Herr Hildebrand, Sie wurden dieses Jahr ins Direktorium der Schweizerischen Nationalbank gewählt. Was hat Sie veranlasst, als hoch bezahlter Banker zum Staatsdiener zu werden?
Beruflich befasste ich mich schon lange mit der Geldpolitik. Darum bestand für mich auch eine gewisse Faszination, einmal die Seite zu wechseln und das System von innen zu erleben. Der zweite Grund mag etwas verklärt klingen. Aber da ich lange im Ausland gearbeitet habe, spürte ich zunehmend das Bedürfnis, etwas für mein Land zu tun. In den USA gibt es viele Banker, wie Robert Rubin, George Shultz oder James Wolfensohn, die irgendwann in den Staatsdienst eingetreten sind. Ich wollte nicht bis sechzig warten und mich dann fragen: Was mache ich bloss, wenn ich wieder in der Schweiz bin. So wuchs in mir der Wille, etwas im öffentlichen Interesse zu machen, anstatt nur immer die privaten Interessen zu maximieren.
Mit vierzig Jahren sind Sie das jüngste Direktoriumsmitglied in der Geschichte der SNB.
Ich weiss. Ich habe auch einen Riesenrespekt vor der Aufgabe. Ich habe viel mit meiner Frau darüber diskutiert. Sie war früher Devisenhändlerin. Der Entscheid ist mir nicht leicht gefallen. Zuletzt wohnten wir mit unserer kleinen Tochter in Genf. Ich hatte einen guten Job bei einer Privatbank und meine Frau eine Galerie für zeitgenössische Kunst. Aus Familiensicht war das Timing für meinen Wechsel zur Nationalbank sicher nicht perfekt. Darum pendle ich noch immer zwischen Genf und Zürich. Das ist keine optimale Lösung.
Weitsichtiger waren Sie in finanzieller Hinsicht. Um Interessenkonflikte zu vermeiden, haben Sie bereits vor Ihrer Wahl Ihre Aktienanlagen, Derivatepositionen und Hedge-Funds verkauft.
Stimmt. Ich wäre damals nicht einmal dazu verpflichtet gewesen. Aber als präventive Massnahme war das sicher richtig. Mittlerweile haben wir in der SNB eine Richtlinie adoptiert, die alle Spitzenfunktionäre betrifft. Sie regelt allfällige Interessenkonflikte im Zusammenhang mit dem Privatvermögen. Damit wir aus unserer besonderen Stellung keinen persönlichen Gewinn ziehen, ist es uns verboten, gewisse Anlagen zu tätigen, etwa in Aktien zu investieren.
In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre haben Sie als Hedge-Fund-Manager viel Geld verdient. Sie wurden Multimillionär. Schmerzte es Sie nicht, alles zu veräussern?
Wenn man alles verkauft hat, macht man auch keine schlechten Investments mehr.
In Finanzkreisen heisst es: Als Notenbanker seien Sie einflussreicher als der Bundesrat. Stimmt das?
Ich war noch nie Bundesrat und werde es sicher auch nie sein. Darum ist ein Vergleich schwierig. Als Nationalbank haben wir sicher grossen Einfluss, doch unsere Mittel sind limitiert. Vereinfacht gesagt können wir den kurzfristigen Zinssatz verändern, um die Preisstabilität im Land zu gewährleisten. Das ist unsere Hauptaufgabe. Der Bundesrat hat enorm viele und komplexe Aufgaben mit höchst unterschiedlichen Einflussmöglichkeiten. Die SNB kann überdies zu Problemen, die gesamtwirtschaftlich relevant sind oder die Geldpolitik betreffen, öffentlich Stellung beziehen. Gerade in Zeiten heisser politischer Diskussionen sind möglichst objektive ökonomische Analysen sehr wertvoll.
Viele Leute setzen grosse Hoffnungen in den neuen Bundesrat. Berechtigt?
Zur Konstellation im Bundesrats will ich mich als Vertreter der SNB nicht äussern. Aus Sicht der Notenbank kann ich aber sagen, dass die Wirtschaftsdynamik in unserem Land verbessert werden muss. Von der demografischen Entwicklung her haben wir nicht viele Möglichkeiten, darum muss unsere Wirtschaft produktiver werden. Über diese Notwendigkeit sind sich mittlerweile die meisten politischen Vertreter einig, denn letztlich geht es darum, dass unsere Sozialsysteme weiter bestehen. Sollte im nächsten Jahr der Aufschwung tatsächlich kommen, darf der Reformwille in der Schweiz nicht gleich wieder verpuffen. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die nachhaltig ein ausreichendes Wachstum begünstigen.
Was waren die Highlights in Ihren ersten sechs Monaten als Notenbanker?
Sicherlich die Deflationsdebatte, die in diesem Jahr geführt wurde. Es war interessant, zu beobachten, wie die Zentralbanken geldpolitisch darauf reagiert haben. Beeindruckend waren für mich auch die Treffen innerhalb der OECD mit höchsten Vertretern der Notenbanken und Finanzministerien der G-10-Staaten. Schliesslich kam ich auch ganz schön ins Schwitzen...
Als Neuling in der Nationalbank?
Ja. Aus denkmalpolitischen Gründen dürfen im Gebäude der Schweizerischen Nationalbank in Zürich keine Klimaanlagen eingebaut werden. Darum stieg in diesem Sommer die Temperatur in meinem Büro manchmal bis auf fast vierzig Grad. Das war natürlich auch ein Highlight.
Philipp Hildebrand ist Vorsteher des III. Departements der Schweizerischen Nationalbank, das zuständig ist für Geld- und Devisenhandel, Anlage und Verwaltung der Aktiven, Wertschriften- und Goldoperationen, Zahlungsverkehr und Informatik.













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