Kunst

Glühtürmchen

James Turrell verwandelt den Zuger Bahnhof in einen schwebenden Lichtkörper. Sein Werk ist Kunst am Bau im Weltformat.

Von Claudia Spinelli

«Die Vorstellung, dass die Gebäude in der Nacht, wenn die Hektik des Tages zum Stillstand gekommen ist, miteinander kommunizieren, das ist eine Fantasie, die ich schon seit Jahren in mir trage», erzählt James Turrell mit einem verschmitzten Lächeln. Sein neustes Werk, eine Installation aus farbigem Licht für den neuen Bahnhof von Zug, erfüllt ihn sichtlich mit Befriedigung.

Bereits als 30-Jähriger hat der US-Künstler Kunstgeschichte geschrieben: Seine Räume, denen er mit natürlichem und auch künstlichem Licht transzendente Qualitäten verleiht, sind weltberühmt. Mit einem weiss wallenden Bart und korpulenter Statur strahlt der nun 60-Jährige die freundliche Autorität eines Nikolaus aus. Trotz seines Ruhmes gibt er sich bescheiden, erzählt, wie unwichtig Kunst doch sei. Gemessen zumindest an dem, was an den Weltbörsen umgesetzt werde, schrumpfe ihr Marktanteil auf Promillegrösse – und dies, obwohl auf Auktionen Spitzenwerke von Rembrandt oder van Gogh für Millionenbeträge ihren Besitzer wechseln.

Papierarbeit und Hologramm

In den letzten Jahren hätten zwei seiner engsten Freunde, beide Künstler, Selbstmord begangen, wohl auch aus Verzweiflung über die Irrelevanz der Kunst.

Turrell hingegen hat seinen Glauben noch nicht verloren: «Ich bin reich, weil ich die Chance hatte, Erfahrungen zu machen, die mich spirituell bereichern.» Die Kunst von James Turrell, in der ein beträchtlicher technischer und ökonomischer Aufwand steckt, ist dem Geistigen verschrieben oder eben dem Licht. Dem Element also, in dem sich die energetische Grundlage irdischer Existenz manifestiert. In der Ausstellung im Kunsthaus Zug, welche die Einweihung des neuen Bahnhofs begleitet, sind Beispiele seines Schaffens zu sehen – drei Lichtinstallationen, Hologramme, Papierarbeiten und schliesslich eine Serie von Fotografien und eine modellhafte Skulptur, die auf sein noch unvollendetes Lebenswerk, das «Roden Crater Project» in Arizona, verweisen. Die Ausstellung zeigt eher kleinformatige Werke aus europäischem Privatbesitz. Sie wurden zusammengetragen, um einen Hintergrund zur grossen Kunst-am-Bau-Arbeit am Zuger Bahnhof zu liefern.

«Meine Arbeiten sind Nahrung für die Seele», sagt Turrell. Wenn Schönheit Nahrung ist, dann hat Turrell sein Ziel erreicht. Der vom Zürcher Architekten Klaus Hornberger konzipierte Neubau verwandelt sich in der Abenddämmerung in eine auratische Lichtmaschine. Schwebend und verklärend. Turrell versteht es, Glücksgefühle zu evozieren. «Als Kind bin ich einmal mit meinem Vater in der Nacht durch die Wüste in Richtung L.A. gefahren. Im Widerschein des Lichtes der Stadt verwandelte sich die Landschaft zu einer Szenerie von berauschender Schönheit», erzählt der Künstler. Die Worte seines Vaters habe er nie vergessen: «Am Tag ist die Landschaft wie ein Bauer, in der Nacht aber verwandelt sie sich in eine Prinzessin.» Ohne die Realität zu negieren, taucht der Künstler die Steinwüste um den Zuger Bahnhof in ein anderes, übersinnliches Licht.

Im Widerschein des Kinderkanals

Die Spiritualität, die Turrell erzeugt, ist verführerisch, aber nüchtern. «Die beste Magie ist eine Magie, die real ist», sagt er. So ist es für ihn charakteristisch, dass er die Mittel, mit denen er das Licht moduliert und greifbar macht, offen legt. Im Kunsthaus schwebt zum Beispiel eine kleine, monitorgrosse Lichtform auf der Wand: kontemplative Farbdramaturgie in allerschönstem Pastell. Nach und nach entpuppt sich das, was man zunächst für einen strahlenden Körper, dann für eine Projektion hält, als Öffnung. Dahinter entdeckt man einen gegen die Rückwand einer Nische gerichteten Fernseher. Das Licht, welches so geheimnisvoll glimmt, ist nichts weiter als der Widerschein des aktuellen TV-Programms. Des Kinderkanals, wie Turrell gesteht. «Jeder Sender hat seine eigene Farbigkeit. Ein Sportkanal erzeugt andere Stimmungen als ein News-Sender, und der Kinderkanal ist, wegen der vielen Cartoons, die gezeigt werden, besonders farbintensiv.» Vielleicht ist es dieser amerikanische Pragmatismus, der den Künstler bewahrt, ins Ideologische abzudriften.

Turrells grösstes Projekt ist der «Roden Crater» in Arizona. Seit Jahren steckt er all seine Energie und all seine Mittel in die Umgestaltung des erloschenen Vulkans. Mit Kammern und Aussichtspunkten durchsetzt soll er zu einem auf das Lichtspiel des Himmels ausgerichteten Observatorium werden. 2005 wird der Bau fertig sein. Obwohl schon jetzt absehbar ist, dass der Berg in der menschenleeren Wüste zu einem Pilgerort werden wird, haftet ihm etwas Exklusives an. Ganz anders der Bahnhof in Zug. Er wird tagtäglich von über 20000 Pendlern frequentiert, und viele werden nicht einmal mitbekommen, dass es sich bei dem stimmungsvollen Schauspiel aus Licht und Farbe, das jeden Abend einsetzt, um ein Kunstwerk handelt. Das macht nichts, denn hier geht es um eine Erfahrung, die ohne jede Erklärung funktioniert.

James Turrell. Kunsthaus Zug. Bis 29. Februar 2004. Kein Katalog.
www.museenzug.ch

Die permanent eingerichtete Lichtinstallation am Bahnhof wird allabendlich für ein paar Stunden
eingeschaltet.

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