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17.12.2003, Ausgabe 51/03

Carmen Bin Laden

Osama Bin Laden, mein Schwager

Mit 26 heiratete sie in die Familie des meistgesuchten Terroristen ein. Carmen Bin Laden erzählt über ihre Jahre in Saudi-Arabien und will dem Westen die Augen öffnen.

Von Urs Gehriger

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Frau Bin Laden, Sie sehen besorgt aus, wo drückt der Schuh?
Seit 14 Jahren stehe ich in einem bitteren Scheidungskampf. Ausserdem habe ich die dumpfe Ahnung, dass der grauenhafte Terror meines Schwagers noch längst nicht zu Ende ist.

Vor 25 Jahren sind Sie nach Saudi-Arabien gezogen. Was hat die Tochter eines Schweizers aus weltoffenem Haus in das stockkonservative Wüstenreich verschlagen?
Liebe.

Sie waren jung und übermütig?
Ich war verzaubert. Im Sommer 1973 traf ich in Genf einen wunderschönen Studenten. Yeslam war galant und intelligent, schwärmte für Schubert und hatte eine Schwäche für Sportwagen; ich war impulsiv und wollte die Welt entdecken.

Wussten Sie, aus welcher Familie Ihr Verehrer stammte?
Bin Laden war ein ehrwürdiger Name damals. Die Familie war die einflussreichste im ganzen Königreich. Yeslams Vater besass den Alleinvertrag für sämtliche Bauarbeiten in den heiligen Stätten Mekka und Medina. Dass viele seiner 54 Kinder extrem religiös waren, einige sogar einen mörderischen Fanatismus entwickeln sollten, konnte ich damals freilich nicht wissen.

Als Sie nach der Hochzeitsnacht am Rande der Wüste aufwachten, was sahen Sie da?
Nichts als Einöde. Kein Kino, kein Shopping-Center, nicht einmal einen Buchladen gab es damals in Dschidda, wo die Bin Laden ihren Familiensitz hatten. Die Aussenwelt durfte ich nur durch einen dicken schwarzen Schleier betrachten. Mein Freiraum reduzierte sich auf die paar Zimmer unseres Hauses.

Und warum packten Sie nicht gleich die Koffer?
Das taten wir. Wir zogen nach Kalifornien. Mein Mann studierte, und ich genoss die Freiheit.

Warum in aller Welt kehrten Sie dann wieder nach Saudi-Arabien zurück?
Die Wirtschaft boomte. Ich glaubte, wir könnten das Land verändern, wie den Iran, die Heimat meiner Mutter. Der Anfang war hoffnungsvoll. Die Ölkrise 1973 katapultierte Saudi-Arabien über Nacht vom Mittelalter in die Moderne. Aber nur technisch, die Mentalität blieb in der dunklen Vergangenheit stehen. Ich kam mir bald vor wie in einem Käfig...

...einem goldenen Käfig.
Materiell fehlte es uns tatsächlich an nichts. Doch Frauen und Kinder wurden gehalten wie Haustiere, wie Goldfische im Aquarium – hübsch und stumm. Dabei hatte ich mit meinem Mann noch Glück. In den ersten Jahren unserer Ehe akzeptierte er mich als echte Partnerin. Die meisten Frauen hingegen gehorchten widerspruchslos. Ein besonders erschreckendes Beispiel war Nadschwa, Osamas Ehefrau. Sie war blutjung, unterwürfig und ständig schwanger.

Kam Osama oft auf Besuch?
Sehr selten. Einmal klingelte es an der Tür. Dummerweise öffnete ich selbst, statt den Hausboy zu rufen. Vor mir stand Osama. «Komm schon rein, Yeslam ist zu Hause», forderte ich ihn auf. Doch er drehte sich blitzschnell um und fuchtelte mit der Faust. Ich hatte gegen die gesellschaftliche Etikette verstossen. Selbst dem Bruder meines Mannes war es verboten, mein nacktes Gesicht zu sehen.

Im Westen geht das Gerücht, Osama sei in jungen Jahren im Libanon ein Playboy gewesen.
Unsinn. Soweit ich weiss, war Osama von jung auf fromm, wofür ihn seine Familie sehr bewunderte. Nicht ein einziges Mal hörte ich eine Bemerkung, sein religiöser Eifer sei vielleicht etwas übertrieben. Als Bin Laden konnte man gar nicht fromm genug sein.

Neun Jahre lebten Sie im Bin-Laden-Clan. Wann begann der Ablösungsprozess?
Das erste Mal läuteten die Alarmglocken bei einem Familienausflug. Es war ein sengend heisser Augusttag, und Osamas Baby Abdullah, das gerade mal ein paar Monate alt war, schrie vor Durst. Seine Mutter versuchte pausenlos, ihm mit dem Teelöffel Wasser einzuflössen, denn Osama hatte verboten, dass sein Sohn aus der Flasche trank.

Osama war gegen die Kinderflasche?
Aus lächerlich dogmatischen Gründen hatte er etwas gegen den Gummisauger. Ich explodierte. «Sag deinem Bruder, sein Kind leidet», bedeutete ich meinem Mann. Doch Yeslam schüttelte bloss den Kopf: «Es hat keinen Zweck. So ist Osama nun mal.» In diesem Moment begriff ich, wie machtlos ich selbst geworden war.

Wenigstens war Ihr Mann Ihnen gegenüber tolerant.
Aber was wäre aus mir und meinen Töchtern geworden, wenn Yeslam einmal nicht mehr da gewesen wäre? Jede Frau in Saudi-Arabien hat einen männlichen Vormund, ohne dessen Billigung sie praktisch handlungsunfähig ist. Da ich keinen Sohn hatte, der die Rolle des Patriarchen hätte übernehmen können, hätte eines Tages einer von Yeslams Brüdern, Männer wie Osama, als Vormund über mich und meine Töchter bestimmen können.

Wann kam der zweite Weckruf?
Als Prinzessin Mischal ermordet wurde. Die blutjunge Grossnichte des saudischen Königs war einem viel älteren Mann als Ehefrau versprochen worden und hatte versucht, mit ihrem Geliebten unter falschem Namen aus dem Land zu fliehen. Sie wurde am Flughafen erwischt und exekutiert. Als Mutter packte mich die Angst, mein europäischer Verstand rebellierte, aber ich biss durch. Dann kam das Jahr 1979...

... die iranische Revolution...
... und der sowjetische Einmarsch in Afghanistan sowie der Aufstand von Islamisten in Mekka. Die drei Ereignisse stiessen die Tür zur Modernität, die sich in Saudi-Arabien zaghaft geöffnet hatte, wieder zu. Osama zog nach Afghanistan, unterstützte die Gotteskrieger, wurde in der Heimat zum Helden und gründete schliesslich das Terrornetz al-Qaida. Der Rest ist traurige Weltgeschichte.

Welchen Rückhalt hat Osama heute in seiner Heimat?
Mindestens 95 Prozent. Selbst für viele steinreiche Ölscheichs verkörpert Osama den wahren Islam, wie er in der wahhabitischen Staatsreligion verankert ist, die sich an den Wurzeln aus dem 7. Jahrhundert orientiert. Für die Verbreitung dieser rigiden Form des Islam geben das Königshaus und private Saudis jährlich Milliarden aus. Von Asien über Europa bis in die USA lassen sie Moscheen errichten, während im Königreich nicht eine einzige Kirche gebaut werden darf.

Immerhin hat das saudische Königshaus Osama inzwischen die Staatsangehörigkeit entzogen.
Machen Sie sich keine Illusionen. Saudi-Arabien hat seinen berühmtesten Sohn nicht wirklich verstossen. Osama war lange Protégé von König Fahd und Kronprinz Abdullah. Die finanziellen Verbindungen zu seinem Terrornetzwerk sind intakt. Dasselbe gilt für die Familie. Ein Bin Laden wird einem Bruder nie in den Rücken fallen, was immer er tut. Der Clan lebt nach der alten saudischen Maxime: «Ich und mein Bruder gegen meinen Cousin. Ich und mein Cousin gegen einen Fremden.»

Und Ihr Mann, unterstützt auch er Osamas Terrornetzwerk?
Das kann ich nicht beweisen, aber ich bin besorgt. Er hat die Schweizer Staatsbürgerschaft erhalten, ohne dass sein weltweites Geschäftsnetz genau analysiert worden wäre. Ich habe das undurchsichtige Geflecht untersuchen lassen und kann belegen, dass er in mehr als 75 Firmen involviert ist, viele von ihnen Offshore-Gesellschaften.

In Ihrem Buch über Ihr Leben im Bin-Laden-Clan schreiben Sie, der Westen müsse wachsam sein. Wie meinen Sie das?
Ich habe noch nie einen Saudi gesehen, der unsere westliche Kultur akzeptiert, geschweige denn offen bewundert hätte. Für sie sind wir nichts weiter als moralisch minderwertige Wesen, deren Gastfreundschaft und Toleranz sie zur Verbreitung ihrer Intoleranz ausnutzen. Mein Buch soll den Leuten im Westen die Augen öffnen. Und es soll zeigen, dass es vier Bin-Laden-Frauen gibt – mich und meine drei Töchter –, die nichts mit dem Terror zu tun haben und ihn aufs schärfste verurteilen.

Carmen Bin Laden, 55, ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen. 1974 heiratete sie Yeslam Bin Laden, den Bruder des heute meistgesuchten Terroristen der Welt, und lebte viele Jahre in Saudi-Arabien. Sie hat drei Töchter und wohnt von ihrem Mann getrennt in Genf.

Carmen Bin Laden. Der zerrissene Schleier. Droemer.
München 2003. 303 S., Fr. 33.60

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 51/03
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