Er hätte die Sache doch ernster nehmen sollen. Aber diese Erkenntnis kam dem georgischen Präsidenten Eduard Schewardnadse zu spät. «Ich schenkte diesen jungen Leuten, die da mit komischen Fahnen herumliefen, nicht viel Beachtung», sagte Schewardnadse in einem Interview am 25. November. «Ich dachte, die beruhigen sich wieder. Das war ein grosser Fehler.»
Zwei Tage zuvor hatten die jungen Leute gemeinsam mit der politischen Opposition das Parlament in der georgischen Hauptstadt Tiflis gestürmt und den 75-jährigen Präsidenten vom Rednerpult vertrieben. Schewardnadse versuchte, den Ausnahmezustand auszurufen. Aber Georgiens Militär und Polizei spielten nicht mehr mit. Zu spät Schewardnadses Einsicht, dass nicht nur die zerstrittenen georgischen Oppositionsparteien auf die Strasse gingen, sondern zielstrebige, von Profis im zivilen Ungehorsam trainierte Studenten. Zu spät auch die Erkenntnis, dass «bestimmte ausländische Botschaften und Organisationen dieselben Methoden wie in Jugoslawien anwendeten».
Dabei hätte Schewardnadse das Zeichen der Zeit durchaus erkennen können – eine weisse Faust auf schwarzem Grund. Darunter zwei Wörter: «Gotov je!» (Es reicht!) Selten haben wenige Striche so kraftvoll den Widerstand gegen eine Diktatur ausgedrückt. Unter den Fahnen mit der Faust marschierte die Studentenbewegung «Otpor» (Widerstand) gegen das Regime von Slobodan Milosevic und stürmte schliesslich am 5. Oktober 2000 das Parlament in Belgrad. Ein wilder, kreativer Haufen, dessen Aktionen immer spektakulär und immer gewaltfrei waren.
Revolutionär im Anzug
Die Faust war auch dabei, als die georgische Opposition vor zwei Wochen ihre Volksvertretung besetzte. Wie man gewaltfrei Revolution macht, wie man Polizei und Armee auf die eigene Seite bringt – das hatten die Georgier in monatelangem Training von ihren serbischen Kollegen gelernt. «Als wir in Serbien die Revolution schafften, dachten wir noch: Wow, das war aber Glück», sagt Otpor-Chef Ivan Marovic. «Aber jetzt haben wir eine zweite Revolution zustande gebracht, in Georgien. Vielleicht wissen wir wirklich, wie’s gemacht wird.»
Marovic hat sich ziemlich verändert, seit ich ihn in einer kalten Aprilnacht im Jahr 2000 kennen lernte. Damals marschierte er mit Hunderten anderen Otpor-Aktivisten aus der serbischen Stadt Novi Sad in die achtzig Kilometer entfernte Metropole Belgrad. Er war 26, studierte Technik und trug eine abgewetzte wattierte Jacke. Marovic sprühte vor Energie und wollte auf dem langen Marsch die Botschaft in jedes serbische Dorf tragen: «Seid nicht passiv, macht von eurem Wahlrecht Gebrauch, Diktator Milosevic ist besiegbar!»
Heute trägt Ivan Marovic ein weisses Hemd, einen marineblauen Anzug und Krawatte. Er sitzt nicht mehr zwischen Bergen von Plakaten, Spraydosen und Klebebändern, sondern in einem sauberen Büro mit Receptionistin und fragt sich, «ob wir im Alter von dreissig Jahren unsere Mission schon erfüllt haben». Neue Ziele müssten her. Marovic will die sanfte Revolution in andere Länder exportieren. «Halt! Falsch!», ruft er dazwischen: «Kein Export, da würden wir ja was daran verdienen. Wir teilen nur unsere Erfahrungen mit allen, die gewaltlosen Widerstand leisten wollen.»
Gefragt in Afrika und Lateinamerika
An Anfragen mangelt es den Otpor-Leuten nicht. Sie sollen Vorträge halten, Mobilisierungsstrategien erklären, Demonstranten im Umgang mit einer provozierenden Polizei trainieren. Vor allem in Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist das Interesse gross: Weissrussland, die Ukraine, die zentralasiatischen Staaten: überall, wo Wahlfälschungen und Repressionen zum politischen Alltag gehören. Überall, wo die Opposition hoffnungslos zerstritten und kraftlos ist.
Nach dem Fall Schewardnadses wurden die geschockten Aussenminister der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) auf Otpor aufmerksam und beschlossen, den ausländischen Interventionen einen Riegel vorzuschieben. «Das Internet können sie Gott sei Dank nicht verbieten», sagt Marovic. Einreisen nach Minsk oder Kiew dürften in Zukunft allerdings schwieriger werden. Wobei die Revolutionsprofis aus Belgrad die heutigen Proteste in der ukrainischen Hauptstadt ohnehin skeptisch verfolgen: keine Einheit, kein klares Ziel, keine entschlossene und überzeugte Kerngruppe des Widerstands. Marovic: «So wird das nichts mit der Revolution!»
Nicht nur in Europa ist die Belgrader Umsturz GmbH gefragt: Otpor-Mitglieder reisten nach Venezuela, um die Opposition im Kampf gegen den Autokraten Hugo Chávez zu beraten. Und in einem afrikanischen Land, das nicht genannt werden darf, trafen die serbischen Revolutionäre Simbabwes Oppositionsführer Morgan Tsvangirai. Auch die Globalisierungsgegner in Europa möchten die Methoden des gewaltlosen Widerstands kennen lernen. Doch die Otpor-Leute reagieren zurückhaltend. Einerseits wegen des Schwarzen Blocks («eine fürchterlich gewaltbereite Szene»), anderseits wegen des Grundziels, das die Serben nicht verstehen: Die Globalisierung hat ihr Land noch gar nicht erreicht.
Nehmen wir also an, Herr Marovic, ich käme aus Kasachstan und würde in meinem Land gerne den despotischen Präsidenten und sein korruptes System stürzen. Was müsste ich tun?
Das marineblaue Sakko strafft sich, sein Träger lehnt sich genüsslich zurück. Jetzt ist Marovic in seinem Element.
«Erstens: Es muss sich eine Gruppe finden, die fest daran glaubt, dass ein gewaltloser Regimewechsel möglich ist. Die Grösse ist nicht wichtig. 15 Personen genügen.
Zweitens: Diese Gruppe muss eine Organisation an den Universitäten gründen. Studenten sind gut vernetzt und ausgezeichnete Organisatoren.
Drittens: Die Organisation muss eine Strategie der Proteste entwickeln.
Viertens: Niemals Gewalt anwenden! Wenn ihr provoziert werdet, bleibt ruhig. Wenn ihr angegriffen werdet, lauft weg.
Fünftens: Entwickelt keine starke Führungsstruktur, sondern ein starkes Symbol und einen starken Namen, so dass ihr immer und überall erkannt werdet.
Sechstens: Erarbeitet einfache und konkrete Ziele, für die ihr demonstriert: Neuwahlen, zum Beispiel, oder die Abdankung des Präsidenten.
Achtens: Lasst die Sau raus!»
Dieses Szenario scheint fast überall zu funktionieren. In Georgien sogar besser, als die Revolutionstrainer erwartet hatten. «Es war wie Serbien im Zeitraffer», sagt ein Belgrader Journalist neidisch. «Wofür wir vier Jahre brauchten, das schafften die Georgier in vier Monaten.» Dabei wurden wirklich alle von den Ereignissen überrascht. Nach dem Plan von Otpor und des georgischen Widerstands waren die grossen Proteste erst für die Präsidentenwahlen 2005 vorgesehen. So hätte Schewardnadse gezwungen werden sollen, faire und freie Wahlen zu akzeptieren.
Die Zusammenarbeit zwischen Serben und Georgiern hat im Februar 2003 begonnen. Damals besuchten Aktivisten georgischer nichtstaatlicher Organisationen das erste Mal Belgrad, um sich bei Otpor über die Vorbereitung und die Kontrolle von Wahlen zu informieren. Im April dieses Jahres gründeten georgische Studenten die überparteiliche Plattform «Kmara» (Es reicht!), um Druck auf die zerstrittenen Oppositionsparteien auszuüben, sich zu vereinigen und den Widerstand gegen einen zunehmend korrupten und autoritär regierenden Schewardnadse zu koordinieren.
Amerikaner und Russen zogen die Fäden
Georgier und Serben haben sich auf Anhieb gut verstanden. Im Juni kamen Otpor-Mitglieder nach Georgien und organisierten ein Widerstands-Sommerlager – rund 1500 junge Georgier nahmen teil. «Wir zeigten den Aktivisten Kurzfilme über Otpor», erinnert sich der Kmara-Rechtsanwalt Giorgi Meladze, «und entwickelten politische Fernsehspots, die auf unabhängigen Stationen gezeigt werden konnten.» Das serbische Widerstandssymbol wurde von den Georgiern übernommen: Das Büro von Kmara im Zentrum der georgischen Hauptstadt ist zugeklebt mit weissen Fäusten und der serbischen Parole «Gotov je!».
Im Oktober kam wieder Besuch aus Belgrad, ein Otpor-Aktivist wollte ein permanentes Trainingslager bis 2005 errichten. Zur gleichen Zeit schickte das Belgrader Zentrum für freie Wahlen und Demokratie (Cesid) einen Vertreter nach Tiflis. Die heftigen Proteste nach dem Betrug bei den Parlamentswahlen warfen zwar alle Planungen über den Haufen, doch die Georgier hatten schon gelernt: Sie blockierten Eisenbahnlinien, auf denen Züge mit Soldaten in die Stadt gebracht werden sollten, verwirrten mit Parallelaktionen die Polizei und stürmten schliesslich aufgebracht und gewaltlos das Parlament. «Sie sind bei weitem unsere besten Schüler, viel besser als die Ukrainer und Weissrussen», sagt Otpor-Aktivist Alexej Maric.
Wichtig allerdings war, dass hinter den Kulissen Amerikaner und Russen die Fäden zogen, die ebenfalls über reichlich Balkanerfahrung verfügten. Der russische Aussenminister Igor Iwanow war in der Nacht nach der georgischen Revolution aus Moskau eingeflogen und hatte am Tag darauf Präsident Eduard Schewardnadse den Rücktritt nahe gelegt. Iwanow war es auch gewesen, der am Tag nach der serbischen Revolution nach Belgrad kam und Milosevic zur Aufgabe überredete. Richard Myles, heute amerikanischer Botschafter in Tiflis, war von 1996 bis 1999 Leiter der US-Mission in Belgrad (eine Botschaft gab es während den Sanktionen nicht) und hatte einen guten Draht zur Opposition.
Als guter Geist der Revolution gilt in Georgien der amerikanische Milliardär George Soros mit seiner Stiftung «Open Society». Soros unterstützte den Start des unabhängigen Fernsehsenders Rustawi 2, der – wie B 92 in Serbien – als einziger nationaler Fernsehsender offen über die Fälschung der Parlamentswahlen berichtete. Anfang November strahlte Rustawi 2 zweimal eine ausführliche Dokumentation über die serbische Revolution aus. Die Studentengruppe Kmara soll laut Berichten der georgischen Presse von Soros’ Stiftung 500000 Dollar Startgeld bekommen haben. Schon im Juni versuchte Schewardnadse, die Open-Society-Büros zu schliessen. Vergeblich, gegen die amerikanischen Interessen konnte er sich nicht durchsetzen. Der Präsident musste sich sogar entschuldigen. Heute macht er «die USA und Soros» für seinen Sturz verantwortlich.
Finanzielle Hilfe sei natürlich wichtig, sagt Otpor-Chef Marovic, aber man dürfe sich als Revolutionär nie darauf verlassen. Meist flössen die Gelder erst, wenn die Bewegung schon bekannt sei und Erfolge erzielt habe. Während die georgischen Studenten noch ihren Sieg feiern, basteln ihre serbischen Kollegen schon an professionelleren Strukturen. Otpor wird eine politische Partei, ein Teil der ehemaligen Revolutionäre will ins Parlament einziehen. Ein anderer Teil gründet in diesen Tagen das Institut für den zivilen Widerstand, das eine Art Kaderschmiede für samtene Revolutionen weltweit werden soll. Wer einen Diktator stürzen oder gefälschte Wahlen anfechten will, soll in Belgrad Rat und Hilfe bekommen. «Wir Serben haben der Welt kaum etwas zu bieten», findet Marovic: «Wenigstens unsere Revolutionserfahrung ist einzigartig.»













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