche entstanden stets zwei neue Klassen. Die Frage wäre demnach: Wo sind die beiden neuen Klassen nach den klassischen Konflikten zwischen Bourgeoisie und Proletariat?
Karl Marx, ein deutscher Philosoph. Er kann nicht anders, er muss die Gesellschaft als «das Ganze» denken. Richtig ganz aber wird dieses Ganze erst, wenn es kugelrund und konfliktfrei funktioniert. Freiheit ist für einen deutschen Traditionsphilosophen Unabhängigkeit von allem, was der Mensch nicht als sein eigenes Bedürfnis anerkennen kann. Dass Freiheit sich gerade im absurden Tohuwabohu der Wirklichkeit bewähren könnte, das bleibt ihm fremd. Für ihn ist nur der «autonome» Mensch frei, und der verträgt keine Heteronomie, keine Fremdheiten, Befremdlichkeiten, Entfremdungen. Also muss die Geschichte, wenn sie überhaupt einen Sinn hat, was für einen deutschen Philosophen keine Frage ist, irgendwann zur harmonischen Einheit auflaufen.
Die metaphysischen Mucken der Ware
Die Heilsgewissheit vernebelt Marx die prognostische Aussicht. Als Analytiker bleibt er unbestechlich. Lesen wir im ersten Band «Das Kapital» wieder einmal, wie er die Doppelfunktion der Ware beschreibt: als «Gebrauchswert» (Nützlichkeit) und «Tauschwert» (Geldwert). Marx – kein Kostverächter, wie gesagt – bewundert den Reichtum der kapitalistischen Produktionsweise, diese «ungeheure Warensammlung». Er hat sogar ein Flair für silbernes Besteck, auch wenn er es immer wieder zum Pfandleiher bringen muss. Er hat auch nichts dagegen, dass silberne Messer gegen einen soliden Tisch oder ein Dutzend weniger solide Bücher getauscht werden. Sein Argwohn setzt dort ein, wo ein Geldbesitzer anfängt, Messer und Tische und Bücher ausserhalb jedes Gebrauchszusammenhanges zu produzieren, nur damit er danach noch mehr Geld hat. Diese kapitalistische Warenproduktion funktioniert nur, weil auf dem Markt eine Ware auftaucht, die erwerbbar ist und Wert produziert: die Arbeitskraft. Nur der Erwerb dieser Ware schafft Kapital. Ihre Attraktion ist es, mehr Wert zu schaffen, als sie kostet. Kostete die Arbeitskraft so viel, wie sie abwirft, könnte nicht entstehen, was die Basis des Kapitals ausmacht: der Mehrwert – und mit ihm die Investitionen, die Erneuerungsschübe, die so genannt produktive Zerstörung.
Was Marx kritisiert, ist nicht so sehr der Mehrwert an sich, sondern die Entmenschlichung der Tätigkeit zur Ware, die «Entfremdung» der Arbeitskräfte in einem doppelten Sinne: einmal das Verhältnis des Arbeiters zum Produkt seiner Arbeit («Der Herr seiner Schöpfung ist zum Knecht seiner Schöpfung degradiert»), sodann das Verhältnis zur Produktion («Der Arbeiter fühlt sich erst ausser der Arbeit bei sich und in der Arbeit ausser sich; zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Hause»).
Kitzelt das noch jemanden? Kaum. Wir sind realistisch geworden. Das Elend, das zu Marx’ Zeiten in Arbeiterfamilien herrschte, ist weg. Für «Entfremdung» werden wir immer raffinierter entschädigt. Dennoch lohnt es sich, die berühmte Stelle über den «Fetischcharakter der Ware» noch einmal zu lesen:
«Die Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, dass sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeiten und theologischer Mucken. Soweit sie Gebrauchswert ist, ist nichts Mysteriöses an ihr. [...] Es ist sonnenklar, dass der Mensch durch seine Tätigkeit die Formen der Naturstoffe in einer ihm nützlichen Weise verändert. Die Form des Holzes z. B. wird verändert, wenn man aus ihm einen Tisch macht. Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füssen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen andren Waren gegenüber auf den Kopf, und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne.»
Der Tisch beginnt zu tanzen, weil er nicht mehr weiss, ob er ein Ding oder eine Ware ist. Als Mittel zum Zweck der Mehrwertproduktion verliert er seine Bodenständigkeit, er wird zum abstrakten Ding. Was so weit harmlos wäre. Nun aber gilt für Marx materialistisch «Das Sein bestimmt das Bewusstsein». Also tanzt, wenn der Tisch mal tanzt, bald auch der Mensch. Verwandelt sich die Welt der Gebrauchsgegenstände in die Summe der Tauschwerte, sozusagen in ökonomische Mathematik, dann werden die Menschen selber zu «übersinnlichen» Punkten im gespenstischen Koordinatennetz der Tauschwerte. Da steckt der Kern der Marxschen Kritik am kapitalistischen Warenverkehr: dass die Menschen unter dem Diktat des Kapitals genauso entsinnlichen wie die Gegenstandswelt.
Der junge Marx entdeckt das bei der Goethe-Lektüre. «Faust», Studierzimmer-Szene, Mephisto: «Wenn ich sechs Hengste zahlen kann, / Sind ihre Kräfte nicht die meine? / Ich renne zu und bin ein rechter Mann, / Als hätt’ ich vierundzwanzig Beine.» Marx kommentiert: «Was ich zahlen, d.h., was das Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst. So gross die Kraft des Geldes, so gross ist meine Kraft. Die Eigenschaften des Geldes sind meine – seines Besitzers – Eigenschaften und Wesenskräfte. [...] Ich – meiner Individualität nach – bin lahm, aber das Geld verschafft mir 24 Füsse; ich bin also nicht lahm; ich bin ein schlechter, unehrlicher, gewissenloser, geistloser Mensch, aber das Geld ist geehrt, also auch sein Besitzer. [...] Geld ist der wirkliche Geist aller Dinge, wie sollte sein Besitzer geistlos sein?»
Spricht da der Neid des Besitzlosen? Eher das Erschrecken vor der sinnlichen Lähmung des Menschen. Der Mensch, ein Geldsack. Weil Marx nie einer war, ist er da besonders hellsichtig. Für ihn hat Geld keinen Wert. Nicht nur, weil er meist keines besitzt. Kaum hat er mal welches, verschwendet er es wie ein Kind, das noch keinen Sinn für den mystischen Charakter des Geldes entwickelt hat. Im Frühjahr 1849 geht er nach Hamburg, um Geld für die Neue Rheinische Zeitung aufzutreiben. «Ich hatte gerade genug im pocket, um nach Hamburg zu gehen. Logierte aber 14 Tage in einem firstrate Hotel.» Das nennt man Lebenskunst. Wenigstens solange man nicht an seine Frau Jenny denkt, die in diesen Wochen, im siebenten Monat schwanger, mit den Töchtern Jenny und Laura und Sohn Edgar in Paris sitzt und nicht weiss, wie sie ihre Familie ernähren soll.
Der Lebemann entdeckt die Leere
Die Londoner Privathölle der fünfköpfigen Familie Marx schildert ein Spitzelbericht: «Er wohnt in so ziemlich dem übelsten und billigsten Viertel Londons, haust dort in zwei Zimmern. In keiner der Stuben ein sauberes oder anständiges Möbelstück, alles ist zerbrochen, zerschlissen, zerfetzt, fingerdicker Staub klebt überall. [...] Manuskripte, Bücher und Zeitungen liegen kunterbunt neben Spielzeug und Fetzen aus dem Nähkorb seiner Frau... Aber all diese Dinge stören weder Marx noch seine Frau. Man wird aufs herzlichste empfangen, eine Pfeife, Tabak und was sonst noch vorhanden ist, wird freundschaftlich angeboten. Und schon entwickelt sich eine kluge und anregende Unterhaltung, die für alle häuslichen Misslichkeiten entschädigt. [...]»
Das waren noch Spitzel. Vor allem aber: Das war noch ein Leben. Totale Achtlosigkeit gegenüber Geld. Der Witz, Marx hätte sich besser ums Kapital gekümmert, statt darüber zu schreiben, ist gratis; schon seine Mutter hat ihn erzählt. Interessanter ist, wie Marx das Geld ausgibt, wenn ausnahmsweise welches da ist. Tochter Jenny erzählt später, wie ihre Mutter kurz nach der Hochzeit eine kleine Erbschaft machte; das junge Ehepaar liess sich den Betrag in bar auszahlen, füllte die Geldscheine in einen tragbaren Kasten, machte sich mit ihm sogleich auf zur Hochzeitsreise. Kam Besuch von bedürftigen Freunden, stand der Kasten offen auf dem Tisch, jeder durfte sich bedienen, bis er, sehr bald, leer war.
Als seine Mutter stirbt und 50000 Taler hinterlässt (die Fahrt zur Beerdigung muss Engels bezahlen), bezieht die Familie sogleich ein Stadtpalais, Nr. 1, Maitland Park Road, so grosszügig, dass Marx’ Töchter darin problemlos Bälle für fünfzig Personen ausrichten können. Der «Mohr» beziffert seine jährlichen Lebenskosten mit 500 Pfund. Das darf man, verglichen mit dem Lohn eines Textilarbeiters in Manchester mit sechs Kindern, fürstlich nennen.
Ist Marx doch ein untypischer deutscher Philosoph? Zu sinnlich, zu verschwenderisch, zu materialistisch? Bereits in seinen Feuerbach-Thesen entwirft er 1846 ein Menschenbild jenseits von Idealismus und Materialismus.
Nicht das Denken macht Menschen, auch nicht die Macht der Verhältnisse, sondern sinnlich-gegenständliche Tätigkeit. Dazu aber braucht der Mensch zweierlei: eine Welt, die das individuelle Tun begünstigt, nicht das Mitlaufen; eine Welt, die reich an konkreten Qualitäten ist, nicht an Börsennotierungen. Am Kapitalismus kritisiert Marx nicht den Reichtum, sondern die Verarmung menschlicher Lebensbezüge im Zuge ihrer Ökonomisierung. Nicht allein die Proletarier sieht er zur erbärmlichen Arbeitskraft schrumpfen, auch die Kapitalisten verkümmern zu entsinnlichten Existenzen. Das Geld, das alles durchdringt, zehrt am Leben der Individuen und am Zauber der Dinge.
Marx ist zum Spuk verblasst. Vielleicht auch darum, weil er die Spukgeschichte des Kapitalismus geschrieben hat. Der sinnliche Lebemann entdeckt im Kapital das Unsinnliche, das Unlebendige, Unwirkliche, Gespenstische. Peter Sloterdijk nennt ihn den Meister der «Nekromantik», der Totenkunde: «Als Heros, der ins Totenreich hinabsteigt, um mit Werteschatten zu ringen, bleibt Marx auch für die Gegenwart auf unheimliche Weise aktuell.» Unheimlich ist nicht Marx, unheimlich ist die Regie des anonymen Kapitals, das als Geldwert unter Menschen umgeht und den Lebenden Zeit und Seelen abzieht. Und dies so raffiniert, dass wir uns dafür glücklich preisen.
So wären wir dann wieder quitt. Karl Marx ist für uns der Jahrhundert-Spuk, wir sind für ihn der Kapital-Spuk. So müssten wir – unter Gespenstern – eigentlich fruchtbar miteinander ins Gespräch kommen. www.karlmarx.de, bitte melden.
Jacques Derrida: Marx’ Gespenster.
Suhrkamp, 2004. 245 S., Fr. 18.50
Karl Marx, Friedrich Engels: Werke.
Dietz, Berlin. 43 Bände. H 14.90–24.95 (z. Z. nicht alle Bände lieferbar)
31.03.2004, Ausgabe 14/04
Kapitalismuskritik
Marx reloaded
Seine Theorien wälzten die Weltgeschichte um, nach 1989 wurden sie mit spitzen Fingern ad acta gelegt. Doch Karl Marx bleibt der brillanteste Kritiker des Kapitalismus. Hommage an ein Gespenst.
Kommentare