Ob Ludmila Putina, die First Lady im Staate, der Lobbyist aus der Duma, der das eine oder andere Gesetz für seinen Oligarchen durchboxen soll, oder der ranghohe Kremlbeamte, der über Korruption schimpft, aber ja nicht zitiert werden will: Bei Dolf Michel fühlen sich alle, die in Moskau etwas auf sich halten, irgendwie zu Hause.
Der Schweizer betreibt das Feinschmeckerrestaurant «Cafe des Artistes». Im Kamergerskij Pereulok, der Kammerherrengasse, die hinter dem Parlamentsgebäude liegt, bekommt man nicht nur im Jugendstil-Ambiente den angeblich besten Kaviar der Stadt sowie Weine aus dem Ticino und vom Genfersee serviert, sondern auch die neuesten Gerüchte aus der politischen Küche auf den Tisch.
So wird dieser Tage unter den Fotoporträts von J.Lo, Nicholson und Nurejew debattiert, ob denn Präsident Wladimir Putin bei den Wahlen am Sonntag die nötige Wahlbeteiligung von fünfzig Prozent erreichen wird, damit der Urnengang für gültig erklärt werden kann. Notfalls werde man eben die «administrativen Ressourcen» einschalten, wird gemurmelt. Will heissen: etwas nachhelfen bei der Auszählung. So oder so: Der Weg dürfte frei sein für vier weitere Jahre Wladimir Putin im Kreml. So wundert sich niemand, dass sich die einzige Oppositionskraft, die Schachweltmeister Garri Kasparow anführt, leicht resigniert «Komitee 2008» nennt.
Der Rauswurf von Regierungschef Michail Kassjanow und die Ernennung des neuen Ministerpräsidenten Michail Fradkow rufen indes nur ein Zucken der Augenbrauen unter Michels Stammgästen hervor. Eine Mimik, die bedeuten mag: Es ist der Kremlapparat und nicht die Regierung, die die Politik macht. Die Credit Suisse First Boston (CSFB) fand dafür in ihrem Report den Spruch: «Die Regierung ist entlassen – Lang lebe der Präsident!»
«Die Atmosphäre im Business und in der Politik ist gut, aber eine Goldgräberstimmung wie Anfang der neunziger Jahre spüre ich hier nicht mehr. Es ist alles etwas normaler geworden», sagt Gastronom Michel. «San Pellegrino statt Cognac» sei der Slogan dieser Zeit. «Man lebt also gesünder.»
Sechzig Mitarbeiter hält der Mann aus
St. Moritz, den es 1990 nach Moskau verschlug. Damals machte er das Catering für den Kremlin-Cup, ein Tennisturnier zu Ehren Boris Jelzins. Michel schaffte, was kaum einem Ausländer gelang: Er drang in den inneren Zirkel des Kreml vor, den so genannten Tennisklub. Dort, beim weissen Sport, wurden unter Präsident Jelzin – dieser «Wahnsinnsfigur» (Michel) – Karrieren gemacht oder geknickt. Über Mangel an Kundschaft kann Michel, der auch den Rubel-Crash 1998 mitmachte und zwei, drei harte Jahre überdauern musste, nicht klagen. Ende Mai wird er am Moskauer Prospekt Mira ein zweites Edel-Etablissement eröffnen.
Jeden letzten Freitag im Monat trifft sich der Swiss Club, der Stammtisch der Schweizer, bei Michel im Artistencafé. Der Tenor: Es lohnt sich, in Russland Geschäfte zu machen. Zwar erzählen Geschäftsleute wie Michel von zwölf Umzügen in 15 Jahren, von einer Verdoppelung der Mieten in jedem Jahr und davon, dass man mit jedem neuen Inspektor von der Stadt die «gleiche Sprache» finden müsse, was aber «nichts mit grosser Korruption» zu tun habe. Insgesamt ist sein Fazit wie das der meisten Schweizer: Es läuft.
Exportierte die Schweiz im Jahr 2000 Waren für gut eine halbe Milliarde Franken nach Russland, verdreifachten sich diese Ausfuhren im letzten Jahr auf rund 1,5 Milliarden Franken. Maschinen, Pharma, Uhren und chemische Produkte stehen oben auf der Rangliste. Die Direktinvestitionen stiegen nach Angaben der Schweizerischen Nationalbank von 733 Millionen Franken im Jahr 2000 auf rund 1,4 Milliarden Franken im Jahr 2002. Tendenz steigend.
Schweiz? Uhren, Käse, Tirolerhüte
Das Image der Schweiz in Russland hat zwar sehr unter dem Verhalten der Regierung nach dem Flugzeugabsturz im deutschen Überlingen gelitten, ist aber trotzdem positiv geprägt. Bei einer Radioumfrage wurden als Begriffe für «Swissness» Sauberkeit, Präzision, Gesundheit, Ehrlichkeit, hoher Lebensstandard, Uhren, Berge, Käse, Skifahren – und Tiroler Hüte – genannt.
Russland kann auf ein nie da gewesenes Wirtschaftswachstum zurückblicken. Im letzten Jahr legte das Bruttoinlandprodukt (BIP, Summe aller Güter und Dienstleistungen) um 7,3 Prozent zu, in den vier Jahren unter Putin wuchs die Wirtschaft um insgesamt 30 Prozent. Der RTS-Index, quasi der Dow Jones Russlands, ist von 38 Punkten 1998 auf gegen 700 Punkte gestiegen. Öl ist der Treibstoff der russischen Wirtschaft. Energieträger machen nach Berechnungen der Weltbank 80 Prozent der Deviseneinnahmen und 25 Prozent des BIP aus. Und bei den hohen Weltmarktpreisen fliessen ausreichend Petrodollars in die Kasse.
Doch nicht alles läuft rund in Putins Riesenreich. Der Krieg in der abtrünnigen Kaukasusrepublik Tschetschenien tobt im fünften Jahr. Selbstmordattentäterinnen sprengen sich inzwischen auch in Moskau in die Luft. Präsident Putin schleift systematisch demokratische Institutionen. Die Medienlandschaft ist eingeebnet, das Fernsehen ist staatlich und wird als Propagandamaschine für den Kreml eingesetzt. Es gibt keine nennenswerte politische Opposition mehr, in der Duma hat der Kreml die Zweidrittelmehrheit.
Auch wenn Putin eine Steuerreform durchsetzen konnte, in der es eine Flat Tax (Einheitssteuersatz) auf Einkommen von 13 Prozent und eine Gewinnsteuer von 24 Prozent gibt, auch wenn Grund und Boden erstmals handelbar sind, hat der Staatschef mindestens zwei Probleme nicht lösen können: erstens das der Armut. 30 Millionen Russen leben unter dem Existenzminimum. Und zweitens das der ausufernden Bürokratie und Korruption. 36 Milliarden Dollar, rechnete das Forschungsinstitut Indem vor, werden pro Jahr an die Beamtenschaft gezahlt, deren Kopfstärke doppelt so gross ist wie zu Sowjetzeiten.
Doch auf der Habenseite steht das Wirtschaftswunder, von dem auch die Schweizer Firmen profitieren wollen. Für Novartis ist der Markt mit 100 Millionen Dollar Umsatz zwar klein, aber «wachstumsträchtig». Für Nestlé spielt Russland eine bedeutendere Rolle. Bis Ende 2002 wurden insgesamt 300 Millionen Dollar in Russland in zehn Werke investiert. Der Jahresumsatz liegt seit 2002 über einer Milliarde Franken, die Wachstumsraten sind zweistellig. «Russland kann ein unberechenbares und manchmal schwieriges Land sein, um dort zu arbeiten, mit Problemen, die bei den Zulieferern beginnen und bis zur exzessiven Bürokratie reichen», sagt Nestlé-Pressesprecherin Jennifer Galenkamp. «Das überzeugendste Argument ist jedoch, dass Russland ein Land mit 145 Millionen Verbrauchern ist, deren Pro-Kopf-Verbrauch von hochwertigen Lebensmitteln noch deutlich unter dem anderer europäischer Nationen liegt.»
«Russland ist der Markt, wo man sein muss. Wir ziehen Russland dem Markt in China vor. Alleine schon weil China höher bewertet ist», sagt Harald Zahnd, ein Aktienanalyst der Credit Suisse. Telekommunikation, Konsumgüter, Öl und Gas seien die Wachstumssektoren. Die CS eröffnete Anfang November eine Repräsentanz in Moskau. Die CSFB, der Investmentbanking-Arm der Credit Suisse, ist schon seit 1993 in Moskau zugegen. Sie investierte eigenen Angaben zufolge insgesamt 30 Milliarden Dollar in die russische Wirtschaft und ist bei der Platzierung von Eurobonds führend.
Zahnd erwartet von Putin vor allem Stabilität. «Ein starker Zar ist besser als Chaos. So kann sich die Wirtschaft entwickeln, auch wenn die Herrschaft nicht im westlichen Sinne demokratisch, bisweilen sogar autoritär ist.» Marktwirtschaft ohne Demokratie, ist das das russische Modell? Zahnd: «Russland hat keine Erfahrung mit Demokratie. Man kann also nicht erwarten, dass man in Russland von heute auf morgen perfekte demokratische Institutionen hat. Mit wachsendem Wohlstand werden sich jedoch auch die demokratischen Institutionen festigen.»
Dass im Oktober der reichste Mann Russlands, der Ölbaron Michail Chodorkowski, verhaftet wurde und die Ermittlungen gegen ihn nicht durchwegs rechtsstaatlichen Standards entsprechen, entlockt dem Analysten ein Achselzucken. Hätte sich Chodorkowski, den das US-Magazin Forbes auf 15 Milliarden Dollar taxierte, aus der Politik herausgehalten, könnte er ein freier Mann sein.
Zahnd redet offener als die meisten Schweizer Firmenvertreter und Geschäftsleute. «Politik ist mir ein zu sensibles Feld», sagt ein Zulieferer für die Erdölindustrie stellvertretend für eine Reihe von befragten Geschäftsleuten.
Hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, dass es mit dem Rechtsstaat Russland nicht weit her ist, dass der Schutz von Auslandinvestoren, kommen sie Einheimischen in die Quere, nicht immer gewährleistet ist. «Hier hast du Erfolg, wenn du Nischen besetzt», sagt Christof Rühl, Chefökonom der Weltbank für Russland. «Wer sich in Verteilungskämpfe einmischt oder sich auf Portfolioinvestitionen einlässt und nicht sicher ist, wem eigentlich genau der Betrieb gehört, für den ist das Risiko enorm.» Von einem russischen Investmentboom, der alle Massstäbe sprengt, will Rühl nicht reden. «Direktinvestitionen nach Russland gehören weiter zu den niedrigsten überhaupt in den ehemaligen sozialistischen Wirtschaften, viel niedriger als in Zentraleuropa und in Nachbarstaaten wie Kasachstan.»
Dass in Russland nicht alles Gold ist, was glänzt, können Vertreter von Opora – einem Zusammenschluss von russischen Klein- und Mittelbetrieben – ihren Counterparts von der Schweizer Exportförderungsorganisation Osec erzählen, mit denen seit einem Monat eine Kooperation besteht. Einer Umfrage von Opora zufolge muss sich eine Firma in Moskau im Durchschnitt 23 Überprüfungen im Jahr gefallen lassen. Ob Feuerwehr oder Miliz – jeder wolle sein Scherflein. An Schmiergeld falle pro Beschäftigten eine Summe von rund 400 Dollar jährlich an.
Scheitern eines Schweizer Fensterbauers
«It’s the economy, stupid»: Der Wahlslogan Bill Clintons von 1992 könnte auch auf Putin gemünzt sein. Dass die Gesetze des Marktes in Russland nicht unbedingt mit denen in der Schweiz zu vergleichen sind, musste Rudolf Herber erkennen. Der Fensterbauer, dessen Familie seit 140 Jahren Fenster mit Holzrahmen produziert, zügelte seine Fabrik von Oetwil an der Limmat nach Newskaja Dubrowka im Umland von St. Petersburg. Der 53-jährige Herber installierte seine Maschinen in einer Fabrikhalle eines heruntergekommenen Holzverarbeitungskombinats, im Dorf fand er Arbeiter, ein russischer Geschäftspartner sollte sich als Geschäftsführer um Verkauf und Buchhaltung, Herber um die Produktion kümmern. Im Februar 2003 lief die Produktion bei Herber Fenster SPB (St. Petersburg) an.
Doch die Zusammenarbeit mit dem Geschäftsführer klappte nicht, Herber beschloss, ihn zu entlassen. Als sich im Spätsommer ein Grosskunde weigerte, seine Rechnung zu bezahlen, wurde es finanziell erstmals eng. Dem Schweizer fehlten die Kontakte, das Geld einzutreiben. Dann traf im Herbst jenes Schreiben ein, das Herber das Genick brechen würde: Der ehemalige Geschäftsführer forderte 13000 Dollar. Doch die Verwaltung leitete den Brief nicht rechtzeitig an Herber weiter, und die Frist, innerhalb deren Herber hätte Rechtsvorschlag erheben können, verstrich ungenutzt. Offiziell galt somit die Schuld als anerkannt. Darauf fuhren Beamte vor und beschlagnahmten Herbers Maschinen. Der Betrieb konnte nicht mehr produzieren. Dann war die Miete für die Halle fällig. Der Vermieter liess Wachmänner aufstellen, die Herber daran hinderten, in seine Fabrik zu gehen.
«Ich bin müde», sagt der erfolglose Schweizer Mittelständler. Letztes Wochenende räumte er seine Wohnung in St. Petersburg und flog nach Zürich. «Ich bereue es, nach Russland gegangen zu sein. Mir war zu wenig bewusst, dass man in diesem Land alles und jeden kontrollieren muss.» Als letzte Anstrengung seiner Russland-Expedition will er die beschlagnahmten Maschinen zurückfordern.
Solche Schwierigkeiten haben nicht nur vermeintlich naive Kleinunternehmer wie Herber. Ein Ölmulti wie Exxon Mobil wurde bei seinem Investitionsprojekt Sachalin-3, einem bedeutenden Öl- und Gasfeld vor der russischen Pazifikküste, de facto enteignet.
Trotzdem hält Zahnd die Rückgängigmachung der Privatisierung praktisch für ausgeschlossen. Putin sei ein intelligenter Mann, der um die Bedeutung von Auslandsinvestitionen wisse. «Sollte so etwas geschehen, wäre der Hahn schnell zugedreht.» «In Russland kann man geschäften wie in jedem anderen Emerging Market», pflichtet ihm Hans-Jörg Rudloff bei. Rudloff, auch Mister Eurobond genannt, baute 1992 für die CSFB das Russland-Geschäft auf und ist heute für die Barclays-Bank in London tätig. Investoren gibt er den Tipp, sich penibel an die Vorschriften zu halten. Sonst dürfe man sich nicht wundern, wenn einem die Lizenz entzogen werde. «Die Russen sind nicht blöd, die überlassen einem ihre Fabriken und Rohstoffe doch nicht zum Nulltarif.»
Roland Lei blickt von seinem Bürosessel aus auf naive Malerei: Schweizer Idylle mit sattgrüner Wiese, Männern in Trachten und grasenden Kühen. Der Chef der Firma Lei AG Baumanagement sitzt am Sewastopol-Prospekt in Moskau, einer schmucklosen Ausfallstrasse, und sagt: «Die Zeit ist so gut wie nie. Seit Putin Präsident ist, hat sich das meiste verbessert.» Lei, der aus Herisau stammt, beschäftigt in Russland 380 Mann. Der 46-Jährige profitiert vom Bauboom. 1995 zog es ihn nach Moskau, auch der Rubel-Crash konnte ihn nicht kleinkriegen. «Wir haben viel Lehrgeld bezahlen müssen. Nun spüren wir den Return on Investment.»
Ohne «Dach» geht gar nichts
Heute baut er Autohäuser, macht für Supermärkte wie Metro und Auchan den Innenausbau und kümmert sich um Industriebauten in der 16-Millionen-Agglomeration Moskau. Dreissig Millionen Franken setzte er im letzten Jahr um, und dabei musste er sogar Aufträge ablehnen. «Ein Rekordjahr», schwärmt Lei. Ein Investitionsparadies ist Russland für Lei trotzdem nicht. Aber er kenne inzwischen die Kniffe und Tricks, wisse, wie man Arbeiter nach Razzien bei der Polizei auslöse, wie man Kontingente für Gastarbeiter erhält, wenn es eigentlich keine mehr gebe, wie man das Baumaterial doch noch am Freitagnachmittag durch den Zoll bekomme. «Es geht nichts ohne Kontakte.»
Putin habe trotzdem der Wirtschaft seinen Stempel aufgedrückt. «Wir spüren, dass der Kremlchef die Schrauben anzieht.» Woran sich das festmacht? «Die Zeiten, als ich beim Zoll geschmiert habe, sind vorbei. Auch mit der Steuer ist es jetzt viel strenger.»
Schweizer Investoren, die den Sprung ins grösste Land der Erde wagen wollen, rät der gelernte Bauingenieur, nicht mit einem allzu schmalen Budget zu kommen. Es gebe eben doch «viele Nebenabgaben». Auch die richtige «kryscha», ein «Dach», zu haben, ist wohl auch in Putins Russland entscheidend. Es sind dies Organisationen, die gegen Bezahlung Schutz vor Erpressungen offerieren.
Ein «Dach» benötigt auch Jean-Luc Hildebrand, der in Putins Heimatstadt St. Petersburg eine Pizzeria und ein orientalisches Restaurant betreibt. Auf «La Strada» hat es, so Hildebrand, ein ehemaliger KGB-Mann abgesehen. Der fordert die Räumung der Lokalität – um sie letztendlich wohl selbst übernehmen zu können. «Wenn man über gute Kontakte, ein anständiges ‹Dach› und eine volle Kriegskasse verfügt, ist das Risiko kleiner», nennt Hildebrand die Dreieinigkeit, die in Russland hilft. Selbst ist er sich sicher, dass er gut gerüstet in den Kampf zieht.
Eine Wild-Ost-Kulisse also mit marktwirtschaftlichem Anstrich. Die Banken, Nestlé, Novartis – die meisten Grossen sind längst da und geschäften erfolgreich. Wer bei Ikea, Metro, Auchan oder Obi am Wochenende einkaufen geht, sollte sich auf stundenlanges Warten in der Schlange einrichten. Der Markt bleibt bis auf weiteres chronisch unterversorgt.
Es ist vor allem der Konsumgütersektor, der boomt. Die 143 Millionen Russen, von mehreren Bankenkrisen heimgesucht und deswegen mit geringem Vertrauen in Konten, geben achtzig Prozent ihres Einkommens aus. 250 Milliarden Dollar im Jahr werden so umgesetzt. Die Consultingfirma Pricewaterhouse Coopers (PwC) rechnet im Einzelhandel mit einem Wachstum von zehn bis fünfzehn Prozent. Gemäss einer PwC-Studie gebe es besonders für Discountgeschäfte und Hypermärkte noch Bedarf, die Provinz sei unterversorgt. «Moskau ist der vielversprechendste und am schnellsten wachsende Markt für den Einzelhandel», schreibt PwC.
Gerade das Luxussegment wächst in atemberaubendem Tempo. Beispielsweise ist der Marktanteil der Uhren, die mehr als 10000 Franken kosten, einer der weltweit höchsten, weiss Walter von Känel, der für die Swatch-Gruppe die Marke Longines und das Osteuropa-Geschäft betreut. Als Geheimnis für den Erfolg der Firma Swatch in Russland sieht von Känel, dass er zuerst eine Servicestation aufgebaut und dann all seinen Händlern in die Augen geschaut habe, bevor er ihnen die Veräusserung der Ware anvertraut habe. Unter Putin habe sich das Geschäftsklima deutlich verbessert, das merke man auch im Detailhandel.
Zumindest ein Risiko für das Wohlergehen Russlands sieht CS-Analyst Zahnd. Die Macht sei stark personalisiert und damit verankert in der Person Putin und nicht den Institutionen. «Das ist bei anderen Dynastien ebenso der Fall.» Was wohl heissen soll: Wenn sich Putin ändert, ändert sich das komplette politische Gefüge. Hat sich unter dem Kremlchef die Stimmung der meisten Schweizer Unternehmer deutlich verbessert, kämpft Edelgastronom Michel in einem Bereich mit einer Stagnation. Der Restaurantchef ist auch im Jahre fünfzehn seines Russlandgeschäfts gezwungen, alle Lebensmittel für seine Cuisine zu importieren. «Das mit der Qualität bekommen die Russen einfach nicht hin», sagt er. «Sogar die Kartoffeln kommen aus Finnland.»
10.03.2004, Ausgabe 11/04
Russland
Ein Zar ist besser als Chaos
Für die einen ist er das Höchste, für die anderen die Hölle: Wladimir Putin. Seiner Wiederwahl am Sonntag steht nicht einmal die Opposition im Weg. Wird Russland dann mehr Demokratie wagen? Schweizer Unternehmer in Moskau und Petersburg zweifeln. Sehr leise.
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