Um als Sportfunktionär Karriere zu machen, muss man drei Bedingungen erfüllen: das Business verstehen, ein guter Administrator sein, und die Bühne den Showstars überlassen. Urs Linsi, 55, seit knapp zwei Jahren Generalsekretär des Weltfussballverbands Fifa, scheint eine Idealbesetzung zu sein. Der Gründer des Zofinger «Powerman»-Duathlons ist selber angefressener Ausdauersportler. Als Ex-Chef der Credit Suisse Leasing versteht er etwas von Finanzen. Und weil er mit 1,70 eher klein ist und im Gespräch stets freundlich lächelt, kommt keiner auf die Idee, dass er einem der Grossen vor der Sonne stehen will.
Wenn Linsi im Fifa-Hauptgebäude hoch über dem Zürichsee durch die Gänge eilt, ist sein Körper im Dreissiggradwinkel nach vorne gebeugt. Dann erinnert er an einen dienstbeflissenen Subalternen, dessen innigster Wunsch es ist, seinem glamourösen Präsidenten Joseph Blatter Tippfehler-freie Dokumente zur Unterschrift vorzulegen. Wären da nicht die Initialen U. L. fein auf der linken Seite des blau-weiss gestreiften Hemds gestickt, man wäre geneigt, Urs Linsi als Mann gänzlich frei von eigenen Ambitionen und Eitelkeiten zu beschreiben.
«Unterschätzen Sie den Linsi nicht», warnt ein Insider. Er sass zusammen mit Linsi, damals noch Finanzchef, in der Fifa-Geschäftsleitung, als sich 2002 die beiden Walliser Blatter und Fifa-Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen duellierten. Linsi habe sie alle – Marketingmanager Guido Tognoni, ihn selbst und weitere Topleute – ausgebootet. Und zwar durch geheimes Auskundschaften, Intrigieren und eiskaltes Abservieren. «Während wir das Feld räumen mussten, hüpfte Linsi auf den Chefsessel. Meistens endet ein Machtkampf wie dieser im Verhältnis 60 zu 40 oder 70 zu 30 Prozent. Aber 100 zu 0? So etwas habe ich in meiner ganzen Karriere noch nie erlebt», sagt der frühere Fifa-Topmanager.
Bürolist oder Machiavelli?
Während er weiter mild lächelt und treuherzig durch seine randlose Brille blickt, entgegnet der Angeschossene, jetzt zum ersten Mal mit lauter Stimme: «Ich habe kein Verständnis dafür, wenn trotz glasklarer Fakten immer wieder unbelegte Vorwürfe kolportiert werden. Tatsache ist, dass die Fifa heute gesund dasteht und gut geführt ist.»
Urs Linsi, ein pflichtbewusster Bürolist, der für die Fifa, die 2003 auf Einnahmen von 712 Millionen Franken einen Reingewinn von 141 Millionen erzielte, nur das Beste will; der seine ganze Energie uneigennützig in den Dienst des Fussballs steckt? Oder ist Linsi ein Machiavelli, der rücksichtslos seine eigene Karriere verfolgt? Wer Linsis Rolle im Machtkrimi von 2002 im weltgrössten Sportverband ausleuchtet, der tippt auf das Zweite.
Schon im Frühling 1999, als sich Credit-Suisse-Manager Linsi für die Stelle des Fifa-Finanzchefs bewarb, herrschte Eiszeit zwischen Blatter und seinem Generalsekretär Zen-Ruffinen. Der Grund: Präsident Blatter, bis im Vorjahr selbst Generalsekretär, wollte gegen den Willen seines Chef-Funktionärs einen eigenen Vertrauten mit der Vermarktung der Fifa-Rechte beauftragen. Flavio Battaini fehlte zwar das Know-how für den schwierigen Job. Doch der junge Fifa-Jurist hatte sich in Blatters Präsidentschaftswahlkampf von 1998 verdient gemacht. Mit gezielten Geldgeschenken soll er Delegierte ins Blatter-Lager gelockt haben.
Der Türöffner
Just als der Streit um Battainis Beförderung dem Höhepunkt zusteuerte, bat Linsi den ISL-Chef Heinz Schurtenberger, einen St. Galler Studienkollegen, um Unterstützung für die eigene Karriere. Im Auftrag des Weltfussballverbands durfte die ISL seit Jahren die Fifa-Rechte auf dem Fernseh- und Sponsoringmarkt vergolden und erzielte damit Höchstrenditen. Erst später stürzte sich die Firma in fussballfremde Abenteuer und machte Bankrott. 1999 aber, als es Linsi nach einer Chefposition in der Sportwelt dürstete, war Heinz Schurtenbergers Leumund noch unbefleckt von Misswirtschaft und Konkurs. So kam es, dass er für Linsi die Tür öffnen und dessen Curriculum zur wohlwollenden Prüfung am Fifa-Sitz im Sonnenberg deponieren konnte.
Wegen des Hickhacks um Battaini kümmerte sich lange niemand um Linsis Bewerbung. Als es plötzlich eilte, fiel die Wahl auf den Mann von der Credit Suisse, ohne dass dessen Eignung extern überprüft worden wäre. Für ISL-Chef Schurtenberger zahlte sich der Kurzeinsatz als Postillion aus: An der Vermarktung der Fifa-Rechte durch Schurtenbergers ISL änderte sich unter Finanzchef Linsi nichts.
Ein Jahr später, im August 2000, eskalierte die Affäre um Flavio Battaini. Im Rückblick war das die Geburtsstunde der Blitzkarriere des vermeintlich biederen Zahlenmenschen Urs Linsi. Aus dem australischen Sydney, wo die Fifa das Fussball-Olympiaturnier organisierte, erteilte Generalsekretär Zen-Ruffinen seinem Finanzchef und Stellvertreter Linsi den Auftrag, Managerkollege Flavio Battaini per sofort zu entlassen. Linsi liess sich nicht zweimal bitten. Zusammen mit dem Personalchef stürmte er in Battainis Büro und forderte diesen zum sofortigen Verlassen des Gebäudes auf. Laut Beobachtern habe Linsi den «Räumungsbefehl» wie ein Instruktor auf dem Exerzierplatz herausgebrüllt. «Selbst jenen, die seine Leistung kritisiert hatten, tat Battaini in diesem Moment Leid», sagt ein Manager, der damals mit dem Geschassten zusammenarbeitete. «Linsi», so erklärt heute ein anderer Ex-Manager der Fifa dessen Gebaren, «ist einer, dem jegliches Unrechtsempfinden abgeht.» Umso feiner ist sein Gespür für Machtkämpfe. Dieses sagte ihm, dass er möglicherweise die grösste Dummheit seines Lebens begangen hatte. Als Battainis Rausschmiss in Sydney publik wurde, wandte sich von dort Präsident Blatter per E-Mail an die Fifa-Truppe im Zürcher Hauptsitz. Battaini sei ein fähiger Mann, die Art seiner Entlassung eine Frechheit. Linsi war nun klar, dass nicht sein direkter Vorgesetzter Zen-Ruffinen, sondern Präsident Blatter der starke Mann war. Da beschloss Linsi, der emsige Schaffer und scheinbar loyale Finanzchef, seinen Kompass neu auszurichten. Nach oben, Richtung Präsident. Dorthin, wo die wahre Macht sitzt.
«Von nun an sahen wir Linsi jeden Morgen um sieben Uhr über den Hof eilen in Richtung Blatters Büro», erinnert sich ein früheres Geschäftsleitungsmitglied. Der Finanzchef habe die Nähe zu Blatter gesucht, um die von diesem missbilligte Entlassung des eigenen Schützlings wieder gutzumachen. Auch Linsi war zu Ohren gekommen, dass Battaini das Herz von Blatters langjähriger Sekretärin erobert hatte, notabene im Wettstreit mit Michel Zen-Ruffinen. Und die Sekretärin war bekannt dafür, Einfluss auf Blatter auszuüben.
Als Generalsekretär Zen-Ruffinen seinem Präsidenten im Mai 2002 mit einer dicken Akte öffentlich den Krieg erklärte, war Linsi zu Blatters wichtigstem Vertrauten geworden. Der Marathonläufer besass die nötige Härte für den schmutzigen Kampf und hatte das Finanzwissen, um Zen-Ruffinens Misswirtschaftsvorwürfe zu entkräften. Ex-Fifa-Mitarbeiter berichten heute von Linsis Geheimdienstmethoden: dem Gegner den Archivzugang verwehren, Schlösser auswechseln, E-Mails abfangen. Linsi wischt die Vorwürfe vom Tisch. Tatsache ist, dass das Duo Blatter/Linsi im Mai 2002 in Seoul einen Kantersieg errang, worauf Linsi zum neuen Generalsekretär wurde. Dieser zeigt sich bis heute dankbar. «Joseph Blatter ist ein absoluter Wunsch-Chef. Er ist ein Patron im positiven Sinn, der sich auch um die Anliegen des einfachen Personals kümmert. Einen solchen Chef zu haben, ist ein Privileg.»
Und auch Flavio Battaini ist wieder im Spiel. Die Fifa hat im vergangenen Sommer seine Firma ISE die Catering-Rechte für die WM 2006 zugesprochen. «Die Fifa hat uns wohl wegen des besten Angebots ausgewählt», sagt Battaini.













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