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31.03.2004, Ausgabe 14/04

Interview

«Ich muss den Henker nicht fürchten»

Der italienische Dramatiker und Nobelpreisträger Dario Fo macht seit Jahrzehnten Staat und Kirche lächerlich.Kein Prozess konnte ihn bisher zum Schweigen bringen – im Gegenteil: In seinem aktuellen Stück nimmt er sich Premier Berlusconi vor.

Von Walter De Gregorio

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Mit dem Theaterstück «L’anomalo bicefalo», der abnormale Doppelhirnige, füllt Dario Fo seit Monaten Italiens Theatersäle. Die Satire handelt vom russischen Präsidenten Putin und Premier Berlusconi, die nach einem Arbeitsgespräch in Sizilien nachts von tschetschenischen Terroristen überrascht werden. Putin versucht, sich mit Karateschlägen gegen die Kalaschnikows der Attentäter zu wehren. Berlusconi, der wie sein Freund Putin mit einem Karate-Kimono-Pyjama im Bett liegt, macht auf Kumpel und will die Situation mit einem Witz entspannen. Beide werden niedergeschossen. Putin ist auf der Stelle tot, Berlusconi überlebt die schwere Kopfverletzung dank der Implantation von Putins halbem Hirn.

Die zwei negativen Hirnhälften in Berlusconis Kopf führen zu einem positiven Kurzschluss. Plötzlich ist der neue Berlusconi besonnen, nachdenklich und gewissenhaft. Er hinterfragt alle seine politischen Handlungen und will für seine Taten büssen. Er mag nicht glauben, was seine Frau Veronica Lario (gespielt von Dario Fos Frau Franca Rame) alles über ihn erzählt, unter anderem, dass er und sein Intimus Marcello Dell’Utri, Senator in den Reihen seiner Partei Forza Italia, mit der Mafia Kontakt pflegten. Mit Elektroschocks wird der gute Berlusconi von seinen Freunden schliesslich wieder in den alten Premier verwandelt.

Vergeblich hatte Berlusconi letzten Frühling versucht, die Premiere von «L’anomalo bicefalo» zu stoppen. Gegen die Zensur wehrte sich ausgerechnet Berlusconis Ehefrau Veronica Lario, die bei der Erstaufführung im Mailänder Piccolo-Theater in der vordersten Reihe sass. Seither übernimmt Dell’Utri die Verteidigung Berlusconis und seiner selbst. Dem Privatsender Sky drohte er mit einer Millionenklage, falls er Fos Satire ausstrahle. Sky sendete «L’anomalo bicefalo» Ende Januar doch, aber ohne Ton. Erst als Abonnenten ihrerseits mit Prozessen und Vertragskündigungen drohten, wurde Fo nachträglich und zu später Nachtstunde unzensuriert ausgestrahlt.

Derweil klagte Dell’Utri Dario Fo und seine Frau Franca Rame wegen Ehrverletzung und übler Nachrede an. Am 31. März findet in Mailand die erste Gerichtsverhandlung statt. Die geforderte Genugtuungssumme beträgt eine Million Euro. Niemand rechnet damit, dass es zu einer Verurteilung kommen wird, vermutlich auch nicht der Kläger. Der wird aber darauf hoffen – und mit ihm Premier Silvio Berlusconi –, dass das Verfahren einschüchternd wirkt. Nicht auf die Angeklagten, die seit den sechziger Jahren allen politischen Druckversuchen standhalten, aber auf alle anderen, weniger prominenten Kritiker im Land.

Das Gerichtsverfahren wirkt in mancher Hinsicht grotesk und könnte aus der Feder des Satirikers Fo stammen. Zuallererst, weil es in Mailand stattfindet. Seit Berlusconi Regierungschef ist, unterlässt er es bei keiner Gelegenheit, die Justiz zu diffamieren. «Die Richter sind im doppelten Sinne wahnsinnig», befand er letzten September. «Erstens sind sie politisch. Und zudem sind sie überhaupt verrückt. Um diesen Beruf auszuüben, müssen sie geistesgestört sein und psychische Probleme haben.» Als «Hort der Kommunisten» machte der Premier das Mailänder Gericht aus. Jetzt soll ausgerechnet dieses Gericht seinem in der Ehre verletzten Freund Dell’Utri und ihm zu Genugtuung verhelfen.

Dario Fo reagiert wie immer. Als er von der Ehrverletzungsklage Dell’Utris erfährt, befindet er sich in Neapel. Noch am selben Abend baut er die Klage Dell’Utris in sein Stück ein. «Mit welchen Freunden habe ich mich umgeben?», fragt Dario Fo alias Berlusconi-Putin das Publikum im ausverkauften Teatro Bellini, während seine Frau Franca alias Veronica Lario das Leumundszeugnis Dell’Utris vorliest, das nicht ein Produkt der schelmischen Fantasie der beiden Theatersatiriker ist, sondern Teil des tatsächlichen Lebenslaufs des Senators:

Erstinstanzliche Verurteilung wegen Steuerbetrugs; zwei laufende Prozesse in Mailand wegen Geldwäscherei und Mafiadelikten; drei laufende Prozesse in Mailand wegen Bilanzfälschung, Erpressung und betrügerischen Bankrotts; ein Prozess in Spanien wegen Bilanzfälschung in Zusammenhang mit Telecinco und Berlusconis Mediaset-Gruppe. Am 23. Januar 2001 hielt das Appellationsgericht im sizilianischen Caltanissetta im Urteil gegen 37 Mafiabosse fest, dass Dell’Utri und Berlusconi «schon 1992 mit der Mafia Kontakte unterhielten».

Der vorbestrafte Senator Marcello Dell’ Utri motiviert seine Ehrverletzungsklage trotzdem wie folgt: «Ich habe durch die satirische Aufführung des ‹L’anomalo bicefalo› einen irreparablen moralischen Schaden erlitten, ich bin in meiner Ehre und meiner Würde verletzt worden, und mein öffentliches Image wurde schwer beschmutzt. Das gilt auch für das Ansehen und den Ruf unseres Regierungschefs, Onorevole Dottor Silvio Berlusconi.»

Dario Fo, die politische Realität in Italien übertrifft derzeit jede Satire. Eine harte Zeit für Sie?
Im Gegenteil. Es ist eine sehr fruchtbare Zeit. Es gab in Italien wohl noch nie so viele Satiriker, die die Bühne verlassen und eine politische Karriere eingeschlagen haben. Das spricht für unsere Branche: Gaukler und Komiker liegen im Trend. Einige schaffen es bis in die höchsten Regierungsämter.

Der Konkurrenzdruck in der Unterhaltungsbranche ist dadurch doch enorm gestiegen. Sie selbst beklagten sich unlängst über das Parlament, weil es dem Theater immer wieder die Show stiehlt.
Das stimmt, aber gleichzeitig stachelt der Wettkampf zwischen Satiriker und Politiker den Ehrgeiz an. Es ist für einen Theaterkünstler wie mich eine grosse Herausforderung, die absurden Amtshandlungen eines Premiers wie Silvio Berlusconi und seiner Freunde jede Woche mit einer noch absurderen Bühnennummer zu überbieten.

Dario Fo gegen Silvio Berlusconi – der Kampf der Giganten?
Ich würde es nüchtern ausdrücken: Wettstreit zweier Berufskomiker.

Fürchten Sie sich nie, diesen Wettstreit verlieren zu können?
Als Berlusconi nach seiner Wahl zum Regierungschef als eine der ersten Amtshandlungen die Bilanzfälschung entkriminalisierte, dachte ich, die perfekte Vorlage für ein satirisches Stück gefunden zu haben. Doch Berlusconi änderte ein weiteres Gesetz und nochmals eins und abermals eins, was dazu führte, dass ich und meine Frau Franca die Texte ständig umschreiben mussten. Wir waren verzweifelt: Gegen den haben wir keine Chance, der ist besser als wir, dachten wir.

Dann wählten Sie die radikale Lösung: Sie amputierten Berlusconi kurzerhand sein Gehirn.
Das Theaterstück «L’anomalo bicefalo» ist eine Verzweiflungstat. Wir wollten etwas aufführen, das nicht schon am nächsten Tag durch die Aktualität überholt wird. So kam uns die Idee mit dem doppelten Hirn, halb Berlusconi, halb Putin. Unsere Tournee ging vor kurzem zu Ende. Die Realität hat uns nicht eingeholt.

Kann die Satire den Lauf der Dinge verändern? Kann sie das politische Leben beeinflussen?
Die gute Satire bringt komplexe Probleme auf den Punkt. Durch Übertreibungen, durch witzige und scharfe Analysen kann sie eine ansonsten trockene Materie wie die Politik vielen Leuten näher bringen. Die Satire schürt den Zweifel, den Selbstzweifel auch, indem sie den Zuschauern den Spiegel vorhält. Wenn es der Satire gelingt, den Geist der Leute zu schärfen, sie aus dem Dämmerschlaf zu holen, dann hat sie schon sehr viel erreicht.

Was ist Satire genau?
Das Gegenteil von «sfottò», von Hänselei. Hinter der Satire steckt immer etwas Ernstes, eine Tragödie. Hinter der Hänselei steckt nur Albernheit. Man macht sich lustig über die Art, wie jemand redet, über die Art, wie jemand sich bewegt. Es ist bezeichnend, dass in Zeiten kultureller Dekadenz die Hänselei aufblüht, in Zeiten kultureller Prosperität die Satire gedeiht. Die Staatsgewalt interveniert nie bei der Hänselei, die gleichsam zum Instrumentarium der Macht gehört.

Molière, berühmtester Komödienschreiber der Neuzeit, diente sich dem König an. War das nicht Satire im Dienste der Macht?
Nein. König Ludwig XIV. hat Molière gebraucht, um Leute, die ihm, dem König, auf den Sack gingen, zu attackieren. Er hat die Satire nicht gegen den Machtapparat verwendet, sondern immer nur gegen einzelne Mitglieder seines Hofstaats. Das gilt auch für die Hofnarren des Mittelalters: Alle Mitglieder der königlichen Entourage konnten durch den Kakao gezogen werden, ausser der König. Wer es dennoch wagte, den Herrscher blosszustellen, ob absichtlich oder nicht, dem wurde der Kopf abgehackt. Kaiser Friedrich II. erliess im 13. Jahrhundert ein Gesetz, das die Satire allgemein unter Todesstrafe stellte.

Da haben Sie ja noch mal Glück gehabt.
Ja, und zwar im doppelten Sinn. Ich muss den Henker nicht fürchten, zudem lebe ich in einer Demokratie. Für einen Satiriker ist das die Grundvoraussetzung für sein Schaffen.

Sie meinen das Überleben?
(Lacht) Das auch. In einem absolutistischen Staat riskiert der Künstler sein Leben, das hemmt ihn und führt automatisch zur Selbstzensur. Oder er geht Kompromisse ein, was wiederum für die Satire tödlich ist. Shakespeare hat an einem gewissen Moment plötzlich aufgehört, bittersatirische Texte zu schreiben. Das war, im Hinblick auf seine Gesundheit, sicher ein weiser Entscheid, zumal er sich sowieso nicht mehr frei äussern konnte. Nur in der Demokratie kann sich die Satire wirklich frei entfalten.

Gerade in Bezug auf die Krone hat sich Shakespeare doch nie zurückgehalten?
Für die späte Phase seines Schaffens gilt das nicht mehr, spätestens mit «Mass für Mass», in dem er unter anderem die Standesehre und somit direkt den König aufs Korn nimmt, hat er die Grenze des damals Tolerierbaren erreicht – und vielleicht sogar überschritten. Man hat sich nie gefragt, wieso Shakespeare danach keine Satire mehr geschrieben hat. Bis zu seinem Tod im Frühjahr 1616 hat er die Finger davon gelassen.

Sie haben eine Erklärung dafür?
Man hat ihm wahrscheinlich klar zu verstehen gegeben, dass er nicht sehr alt wird, wenn er so weitermacht. Eine provozierte Keilerei in einer Kneipe, ein Hinterhalt in einer dunklen Gasse – es gab viele Möglichkeiten, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Hunderte von Schriftstellern und Schauspielern haben ihr Leben gelassen, weil sie den Mächtigen auf die Eier gingen. Nur die Leibgarde des Königs hat Molière einst vor einem Degengefecht bewahrt, das er nicht überlebt hätte. Unklar bleibt, ob das Ganze vom König selbst inszeniert worden war, um Molière, sollte er es vergessen haben, daran zu erinnern, seine Worte richtig zu gewichten und, vor allem, richtig zu adressieren.

Das alte Rom war nie eine Demokratie, und doch hat es grosse Dichter hervorgebracht, die Tacheles redeten.
Ja, aber sie machten keine wirkliche Satire. Auch Terenz, ein griechischer Sklave, der in Rom zu einem der grössten Komödiendichter avancierte, hat im 2. Jahrhundert vor Christus alles andere geboten als Satire. Es ist immer die gleiche Situation: Ein Junge verliebt sich in eine Nutte, die nimmt ihn aus, bis er kein Geld mehr hat. Dann macht sie sich an den Vater des Jungen heran. Während der Alte die Nutte vögelt, versucht der Junge, seinem Vater das Geld zu klauen, damit wieder er zum Zug kommt, und so weiter.

Ist doch eine süffige Familiensaga?
Aber keine Satire, auch wenn man solche Komödien so nennt. Es gibt antidemokratische Herrschaftssysteme, die eine Pseudo-Satire dulden oder sogar fördern, um sich das Image eines toleranten Staates zu verpassen. Die Satire im alten Rom war eine Fiktion. Die Komödianten befassten sich mit populistischen, aber nebensächlichen Themen.

Sex ist nebensächlich?
Abends im Dampfbad kann Sex plötzlich sehr wichtig werden, aber nicht während einer politischen Debatte im Forum. Darum befasste sich die staatshörige Pseudo-Satire im alten Rom ja so oft mit derb-erotischen Themen: Hauptsache, man vermied es, vom Wesentlichen zu sprechen, nämlich von den tatsächlichen Machtverhältnissen. Genau darum geht es aber bei der Satire: Sie muss sich vor allem mit der Macht befassen.

In Zusammenhang mit Berlusconis Italien wird oft von Regime gesprochen. Sind nicht Sie, Dario Fo, Nobelpreisträger, Freigeist, letztlich ein Beweis dafür, dass die Demokratie in Italien lebendiger ist als befürchtet?
Es ist sicher so, dass sich in Italien viel Widerstand gegen die Politik Berlusconis rührt, was für den Gesundheitszustand der hiesigen Demokratie spricht. Man soll das nicht unterschätzen. Andererseits dürfen wir uns nichts vormachen: Es ist sehr viel schwieriger geworden, mit der politischen Satire öffentlichen Raum zu besetzen.

Das war zu Zeiten der Christdemokraten doch nicht anders. Bereits in den sechziger Jahren erhielten Sie Redeverbot im Fernsehen, sie wurden mehrmals verhaftet, angezeigt. Worin unterscheidet sich die heutige Zensur von damals?
Sie ist heute viel hektischer, verbissener, kompletter. Die Democrazia Cristiana, eine Partei der Pfaffen, agierte im Stillen, ohne Aufsehen zu erregen. Natürlich, hintenrum wurde das Gras auch damals fleissig gemäht. Es mag paradox klingen, wenn ausgerechnet ich das sage, aber irgendwie war die politische Zensur von damals raffinierter, hatte, wenn man das in diesem Zusammenhang überhaupt sagen kann, einen gewissen Stil. Heute werden Heerscharen von Anwälten auf einen gehetzt, die mit aberwitzigen finanziellen Sanktionen drohen.

Sie haben sich nie einschüchtern lassen, auch nicht von der jüngsten Millionenklage von Senator Marcello Dell’Utri?
Ich will den Eindruck vermeiden, ein Held zu sein. Aber wer satirisches Theater macht, der muss alle Risiken auf sich nehmen und bis ans Ende gehen. Es gibt keinen Mittelweg. Im Übrigen ist es kein Zufall, dass die Theatersäle, in denen wir spielen, immer grösser werden und mittlerweile bis 4000, 5000 Zuschauer fassen. Je kleiner der öffentliche Raum für Satire ist, desto mehr Leute gehen ins Theater. Es bietet eine der wenigen Alternativen zum Einheitsbrei, den die Fernsehanstalten täglich servieren. Unsere Aufführungen sind wohl auch dank den politischen Druckversuchen und Zensurandrohungen von Berlusconi und Co. immer ausgebucht.

Sie werden sich nicht über diese PR beklagen?
Wie sagt man heute: Ich füge mich den Marktgesetzen. Darum haben wir inzwischen begonnen, Videokassetten von unseren Aufführungen zu produzieren und Zeitungen wie der linken Unità beizulegen. Die Nachfrage ist gross. Die Leute wollen sich informieren, wollen nachdenken – also liefern wir jetzt Satire auch ab Band.

Sie nehmen der italienischen Linken damit abermals den Job ab. Müsste die Opposition nicht endlich damit beginnen, Berlusconi mit konkreten Sachfragen zu bedrängen, statt – mit allem Respekt für Ihr künstlerisches Schaffen – auf die Schützenhilfe der Satire zu hoffen?
Ich weiss nicht, wie sehr die Linke noch mit unserer Schützenhilfe rechnet. Bei Wahlveranstaltungen kam es oft vor, dass dieser oder jener Satiriker auftrat. Das Theater kann und soll die Politik aber nicht ersetzen. Was ich mache, mache ich, weil ich es so und nicht anders für richtig empfinde. Ich lasse mich vor keinen Parteikarren spannen.

Vor vier Jahren haben Sie sich als Kandidat der Linken vergeblich um das Amt des Mailänder Bürgermeisters beworben. Mehr als so kann man sich doch nicht einspannen lassen?
Ich war nie offizieller Kandidat. Es gab Gespräche mit führenden Politikern der Linken, die fruchtlos blieben. Ich hätte mich politisch korrekt benehmen müssen. Ich lehnte ab. Ich will die Freiheit behalten, das zu sagen und zu machen, was ich will. In meinem Stück über den gehirnamputierten Berlusconi bekommt darum auch ein Massimo D’Alema sein Fett weg, der Präsident der Linksdemokraten. Allein die Frage, warum D’Alema, als er Regierungschef war, nichts unternommen hat, um den Interessenkonflikt eines Berlusconi zu lösen, ist ein Hammerschlag.

Vor allem für eine im Dauerstreit liegende italienische Linke. Sie empfinden keine Scham, auf Halbtote wie D’Alema einzuschlagen?
D’Alema attackiert Berlusconi wegen dessen Interessenkonflikt und merkt nicht, dass er sich damit jedes Mal selber blossstellt. Wieso um Gottes willen hat er während seiner Amtszeit nicht entsprechende Weichen gestellt? Wieso hat er seine Möglichkeiten als Premier nicht genutzt? Ich kann und will solche Fragen nicht ausblenden. Kommt hinzu, dass ich es mir als Künstler gar nicht erlauben kann, den Müll immer im gleichen Hinterhof zu suchen. Ich wäre nicht mehr glaubwürdig.

Es gibt keine linke oder rechte Satire?
Satire ist Satire und hat nichts mit Propaganda zu tun. Satire ist das schlechte Gewissen der Macht. Wer auch immer regiert, er wird automatisch zur Zielscheibe der Satire.

Läuft man als Satiriker nicht Gefahr, irgendwann Zyniker zu werden?
Zynismus, im modernen Sinn verstanden, ist destruktiv. Auf überhebliche Weise werden allgemein gültige Werte und Normen in Frage gestellt. Der Zyniker unserer Zeit ist ein völlig leidenschaftsloser Mensch, desillusioniert und ohne Willen, Missstände zu beheben. Ganz anders der Satiriker. Voraussetzung für die Satire ist genau das, was dem Zyniker abgeht: eine grosse Passion. Als Satiriker ist man zutiefst indigniert über politische und gesellschaftliche Missstände, die man zu entlarven versucht. Die Indignation geht so weit, dass es mir manchmal auch körperlich hundsmiserabel geht. Wie kann man unberührt bleiben, wenn man sieht, wie eine Hand voll Gangster im Interesse einer einzigen Person und seines elitären Kreises Gesetze verändert?

Fühlen Sie sich in Italien allein gelassen mit Ihrer Entrüstung?
Nicht nur in Italien. Viele Leute finden es heute angesagt, keine Emotionen zu zeigen, «cool» zu sein. Auch das ist eine Art Zynismus: Man glaubt, über der Sache zu stehen, die Gefühle im Griff zu haben, mit allen Wassern gewaschen zu sein. Tatsächlich führt eine solche Haltung zu Trägheit und oft auch zu Feigheit. Man versteckt sich hinter der Coolness, um sich nicht engagieren zu müssen. Man schwimmt im Strom mit, unbeteiligt, desinteressiert.

Was treibt Sie an? Sogar Badeferien in Rimini sind nur halb so anstrengend wie Ihr täglicher Kampf wider den intellektuellen Dämmerschlaf.
Ich habe als Kind die dreissiger Jahre erlebt, am Lago Maggiore, nahe der Schweizer Grenze. Mein Vater war Bahnhofsvorstand. Er schleuste Dutzende von Antifaschisten und Juden illegal in die Schweiz. Er stellte sich nie die Frage, ob das richtig oder falsch sei, ob er damit sich und uns gefährden würde. Er machte es, weil er es einfach machen musste. Das galt auch für meine Mutter. Sie nähte mir einmal einen Brief in mein Unterhemd. Ich sollte die Schweizer Grenze passieren und den Brief in Ascona, wo wir Bekannte hatten, einem politischen Flüchtling übergeben. Eigentlich eine grobfahrlässige Handlung für eine Mutter, doch es musste einfach getan sein.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Schweiz?
Ich erinnere mich, wie gross die Enttäuschung war, als ich mit fünf Jahren erstmals den See überquerte und unsere Bekannten in Ascona besuchte. Die Häuser waren mit Ziegel gedeckt und nicht mit Marzipan und Schokolade, wie mir alle vorgeschwärmt hatten. Das erklärt wohl auch mein zwiespältiges Verhältnis, das ich bis heute zur Schweiz habe.

In Ihrer Autobiografie*, die kürzlich erschienen ist, zitieren Sie einen Satz, den Sie als Kind auf Schweizerdeutsch gelernt haben: «Antzen üt Schivvel mit nem lauben troi wirt.» Wissen Sie noch, was das heisst?
(Lacht) Nein, tut mir Leid. Als Kinder haben wir Fantasiesprachen erfunden, auch dieses Pseudo-Schweizerdeutsch. Das Vorstellungsvermögen nimmt mit zunehmendem Alter ab. Ich bin jetzt 78 Jahre alt. Aber so wie Sie den Satz eben gelesen haben, kann es nichts Freundliches gewesen sein.

Dann helfen Sie uns zum Schluss bitte, dieses kulturanthroposophische Rätsel zu lösen: Stimmt es, dass Sie das Thai-Boxen erfunden haben?
Das kann ich bestätigen. Ich war als Junge schüchtern und nicht sehr kräftig gebaut. Mir fehlte jeglicher aggressiver Instinkt, und so unterlag ich bei den Dorfkeilereien immer, was meine Chancen bei den Mädchen nicht erhöhte. Ich ging in Luino in eine Boxschule, wozu mich mein Vater nach der abermaligen blutigen Nase animiert hatte. Dort lachte mich der Trainer aus und schickte mich zum Fechtkurs. Der aber war ausgebucht, also wurde ich im Schwertkampf ausgebildet, aber ohne Schwert. Der Trainer, ein Sizilianer, liess mich monatelang schattenkämpfen, immer einarmig, mit ausgestrecktem Ellbogen.

Der Beginn der Wende?
Ich entwickelte daraus, unter Einsatz von gelegentlichen Fusstritten, eine primitive Form des Thai-Boxens. Damals hiess dieser Stil noch «klassischer Boxstil des Einarmigen». Alle nannten mich fortan «den Verstümmelten» – aber mit viel Respekt.

*Dario Fo: Il Paese dei Mezaràt. I miei primi sette anni
(e qualcuno in più). Feltrinelli, 2003. 198 S., 14 Euro

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 14/04
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