Marc-André Hamelin kommt aus Montreal und ist 42. Seit fast zwei Dezennien bewegt er sich auf der Pianistenszene und ist trotz grosser Fähigkeiten nicht zuoberst angelangt. Was ist passiert? Hamelin, der jede technische Schwierigkeit spielerisch meistert, fand sich an einer Weggabelung. Der eine Weg zeigte in Richtung Virtuosentum – zu pianistischem Effekt und Bluff. Der andere Weg wies zu einem Repertoire am Rande, zu Aussenseiterkreationen, die kaum von andern Klavierkollegen gepflegt werden. Marc-André Hamelin wählte den zweiten Weg, der weniger Ruhm, aber mehr Befriedigung bringt.
Mehr als zwei Dutzend CDs hat Hamelin bis heute eingespielt; sie alle widmen sich konsequent solchen Randstücken – meist aus der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende. Das war die Schaltstelle zwischen verlöschender Spätromantik und erwachender Moderne, zwischen Nostalgie und Experiment. Vier Beispiele sollen Hamelins Wirken beleuchten. Die neueste Edition, dem Komponisten Karol Szymanowski gewidmet, ist eine der wichtigsten Stationen auf dieser Entdeckungsreise.
Barbarischer Reichtum
Szymanowski (1882–1937) ist mehr als ein Aussenseiter; der Pole gehört zu jenen, die aus kaum einsichtigen Gründen unterschätzt werden. Vor allem im späten Œuvre, nach der Loslösung von Chopin-Einflüssen, erweist er sich als durchaus eigenständiger Gestalter. Zumal die Sammlung der zwanzig Mazurkas verrät faszinierenden Umgang mit der polnischen Volksmusik, wie er sie bei den Goralen im Tatra-Gebirge angetroffen hatte. Wie Bartók – und diesem an Substanz ebenbürtig – greift Szymanowski Elemente der Folklore auf, baut sie eigenwillig um und schmilzt sie in seine Tonsprache ein. Szymanowski wollte, so definierte er es selber, den «im polnischen ‹Barbarismus› versteckten Reichtum wiederentdecken».
Der in England und später in Amerika lebende Australier Percy Grainger (1882–1961) gilt als musikalischer Luftibus. Er war ein gefeierter Pianist und hasste doch sein Instrument, «diese Kiste voller Hämmer und Saiten». Etwas von solcher Verachtung spürt man seinen Klavierkreationen an. Sie sind fast ausnahmslos Bearbeitungen – von Volksliedern oder von Werken anderer Komponisten; ein ergötzlicher Höhepunkt auf Hamelins Grainger-Platte ist «Ramble on Love», die glitzernde Klavierfassung des Liebesduetts aus dem «Rosenkavalier» von Richard Strauss. Ein Stück, das Schwärmerei mit ironischem Spott garniert, was den Exzentriker Grainger erquicken musste.
Da stellte ein Komponist wie Nikolai Roslawetz (1881–1944) andere Ansprüche. Der Russe verstand sich als radikaler Neuerer; solche hatten in der frühen Phase der roten Revolution – bevor sich Ende der zwanziger Jahre die sowjetische Kunstdoktrin des sozialistischen Realismus durchsetzte – ihre grosse Zeit. Als Avantgardist träumte Roslawetz so wie sein Freund Skrjabin vom Erschliessen ungeahnter Klangräume, ja von einem «neuen Tonordnungssystem». Als progressiver Künstler fühlte er sich den Konstruktivisten verwandt. Seine Klaviermusik ist derart komplex, dass sie zum Teil auf vier Notenlinien notiert werden muss. Das gefällt einem Interpreten wie Marc-André Hamelin, der hier mit zwölf Fingern zu spielen scheint.
Nur fünf Finger, nämlich jene der linken Hand, darf er dafür im Klavierkonzert von Erich Wolfgang Korngold einsetzen. Dieses wurde – wie Einschlägiges von Ravel, Prokofiew oder Richard Strauss – für den begüterten Pianisten Paul Wittgenstein geschrieben, der im Ersten Weltkrieg den rechten Arm verloren hatte. Korngolds Opus, eine der letzten Gipfelleistungen der verdämmernden Romantik, kaschiert das derart geschickt, dass der Nur-Zuhörer diesen Umstand kaum realisiert. Kombiniert ist das Korngold-Werk mit dem fast gleichzeitigen «Romantischen Klavierkonzert» des mittlerweile weitgehend vergessenen Österreichers Joseph Marx. Unbestreitbar das imposante Zeugnis eines fleissigen Mannes; aber letztlich kaum mehr.
Karol Szymanowski: 20 Mazurkas.
Hyperion CDA 67399
Percy Grainger: Klaviermusik.
Hyperion CDA 66884
Nikolai Roslawetz: Klaviermusik.
Hyperion CDA 66926
Erich Wolfgang Korngold/Joseph Marx: Klavierkonzerte.
Hyperion CDA 66990
03.12.2003, Ausgabe 49/03
Klassik
Mit zwölf Fingern
Pianist Marc-André Hamelin ist ein Alleskönner, den grosse Meister langweilen. Viel lieber widmet er sich den Werken fast vergessener Komponisten.
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