Tatort

Mehr Kreisel

Von Peter Röthlisberger

Vom Spitalbett antwortete der 70-jährige Willy W. auf die Frage des Reporters von Tele-Züri: Seine rechte Körperhälfte, vor allem Bein und Fuss, seien ihm eingeschlafen, darum habe er nicht mehr bremsen können. Zwei Tage zuvor hatte Willy W. mit seinem Auto in der Zürcher Innenstadt sechs Menschen angefahren, eine Mutter von drei Kindern starb, fünf Fussgänger wurden verletzt. Von einem «Horrorunfall» schrieben selbst die distinguierteren Blätter. Willy W. war mit seiner Ehefrau als Beifahrerin in einem Volvo mit Automatikgetriebe, von seinem Wohnort Neuenburg kommend, unterwegs zur Klinik Im Park in Zürich. Er leidet seit längerem unter Kopfwehattacken diabolischen Ausmasses. Statt zur Klinik fährt er an jenem Montag aber mit heulendem Motor Richtung Paradeplatz, missachtet auf einer Strecke von 600 Metern mehrere Einbahnstrassen und alle Verkehrssignale, rammt schliesslich vor dem Hauptsitz der Credit Suisse zwei Sitzbänke, auf denen mehrere Menschen sitzen. Der Laie fragt sich: Wieso hat der Mann nicht mit dem linken Fuss gebremst? Weshalb hat seine Ehefrau nicht die Handbremse gezogen? Die Polizei weiss keine Antwort, der Unglücksfahrer auch nicht.

Amos S. Cohen, Professor für Psychologie an der Universität Zürich, hat sich in seinem kürzlich publizierten Aufsatz «Leistungsmöglichkeiten und -grenzen von Senioren im Verkehr» der Ursachen solcher Unfälle angenommen. Zum Unfall am Paradeplatz meint er: «Jeder Mensch macht Fehler. Ein Mensch kann aber kaum so viele und so schwerwiegende Fehler so rasch hintereinander machen. Der Unfall ist aus der Perspektive der Psychologie allein unerklärlich und deshalb auch aus interdisziplinärer Sicht sehr interessant. Eine Ausnahme ersten Ranges.»

Weil die Gesamtheit der Autofahrerinnen und Autofahrer immer älter wird, nimmt auch die Wahrscheinlichkeit spektakulärer Unfälle zu. Autofahrer haben gerade in einer verkehrstechnisch hoch regulierten Stadt wie Zürich komplexe Aufgaben zu lösen. Navigationshilfen, Handy und Musik im Auto lenken zusätzlich ab. Fatalerweise entscheiden sich ältere Fahrer unter Zeitdruck häufig falsch, weil sie sich schlechter konzentrieren und Informationen langsamer verarbeiten können. Soll den Senioren die Fahrerlaubnis deshalb mit 70 entzogen werden? Nein, sagt Professor Cohen, denn das chronologische Alter stimmt selten mit dem biologischen überein, Alte können in Einzelfällen bessere Reaktionszeiten haben als Junge. Cohen hat Versuchsreihen mit entsprechenden Resultaten vorgelegt. Zudem fahren über 70-Jährige vorsichtiger. Sie handeln souverän in vorhersehbaren Verkehrskonstellationen. Sie werden im Vergleich zu Junglenkern kaum je wegen überhöhter Geschwindigkeit, Alkohol am Steuer oder mangelnder Fahrtüchtigkeit sanktioniert. Ihre Erfahrung im Strassenverkehr kompensiert teilweise ihre Altersnachteile. Selbstunfälle sind eher selten, sie sind den Junglenkern vorbehalten.

Handkehrum zeigt nicht nur das Unglück am Paradeplatz auch eine Liste von eklatanten Schwächen bei Altlenkern. In Walenstadt fuhr im August dieses Jahres eine 59-jährige Frau mit ihrem Kleinwagen auf einem Trottoir 70 Meter rückwärts, tötete dabei eine Mutter und verletzte deren Kind. Die Staatsanwaltschaft St. Gallen teilte daraufhin mit, dass die Frau Brems- und Gaspedal verwechselt habe, erschrocken und in eine «psychische Blockade» geraten sei. Der Feind der älteren Fahrer, schreibt Cohen, ist die Überraschung. Sie verlassen sich auf ihre Erfahrung, reagieren schablonenhaft und träge auf neuen Input. Und sie reagieren verzögert: 56- bis 76-Jährige benötigen 33 Prozent mehr Zeit zum Bremsen als 17- bis 33-Jährige. Die Aussenwelt wird nur lückenhaft aufgenommen, die Konzentration auf die falschen Signale gelenkt. So verursachen ältere Autofahrer häufig Unfälle, weil sie das Vortrittsrecht verweigern, sie kollidieren mit anderen Fahrzeugen bei Einfahrten, beim Einbiegen, beim Wenden.

Was also ist zu tun? Verkehrskreisel bauen, sagt Cohen. Der Lenker muss sich nur in eine Richtung orientieren, um Entscheidungen zu treffen. Die Komplexität des Strassenverkehrs wird reduziert, Senioren werden nicht überfordert.

Ansonsten können die anderen Verkehrsteilnehmer nur darauf hoffen, dass jeder Altlenker selber merkt, wann er seinen Führerausweis abgeben oder sich einschränken soll. Die Statistik sagt, dass sie dazu durchaus bereit sind. Obwohl Altlenker viel schlechter sehen als Junglenker, sind sie nicht überproportional an nächtlichen Unfällen beteiligt. Sie verzichten häufig einfach aufs Autofahren in der Nacht.

A. S. Cohen: Leistungsanforderungen und Leistungsmöglichkeiten. In: B. Schlag und K. Megel (Hrsg.): Mobilität und gesellschaftliche Partizipation im Alter. Stuttgart 2002. Fr. 42.10

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