Literatur

Entkommuniziert

Botho Strauss hat am immer gleichen Buch weitergeschrieben. Bloss sein Ton ist zurückhaltender als früher.

Von Pia Reinacher

Und wieder zieht Botho Strauss uns mit in diesem eigenartigen Formulierungsstrom, der sich spielerisch voranschlängelt und auf seiner Oberfläche minutiöse Beobachtungen, gestanzte Sentenzen, Aphorismen, Reflexionsfrachtgut und auch ein paar Zufallstreffer mit sich führt. Der Schriftsteller knüpft mit dieser Erzählstrategie des Zusammenfügens scheinbar amorpher Fundstücke an frühere Bücher an: Sein neuer Prosaband «Der Untenstehende auf Zehenspitzen» lässt an «Paare. Passanten» (1981) denken, in dem er mit grimmiger Präzision die Entzweiung und Versöhnung von Paaren sezierte, aber auch an «Wohnen Dämmern Lügen» (1994) und an «Das Partikular» (2000). Strauss selbst spricht von einem Weiterschreiben am immer gleichen Buch. Dabei liefert er zu seiner neuen Prosa gleich mehrfach, wenn auch verklausuliert, das eigene Konzept, dem Unfassbaren und Unfasslichen Herr zu werden: «Dies Verharren, dies Bei-der-Sache-Bleiben Tag und Nacht, obgleich sich die Sache dauernd entzieht, sich auflöst wie das Thema eines Schulaufsatzes, das man im Zuge unzähliger Einzeleinfälle aus dem Sinn verliert, das verschwindet, unter lauter Abschweifungen, Überwucherungen, Verzierungen, Sprengungen, Lichtspiegelungen und Tätowierungen. Wer wird das Bild einer sich öffnenden Blüte erkennen in den auseinanderfliegenden Teilen?»

Nun ist dieses Verfahren zwar nicht neu. Und wir kannten den Schriftsteller auch schon rebellischer, zwingender, fordernder. Im neuen Prosamonolog fehlt der unnachgiebige und schrille Ton, mit dem er vor gut zehn Jahren anlässlich seines im Spiegel publizierten Aufsatzes «Anschwellender Bocksgesang» verblüffte, als er «linke» Verblendung für «rechte» Gefahren denunzierte. Mit diesem gesellschaftspolitischen Befund versetzte er damals das gesamte deutschsprachige Feuilleton in Aufregung und wurde schon bald als intellektueller Brandstifter angeprangert. Das wäre nach dem neuen Buch nicht mehr möglich. Eine sonderbare Weichheit ist jetzt da, eine Langsamkeit der Sprachbewegung. Aber wirkt die neue Temperatur langfristig nicht radikaler? Das kalkuliert chaotische Erzählverfahren hat auf den Leser noch immer einen betäubenden Effekt. Halb in einen merkwürdig somnambulen Zustand versetzt, in dem er die Dinge mehr spürt als begreift, halb mit überwachem Bewusstsein dahintreibend, entschlüsselt er fast intuitiv Botho Strauss’ Abbreviaturen zum Zustand der Welt. Manchmal sind es versiegelte, verdichtete Aphorismen, die sich unter der Haut festsetzen und im Verborgenen ständig reizen: «Täglich sich etwas unergründlicher machen, das ist das Leben!» Dann wiederum sind es Lichtblitze auf das Leben, schneidende Analysen, die durch ihre Hellsichtigkeit auf der Stelle frappieren: «Er kann keine Menschen lesen, er liest sie falsch. Einen Leisetreter, einen Schleimscheisser hält er für diskret und vornehm. Einen groben Klotz für einen Kerl, mit dem man Pferde stehlen kann. Er ist ein Analphabet der Physiognomie und Charaktere. Er liest nicht, er verbrämt. Der Anblick eines anderen Menschen zündet auf der Stelle die Illusion, der er sich hingibt. Wie jemand, der zwangsläufig vom Augenlicht des anderen geblendet würde.»

Dämonische Seite der Einsamkeit

Dann wiederum berichtet der Schriftsteller resigniert und schockiert zugleich von den Ereignissen, die sich vor seinen Augen abspielen. Botho Strauss ist vor einigen Jahren aus Berlin hinausgezogen in die Verlassenheit der Uckermark. Die Abgeschiedenheit, die er in früheren Büchern noch als idyllische Einsamkeit besang, zeigt jetzt plötzlich ihre dämonischen Seiten. In seiner Nachbarschaft ist ein Junge von Spielkameraden als Jude beschimpft, getötet und in der Jauchegrube versenkt worden, nur weil er gefärbte Haare trug: «Grau und trüb, Frost und Milde wechseln nervös, Schnee stiebt unter das Dach des Kornspeichers. Ich hadere mit meinem Ort. Schwere Vertrauenskrise. Barbarenwinkel, Wetterdrecksloch und Totschlägerpfuhl. Kinder schlagen hier Kinder tot! Zwölfjährige saufen sich um die Besinnung.»

Jetzt lodert die alte Sprachmacht plötzlich wieder auf, und diese Sprachbesessenheit wird ganz in den Dienst der Anklage des schnöden Zeitgeistes gestellt. Immer von neuem erweist sich Botho Strauss als scharfsinniger Kritiker der Gesellschaft, indem er ihre Klischees höhnisch aufbricht und ihre stillschweigenden Übereinkünfte ausser Kraft setzt. Wie tut er es? Indem er das Medium der Sprache in unerwarteter Weise manipuliert. Dieser Schriftsteller, der so oft für seinen eigenwilligen sprachlichen Zugriff gelobt wurde, verkündet zwar kurz und bündig, dass er nie «Sprache besessen» habe. Und dann entdeckt man, dass er den Schlüssel zu seiner eigenartigen, oft fremd und antiquiert wirkenden Sprechweise gleich mitliefert. Es ist seine ebenso einfache wie effiziente Technik, um abgegriffene verbale Schablonen und also abgewetzte Denkweisen zu unterlaufen: «Auch schien mir ein rücktönendes Deutsch ertragreicher als ein neutönendes; eine Frage des Artenreichtums. Inzwischen wird man beinahe unvermeidlich retroglott, aus Arterhaltungsgründen. Zurückweichend vor der Ödwelt der (Sprach-)User-Verständigung. Die meisten benutzen statt Worten nurmehr Passworte, mit denen sie einander als zugehörig und ungefährlich ausweisen.» Da zeigt sich auf einen Schlag der luzide Diagnostiker des Zeitgeistes und zugleich der Pathologe der Gegenwartssprache, der die notwendigen Schnitte mit kühner Hand setzt und die angefaulte Substanz blosslegt. Sprachschutt fördert er dabei zutage, verbales Geröll, Müllschluckerworte, mit denen jede subtile Realität und Differenzierung brutal planiert wird: «Dürfte ich das Unwort des Zeitalters bestimmen, so käme nur eines infrage: kommunizieren. Ein Autor kommuniziert nicht mit seinem Leser. Er sucht ihn zu verführen, zu amüsieren, zu provozieren, zu beleben. [...] Mann und Frau kommunizieren nicht miteinander. Die vielfältigen Rätsel, die sie einander aufgeben, fänden ihre schalste Lösung, sobald dieser nichtige Begriff zwischen sie tritt. Ein Katholik, der meint, er kommuniziere mit Gott, gehört auf der Stelle exkommuniziert. Zu Gott betet man.»

Das ist ein verbaler Urknall, mit dem der alte Rebell das zeitgenössische Gerede und Geplapper in die Luft sprengt und unter der verkarsteten Schicht unberührte sprachliche Sedimente zutage fördert. Plötzlich sind, wie aus einem Zustand sprachlicher Unschuld heraus, ganz neue Sichtweisen und Reflexionsspuren da, die sich dem Leser eröffnen. Auf diese Weise wird Botho Strauss in einem zum Aufklärer, Sprachphilosophen und Widerstandskämpfer gegen den galoppierenden Verblödungsprozess, den eine von Zeitgeist, Medien und Werbung längst infizierte Sprache ohne unser Wissen ständig vorantreibt. Wenn man ihn frage, was er in der Sprache zu suchen habe, so sei das gewiss nicht die Sprache selbst und noch weniger ihr schöner Zweck, andere mit Erzählen zu unterhalten. «Mir macht Sprache Gesichte, aus ihr entsteht Gesehenes, also etwas, das letztlich aus ihr heraus- und hervortreten will.» Genau da erweist sich der Dichter als visionärer Beobachter unserer Zeit, der ohne Zögern den Finger auf die Schwachstellen legt und ihr Leiden rücksichtslos diagnostiziert.

Botho Strauss: Der Untenstehende auf Zehenspitzen. Hanser. 169 S., Fr. 30.80

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