Al-Qaida

Der innere Feind

Nach den Bombenanschlägen von Madrid fürchtet Europa, die Islamisten seien auf dem Vormarsch. Die Wahrheit ist: Sie sind längst unter uns. Anatomie einer tödlichen Bedrohung.

Von Urs Gehriger und Pierre Heumann

Jordanien, Tunesien, Marokko, Istanbul – Wie ein Lauffeuer, getrieben von einer Hasswelle über die Besetzung des Iraks, schien das islamistische Inferno in den letzten Monaten auf Kerneuropa zuzusteuern. «Sie sind angekommen», lautet denn auch eine viel gelesene Schlagzeile nach dem Blutbad von Madrid vergangene Woche. Die Wahrnehmung stimmt und ist trotzdem falsch. Die Islamisten sind nicht auf dem Vormarsch. Sie sind schon in Europa – mitten unter uns.

Seit Jahren stehen die europäischen Sicherheitsdienste in erhöhter Wachsamkeit, mit steigender Kadenz wurden Anschläge vereitelt: Ende des Jahres 2000 konnte eine länderübergreifende Polizeiaktion einen Anschlag auf den Strassburger Christkindlmarkt verhindern. Vor einem Jahr hoben britische Fahnder eine Terrorzelle aus, die einen Ricin-Anschlag auf eine Londoner Kaserne plante. Und in Spanien, das nun so schmerzlich getroffen wurde, meldeten die Behörden seit Wochen neue Festnahmen und Sprengstofffunde. Die vereitelten Anschläge gingen in der täglichen Medienflut unter – Europa wähnte sich in trügerischer Sicherheit.

London als Magnet für Extremisten

Wenn die Spanier jetzt ihrer abgewählten konservativen Regierung vorwerfen, sie hätte den Terroranschlag mit ihrer Allianz mit Amerika provoziert, ist dies zu kurz gegriffen. «Niemand», sagt ein hoher Europol-Beamter, «weder Frankreich noch die Schweiz, ist vor Anschlägen sicher; in den Augen der Islamisten ist jedes westliche Land ein Feind.» Auch Frankreich und Deutschland sind – trotz US-kritischer Politik – im Visier der Zeloten, wie zum Beispiel ein für letztes Jahr geplanter und schliesslich verhinderter Anschlag auf eine jüdische Einrichtung in Berlin zeigt.

Die rund 12 Millionen Muslime in Europa bieten den Extremisten sowohl Versteck als auch Rekrutierungsbasis. Grossbritannien (1,5 Millionen Muslime) gilt als der «weiche Bauch» Europas im Kampf gegen die islamistischen Netzwerke. Besonders London, die Stadt der hundert Moscheen, wirkt als Magnet für Extremisten, Hetzprediger, Terroristen.

Seit den Zeiten, als Karl Marx und Wladimir Uljanow alias Lenin in Britannien Musse und Zuflucht suchten, ist die Insel ein geschütztes Territorium für fremde Agitatoren und Unruhestifter. Nach der Vorhut des Proletariats folgte in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Nachhut des Empires. Dutzende islamischer Organisationen, von denen jede von mindestens einer Regierung als extremistisch oder terroristisch eingestuft wird, haben in London eine Filiale eröffnet. Ungestraft lässt sich hier gegen «Juden, Kreuzfahrer und Schwule» lästern und der 11. September als «grösster Triumph der modernen Geschichte» feiern. Gemäss britischer Gesetzgebung ist es weder strafbar, eine Terrortat gutzuheissen, noch in allgemeinen Worten zum Krieg aufzurufen. Gerichte verlangen den konkreten Nachweis einer Verbindung zwischen Wort und Tat. Zwar wurde vor einigen Jahren mit dem Terrorism Act dem schlimmsten Treiben ein Riegel geschoben, doch wer einen britischen Pass hat, bleibt weitgehend ungeschoren.

Vom Gastland entfremdet

Der britische Terrorexperte Peter Bergen bezeichnet die Stadt als «Metropole der islamistischen Internationale». Hier fliessen die Finanzströme der al-Qaida zusammen und verzweigen sich wieder in alle Welt. Hierher richteten sich 238 der 1220 Anrufe , die Osama Bin Laden vor dem 11. September von seinem Satellitentelefon aus dem fernen Afghanistan tätigte. «Londonistan» nennt man in Frankreich deswegen die Themse-Stadt. Und Pariser Diplomaten sprechen maliziös von «britischer Schizophrenie»: International markiere Tony Blair den kompromisslosen Kämpfer im Krieg gegen den Terror; zu Hause drücke er sich um harte Schritte gegen «gefährliche Elemente» innerhalb der muslimischen Minderheit.

«In zahlreichen Ballungszentren profitieren Islamisten von einem Generationenwechsel unter den europäischen Muslimen», sagt Terrorexperte Reuven Raz. Während die erste Generation der muslimischen Immigranen bestrebt gewesen sei, sich in die neue Gesellschaft zu integrieren, habe sich die zweite und dritte Generation sowohl von der Kultur ihrer Eltern als auch von derjenigen des Gastlandes entfremdet. Mit der generösen Hilfe von reichen islamischen Ländern, allen voran Saudiarabien, hätten sie eine «dichte islamische Infrastruktur innerhalb der westlichen Demokratien aufgebaut», so Raz, die von terroristischen Gruppen als «Basis» für ihre Anschläge benutzt werden könne. Selten ist ein Islamist so offen wie Scheich Omar Bakri Mohammed, der syrischstämmige Prediger mit britischem Pass, der offen von einer «Fünften Kolonne» spricht, die man in Europa errichten wolle, um die «weltweite islamische Revolution vorzubereiten».

Fanatiker wie Scheich Omar repräsentieren in keiner Weise die Mehrheit der europäischen Muslime. Deswegen auf eine fortgeschrittene Integration zu schliessen, wäre allerdings ein Trugschluss. Der stärkste Trend unter den europäischen Muslimen liegt zwischen Assimilation und Militanz. Die junge Generation hat gelernt, Gesetz und gesellschaftliche Gepflogenheiten zu achten, bezieht aber gleichzeitig spirituelle und ideologische Inspiration aus den islamischen Heimatländern, die oft westlich-säkularen Prinzipien widerspricht. Hin und her gerissen zwischen der alten Welt ihrer Eltern, die sie nie gekannt haben, und ihrer neuen Heimat, der sie im Herzen fremd bleiben, sind viele empfänglich für radikales Gedankengut.

Sie orientieren sich an Klerikern wie Jusuf Karadawi, dem 77-jährigen Chefideologen der radikalen Muslimbrüder. Von Katar aus verbreitet der Scheich seine Schriften, Videokasetten und Webseiten und geniesst in der europäischen Diaspora hohes moralisches Ansehen. Viele seiner Schriften befassen sich mit alltäglichen Problemen: Wie oft soll man beten? Dürfen Muslime Profisportler werden? Dürfen Muslime an lokalen Wahlen teilnehmen? Doch seine Ratschläge betreffen auch die internationale Politik. So deklariert er Jerusalem als «islamisches Land», gegen dessen Besetzung durch Nicht-Muslime mit «allen Mitteln» gekämpft werden soll. Zwar hat Karadawi die Anschläge vom 11. September 2001 verurteilt, Selbstmordattentätern in Israel und anderen «Kriegsgebieten» im Nahen Osten spricht er jedoch seinen Segen aus.

Überraschender Sieg der Muslimbrüder

Das starke Bestreben der Muslimbrüder, ihre Glaubensgenossen in Europa zu dominieren, manifestierte sich vor zwei Jahren bei den Wahlen für den ersten Rat der Muslime Frankreichs, der ihnen eine zentrale Stimme geben sollte. Innenminister Nicolas Sarkozy hatte erwartet, dass die meisten Stimmen auf moderate Gemeindeführer fallen würden. Stattdessen verbuchte die Union der Islamischen Organisationen (UOIF), eine militante Gruppe mit Verbindungen zu den Muslimbrüdern, einen überwältigenden Sieg. «Jahrelang haben wir für diese Institution gekämpft», klagte der gemässigte Chef des neuen Rates, Dalil Boubakeur, «statt einem hübschen Kind bekamen wir ein wildes Tier.»

Die allermeisten Muslime in Europa sind trotz überwiegend konservativer Haltung in keiner Weise mit den Terroristen gleichzusetzen. In ihren Gebetsstätten geht es um friedliche Andacht, um Respekt für den (nichtmuslimischen) Nachbarn und um die Heiligkeit des Lebens. Durch den wachsenden Einfluss militanter Strömungen in einer Zeit weltweiter kultureller Polarisierung findet indessen eine Rückbesinnung auf konservative Grundwerte und somit eine Annäherung an die Ideale der Extremisten statt. Gegen das Kopftuchverbot in Frankreich laufen Islamisten wie Moderate gleichsam Sturm. Die europäische Israel-Politik finden Muslime jeder Couleur unfair und verlogen.

Zwar fehlen europaweite und detaillierte Studien über das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen. Fragmentaufnahmen und Länderstudien zeigen indessen eine wachsende Distanz. Die Kontakte sind marginal bis inexistent. Nachrichten über islamistische Heisssporne prägen das Image, auch wenn diese nur Splitterparteien vertreten. Ausserdem wächst die Beunruhigung angesichts der Immigration aus muslimischen Staaten.

Kein islamisches Land, in dem die Geburtenrate nicht explodiert. Und kein europäisches Land, in dem die Bevölkerungszahl nicht abnimmt. Sinkt die Geburtenrate weiter wie in den letzten Jahrzehnten, zählt Europas christliche Bevölkerung gemäss einer Uno-Studie im Jahr 2100 zwei Drittel weniger Menschen als heute. Setzt sich die muslimische Zuwanderung und Geburtenrate ungebremst fort, könnte der muslimische Bevölkerungsanteil von heute 3,2 Prozent im selben Zeitraum auf über 20 Prozent steigen. Sollte die Türkei tatsächlich in die EU aufgenommen werden, wäre der Anteil noch ein paar Prozentpunkte höher.

Der Islam überholt das Judentum

Der Koran ist trotz täglicher politischer Berichterstattung aus dem islamischen Raum den meisten Europäern ein Buch mit Siegeln geblieben; die Frömmigkeit vieler Muslime befremdet auf dem postreligiösen Kontinent. In Europa leeren sich die Kirchen, während die Imame konstantem Zulauf haben. Der Islam hat das Judentum als zweitgrösste Religion überholt. All dies sind Indikatoren einer wachsenden Entfremdung – Menschenrechtler sind beunruhigt. Sie warnen vor einer Islamophobie, die den Muslimen in Europa ein ähnliches Schicksal bescheren könnte, wie es den Juden immer wieder widerfahren ist: als Sündenböcke für reale und vermeintliche Missstände an den Pranger gestellt zu werden. Bereits heute ernten Bartträger mit nahöstlichem Teint unverhohlen feindliche Blicke. Und Flugpassagiere mit arabisch klingenden Namen verursachen lange Warteschlangen.

Aber auch in den arabischen Ländern dominieren ängstliche Töne, wie die Zeitungskommentare zum Blutbad von Madrid zeigen. Die Angst vor einer Zunahme der Diskkriminierung muslimischer Minderheiten in Europa geht um. «Wenn eine islamische Gruppe hinter den Anschlägen steckt, wird in Europa der Hass gegen die Muslime zunehmen», befürchtet der Publizist Abdel Rahman al-Rashed in der arabischen Tageszeitung Shark al-Awsat. Ebenso wie nach den Angriffen auf Amerika könnte sich auch in Europa ein Generalverdacht gegen die Muslime verbreiten.

Nie war das Bedürfnis in Europa grösser, den Feind zu kennen, als jetzt, wo er erstmals «zu Hause» ein Blutbad angerichtet hat. Wer sind die zentralen Köpfe? Wo sind ihre Zellen? Mit wem kooperieren sie? Und wen haben sie als Nächstes im Visier? Es war schon fast eine Wohltat, als der Mann im angeblichen Bekennervideo nach den schrecklichen Worten «ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod» sich als «militärischer Sprecher der al-Qaida in Europa» zu erkennen gab. Das tönte nach Hierarchie, nach Ordnung und Transparanz. Doch Experten winken ab. Terrorismus liesse sich bekämpfen, wenn er klare Konturen hätte. Aber der islamistische Terror will bewusst diffus bleiben, weil er sonst seine Wirkung verlöre. Al-Qaida ist nicht viel mehr als der Name einer Idee, die sich in den Köpfen Militanter rund um den Globus festgesetzt hat.

Kontinuierlich machen Fahnder Dutzende neuer Namen und Verbindungen aus, und wenn sich langsam ein Bild zu verdichten scheint, schlägt eine neue Gruppe anderswo zu. Frappierend ist die Agilität, mit der sich die Terroristen in Europa bewegen, als wären sie Fische im Wasser. Der Fall Ramzi Binalshib ist ein eindrückliches Beispiel. Der Jemenit war der Logistiker der Anschläge vom 11. September. Als Verbindungsmann zwischen dem Todespiloten Mohammed Atta und Osama Bin Laden leistete er Kurierdienste, steuerte von Hamburg aus die Geldströme der Terroristen, kümmerte sich um die Gefolgsleute der Mörder. Vor dem 11. September verschwand er aus Deutschland und traf im spanischen Tarragona ein letztes Mal Atta, der per Linienflug aus Miami anreiste, wo er bereits die Todesflüge vorbereitete. Laut Aussagen des heute in Guantanamo gefangenen Binalshib wurden bei diesem Treffen die «letzten Details» für 9/11 ausgeheckt.

Nach den Anschlägen von New York und Washington hat sich das Täterbild stetig gewandelt. Spätestens seit den Attentaten von Casablanca und Istanbul sprechen Experten von einer «Franchising-Strategie», bei der junge Einheimische das Kommando über die blutigen Attacken übernahmen. In dem einen Fall waren es junge Marokkaner aus der Peripherie von Casablanca, die durch fundamentalistische Hintermänner in Marokko angeleitet wurden, wahrscheinlich auch durch Drahtzieher im Ausland über das Internet. In Istanbul waren junge Türken federführend, die mit den Kriegsveteranen aus Afghanistan wenig zu tun haben, aber nach dem gleichen Motto handeln.

«Die Franchising-Strategie ist das Erbe der alten al-Qaida», sagt der deutsche Terrorismusexperte Berndt Georg Thamm. «Es ist die Variante, mit der wir es künftig noch mehr zu tun haben werden; sie ist schwieriger zu bekämpfen. Denn es handelt sich um offen radikale Gruppen, deren potenzielle Kämpfer sich über die ganze Welt verteilen und moderne Technik nutzen – eine islamistische Hydra.»

Unauffällige werden «gefischt»

Experten haben es aufgegeben, die islamistischen Gruppen zu zählen. Sie treten mit immer neuen Namen und Formationen auf, sind teils lose miteinander verbunden, teils agieren sie völlig autonom. Auch die Zahl der potenziellen Terroristen ist nicht präzise eruierbar. In den achtziger und neunziger Jahren haben sich in den Dschihad-Camps Afghanistans rund 20000 Männer zu Kämpfern ausbilden lassen, die nicht nur aus der gesamten muslimischen Welt stammen, sondern auch die unterschiedlichsten Ethnien umfassen: Völker des malaiischen Archipels, Turkvölker, arabische und negride Völker.

In Europa werden junge Dschihadisten längst nicht allein in den grossen muslimischen Ballungszentren angeworben. Ein Abhörprotokoll des italienischen Geheimdienstes dokumentiert, dass vermehrt Personen «gefischt» werden, die aufgrund ihrer Herkunft nicht auffallen: «Wir brauchen Ausländer. Wir haben Albaner, Schweizer, Briten – in Deutschland haben wir Dolmetscher. Wir haben Leute in der Telekommunikation, auch in Österreich. Wichtig ist, dass ihr Glaube an den Islam ernsthaft ist.»

Bei einem der bespitzelten Männer handelt es sich um den Algerier Abderrazak Mahdjoub, der als einer der wichtigsten Drahtzieher islamistischen Terrors in Europa gilt. Sein Fall demonstriert exemplarisch die Ohnmacht der deutschen Fahnder. Seit Jahren hatte der Hamburger Verfassungsschutz den Algerier observiert, der in der Islamistenszene der Hansestadt verkehrte. Längst stand er im Verdacht, in Europa Selbstmordattentäter zu rekrutieren. Dennoch mussten die Behörden tatenlos zusehen, wie Abderrazak vor einem Jahr über Nacht seine Koffer packte, um im Irak in den Dschihad zu ziehen. «Rechtlich», so Verfassungsschützer Manfred Murck, «können wir nicht verhindern, dass sich jemand aus Deutschland in Kampfgebiete anderer bewegt und dort möglicherweise US-Soldaten erschiesst.»

«Waschlappenjustiz» gegen den Terror

Abderrazak ist übrigens nie im Irak angekommen. In Damaskus wurde er festgenommen, und er kehrte bald wieder zu Frau und Kindern nach Hamburg zurück. Kaum in der Hansestadt angekommen, trat er in Kontakt mit einem polizeibekannten Islamisten in Spanien. Am 11. März schaffte es Abderrazak wieder in die Schlagzeilen. Er plane Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Südspanien, schrieb die Madrider Zeitung La Razón. Stunden nach dem Erscheinen des Artikels sprengten zehn Bomben 200 Menschen in die Luft. Eine mögliche Involvierung Abderrazaks in die Anschläge ist derzeit Gegenstand von Untersuchungen.

Der Frust der deutschen Fahnder über den Fall Abderrazak steht in keinem Verhältnis zu dem, was sich derzeit im Hamburger Oberlandsgericht abspielt. Dort muss der weltweit erste Prozess wegen der Terroranschläge vom 11. September neu aufgerollt werden. Der Bundesgerichtshof hob Anfang März die Verurteilung des Marokkaners Mounir al-Montassadeq zu 15 Jahren Haft wegen fehlerhafter Beweisführung auf. Die Beweisgrundlage sei erheblich verkürzt gewesen, da der mutmassliche Mittäter Ramzi Binalshib nicht vernommen werden konnte.

In den USA wurde sofort Kritik laut, die Deutschen würden mit ihrer «Waschlappenjustiz» den Krieg gegen den Terror sabotieren. Der Bundesgerichtshof wies die Kritik zurück und beschuldigte die USA der Obstruktion. Solange die US-Justiz nicht einmal Protokolle über die Vernehmung des in Guantanamo inhaftierten Binalshib herausgäben, könne der mutmassliche Mord in 3066 Fällen nicht wasserdicht belegt werden. In diesem Fall habe sich die Justiz nach dem Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten» zu richten. «Die Bekämpfung des Terrorismus kann nicht ein wilder, ungeregelter Krieg sein», argumentierte der Vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung. Eine derart pedantische Anwendung der Regeln des Rechtsstaates sorgte bei aller Kritik an der sturen Haltung der US-Behörden auch in Europa vielerorts für Kopfschütteln. Eine Justiz, so der Tenor der Kritiker, die mit den Terroristen von 9/11 nach denselben Regeln verfahre wie bei normalen Dieben und Totschlägern, sei ein Sicherheitsrisiko.

Defizite innerhalb der EU

Auch bei der Fahndung harzt es vielerorts. Nach dem 11. September versteifte man sich auf das Signalement der Todespiloten – intelligent, vielsprachig und aus gutem Hause – und lancierte eine bundesweite Rasterfahndung, um potenzielle «Schläfer» zu enttarnen. Ein halbes Jahr später lagen beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden 22900 «Personendatensätze» von Arabern aus Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen. Danach hagelte es Klagen, worauf verschiedene Landesgerichte die dortige Rasterfahndung für ganz oder teilweise rechtswidrig erklärten.

Nach Madrid brach die alte Debatte über die Defizite in der Fahndung wieder los. Bislang stünden Kriminalamt, Grenzschutz und Zoll «in einem knallharten Wettbewerb», kritisiert Bayerns Innenminister Günther Beckmann und fordert neue Strukturen.

Gravierender sind Defizite innerhalb der Europäischen Union. Zwar leitete die EU nach dem 11. September Schritte ein, um den Kampf gegen den Terror zu intensivieren: Nationale Strafvorschriften wurden angeglichen, der Informationsaustausch zwischen den Geheimdiensten wurde verbessert und ein Rechtshilfeabkommen mit den USA vereinbart. Doch die institutionellen Strukturen verunmöglichen eine effiziente Terrorbekämpfung. Eifrig achten die Mitglieder darauf, in den Bereichen Inneres und Justiz nicht zu viele Kompetenzen an Brüssel abzutreten. Noch immer ist der längst beschlossene europäische Haftbefehl zwecks Auslieferung von Verdächtigen nicht in allen EU-Staaten in nationales Recht umgesetzt worden. Grundlegender noch: Weder die EU noch die Uno haben sich darauf geeinigt, was Terrorismus eigentlich ist. Wohl haben die Vereinten Nationen ein Dutzend Konventionen gegen die verschiedenen Formen des Terrors verabschiedet, eine Definition ist jedoch bisher an islamischen Staaten gescheitert, die Ausnahmebestimmungen für «Befreiungsbewegungen» verlangen.

Warnung von Menschenrechtsgruppen

Seltsam mutet an, dass gerade aus dem arabischen Raum die heftigste Kritik an der mangelhaften Terrorbekämpfung kommt.

«Im Namen der Rechtsstaatlichkeit und der Demokratie haben sie Terrororganisationen viel zu viel Freiraum eingeräumt», schreibt der Publizist Abdel Rahman al-Rashed in der in London erscheinenden Zeitung Shark al-Awsat. Denn seit mehr als zwanzig Jahren hätten arabische Regime Länder wie Grossbritannien, Deutschland oder Spanien auf die Gefahren hingewiesen, politische Organisationen zu beherbergen, deren Maxime der Hass auf alles Westliche ist: «Leider haben europäische Regierungen diese Warnungen missachtet», sagt Rashed. «Die Konsequenz ist, dass der alte Kontinent jetzt gefährlich lebt.» Denn nicht Afghanistan, Somalia, der Iran oder Saudi-Arabien hätten die grösste Konzentration radikaler Gruppen, sondern Europa. Europa komme deshalb nicht darum herum, seinen Kampf gegen die radikalen Elemente zu verstärken, findet der Publizist Issa Ghorayem im Beiruter Orient le Jour. Dazu gehöre systematisches Abhören von Telefongesprächen, resolutes Vorgehen gegen Geldwäscher sowie weniger Respekt vor persönlichen Freiheiten.

Genau davor warnen jetzt europäische Menschenrechtsgruppen, die eine «Amerikanisierung» der europäischen Gesellschaft befürchten. Zumindest in einem Punkt scheint sich Europa ein Beispiel an den USA nehmen zu wollen: So hat der für die EU-Aussenpolitik zuständige Xavier Solana laut der belgischen Zeitung La Libre Belgique die Idee eines Beauftragten für Terrorismusbekämpfung formuliert. Dessen Aufgabe ist vergleichbar mit der von Tom Ridge, der nach dem 11. September von US-Präsident Bush eingesetzt wurde, um eine nationale Terrorismusabwehrstrategie zu entwickeln. Sein unüberbietbar europäischer Titel: «Monsieur Terrorisme».

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